Vom Popfaschismus zum Identitätsverlust

Am 30. Januar 2013 in Bonn liest Camille de Toledo im Rahmen der Reihe »Reading Europe: Neue Autoren aus Europa« aus seinem neuesten Essay

Das 21. Jahrhundert als Irritation des Individuums und der daraus folgenden Grausamkeit: So oder so ähnlich lautet die Kernthese des jüngsten Essays Von der Beunruhigung auf der Welt zu sein (original: L’ Inquiétude d’ être au monde), der nicht nur inhaltlich Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der 1976 in Lyon geborene Camille de Toledo (bürgerlich Alexis Mital) präsentierte bereits 2005 mit seinem ersten Buch Goodbye Tristesse. Bekenntnisse einen unbequemen Zeitgenossen (Confession d’ un jeune homme à contretemps) einen völlig neuen Stil, der die Elemente des Theoretischen, Autobiographischen und Fiktiven vereint: »Mein Werk, sei es Lyrik, Prosa, Fotografie oder Oper, will die Poetik des 21. Jahrhundert zugleich verkörpern und neu erfinden.«

Geprägt von einer Welt des Kapitalismus, entschied de Toledo sich als Enkel des pariser Danone-Gründers Antoine Riboud gegen eine Karriere beim Weltkonzern. Stattdessen war es schon mit 15 Jahren sein Wunsch, Schriftsteller zu werden. Neben der Gründung der Zeitschrift Don Quichotte drehte er in Buenos Aires den 15-minütigen Kurzilm Tango de Olvido, der 2002 in Cannes gezeigt wurde. Seine antikapitalistische Haltung und die Distanzierung vom Kommerz haben sicherlich dazu beigetragen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er in einem Interview mit der Zeit über die Familie, die in unserer Gesellschaft als der intimste Zusammenschluss sozialer Bindungen angesehen wird, Folgendes sagt: »Ich mag die Familie als soziale Einheit nicht, weil ich die Eigenheiten jedes Einzelnen viel zu sehr schätze.«
 
Und der Einzelne ist es, den de Toledo in seinem neuesten Essay thematisiert. Ohne krampfhaft nach einem Warum für die Verbrechen zu suchen, beschreibt er poetisch und kritisch zugleich das von Konsum und Kapital geprägte Gesellschaftssystem. Ein System, das Identitäten mit anderen Prinzipien deplatziert und sie dadurch gewissermaßen zu schrecklichen Taten verleitet.
 
Jeder Literaturinteressierte, der sich persönlich von der Haltbarkeit von Camille de Toledos Thesen überzeugen möchte, ist herzlich zur 19. Lesung der Reihe »Reading Europe« eingeladen. Die Veranstaltungsreihe ist ein Projekt, an dem Lab Concepts GmbH, die Vertretung der Europäischen Kommission Bonn, der Landschaftsverband Rheinland und die Bonner Literaturzeitschrift Kritische Ausgabe beteiligt sind.
 
Die Lesung findet am 30. Januar 2013 um 19 Uhr im LVR-LandesMuseum (Colmantstraße 14–16) in Bonn statt und wird in französischer Sprache und deutscher Übersetzung gehalten. Für diese ist Prof. Dr. Françoise Rétif, Leiterin des Institut français Bonn und Hochschulattachée der französischen Botschaft, zuständig. Der Eintritt ist frei. Der Flyer zu der Veranstaltung samt Leseprobe kann hier als PDF-Dokument heruntergeladen werden.

 

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