Das verheißene Land

Im Gespräch mit dem Schriftsteller Walid Nabhan über Sprache, Heimat und sein Malta

Am 22. März ist wieder Zeit für »Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa« im Literaturhaus Bonn. Passend zum aktuellen Land, das in dieser Jahreshälfte die europäische Ratspräsidentschaft innehat, ist um 19:30 Uhr der Autor Walid Nabhan aus Malta zu Gast. Im Interview spricht er mit uns nicht nur über seine Erfahrung als Geflüchteter, sondern auch über sein besonderes Verhältnis zu seiner neuen Heimat.

Europa befindet sich gegenwärtig in einer Diskussion über Außengrenzen und die Auswirkungen der Integration von Geflüchteten. Aktueller denn je scheint dabei gerade die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und Christentum. Einer, der dazu etwas sagen kann, ist der palästinensisch-maltesische Schriftsteller Walid Nabhan. 1966 als Sohn palästinensischer Geflüchteter in Amman (Jordanien) geboren, ist er neben seinen feuilletonistischen Texten, Kurzgeschichten und Gedichten, die allesamt in maltesischer Sprache verfasst sind, ist er vor allem für seinen Debütroman L-Eżodu taċ-Ċikonji bekannt, der 2013 erschien und ein Jahr später mit dem National Book Prize ausgezeichnet wurde. Demnächst erscheint das Buch unter dem Titel The Storks‘ Exodus in englischer Übersetzung. Wir haben die Gelegenheit genutzt ihn vor seiner Lesung am kommenden Mittwoch zu sprechen.

Kritische Ausgabe: Wie andere Autoren auch haben Sie bereits in der Jugend mit dem literarischen Schreiben begonnen. Hatten Sie irgendwelche Vorbilder?

Walid Nabhan: Natürlich hatte ich Idole und einige von ihnen waren auch Deutsche. Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe, aber auch eine lange Liste anderer deutscher Autoren haben mich beeinflusst. Aktuell ist es Günter Grass, der mich mit seiner unaufhaltsamen Magie in Bann zieht. Ich bedauere jede Nation, die keine Idole hat. Isaac Newton sagte eins, dass sich der Weitblick erst dann ergeben kann, wenn man auf den Schultern großer Männer steht, die vor einem gelebt haben.

KA: Ihr bisheriger Lebensweg ist ziemlich beeindruckend. Sie sind in Jordanien geboren, haben in Jugoslawien studiert und leben nun auf Malta. Auch Ihre Texte schreiben Sie auf Maltesisch. Was bedeuten Ihnen Muttersprache und Heimat?

Nabhan: Muttersprache ist ein großes, komplexes Thema. Heimat ist nicht weniger komplex, aber schnell wird klar, dass Heimat kein Ort ist, sondern das, was dir dort passiert. Aus diesem Blickwinkel betrachte ich jeden Ort als meine Heimat, der mir Respekt entgegenbringt. Auch wenn ich mich nicht an die genauen Worte erinnern kann, Friedrich Nietzsche sagte einmal, dass Heimat dort ist, wo deine Kinder spielen, nicht dort wo deine Vorfahren begraben liegen. Jugoslawisch war eine ganz neue Erfahrung für mich, Maltesisch hingegen ist mit dem Arabischen sehr eng verwandt, auch wenn man mit lateinischen Buchstaben schreibt.

KA: Dann muss Ihnen das literarische Arbeiten doch leicht gefallen sein?

Nabhan: Das Arabische beeinflusst die maltesische Sprache immer noch. Das hat mir dabei geholfen, mich mit dem Maltesisch anzufreunden. Es ist eine sehr seltene Verbindung, die nur wenige Leute verstehen. Man muss weit zurückgehen, um die Nähe beider Sprachen zu erkennen. Ich habe herausgefunden, dass beide Sprachen eine gemeinsame Wurzel haben, die in Mesopotamien beheimatet war. Wenn diese Sprache aber wirklich ausgestorben ist, wer sind wir dann? Ich bin oftmals auf diese ausgestorbene Sprache gestoßen, wenn ich den Ursprung einiger maltesischer und arabischer Worte untersucht habe, und ich habe herausgefunden, dass die Malteser im Sprachgebrauch ursächlich korrekter sind als die Araber. Aber das führt zu weit. Man könnte sich damit einen ganzen Abend beschäftigen.

»Der Islam lässt sich nicht integrieren, es sei denn er ist geschwächt.«

KA: Seit einigen Monaten kommen viele Menschen nach Europa, weil sie glauben, dass es ihr verheißenes Land sei. Welche Gedanken kommen Ihnen, wenn Sie diese Geschichten mit Ihrer eigenen vergleichen?

Nabhan: Es bricht mir das Herz, dass Deutschland für sie näher liegt als Mekka. Diese Menschen haben sich nach Deutschland aufgemacht, weil es großzügig ist und die arabischen Nachbarstaaten sich geweigert haben zu helfen. Zu sehen, wie dieser Menschenstrom nach Deutschland kommt, um hier eine neue Heimat zu finden, tut weh. Deutschland wird es niemals bereuen Syrer in ihre Arme zu schließen, weil sie sehr intelligent, fleißig und entgegenkommend sind. Das Tragische an dieser Situation ist jedoch, dass ein einzelner Mensch das Bild von Millionen zerstören kann. Die drängende Frage ist doch: Sind diese Menschen alle aufrichtig oder befinden sich auch Terroristen unter ihnen?

KA: Ein großes Thema, das in diesem Zusammenhang angegangen werden muss, ist das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen in Europa. Malta ist ein kleines Beispiel dafür, aber wie kann es funktionieren? Wie sind Ihre ganz persönlichen Erfahrungen?

Nabhan: Ich bin ganz offen. Ich mache mir Sorgen, dass Europa in einen Konflikt mit sich selbst gerät. Ich möchte nicht schwarzmalen und vor einem Bürgerkrieg warnen. Der Islam würde sich niemals mit einem anderen Glauben verbünden und die europäische Kultur und ihre Werte in sich aufnehmen, auch wenn Muslime in Europa Zuflucht suchen. Ich bin realistisch, ein Muslim würde niemals weder seinen Glauben ändern, noch seine Kultur verleugnen. Das ist auch der Grund, weshalb nach Jahrzehnten der Integration immer noch verschleierte Frauen die Straßen von Marseille bevölkern. Der Islam lässt sich nicht integrieren, es sei denn er ist geschwächt.

KA: Vor ein paar Jahren ist Ihr erster Roman L-Eżodu taċ-Ċikonji erschienen. Der Titel ist eine religiöse Anspielung. Welche Bedeutung hat Religion für Ihr Leben?

Nabhan: Religion ist das komplette Gegenteil des Denkprozesses. Jedoch kann man als Autor ihre Macht nicht unterschätzen. Wenn ich an die vielen Pilger in Mekka denke, verstehe ich sofort, wie wichtig Gott für die menschliche Existenz ist und auch wie einsam wir sind. Ich bin davon überzeugt, dass Gott erfunden wurde, damit wir uns nicht einsam fühlen müssen.

KA: Ihr Roman ist nicht zuletzt ein autobiographischer Text, der nicht nur die palästinensischen Wurzeln Ihrer Familie in den Blick nimmt, sondern auch verschiedene Arten des Abschieds nennt. Warum ist es so wichtig, sich an solche Momente zu erinnern und sie dann auch aufzuschreiben?

Nabhan: Ich wollte sie nicht aufschreiben, diese Momente haben mich gemacht. Sigmund Freud sagt, das Meiste von uns ist in der Kindheit angelegt. Im Arabischen sagen wir, dass ein Wort in der Kindheit wie in einen Stein gemeißelt ist. In diesem Roman habe ich nur mein Herz ausgeschüttet und mein Malta hat meinem Kummer zugehört, wie es eine mitleidsvolle Mutter macht.

KA: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Kritische Ausgabe begleitet die Lesereihe »Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa« des Literaturhauses Bonn und der Vertretung der Europäischen Kommission in Bonn als Medienpartner und knüpft damit an ihr langjähriges Engagement bei der Lesereihe »Reading Europe. Neue Autoren aus Europa« an, die von 2006 bis 2013 in Bonn ebenfalls regelmäßig europäische Autoren präsentierte.

 

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