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Jan Brandts Gegen die Welt macht wohl nur vielleicht alles irgendwie richtig

Anscheinend hat Jan Brandt alles richtig gemacht: Sein schwergewichtiger Ostfriesland-Roman Gegen die Welt ist fast durchgängig positiv, ja begeistert rezensiert worden. Dabei verblüffen die literarischen Referenzen, die hergestellt werden. Weit führend in diesem Feld ist Edo Reents, der nicht nur einen (wie auch mir scheint naheliegenden) Bezug zu Frank Schulz herstellt, sondern mit Uwe Johnson, Thomas Mann (»Die Rekapitulation dieser einseitigen Liebe gehört zu den vielen Glanzstücken des Romans und ist der Homosexuellen-Schilderung von Hans Castorps Hippe-Erlebnis im Zauberberg an Einfühlsamkeit und Kühnheit überlegen«) und gar Dostojewski (»Die verschiedenen Spielarten des Gottsuchertums hätten den Brüdern Karamasow alle Ehre gemacht«) winkt. Naja. Hier soll vor Allem hochgejazzt werden.

Erzählrahmen
Was wird erzählt? Daniel Kuper wächst in der unaufregenden ostfriesischen Kleinstadt Jechiro auf. Zweimal bricht er auf rätselhafte Weise zusammen:
Zum ersten Mal 1986, im Alter von 12 Jahren. Er findet nach der Schule, in der er wieder seinem Peiniger Michael Rosing, genannt »Eisen« ausgeliefert war, sein Fahrrad angeschlossen mit fremdem Schloss und Schild mit einem Pfeil, der in ein Maisfeld weist. Später irrt er halbnackt im Schnee über die Dorfstraße:

Er konnte sich an nichts erinnern. Nur das Schloss, das Schild an seinem Fahrrad, und dass er ins Maisfeld hineingegangen und dort auf eine Lichtung gestoßen war. Dann hatte ihn das Kälteschockelement schockgefroren und zu einem Kind der Minuswelt werden lassen - der Körper von Raureif überzogen, die Augen hart wie Diamanten, die Gegenwart erstarrt.

In der folgenden Zeit deliriert er v.a. von Außerirdischen, die ihn im Mais heimgesucht haben:

Eisen, Schloss, Schild, Fahrrad, Feld, Lichtung, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais [... es folgt 341 mal das Wort Mais] Mais, Mais, Mais, Lichtung, Feld, Fahrrad, Schild, Schloss, Eisen.

Danach ist die Seite voll. Es ist die Seite 132 eine von 927 gezählten Seiten (am Anfang sind 6 nummerierte Seiten nur leer, am Ende des Buches noch einmal 6).  Was genau geschah, bleibt ungeklärt.

Gegen Ende der Erzählung, mit 16, bricht Daniel bei einer Hausdurchsuchung in seinem Elternhaus, dem Haus des Drogeristen Bernhard »Hard« Kuper und seiner Frau Birgit erneut zusammen. Daniel, ist dabei erwischt worden, wie er versuchte, die zunehmend im Dorf auftauchenden rechtsradikalen Graffitis zu übermalen. Nun aber wird er mit einer neuen Art von Graffitis in Verbindung gebracht, die nachts leuchten und die Bausubstanz langsam auflösen. Die Verdächtigungen schaden nicht nur seinem Ansehen, sondern auch Hards Drogerie, die allerdings v.a. von der sich rapide ausbreitenden Schlecker-Kette in Bedrängnis kommt.

Als Daniel (auf inzwischen S. 774) wieder erwacht, ist die Schriftfarbe des Romans in ein sich zunehmend zurechtdunkelndes Hellgrau verblichen. Damit (und das setzt sich auf den nächsten Seiten bis zur Seite 852 gelegentlich so fort) soll vermutlich graphisch unterstrichen werden, dass er gelegentlich nicht ganz klar ist, nicht ganz klar kommt.

Beide Zusammenbrüche lassen sich mit dem in Jechiro sehr einflussreichen Bauunternehmer Rosing in Verbindung bringen, der mit rechtsradikalem Gedankengut den Bürgermeisterposten in Jechiro anstrebt. Rosing, dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, zieht alleine seine 13-jährige, geistig zurückgebliebene Tochter Wiebke und seinen Sohn Michael groß. Michael ist es  am Ende, der anscheinend Daniel Kupers Verderben herbeiführt, indem er dafür sorgt, dass Daniel verdächtigt wird, in ein Zelt mit Jugendlichen getreten und gestochen zu haben. Daniel taucht daraufhin unter, wird schließlich verhaftet und scheint am Ende der Polizei nun alles erzählen zu wollen, was vorher passiert ist.

Umrahmt werden die beiden Schlüsselelemente von der Bekanntschaft Daniels mit Volker Mengs. Familie Mengs ist am Anfang des Romans nach Jechiro gezogen und der geschäftstüchtige Drogerist Kuper lädt den Lehrer mit seiner Familie zum Essen ein. Beim Versteckspielen entdecken Daniel und Volker Mengs das ultimative Versteck in Kupers Bungalow. Von dem aus eröffnet sich ein Blick auf das Dorf, der sich so liest:

Im Norden könnte man das Komponistenviertel, die Ausschachtungen, die Mülldeponie und die Kreisstadt sehen, im Westen die Bahngleise, das Stellwerk, die Molkerei und Schlachterei und den Hammrich dahinter, das Strandhotel, die Puddingfabrik drüben am Deich, Im Süden Petersens Poolhalle, den Güterschuppen, Rosings Werkstätten, den Raiffeisen-Markt

usw., eine Dreiviertel-Seite lang.  Wer dabei an die Listen-Wut von Rolf-Dieter Brinkmann oder die Listen-Verliebtheit von Alfred Döblin denken will, der mag das gerne tun, es ist aber wohl doch nur eine Liste. Nun könnte man sagen, dass man im Laufe der Erzählung die meisten dieser Orte irgendwie kennengelernt haben wird, dass dies langweilige Panorama also einen Ausblick auf den langweiligen Handlungsort biete und das wäre ja auch richtig; aber langweilig ist es doch.

Am Ende wechselt die Erzählperspektive zu Volker Mengs , abrupt sind wir in der Gegenwart angekommen, Mengs ist inzwischen Pastor Mengs in Verden und gesteht nun, dass er vom ersten Tag in der Schule an in Daniel verliebt war, nur ist es nie soweit gekommen, dass sich diese Zuneigung hätte äußern können. Auf den gut 800 Seiten zwischen diesen beiden Rahmenerzählungen tritt Mengs nur gelegentlich in Erscheinung, in Erinnerung bleibt er v.a. als Banknachbar Daniels in der Realschule.
So wirkt der Erzählrahmen merkwürdig zusammengehauen, zusammengezwungen, zusammenkonstruiert, man weiß nicht recht, was das soll. Auf den ungefähr 600 Seiten dazwischen wird zwangloser erzählt. Beschrieben werden einige Stationen von Daniel Kupers Aufwachsen, die Tode seiner drei besten Freunde, mit denen zusammen er einst Peter Peters mobbte, bis dieser sich auf die Gleise legte. Erzählt wird die  Geschichte des Lokführers, der diesen dann überfuhr und auch die unerschöpfliche Fremdgeherei von Daniels Vater Hard. Nach und nach lebt man sich in die Kleinstadt ein und kennt einige zig Personen so ein wenig, ohne dass vor Ort ansonsten viel »Weltbewegendes« passierte. Das gibt es nur außerhalb, denn das Romangeschehen  ist um den Mauerfall herum gruppiert.

Gutes Buch ...
Dass man den Roman trotzdem gerne und zügig lesen kann, liegt v.a. an zweierlei:

Zum einen ist das Buch gut geschrieben, die Diktion sachlich und präzise, die Dialoge (das Buch ist über weite Strecken szenisch erzählt) sind waschecht. Immer wieder finden sich hübsche Zuspitzungen; um nur irgendein, beliebig herausgegriffenes Beispiel zu nehmen: Wenn Hard Jahre später Theda, eine flüchtige Liebe von früher, im Dorf begegnet,

unterhielten sie sich auf der Straße, beim Spaziergang im Hammrich wie zwei alte Freunde, die eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart und Zukunft haben, höflich und aufmerksam, aber ohne echtes Interesse.

So etwas sitzt, und es klingt auch gut, Chapeau.

Zum zweiten ist die oben angedeutete Schwäche, das häufig etwas Listenhafte des Buches eben doch auch eine Stärke. Firmennamen, Albentitel, Baumaterialien, Straßennamen, KFZ-Typen, Fußballspieler, man könnte nun lange so weiter machen, die konkrete Benennung hat in einer solchen Intensität wie in einem so dicken Buch eine eigene poetische Qualität, Musikalität und Anschaulichkeit. Und natürlich zuckt man immer wieder zusammen: so staubig, so museal ist   dieser ganze Plastikschrott unserer westdeutschen Vergangenheit also 20 Jahre später schon.

... aber
Zusammengefasst bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Natürlich sind die Versuche, diesen Roman mit Uwe Johnson oder gar Dostojewski in Verbindung bringen zu wollen, unsinnig. Näherliegend ist wohl, eine gewisse Nähe zu Autoren wie Frank Schulz, Eckardt Henscheid oder Heinz Strunk auszumachen, die realiengesättigte Provinzerfahrung aus komisch eingeschränkter Perspektive erzählen. Allerdings spielt der Liebes- und Erotikwahn erstaunlicherweise kaum eine Rolle in Daniels Heranwachsen. Und der Humor in Brandts Buch ist sehr dezent, ja über weite Strecken bis zur Unspürbarkeit dezent, das ist ein  sehr zurückhaltender Humor, eher so eine Art flächiger Dauer-Ironie und das befreiende Lachen, ohne das man die drei genannten Autoren wohl nicht so lieben würde, überkommt einen hier nur sehr angelegentlich. Vielleicht liegt das daran, dass sich, wenn man denn alles richtig macht, Humor wohl kaum wie von selbst einstellt. Vielleicht aber war diese Art von Befreiung auch gar nicht Jan Brandts Ziel. Dann aber fragt sich schließlich doch: was denn dann? Heimatkunde? Coming of Age? Alltagsarchivik? Irgendwie will das Buch wohl all das und auch noch viel mehr, man ist dann schnell beim Totalen als Ziel der Kunst. Auch der Klappentext spielt hiermit, indem er über 300 Realia aus dem Roman anführt, Wörter wie »Lavalampen« und »Mettbrötchen«. Jedes Kaff ist ein ganzer Kosmos, soll all das also heißen. Wenn es im Roman eine solche Totalität über die Aufzählung hinaus wirklich gibt, so hat sie sich mir nicht erschlossen. Wenn es sie nicht gibt, sondern stattdessen nur einen Haufen von disparaten Elementen und Zielstellungen, dann bleibt die Vermutung, da sollte mit einem 900-Seiter eine Aufmerksamkeit erregt werden, die einem 250-Seiter nie und nimmer zuteil geworden wäre. Von hier aus hätte dann der Einleitungssatz über einen Autor, der anscheinend alles richtig gemacht hat, einen irgendwie schalen Beigeschmack.

Jan Brandt: Gegen die Welt . Köln: DuMont Buchverlag, 2011. 928 Seiten. ISBN: 978-3-8321-9628-8. 22,99 Euro.

 

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