Wallfahrt in die Vergangenheit

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki als Meditation über Schmerz und Freundschaft

Haruki Murakami muss man dem deutschen Publikum wohl kaum vorstellen. Immer wieder hat der japanische Autor die deutsche Leserschaft erobert, zuletzt durch die Trilogie 1Q84 und Die unheimliche Bibliothek. Seit Januar liegt sein neuester Roman vor: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Es ist eine Geschichte von einem Mann, der sich selbst als passiv und mittelmäßig empfindet, und, um die Frau seiner Träume zu erobern, dem Schmerz seiner Vergangenheit begegnen muss.

In vielerlei Hinsicht ist der Protagonist Tsukuru Tazaki ein Charakter, der für Murakamis Bücher typisch ist. Er ist einsam, hinterfragt seine Lebensentscheidungen und seinen Platz in der Welt. Allerdings sind er wie seine Geschichte entscheidend anders als die vorhergegangenen Helden und Werke.

Man on a mission

»Wenn es etwas Ernstes werden soll, möchte ich nicht, dass dieses Etwas zwischen uns steht. Dieses Etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist.« – Wie handelt man, wenn man ein solches Ultimatum von einer Frau hört, zu der man sich sehr hingezogen fühlt? Der 36-jährige Held des Romans entscheidet sich, ihrer Forderung zu folgen, was ihn auf eine Reise nicht nur im geographischen Sinne schickt: es ist eine Exkursion in zeitliche und emotionale Dimensionen.

Dieses Etwas, welches beseitigt werden soll, um eine ernsthafte Beziehung mit Reisekauffrau Sara eingehen zu können, bezieht sich auf abrupt geendete intensive Freundschaft. Anders als sein fast eremitenhaftes Leben in der Gegenwart es vermuten lässt, war Herr Tazaki während seiner Schulzeit ein Mitglied einer eingeschworenen Clique. Nachdem er aber für das Studium in eine andere Stadt gezogen war, hatten alle im Konsens jeglichen Kontakt zu ihm abgebrochen. Diese unerklärliche Ablehnung hat Tsukuru nicht nur eine bleibende Wunde zugefügt, sondern auch seine folgenden Beziehungen beeinflusst. Seine feinsinnige Freundin Sara erkennt diese innere Blockade und will, dass er seinen ehemaligen Freunden wieder begegnet, um das Geheimnis seiner Abstoßung aufzudecken.

Von Wilde Schafsjagd, in dem der Murakamische Protagonist auch den Auftrag hat, ein Rätsel zu lösen, unterscheidet sich Pilgerjahre durch die Motivation des Helden. Während der namenlose Erzähler in der Wilden Schafsjagd einen äußeren Stimulus zum Handeln hat, also eher von einem anderen gezwungen wird, sich auf die Schafsjagd zu begeben, ist Tsukuru Tazakis Triebkraft mehr eine innere. Natürlich ist Saras Forderung der Auslöser für seine Reise, Tsukuru erkennt jedoch die Bedeutung der Mission für sich selbst an. Es geht endlich um die Zukunft – in Zweisamkeit.

Begegnungen in einer anderen Zeit

Tsukuru muss in seine Vergangenheit reisen, um seine Gegenwart zurückzugewinnen und eine erfüllte Zukunft zu ermöglichen. Es geht darum, mit der Bewältigung seines Traumas die Voraussetzung für das persönliche Glück zu schaffen.

[D]u wirst deiner Vergangenheit nicht als naiver, verletzlicher Junge, sondern als unabhängiger, berufstätiger Mann entgegentreten. Nicht sehen, was du sehen willst, sondern was du sehen musst. Wenn du das nicht tust, wirst du diese Last dein ganzes Leben lang mit dir rumschleppen.

So lauten Saras Wörter der Ermutigung, bevor Tsukuru zu seiner Reise aufbricht. Seit dem Bruch mit seinen ehemaligen Freunden sind viele Jahre vergangen und in diesen hat Herr Tazaki sich beruflich etabliert und alltagsdienliche Eigenheiten und Gewohnheiten entwickelt. So ist es mit dem Erwachsenwerden, nicht wahr? Tsukurus Aufgabe bringt ihn in eine andere Zeit. Dabei lässt er sich von den ihm mittlerweile unbekannten Personen leiten und begleiten. Denn auch seine Freunde sind erwachsen geworden und manche von ihnen haben sich in einer Weise entwickelt, die ihre Jugend nicht vermuten ließe.

Pilgerjahre als Charakterstudie

»Wer kennt schon die Wahrheit über sich selbst?« Dieses Zitat ist repräsentativ für das ganze Buch. Tsukuru Tazaki ist ein Mann, der ganz bestimmte Vorstellungen von sich selbst hat. Er hält sich für mittelmäßig und kann sich nicht vorstellen, was andere an ihm mögen könnten. Zudem stößt seine Einsamkeit ihn immer wieder in eine Welt, die zwischen Realität und Phantasie liegt und von Schuldgefühlen durchtränkt ist.

Es ist wahrscheinlich die Tatsache, dass Tsukuru keine Beziehung mehr zu seiner Clique hat, die gegenseitige Offenheit ermöglicht. Mit den Konfrontationen kommen Vorstellung über sich und andere ebenso ans Licht wie jene über Beziehungsdynamiken. Sie werden ehrlich, aber nicht ohne Zärtlichkeit behandelt. Beim Lösen des Rätsels seiner Abstoßung erfährt man gemeinsam mit dem Protagonisten immer mehr Tatsachen, die die Geschichte vollständig machen: über Tsukuru Tazaki, die Charaktereigenschaften und das Leben anderer involvierter Personen und vor allem über das Wesen der Freundschaft.

Er begriff endlich in den Tiefen seiner Seele, dass es nicht nur die Harmonie war, die die Herzen der Menschen verband. Viel tiefer war die Verbindung von Wunde zu Wunde. Von Schmerz zu Schmerz. Von Schwäche zu Schwäche. Es gab keine Stille ohne den Schrei des Leides, keine Vergebung, ohne dass Blut floss, und keine Überwindung ohne schmerzhaften Verlust. Sie bildeten das Fundament der wahren Harmonie.

Deswegen ist Tsukurus Geschichte auch eine Meditation über Beziehungen: zu anderen, zu sich selbst. Es ist eine Entdeckungsreise, die einen reicher macht. Welche Glaubenssätze tragen wir mit uns herum, die unbewusst unserer Welt Form geben? Könnten wir mit den Menschen, mit denen wir eine intensive Zeit geteilt haben, auch heute noch befreundet sein? Oder wieder?

Ewige Wiederkehr?

Treue Leser Murakamis werden seinen unverkennbaren Stil auch in den Pilgerjahren wiederfinden. In schlichten, aber prägnanten Sätzen wird die Handlung vorangetrieben. Ähnlichkeiten zu vorigen Werken finden sich nicht nur in der Präsentation des Helden als Melancholiker, sondern auch im Einbezug von mystischen Elementen. Eine große Rolle spielt wieder die Musik; das ganze Buch ist sogar nach einer Sammlung von Stücken Liszts benannt. Ein Stück, le mal du pays, bildet einen Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und verbindet die verschiedenen Charaktere miteinander.

In den Pilgerjahren schreckt der Autor nicht vor Gemeinplätzen zurück, was bemängelt werden könnte. Doch es schadet der Handlung und dem Spannungsbogen nicht. Jedes Kapitel ist dabei einem anderen Aspekt der Geschichte gewidmet und mit einem Cliffhänger, der mit dem Rest der Handlung verbindet, versehen. Man könnte sich diesen Plot gut auf der Leinwand vorstellen. Oder, wegen Murakamis Musikaffinität, als Konzeptalbum. Jedenfalls wird das Buch keine Murakami-Fans enttäuschen, aber man muss noch keiner sein, um es genießen zu können.

 

Murakami, Haruki: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Köln: DuMont Buchverlag, 2014. 318 Seiten. ISBN-13: 978-3832197483. 22,99 Euro.


 

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