Weiß wie Schnee, rot wie Blut

Denver ist ein Aussteiger. Im Norden Kanadas, am Rande eines Gletschers mitten im Nirgendwo, betreibt er mit seiner Freundin Marjorie einen Videoladen. Ab und zu kommt der einsame, junge Jude vorbei, um sich mit ihnen Pornos anzusehen. Als Jude eines Tages eine Leiche im Eis findet und die attraktive Archäologin Kim anreist, wird die Monotonie ihres Alltags gestört.

HirschgeweihDie Story klingt abgedreht und eher nach Kino. Regisseur Jens Kerbel greift die Horrorfilm-Elemente im Stück auf witzige Weise auf. So, wenn Marjorie Tomatensuppe vampirisch aus ihrem Mundwinkel laufen lässt, mit zombiehaft schleppender Stimme spricht oder wie in »Blair Witch Project« mit der Digital-Kamera ihr verheultes Gesicht in wackeliger Großaufnahme an die Wand projiziert. Die Leiche im Eis bekommt der Betrachter zwar nicht zu sehen – sie bleibt unheimlich unsichtbar, nur Auslöser der dramatischen Entwicklungen –, der Ekelfaktor kommt dennoch nicht zu kurz. So leckt sich Jude die mit Ketchup beschmierten Finger ab, nachdem er die erfrorenen Gliedmaßen des Toten mit einem Taschenmesser abgetrennt hat.

Was aber macht die Inszenierung zu etwas Besserem als einen live gespielten Trash-Film? Da wäre zunächst das stimmige Bühnenbild von Gesine Kuhn. Es versucht gar nicht erst, die kanadische Gletscherlandschaft auf der Werkstattbühne naturgetreu abzubilden. Von der Schönheit und der Gefahr der Natur sieht der Zuschauer nichts. Statt von Schnee sind Boden und Wände mit weißer Plastikfolie bedeckt. Darauf heben sich Ketchupflasche und Dosensuppe ab wie Blutflecken und sind doch nur Zivilisationsmüll. Einziger Einrichtungsgegenstand der Wohnung ist ein riesiger Kühlschrank voller Eisblöcke. Das Hirschgeweih an der Wand verschwimmt hinter Plexiglas. Heftig und ungestüm poltern die Personen über den Bühnenboden. Keine dämpfende Schneedecke schluckt die Geräusche.

Kühlschrank voller EisblöckeKälte und Weite spiegeln sich umso eindringlicher im Verhalten der Protagonisten. Die Figuren schwanken zwischen Coolness und emotionaler Vereisung. Ihre Aggression und Labilität liegen unter einer dünnen Eisschicht, stets bereit hervorzubrechen. Jude (Arne Lenk), der als Kind von seinen Eltern verlassen wurde, projiziert seine Gefühle auf den Toten. Denvers Versuch, ihn nach einer Nacht auf dem Gletscher mit seiner Körperwärme vor dem Erfrieren zu retten, wird zu einer absurden Nacktszene. Bei Nicole Kerstens Marjorie, die äußerlich wie starr gefroren scheint, liegen die Erinnerungen in ihrem Unbewussten wie unter hohem Schnee verborgen. Denver (Hendrik Richter), mit Bierdose und Pornobärtchen, gibt sich rotzig-herausfordernd und leidet doch unter der Entfremdung von seiner Frau. Ihre ewigen Missverständnisse werden von lauter Musik unterbrochen. Im Hintergrund dudelt der Fernseher.

Der weiße Bühnenraum dient auch als Projektionsfläche. So reden nicht nur die Personen aneinander vorbei, auch der Zuschauer wird über eine Vermittlungsebene angesprochen. Die Distanz lässt das Geschehen unwirklich erscheinen und hebt die Unmittelbarkeit der Bühne auf. Das Indirekte, Mediale verbindet Stück und Inszenierung. Das Stück hat nicht nur die Story eines Kinofilms, Regisseur Kerbel und Lars Figge verleihen ihm mit Audio- und Video-Elementen auch dessen Erzähltechniken. Es arbeitet mit Rückblenden und Verschiebungen und gewinnt so jenseits von Multi-Media-Spielerei eine weitere Dimension.

Verstörende MomenteAn einigen Stellen wird die Inszenierung bei aller Horrorfilm-Parodie wirklich düster. Das Motiv des Eindringens entfaltet sprachlich und bildlich eine große Kraft: Mit Judes Auftauchen im Leben von Greg und seiner Frau beginnt die Geschichte. Marjorie versucht verzweifelt zu den verdrängten Tiefen ihrer eigenen Seele vorzudringen und ritzt sich letztlich die Haut auf. Krätzemilben dringen in den Körper der Archäologin (Nina Vodop'yanova) ein, als diese die Beziehung des Paares stört. Jude wühlt sich ins Eis und verschwindet zuletzt in überzeugender Konsequenz der Inszenierung durch die Kühlschranktür. Aus dem empfindlichen Eindringen in soziale Beziehungen wird ein Forschen und Graben in den eigenen Gefühlen und schließlich ein körperlich zerstörendes Aufkratzen und Aufschlitzen.

Dennoch, diese verstörenden Momente sind selten: Die psychologischen Abgründe der Personen bleiben unplausibel. Die Hysterie um die Leiche wird nicht nachvollziehbar motiviert. Für eine glaubwürdige Aussage über soziale Kälte wirkt die Handlung zu konstruiert. Man wird den Eindruck nicht los, dass sich unter der coolen Oberfläche der gelungenen Inszenierung ein eher schwaches Stück verbirgt.

Schneemann. Theaterstück von Greg MacArthur. Deutschsprachige Erstaufführung. Theater Bonn – Werkstatt.
Premiere: 14.12.2006. Inszenierung: Jens Kerbel.
Weitere Termine: 10., 17. und 27. Januar
Weitere Informationen: www.theater-bonn.de

 

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