Von der Reibung der Lautung: Tondehnung, Pathos und die Dekonstruktion des Gesangs

Mit Vom Feuer der Gaben präsentieren Klez.e ihr drittes Album

Was für Ereignisse überschlagen sich doch augenblicklich, denke man nur an die himmelstürzende Aufregung, in die die Wohlmeinenden und Wohlgesinnten Papst und Vatikan stürzten. Bereits frühzeitig wurde der Exkommunikationstermin, also kurz vor dem Ausschwitztag 27. Januar, als zumindest geschmacklos beklagt. Nun, was sollten dann jene datumsschwitzenden Zeitgenossen gerade vom 30. Jänner halten, an dem nun die Berliner Band Klez.e ihr neues und drittes Album ausgerechnet unter dem Titel Vom Feuer der Gaben im Zentrum der Hauptstadt (allerdings ohne Fackelmarsch) in die Ohren trug. Klez.e: Vom Feuer der Gaben (Cover)Um bei diesem Bild zu bleiben: Die Band um das zündelnde Zentrum Tobias Siebert reicht sich stringent steigernd die musikalischen Brandsätze mit sprühendem Funkenfluge von Platte zu Platte weiter. Zugegeben, mit dem Vorgängeralbum Flimmern warb Klez.e optisch für den wäßrigen Untergang, doch die hitzigen und lichternen Grundelemente, die schon mit Leben daneben Eingang in die deutschsprachige Musikszenerie fand, wurden hier bereits fest gegründet. Vielmehr wurde es nach Flimmern besonders spannend, wie und welcher Art eine Fortsetzung errungen würde, die ein Auffangen des Bisherigen ebenso böte wie eine Entwicklung, die den erreichten Stil weiter präzisierte und vertiefte. Sagen wir vertiefte, so reicht dieses Attribut bei weitem nicht aus. Sagen muß man eher noch überdies verbreiterte, ausfächerte, ja fast schon die dritte musikalische Dimension übersteigerte. Die Grenze haltend ohne zu verschwinden, eröffnet sich eine Dichte aus einem zwar bereits bekannten doch noch verflochtenerem Gitternetz der Gitarrenlinien, in das wie dunkle Lichtknoten Baß und Schlagzeug eingewebt sind. Jene Linien erinnern überdeutlich an die Laser- und Neonschwingen aus den Discotheken der achtziger Jahre, zuckend, unruhig, sanft und rauh – eine sich forttreibende Spannung zwischen offenem Drang und Melancholie. Neugewinn und Erfahrung treten nicht als oppositionelle Pole gegeneinander an, sondern bilden ein ähnlich kongruentes Verhältnis wie die Geburt der Athene aus dem Kopfe des Zeus und auch umgekehrt. Das Titellied Vom Feuer der Gaben, »Wir ziehen die Zeit«, steht für die gesamte Platte in seiner Art stellvertretend für die zurückgeholte Tradition, Popmusik und Klassik interagieren zu lassen. Á la Kurt Weills Arbeiten für Brechts Episches Theater oder ebenso wie Deep Purples erstes gleichnamiges Album oder Rockopern im Stile von The Who: Das Arrangement will jeweils mehr sein als reine Unterhaltungsparaphrase, sondern ist eine durchaus ernsthafte pathetische Vibration der Lebensnerven. Diese Ernsthaftigkeit des Dramatischen ist jenseits jedes Ironieverdachtes bereits eine singuläre Erscheinung. Es ist fast unglaublich, daß heutzutage noch jemand den Mut zeigt, ungebrochen, aufrecht und spielerisch gleich einem Kinde seine Empfindungen von Wahrhaftigkeit und Verletzlichkeit auf einen Tonträger zu brennen. Dabei vergißt man manchmal schon, wie wenig Siebert tatsächlich zu singen befähigt ist, vermittelt doch jene unausgereifte, tonschwankende und farbblasse Stimme eine fast notwendige Inbrunst, die Worte wie »beten« mit dem Kirchengehäuse nicht einen Augenblick assoziieren läßt, bindet sie sie doch unmittelbar an die düster-flehende Traumverlorenheit der Romantik. Programmatisch und typisch für diese Renaissance heißt es dazu im Eröffnungsstück:

Ist das alles / der schönste Moment / beginnt und gleich wieder trennt / wir ziehen an der Zeit / der Augenblick wird zur Ewigkeit

Hier wird Raum erschaffen, einfach Raum, ohne Kleinigkeiten, und doch fein ziseliert, bis in den äußersten Schwung einer Arabeske ausgefühlt, kompositorisch gedacht und als Inszenierung ausgeführt. Denn Raum ist der letzte Luxus, den wir uns nicht mehr leisten, der der ungearteten und fixierten Sinngebung sich selbst entgegenbaut. Gut, die Tatsache, daß auch die Spieldauer des Albums selbst Zeit ist, scheint dem zu widersprechen, aber zwischen dem ersten und dem letzten Ton heben sich Sinnlichkeit und Körper als greifende Ausdehnung zu eigener Gestalt. Nicht ohne Grund ist »Zeit« eines der häufigsten mittelbar oder unmittelbar benannten Begriffe, der als Aufhebung ebensowenig nutzt wie als Klagesee eines wild umsichschlagenden Ertrinkenden. Seit langem wird von Klez.e der Versuch gewagt, die gewohnten Zeichen aus dem gewohnten System der Antinomien zu befreien. Mit Feuer der Gaben wurde dieses Werk weitgehend vollbracht. Kaum schlichte Präsenz ergießt sich aus dem Raffinement der Noten in die in sich verschachtelten Klang- und Instrumentenwänden. Was ursprüngliche Subjektivität ist, verdeckt und enthüllt sich in den Formen des faßlich Objektivierten. Die Tülle Romantik wird mit einem Blick auf die Titelliste offenbar, die als die Sprache der Zittrigkeit und Beschwörung mit »Im Raum mit Toten«, »Die große Einfachheit«, »Gebet für mehr« oder steigernd nach »Madonna« auftritt. Trotzdem bleibt der Gesang Sieberts das große Problem von Klez.e. Viel zu häufig sucht man an der Anlage den von der Industrie noch nicht erfundenen Knopf, mit dem man auf einer CD die Tonspuren einzeln zu- und abschalten kann. Eben nur gelegentlich harmoniert die Stimme mit dem Text, mit der Melodie, mit dem Sound. Ja harmoniert, denn offenhörbar ist die Zerschneidung dieser Einheit aus Musik, Idee und Psyche nicht gewollt, unterläuft vielleicht, weil der Rektor Siebert nicht immer nur eine graue tüftelnde, komponierende, spielende und produzierende Eminenz sein möchte. Doch wer findet schon Gefallen an den akustischen Folgen des Liebesspiels von Katzen? Eine Stellenausschreibung für den Gesang wäre sicherlich der größte Zugewinn. Und zudem muß man sich fragen, ob jenes Bestiarium der Instrumente von der »Heidelberger Schnellduckpresse« bis zu »Schuh« und »Zeitung« wirklich notwendig war? Wozu mag es taugen, wenn Musiker sich ähnlich geben wie die Handwerker der Molekularküche? Gestus – Zeichen der Bezeichnung, Selbstspiel und Selbstbespielung – es scheint fast, als gelte die Produktion des summierten Artefakts als wohlgeratenes und wohlfeiles Kunstwerk. Das heißt, es scheint nicht, es ist bereits gesetzt als solches. Hierin verbirgt sich der Arbeitsbegriff der juvenil-freiberuflichen Hobbywelt, in der die Mühsal der Kreativität als ebenso erlernbar berufen wird, wie jedes Einfache nie so erkennbar sein darf. Klez.e macht dazu die Syndrommusik: im Rückwärtsgang auf der Überholspur. Wie jede Zeit ihre Formen sucht, die ihren Gehalten Halt geben sollen, entwickeln sich aus jenen Formen je spezifische Ausdrucksweisen, die kaum so wiederholbar sind. Sehnsüchte, Hoffnungen, Ängste um Entgangenes, Verlorenes und Vermißtes und Ängste auch davor bilden die Textur, die nicht gefunden werden will. Was man noch in der Romantik Ahndung nannte, ist denn auch dieses, was Siebert mit Klez.e stärker probt als mit all seinen anderen Projekten (Delbo eingeschlossen). Zur Romantik zählt also auch zum Abbild des Neuen die Schichtung, die Projektabgeschiedenheit, die Separation. Als wäre es Weltraumschrott, kreisen diese Projektsatelliten auf ihren Umlaufbahnen, offenbar abgesandt, wenn alles Glück holt sein sollte, zurück ins Zentrum zu stürzen, um zu verglühen. So wird aus dem Feuer der Gaben das Feuer der Garben, der rotgelbe Glitzerschweif letzter, versessener Vernichtung. Wir wollen gar nicht soweit gehen, diesem Album das Höhlengleichnis als Interpretationsmuster zu unterstellen, dazu sind die Texte bis auf einige Ausnahmeverse auch zu überhörbar, zuweilen wie im Refrain von »Der Garten« (In deinem Garten / machen wir kaputt / was wir erwarten) gar ärgerliches kalauerndes Cliché. Andeutungen, dieses Gleichnis zumindest musikalisch durchaus umgesetzt zu haben, lassen sich erlauschen, erkennt man darin eine Melange aus DDR-Memorabilien (Karat, Silly und die Singebewegung) und sinnlich gemachter phänomenologischer Sackgasse. Ein über das bloße romantizistische Innehalten, ja Starren auf das Abbild der Urkräfte, die die Gefühlsbildung bewirken, hätte der in barocke Breite geratenen Tonsetzung intensivere Stringenz verliehen: Der Albumtitel verrät eben deutlich das Programm. Indessen sich überhaupt an diesen Ort im musikalischen Wirkungsraum begeben zu haben, kann angesichts der allerorts aufgelösten Begrifflichkeiten und differenzierenden Zuschreibungen im Kosmos des Independent hoch genug gelobt werden. Ein wesentliches Merkmal des neuen Albums Vom Feuer der Gaben sind die Zeichen des Wiedererscheinens frühkindlich inhalierter Formen, die der Post-Musikbewegung in all ihren Genres gewiß eine innere festlegende Struktur verleihen. Das ist gar als ein Verdienst Klez.es mit ihrem neuen Album anzusehen – und vielleicht strahlt es auf andere Bands aus. Vom Feuer der Gaben ist eine erstaunliche Idiosynkrasie aus Eigenständigkeit, Erfahrung und Eklektizismus, und in diesem wahren Sinne ein olympischer Fackellauf – kein Fackelmarsch. Klez.e, dieser Träger des Zeichens Helions, ist ganz offenbar in der Mitte des Weges hin zur großen Brandschale, deren Entzündung der Band vielleicht irgendwann gelingen wird. Klez.e: Vom Feuer der Gaben. Loobmusik 2009. Ca. 52 min Spielzeit. Ca. 12,50 Euro.

 

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