Von Zeitreisenden und Schatzsuchern

Ein Jahresrückblick unserer Berlin-Korrespondentin Marion Acker

Alle Jahre wieder ist es soweit: Wenn alles glitzert und funkelt, die Weihnachtssterne blinken und sich das Jahr dem Ende zuneigt, dann ist die Zeit für Jahresrückblicke gekommen. Ein schöner Anlass, in dieser so ganz und gar nicht besinnlichen Hochzeit des Konsums, einen Augenblick innezuhalten und das Jahr Revue passieren zu lassen. Was bleibt von einem Jahr?

Schatzkiste 2013 (Collage: Marion Acker)

Ich durchwühle meine Schatzkiste nach Erinnerungsrelikten. Auf meiner eigenen Erinnerungsreise begegne ich anderen Schatzsuchern und Zeitreisenden:

Hedda Gabler im Deutschen Theater

In der Regie von Stefan Pucher (Premiere am 13. Mai 2013) begibt sich Hedda Gabler in Henrik Ibsens gleichnamigem Theaterstück auf eine Zeitreise. Verkörpert von der Schauspielerin Nina Hoss, gleitet die von Langeweile geplagte Schöne auf einer Dreh-bühne durch die Zeitepochen, beginnend im 19. Jahrhundert (Nina Hoss im hochgeschlossenen Brokatkleid mit ausladenden Puffärmeln und Timoschenko-Frisur) über die 20er (Nina Hoss mit ondulierter Lockenpracht) und 70er Jahre bis heute. Obgleich die Botschaft von der Zeitlosigkeit des Klassikers allzu offensiv daherkommt, bietet dieser Abend dem Publikum einen Augenschmaus sondergleichen.
Wenn dieses Stück zweifellos zu den Höhepunkten des Jahres zählt, so deshalb, weil es das Ende einer vierzehnjährigen Ära bedeutet: Mit Hedda Gabler verabschiedet sich Nina Hoss vom Deutschen Theater.

Bernstein-Hommage im Konzerthaus Berlin

Als Librettist und Rezitator der dritten Sinfonie von Leonard Bernstein unternimmt der Holocaust-Überlebende und spätere Kennedy-Berater Samuel Pisar stets aufs Neue eine Reise in die eigene, qualvolle Vergangenheit. Sein Text zur dritten Sinfonie von Leonard Bernstein, ein Streitgespräch mit Gott, präsentiert sich als ein nicht abschließbares Projekt, ein »work in progress«. Denn jede neue, von Menschen verursachte Katastrophe zieht eine Erneuerung der Anklage Gottes und des Appels zur Versöhnung nach sich. So ehrlich ergriffen wie an diesem Abend sah man das Berliner Publikum selten.

Max Kersting (Foto: Marion Acker)

Drei unbeschwerte Tage von Max Kersting

Zumindest in den wärmeren Monaten ist der Gang auf einen der zahlreichen Berliner Flohmärkte zum sonntäglichen Ritus avanciert. Auch der Sammler und Schatzsucher Max Kersting findet dort sein Material. Mit einem ausgeprägten Sinn fürs Absurde haucht Kersting alten Fotografien neues Leben ein: Indem er sie seinem eigenen Erinnerungsschatz einverleibt und buchstäblich zum Sprechen bringt, befreit Kersting die Bilder aus ihrer Anonymität und zeitlichen Isolation. – Ein kurzweiliges Seh- und Lesevergnügen zum Schmunzeln.

Max Raabe & Palast Orchester

Wie ist dieser Mann eigentlich so privat? Hierüber mag mancher Konzertbesucher fröhlich spekulieren. Am liebsten stelle ich mir dieses wundersame, wie aus der Zeit gefallene Menschenexemplar Schwarztee trinkend im Satin-Pyjama vor.
Abend für Abend gelingt es dem Star-Bariton Max Raabe, sein zur Nostalgie disponiertes Publikum mit Liedern im Stil der 20er und 30er Jahre in Begeisterungsstürme zu versetzen. Der Berliner Admiralspalast, selbst ein Relikt aus der Zeit der »Goldenen Zwanziger«, bietet dazu das passende Ambiente. Wie aber erklärt sich diese, sich in sämtlichen Sphären der heutigen Massenkultur manifestierende, fast obsessive Fixierung auf die Vergangenheit? Vielleicht lohnt es sich, dieser Frage an der Schwelle zum neuen Jahr einmal nachzugehen …

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!