Wanderhuren, Goldmacherinnen und Lumpenprinzessinen

Weibliche Protagonisten im historischen Roman

Die Welt des Mittelalters war eine männlich dominierte. Doch wie steht es um die Protagonistinnen des Genres? Vor ein paar Jahren kamen sie, die starken Wanderhuren, Hebammen, Lumpenprinzessinnen und Ketzerinnen. Der historische Frauenroman war geboren und stürmte die Bestsellerlisten. Doch auch sein Frauenbild ist zum fürchten. Ein erschreckender Einblick in die Mechanik des beliebten Genres.

Umberto Ecos Der Name der Rose, die Kriminalromane um Bruder Cadfael von Ellis Peters oder Der Medicus von Noah Gordon - all diese Romane handeln von Männern und männlichen Domänen des Mittelalters: Kirche, Staat, Handel, Militär, Kreuzzüge. Aber ihre Vormachtstellung bröckelt. Den Platz auf den Tischen der Buchhandlungen müssen sich Balsamträger, Winterkönige und Wanderchirurgen immer häufiger mit Damen teilen. Ein kaum beachtetes Untergenre wurde zum Trendgeber: der historische Frauenroman. Schon beim Ersteindruck unterscheiden Sie sich von den sich eher dezent präsentierenden klassischen Vertretern des Genres, Romanen von Rebecca Gablé, Tilman Röhrig oder dem unvermeidlichen Ken Follett. Historische Frauenromane glänzen meist mit goldener Titelschrift im Prägedruck und zeigen Ausschnitte aus historisch anmutenden Gemälden auf dem Einband. Fast immer sind Teile des Körpers einer Frau zu sehen (besonders beliebt Hände, die in den Falten eines Gewandes verschränkt sind). Auffällig ist der Gleichklang der gewählten Titel: Stets wird den Protagonistinnen darin eine Berufsbezeichnung zugeordnet, wie etwa Die Goldmacherin, Der Traum der Hebamme, Die Lumpenprinzessin oder – sicherlich am bekanntesten – Die Wanderhure. Die interessanteste Gemeinsamkeit ist jedoch eine andere: Diese Bücher sind Bestseller.


Blick hinter die Goldbuchstaben - Die ach so edle Wanderhure
Mit über einer Millionen verkauften Exemplaren stellt Die Wanderhure, von einem Autorenpaar unter den Pseudonym Iny Lorentz veröffentlicht, den größten finanziellen Erfolg der letzten Jahre im historischen Frauenroman dar. Mehr noch, sucht man einen Schuldigen, für den Boom des Genres, in diesem Buch hat man ihn gefunden. Die Originalität des Plots kann man für den Erfolg wohl kaum verantwortlich machen: Die schöne und unschuldige Kaufmannstochter Marie wird das Opfer einer Intrige. Vergewaltigt, verleugnet, zu Unrecht verurteilt und aus der Stadt getrieben, muss sie sich fortan als Wanderhure durchschlagen, bis sie schließlich Rache an ihren Verrätern nehmen kann und ihr guter Ruf wieder hergestellt ist. Wer nun annimmt, dass der Roman die Konstruiertheit dieses Handlungsverlaufs mit vielschichtigen Figurenkonzeptionen, sprachlicher Raffinesse sowie gut recherchiertem Hintergrundwissen ausgleicht, der irrt. Eine nennenswerte Figurenkonzeption findet kaum statt; es sei denn, man betrachtet es als Konzeption, dass die Figuren klar in »gut« und »böse« unterteilt sind. Hierbei halten die Autoren sich an das hinlänglich bekannte Muster, den inneren auf den äußeren Zustand zu übertragen. So ist das »Antlitz« der Protagonistin »engelsgleich«, die Augen »kornblumenblau« und die Hüften »sanft gerundet«. Dass sämtliche männliche Figuren diesem Geschöpf nicht widerstehen können, versteht sich von selbst.

Balzac und die Seichtheit von Gut und Böse
Mit viel gutem Willen lässt sich in der Hauptfigur von Die Wanderhure eine Hommage an Balzacs Die schöne Imperia erkennen. Auch wenn sich das Motiv der Prostituierten, die Männer durchgängig um den Verstand bringt, bei Balzac findet, so zeigt dieser Vergleich auch die größte Schwäche der Wanderhure: Während es Balzac mit scheinbarer Leichtigkeit gelingt, in seiner Figur Widersprüchlichkeiten zu einem glaubhaften Gesamtgefüge zu verbinden, weist die Lorentzsche Figurenkonzeption keinerlei Brüche auf. Dies trifft auch auf jene Figuren zu, die zu den Widersachern der Protagonistin gehören. Auch hier wird kein Stereotyp ausgelassen. Es wimmelt nur so von »scharf geschnittenen Gesichtszügen« und »durchdringenden Blicken«, so dass eine Einordnung zur guten oder bösen Seite keine nennenswerte Kombinationsgabe des Lesers erfordert. Auch eine Motivation für die Handlungsweisen der Figuren fehlt. Der Leser muss sich auf den Grundgedanken einlassen, dass es gute und böse Menschen gibt und dass die jeweiligen Handlungsweisen in diesen Wesenszügen begründet liegen. Verweigert der Rezipient sich dieser Annahme und sucht nach psychologischen Erklärungen, kann er an diesem Buch nur verzweifeln.

Historisch genau? Triebgesteuerte Lüstlinge und Frauen als Opfer
Ähnlich hanebüchen ist auch das vermittelte Männer- und Frauenbild, das hier gänzlich dem Aspekt der Sexualität untergeordnet wird. So werden Männer als triebgesteuerte Lüstlinge dargestellt, Frauen als Opfer, die sich diesem Trieb zu unterwerfen haben. Zur Erklärung dieser Verhaltensmuster dient eine mittelalterliche Patina, die mehr die Funktion eines Alibis hat. Kein Wort zum Beispiel davon, dass auch im Mittelalter Vergewaltigung keineswegs straffrei war. Ohnehin ist die historische Recherche von Die Wanderhure keineswegs von einem solchen Detailwissen wie zahlreiche Laienrezensionen es glauben lassen. Die historischen Eckdaten mögen stimmen, aber immer wieder zeigen sich eklatante Lücken in der Darstellung der Zeit. So ist die beschriebene Kleidung der Männer, zu der enge Beinlinge und eine so genannte Schamkapsel gehören, nicht am Anfang des 15. Jahrhunderts sondern 80 Jahre später einzuordnen. Aber die vielen durch dieses Gewanddetail möglichen Anspielungen auf männliche Potenz wollte sich Iny Lorentz offensichtlich nicht entgehen lassen. Von daher überrascht es, dass in fast jeder positiven Rezension des Werkes die historische Exaktheit herausgestellt wird. Diese Unterstellung basiert wohl weniger auf Fakten, als darauf, dass Die Wanderhure es dem Rezipienten leicht macht, ein bekanntes, wenn auch nicht unbedingt richtiges Mittelalterbild abzurufen. Tatsächlich treten auf den 600 Seiten des Romans historische Genauigkeiten und Zusammenhänge in den Hintergrund. Das Hauptaugenmerk des Buches liegt auf etwas anderem: der Darstellung von Sexualität und Gewalt. So genau und detailliert sind diese Szenen, dass man nicht umhin kommt, ihnen einen Teil des Erfolges des Romans zuzuschreiben. Letztendlich handelt es sich um einen Sexroman vor der Kulisse eines klischeebeladenen Mittelalterbildes. Dies wäre nicht verwerflich, würde nicht der Eindruck entstehen, dass der Roman krampfhaft versucht, eben diese Zuordnung nicht zu bedienen. So gibt es einen Epilog in dem die Hintergründe des Konstanzer Konzils darzulegen versucht werden (dass die Aussagen in diesem Anhang keineswegs mit historischen Fakten übereinstimmen, ist offenbar sekundär). Die bloße Existenz des Appendix ohne Quellenangaben soll wohl einen Wert an sich darstellen. Dass ein kurzer Blick in das Internetlexikon Wikipedia hier informativer ist, ist bezeichnend.
Die Irreführung des Lesers in der letztlich das Fatale von Die Wanderhure. Der Roman vermittelt den Eindruck einer spannenden Geschichte mit gut recherchiertem Hintergrund. Bei genauerer Betrachtung kann der Text diesen Anforderungen allerdings keineswegs standhalten. Das Buch mag das primäre Ziel der Unterhaltung und sexuellen Erregung haben, aber durch seinen aufgesetzten Anspruch verleugnet es sich letztendlich selbst. In dieser Hinsicht sind die (oft verspotteten) Groschenromane um einiges ehrlicher – sowohl sich selbst, als auch ihren Leserinnen gegenüber.

Und die Konkurrenz? Schwengel und die große Liebe
Es liegt auf der Hand, dass ein so erfolgreicher Roman wie Die Wanderhure Nachahmer hat. Einige historische Frauenromane, die nach Die Wanderhure erschienen sind, überzeugen durch solide historische Recherche, wie etwa Die Goldmacherin von Sybille Conrad, einige enttäuschen in dieser Hinsicht noch mehr als das Original, wie beispielsweise Die Lumpenprinzessin von Petra Welzel. Doch es bleiben unleugbare Gemeinsamkeiten: Die Bücher sind dick (400 Seiten und mehr) und bedienen sich bewusst altertümlicher Sprache als Versuch zur Herstellung von Authentizität. In den besten Fällen wirkt dies allzu bemüht, im schlimmsten – und leider häufigsten – Fall kann es ins Peinliche abgleiten, etwa, wenn männliche Geschlechtsteile als »Hahn« oder »Schwengel« bezeichnet werden. Zusammenzucken lässt auch der Plot: Das finden der großen Liebe über Standesgrenzen hinweg, das Verlieren des Partners und schließlich das Zueinanderfinden ist ein Handlungsbogen, den man so, oder so ähnlich, in fast allen historischen Frauenromanen finden kann. Sie alle handeln auf der ersten Blick von jungen Frauen, die allein versuchen müssen, im Leben zu recht zu kommen. Komplett werden die Geschichten erst durch einen romantischen Unterbau. Dabei verschwimmt die Abgrenzung zum Kitsch (als das Bedienen des Massengeschmacks als Triviaität, um dem Konsumenten Interpretationsspielräume zu entziehen und unbeschwerten Konsum zu ermöglichen - so definiert in der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno). Orginalität sucht der Rezipient vergebens: Nach all den erzählten Irrungen endet der historische Frauenroman immer im Bürgerlichen, samt Heim, Liebe, Ehe und Kinderkriegen. Die Texte postulieren das unerreichbare Ideal einer Ewigkeit der sexuellen und geistigen Liebe. Das »historische« dieser Romane – ganz gleich ob gut oder schlecht recherchiert – tritt vor dieser Idee in den Hintergrund. Im Grunde sind diese Romane weniger historische Romane als Liebesromane, die ihre historische Kulisse als Vorwand benutzen um Klischees bedienen zu können. Der historische Hintergrund ist mehr eine Erklärung für die dramatischen Elemente.

Von wegen neue Weiblichkeit
Historische Frauenromane handeln von großen Gefühlen und von Frauen die »ihren Weg gehen«: Sei es, dass eine Wanderhure ihre Unschuld wieder erlangt, oder eine Magd Freundschaft mit Richhard Löwenherz schließt. Diese Romane vermitteln eine Durchlässigkeit, die es so nicht gegeben hat. Die Botschaft ist eindeutig. Jeder kann es schaffen. Auf den ersten Blick erscheint diese Annahme verführerisch: weibliche Protagonisten, die sich über Widerstände hinwegsetzen. Auf den zweiten Blick jedoch, erweist sich dies als allzu schöne Unterstellung. Tatsächlich beschwört kaum ein Genre der Literatur nachdrücklicher althergebrachte Rollenverständnisse. Frauen, so scheint die Quintessenz zu sein, können zwar für ihr Glück kämpfen, Bildung erwerben und Rache nehmen, aber die Aussicht auf ein »Happy End« lässt diese Tugenden in den Hintergrund treten. Mehr noch, das Erwerben dieser Tugenden wird erst durch den Hintergrund einer Beziehung gerechtfertigt. Eine Frau darf kämpfen, wenn es für die Liebe ist. Eine Frau darf sich prostituieren, wenn es ihr hilft zu überleben und schlussendlich zu ihrer Liebe zurückzufinden. Eine Frau darf sogar eine Identitätskrise durchmachen, die sie streckenweise unsympathisch erscheinen lässt – solange am Ende eine Rückbesinnung auf ihre Tugenden und das Wissen steht, wo ihr »Platz« ist. Und der ist in diesen Romanen immer an der Seite des Mannes für den sie bestimmt ist. Und so sind diese Romane trotz aller Bemühungen ein kämpferisches Frauenbild zu erschaffen, ja auch trotz aller vermeintlich liberal anmutenden Bettszenen oder verbalen Freizügigkeiten in erster Linie eines: zutiefst patriarchalisch.
Gewiss, diese Romane bedienen sich der Entschuldigung, dass die Gesellschaften in den beschriebenen Zeiten eben noch hierarchischer gebildet waren. Dies mag eine Rechtfertigung für die Werke selbst, kaum aber für den Kauf sein. Auch wenn es einem nicht gefällt: Bestsellerlisten sagen etwas über den Zustand einer Gesellschaft aus, und erfolgreiche Romane, die auf eine eng gefasste Käuferschicht abzielen, sagen auch etwas über die Grundstimmung dieser Zielgruppe aus. Man irrt, wenn man glaubt, dass die transportierte Ideologie weniger fehlgeleitet, die Grundaussage weniger rückständig wäre, nur weil es sich um Unterhaltungsliteratur handelt. Gerade die belächelte »leichte Unterhaltung«, ganz gleich ob Literatur, Fernsehen oder Kino, ist es, die die Sehnsüchte einer Gesellschaft aufgreift und in Worte oder Bilder packt. In der Kritik wird solchen Werken gerne das scheinbar vernichtende Urteil »tut nicht weh« oder »schadet nicht« angehängt. Bei einer genaueren Betrachtung der historischen Frauenromane, kann man zu diesem Schluss kaum kommen. Denn die hier vermittelte Ideologie ist zum fürchten. Ebenso wie die Tatsache, dass sich dieses Genre gerade bei Frauen einer sehr großen Beliebtheit erfreut.


 

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