Viel heiße Luft und ein lauter Knall

Sandra Strunz' Inszenierung der Buddenbrooks ist ein Spiel mit Konvention und Erneuerung

Laut und leise, brav und skandalös, konventionell und doch bizarr – kurzum: Eine Aufführung voller Gegensätze. Die Rede ist von Sandra Strunz' Inszenierung der Buddenbrooks nach dem Roman von Thomas Mann, die seit dem 17. November in den Kammerspielen in Bad Godesberg zu sehen ist. Während sich der Verfall der berüchtigten Kaufmannsfamilie im Buch allmählich herauskristallisiert, kommt er in der Bühnenfassung des Theater Bonn als dramatischer Bruch daher, der alle Erwartungen hinter sich lässt.

Die Bühne ist beleuchtet, der Vorhang noch geschlossen, davor aber tummeln sich Thomas, Christian und Antonie Buddenbrook. Aufgeregt kauern sie sich zusammen und lesen in dem geheimnisvollen großen Buch, das ihre Familienchronik ist. Dann beginnt alles ganz standesgemäß. Mit einem festlichen Empfang namhafter Gäste macht die Familie Buddenbrook sich ein weiteres Mal um ihre angesehene gesellschaftliche Stellung verdient und demonstriert ihren großbürgerlichen Wohlstand. Im vornehmen Tanzsaal bleibt zwischen edlen Kleidern und üppigen Speisen kein Zweifel am kaufmännischen Geschick des alten Konsuls Johann Buddenbrook. Im Glanz der leuchtenden Kulisse, die über drei Viertel der Aufführung unverändert bleibt, entsteht der Eindruck, das ganze Leben dieser Familie sei ein einziges großes Fest. Ihre Chronik wird weiter fortgeschrieben; das Ensemble leitet meist gelungen durch die Geschichte der Familie, indem es die wichtigsten Zeitpunkte erzählerisch hervorhebt, und zitiert mitunter aus dem Originaltext des Romans.

Der Schwerpunkt der Inszenierung liegt dabei auf dem Werdegang von Thomas, Antonie (Tony) und Christian Buddenbrook, den Nachkommen des Konsuls Johann »Jean« Buddenbrook, gespielt von Wilhelm Eilers: Thomas' geschäftlicher und gesellschaftlicher Auf- und Abstieg, Tonys scheiternde Ehen und Christians berufliches und soziales Versagen stehen im Mittelpunkt der Bühnenerzählung. Die jüngste Schwester Klara bleibt (wie viele weitere Familienmitglieder) außen vor. Thomas' Geschichte beginnt damit, dass sein Vater ihm schon früh das oberste Prinzip seines Handelns einschärft: Der Erfolg der Firma steht immer an erster Stelle. Mit übertriebenem Ehrgeiz und Pflichtbewusstsein gegenüber der Familie folgt Thomas den Weisungen seines Vaters und das Familienunternehmen prosperiert. Die Leidenschaft und Kreativität, die die Romanfigur nach dem Tod des Vaters in das Geschäft einbringt, ist in Glenn Goltz' Darstellung des Thomas Buddenbrook leider kaum zu erkennen. Meist verharrt er im Ton eines nüchternen Geschäftsmannes. Seine Persönlichkeit wirkt wenig facettenreich, obwohl die Inszenierung genügend Raum für eine ausführlichere Darstellung dieses Protagonisten lässt.

Ganz anders verhält es sich mit dem jüngsten Bruder Christian. Auch ihn sähen die Eltern Buddenbrook gern im Familienbetrieb, aber er erweist sich als das schwarze Schaf der Familie. Mit seinem andersartigen Verhalten, das er wegen seiner psychischen Zwangsstörungen aufweist, weiß niemand in der Familie so recht umzugehen. Obwohl keiner ihn ernst nimmt, scheint er die authentischste Figur des ganzen Stücks zu sein. Alois Reinhardt schafft es durch seine überzeugende Darstellung von Christians labiler Persönlichkeit, die Oberflächlichkeit und lächerliche Pikiertheit von dessen großbürgerlicher Familie nach außen zu kehren. Christians Verhalten ist ihrer Ansicht nach nicht gesellschaftsfähig, weshalb er ins Ausland geschickt wird. Im Gegensatz zu seinem Bruder besitzt er dafür umso mehr Humor und Liebesfähigkeit. Die zeigt er zu Beginn der Aufführung besonders seiner Schwester Tony. Auch sie bereitet ihren Eltern zunächst Sorgen, weil sie ihre gesellschaftlichen Kontakte nicht im Sinne der Firma knüpft. Aber sie trägt das Pflichtbewusstsein gegenüber der Familie in sich, das der Konsul noch rechtzeitig aus ihr herauskitzelt. Daraus resultieren ihre Ehen mit Grünlich und Permaneder, die beide von Matthias Breitenbach dargestellt werden. Johanna Falckner verkörpert stark das Wesen der Tony Buddenbrook; die naive Treue verbunden mit kindlichem Trotz, die sie auch als zweifach geschiedene Frau gegenüber sich selbst, der Familie und den Prinzipien ihres Vaters an den Tag legt, zieht sich erkennbar durch das Stück.

Ein Wutausbruch gegen alle Regeln

Eine Person sitzt während alle dem stumm daneben und beobachtet das Geschehen. Der Zuschauer weiß die meiste Zeit nicht, wer diese Frau überhaupt ist. Sie ist schweigsamer, teilnahmsloser Zeuge aller Höhen und Tiefen, die ihre Familie im Laufe der Zeit durchlebt. Aber sie ist es, die die Aufführung auf unerwartete Weise in eine bizarre Apokalypse verwandelt. Klothilde ist im Roman bloß eine graue Maus; die Tochter eines armen Verwandten der Buddenbrooks, die zusammen mit Thomas, Tony und Christian aufwächst. Eindrucksvoll hat Regisseurin Sandra Strunz dieser stillen Figur eine starke Stimme verliehen, indem sie diese wie ein Unwetter über Thomas' auswegloses Schicksal hereinbrechen lässt. Darstellerin Lena Geyer wühlt als Klothilde mit ihrem lauten, ironischen, ungehörigen Monolog die komplette Szenerie auf und beschwört den Untergang der Familie herbei, indem sie Thomas vorhält, wie wenig er durch sein egoistisches Streben nach Erfolg und Macht erreicht habe. Sie kratzt an der schönen Fassade aus Geld, gesellschaftlicher Macht und Ansehen und zerstört das einst makellose Bild von Thomas' langjährigem Erfolg. Sie beschuldigt ihn der Skrupellosigkeit, konfrontiert ihn mit der Moderne und zweifelt an, dass er ihr gewachsen ist.

Lena Geyers Auftritt erweist sich als große Erleichterung für die gesamte Inszenierung, weil sie ihr das gibt, was über drei Viertel des Stücks auf formaler Ebene meist schmerzlich fehlt: Unordnung und Regelbruch. Zwar versteht es Sandra Strunz schon vorher, an geeigneten Stellen Ironie und Komik zu verhaften und damit das Korsett der bürgerlichen Manierlichkeit aufzulockern. Beste Beispiele sind die künstlerischen und komischen Performances Alois Reinhardts in der Rolle des Christian oder Matthias Breitenbachs als Grünlich und Permaneder. Auch die starke musikalische Leistung von Rainer und Karsten Süßmilch setzt als Ergänzung zum Schauspiel unterhaltende Akzente. Dennoch ist Klothildes gewaltiger Ausbruch in der zweiten Hälfte der Aufführung bitter nötig. Vorher nämlich überträgt sich das Gefühl des Gefangenseins in Konvention, Tradition und Verpflichtung und die Angst, dass es daraus kein Entkommen gibt, auch auf das Publikum. Das ist wiederum eine Stärke der inhaltlichen und formalen Inszenierung. Umso erfreulicher ist es aber, dass die Figur der Klothilde alle Formalia umkrempelt und das Stück auf eine zeitgemäße Ebene hebt: Klothilde trägt Glitzerrock, Turnschuhe und T-Shirt statt eines feinen Rüschenkleides, sie flucht und schreit wild herum und steht so für eine moderne Gesellschaft, der die Buddenbrooks gnadenlos hinterher hinken.

Der letzte Teil von Buddenbrooks befreit sich von der Konformität des ersten und überzeugt durch seine Eindringlichkeit, was auch der Choreographie von Lisi Estaras zu verdanken ist. Die Darsteller haben ihre Kleidung abgelegt, treten in einer dunklen Kulisse des Untergangs nur noch in weißer Unterwäsche auf und erzeugen durch ihre Atmung und Bewegungen eine klinische, von Krankheit befallene Atmosphäre, der Thomas nur noch sterbend entfliehen kann. Das Schlusswort spricht dessen Sohn Hanno, gespielt von Daniel Gawlowski, der selbst Todessehnsucht verspürt, weil er sich den Anforderungen seiner Umwelt nicht gewachsen fühlt. Mit seiner pessimistischen Weltsicht, geprägt von lähmender Angst und Überforderung, bringt er die Aktualität dieses tragischen Familienschicksals stimmig auf den Punkt: Die moderne Welt ist schnelllebig, schonungslos und lässt die Schwachen zurück. Wäre der erste Teil der dreistündig inszenierten Familiensaga nicht deutlich gemäßigter, könnte der groteske Schlussteil wohl nicht seine dramatische Wirkung entfalten. Dennoch bleibt der Eindruck, dass der erste Teil durchaus ein Stück der freimütigen Innovation des zweiten hätte vertragen können.

Buddenbrooks. Schauspiel nach dem Roman von Thomas Mann. Theater Bonn. Regie: Sandra Strunz. Weitere Vorstellungen: 11., 22. und 28. Januar, 5. und 15. Februar 2017, jeweils um 18 Uhr bzw. 19.30 Uhr in den Kammerspielen in Bad Godesberg. www.theater-bonn.de

 

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