Urgesteine oder Uropas des Rock ’n’ Roll?

Die Rolling Stones und ihr neues Studioalbum A Bigger Bang

The Rolling Stones: A Bigger BangRock ’n’ Roll ist ein alter Mann. Sein Krückstock ist die Nostalgie und seine musikalische Energie eine Erinnerung an noch nicht Geschehenes. Ob jung, ob alt, wer immer sich dem Rock ’n’ Roll verschrieben hat, muss damit leben: Er hat sich irgendwie überlebt und – wird doch niemals sterben. Er ist Ansage an jugendliches Leben, den Neuanfang und auch die Naivität eines Kindes. Rock ’n’ Roll steckt in den Kinderschuhen, egal, wie alt seine Protagonisten auch sein mögen, wie oft man ihn totgesagt hat und wie viele Sandkastenfreunde schon gestorben sind. Es gab mal Zeiten, da klang es, als würde der Rock ’n’ Roll langsam erwachsen. Genesis legten Kunstwerke großer Komplexität vor, gleich einem guten Roman, der auch beim wiederholten Lesen noch Entdeckungen bereithält und in jedem Lebensalter eine andere Interpretation ermöglicht. Pink Floyd entwickelten einen Sound, der der Klarheit eines lang konzipierten Gemäldes glich. Doch dann kam der Rückfall. Das Drei-Minuten-Radioformat, immer wieder Intro, Strophe, Refrain im Viervierteltakt – nach kurzen Windungen auch wieder raus aus dem Hirn. Rock ’n’ Roll war vor allem eines: Alles schon einmal gehört. Auch die Rolling Stones hatten mal so etwas wie Mut. Mut, Neuland zu betreten. Mit Their Satanic Majesties Request (1967) antworteten sie auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und zeigten sich innovativer, als es die Beatles waren, und mit dem Vorgängeralbum Between The Buttons aus demselben Jahr waren sie schon gut, bevor man von ihnen Radiokompatibleres als Rock ’n’ Roll mit Dixieland verlangte. The Rolling Stones 2005Heute erwartet man von ihnen längst keine Überraschungen mehr, und um zu enttäuschen sind sie zu vorsichtig. In den 80ern hatten sie den Zugang zu sich verloren, Soloprojekte waren die Folge. Seitdem ahnt man: Keith Richards ist die Seele der Musik und Mick Jagger der profitgierige Triebtäter, der immer den neuesten Moden hinterherwatschelte und dabei schlechte, zum Teil unerträgliche Musik machte. Dieser Mix war es auch, der Alben wie Emotional Rescue (1980) und Undercover (1983) zu schlechten Platten machte. Ein Mix aller Erfahrungen aber scheint die neue Platte, A Bigger Bang, zu sein. Sie müssen nicht mehr gefallen, sie wissen, wenn sie halbwegs bleiben, wie sie waren, wird man sie lieben: allein schon aus Nostalgie. Die Harmonien, die auf dem Album versammelt sind, sind typisch Rolling Stones und mitunter läuft einem die Melodie im Kopf zu einem anderen Song einer früheren Platte davon. Die Themen sind auch nicht neu. Selbst über Politik wollten sie mal wieder etwas gesagt haben, im bereits vorab viel diskutierten „Sweet Neocon“. In der Diskussion herrschte der Tenor vor, das könne ja nur schlecht werden, Lieder mit gewollter Aussage. Und spätestens mit dem Schlussvers des Songs ist klar, hier war mehr Wille als Weg, wenn es heißt:

Where is the money gone? In the Pentagon.

Musikalisch macht es den Song allerdings nicht schlechter, wie es mitunter hieß, so zum Beispiel im Spiegel:

Neben diversen langweiligen Lückenfüllern wie der Country-Ballade "Biggest Mistake" und dem U2-Bombast "Streets of Love" nervt nur das pseudo-politische "Sweet Neo Con" mit seinen floskelhaften Parolen und dem öden Stampf-Beat.

Rolling Stones Logo„Öder Stampf-Beat“, ist eigentlich das, was die Stones ausmacht: Es ist noch immer Beatmusik, mit einem moderneren Klang als in den 60ern. Gerade im Kontrast zum schlechten Text merkt man eigentlich, wie solide die Stones ihr Handwerk beherrschen. Eine Live-Version, die Micks Wut spüren lässt und die Gitarristen zur Improvisation treibt, wird den Zuhörern gefallen, denn die Stones klingen auf dem ganzen Album eben wie die Stones. Da wird ein bisschen in ihren 80er-Jahre-Discoversuchen gewühlt, aber auch der Blues auf der Mundharmonika begleitet. Ein wenig vermisst man Keith Richards Reggae-Handschrift, der auf Bridges To Babylon (1997) mit „You don't have to mean it“ einen seiner nettesten Songs sang. So aber bleibt in guter Erinnerung, was beim Vorgänger ein extremer Ausreißer nach oben war. Vergleichbares fehlt auf der Platte dagegen fast völlig. Einzig „Rain fall down“ hat etwas Hitmäßiges mit seinem Stones-typischen „Stampf-Beat“ und der hellen, klaren Gitarre zwischen den Textzeilen und einigen raplastigen Einlagen. Bei den anderen Songs wird es sein, wie bei den Stones immer: Eines Tages wird man sie hören und denken: Ist ja eigentlich doch ein gutes Lied! Wenn alles Vergleichen beendet ist, alles Fragen und A Bigger Bang eben nur noch ein Stones-Album ist, dürfen die Stones auch älter, rauer und unvernünftiger als je zuvor sein. Kleine Frage: Was hätten wir uns Anderes gewünscht? The Rolling Stones: A Bigger Bang. EMI Music, 2005. Ca. 64 min. Spielzeit. Ca. 14,- Euro. Die Rolling Stones im Internet: www.therollingstones.de Weitere Links:

  • Interview mit Mick Jagger und Keith Richards auf wdr.de

"Unangefochten auf Platz eins

"Unangefochten auf Platz eins der "Was uns ziemlich auf die Nerven geht"-Hitparade steht das Genöle über das fabelhafte "Love"-Album der Beatles ..." - Tobias Schmitz im Stern, 2006

Jetzt ist Google Maß aller

Jetzt ist Google Maß aller Dinge *lol*
Echt lustig hier ...

Man kann sich auch (zu) ernst nehmen ...

Nö, im Gegenteil. Dem ist

Nö, im Gegenteil. Dem ist nichts hinzuzufügen. ;-)

Im übrigen, Herr Schuhmacher, sind sich die "Leute, die von Musik was verstehen" durchaus uneinig, was die Bewertung des Majesties-Albums der Stones angeht, wie eine kurze Google-Suche bestätigt. Und so gehört sich das doch auch für Kritiker im kulturellen Bereich. Schließlich sind Kritiken immer nur Betrachtungsangebote und zumindest in unserem Forum ausdrücklich als Anregung zur Diskussion gedacht (was erfreulicherweise von einigen Besuchern auch goutiert wird).

"[...] Und ist es – ohne

"[...] Und ist es – ohne Verlaub – nicht etwas gewagt, dass ein (angehender) Germanist glaubt, dass ihn sein Studium gleichzeitig zur Literatur-, Kunst- und Musikkritik befähigt."

Natürlich ist ein Germanist – ob nun angehend oder fertig ausgebildet (ist er das überhaupt jemals?) – aufgrund seines Studiums nicht schlechthin zur Literatur-, Kunst- und Musikkritik befähigt. Es ist jedoch ein Faktum, dass einer der klassischen Wege ins Feuilleton über ein geistes- oder kulturwissenschaftliches Studium führt; etwa ein Drittel der deutschen Kulturjournalisten haben diesen Weg beschritten.
Damit ist - mit Dieter Heß gesprochen (Kulturjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis, 2., aktual. Aufl., München 1997, S. 38) - "ohne Zweifel [...] mit einem geisteswissenschaftlichen Studium die Aneignung von Sachkompetenz im Kulturbereich besonders gut möglich". Allerdings müssten sich, so Heß weiter, die Studierenden um die anderen Dimensionen journalistischer Kompetenz [...] jedoch meist selbst und außerhalb der Hochschule kümmern". – Letzteres, nämlich den Studierenden die Möglichkeit zu geben, abseits von ihrem Studium Erfahrungen im kulturjournalistischen Bereich zu machen, ist ein Ziel der K.A.. Dabei erhebt - denke ich - keine(r) der AutorInnen für sich den Anspruch, für die Bereiche Literatur-, Kunst- und Musikkritik ganz besonders prädestiniert zu sein; unser Studium disqualifiziert uns aber auch nicht notwendig. (Soviel zu "Schuster, bleib bei deinen Leisten".)
Es ist das gute Recht eines jeden Einzelnen, einer (immer auch ein wenig subjektiv geprägten) Kritik zustimmen zu können oder auch nicht. Das hat jedoch wenig (objektiven) Aussagewert darüber, inwieweit ein Germanist tatsächlich befähigt ist, solche Kritiken zu verfassen. –
Ist das alles zu gewagt? ;-)

Schon etwas komisch. Als

Schon etwas komisch. Als Chefredakteur und Germanist sollte Ihnen das Wörtchen 'nur' etwas sagen. Damit wollte ich eigentlich zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht lohnt, sich mit dieser Platten'kritik' genauer auseinander zu setzen. Denn dazu ist der Text einfach zu abstrus.

Und ist es - ohne Verlaub - nicht etwas gewagt, dass ein (angehender) Germanist glaubt, dass ihn sein Studium gleichzeitig zur Literatur-, Kunst- und Musikkritik befähigt.

Und mit Verlaub, habe ich Wikipedia nicht zum Maß aller Dinge erklärt - sondern nur den Artikel 'Rolling Stones' zitiert und ihn dieser Platten'kritik' entgegengestellt. Und bei diesem merkt man, dass sich jemand fundiert mit dem Thema auseinandergesetzt hat - und nicht Äpfel und Birnen fleißig zusammenschüttet (Stones, Beatles, Genesis, Pink Floyd).

Naja, als Strafe mal 'Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band' hören und die Stones komplett
*lol*

Die Wikipedia als Maß der

Die Wikipedia als Maß der Dinge? Ist das nicht, mit Verlaub, etwas gewagt? Gerade im Bereich der Literatur-, Kunst- und Musikkritik?

Da möchte ich nur Wikipedia

Da möchte ich nur Wikipedia zitieren:

Abgesehen von den Januar-Veröffentlichungen war 1967 auch musikalisch kein sehr erfolgreiches Jahr. Im Fahrwasser von "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" der Beatles und dem Zeitgeist folgend meinten die Stones, auch ein psychedelisches Album herausbringen zu müssen. "Their Satanic Majesties Request" gilt bis heute als eher schwaches und untypisches Album der Band, obwohl es mit "2000 Light Years From Home" und "She's A Rainbow" zwei Klassiker enthält. (Artikel 'Rolling Stones')

Und da schreiben zumindest Leute, die von Musik was verstehen ... Schuster bleib bei deinen Leisten.

 

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