Wenn das Glück, am Leben geblieben zu sein, zur Hölle wird

»Ich will niemandem seinen Glauben absprechen, aber ich bin froh über jeden, der denkt.«
(Marcel Cremer: Rede an den Zuschauer. Eröffnungsvortrag im Theatersaal der Brotfabrik)

 

Szenenbild »Die Kreuzritter« (© AGORA-Theater)»Krieg tötet. Immer. Er besteht darin, zu töten und getötet zu werden. Das Problem der Überlebenden wiederum liegt darin, dass sie getötet haben. Aber nicht getötet worden sind.« Mit barmherzig-milder Stimme, aber merkwürdiger Sachlichkeit schildert Ordensschwester »Mama« Zara (Zoé Kovacs) das grausame Dilemma der Patienten in dem von ihr geleiteten Hospiz Sainte Jeanne. Kriegsversehrte Kreuzritter sollen hier ihre Traumata aufarbeiten. Mit der Unterstützung der Kranken- und Mitschwestern Klara (Katja Wiefel) und Violetta (Viola Streicher) zieht die Ordensmutter mit ihren sechs zerrütteten Patienten durch die Lande, um Geld für ihr Hospiz zu sammeln, und gewährt den Spendern dafür Einblick in die neuesten Therapiemethoden. Das Ziel der barmherzigen Schwestern besteht darin, die kriegsversehrten Männer zu heilen und ihren Glauben zu stärken, so dass sie wieder als Gotteskrieger losziehen können – in einen neuen Kreuzzug.

Zum Auftakt des Freien Kinder-Theatertreffens »Spurensuche 8«, das vom 28. Mai bis 3. Juni 2006 in Bonn stattgefunden hat, inszeniert Marcel Cremer mit dem Ensemble des AGORA-Theaters der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens eine zutiefst tragische und komische Geschichte, in der die Patienten Serge (Sascha Bauer), Emile (Eno Krojanker), Conrad (Kurt Pothen), Albert (Andreas Schmid), Daniel (Dirk Schwantes) und Mirko (Mathias Weiland) – kaum oder schon nicht mehr in der Lage, das erlebte Grauen zu ertragen, ohne wahnsinnig zu werden – zu grausam malträtierten Gefangenen werden. Nicht Mitgefühl und die eigentlich so menschliche Gabe des hinterfragenden Denkens motiviert ihre Therapie, sondern die Reaktivierung des Gottesglaubens, der als Legitimation dafür dient, einen weiteren Kreuzzug zu gewinnen, wieder zu töten, diesmal vielleicht getötet zu werden.

Die »Benefizveranstaltung« von Mama Zara bezweckt die göttliche Erleuchtung der Patienten und der fiktiven Zuschauer. Der authentische Theaterzuschauer dagegen erlebt eine Irrenanstalt voller Laborratten, die – durch ihre seelischen Verstümmelungen nicht mehr fähig, mit sich und der Welt umzugehen – in ihrer Verrücktheit die komischsten Skurrilitäten präsentieren und gleichsam (um so intensiver) nach Mitgefühl schreien. Gerade weil sie es nicht mehr vermögen, ihre Personalität und ihr Menschsein zu schützen – zu groß das gesehene Leid, zu erschütternd die menschliche Entartung –, wird das Ausmaß ihrer würdelosen Behandlung überdeutlich. Was Cremer und sein Ensemble entwickeln, ist eine fast grotesk entlarvende Inszenierung, in der Lachen, Trauer und entsetztes Innehalten zu nahe beieinander liegen, als dass sie den Zuschauer, zumal den jugendlichen, in gleichgültig lassen könnten.

Mit erstaunlicher Präsenz und Überzeugungskraft durchlaufen die jeweils entschlussunfähigen, aggressiven und sexualgestörten, zwangsneurotischen, hypereuphorischen und motorisch beschädigten Patienten ihre Therapien. Und langsam erkennt der Zuschauer – niemals der Patient selbst – die Zwangsläufigkeit des Scheiterns jedes einzelnen Versuches an der Unmöglichkeit der lächerlichen, sinnabgekoppelten Methoden des Hospizes, Menschen würdevoll zu behandeln und zu heilen. So schlägt schließlich jede Szene vom Komischen ins Entsetzliche um: Tanzend absolvieren die kranken Gotteskrieger ihre Bewegungstherapie, jeder auf seine Weise: Sie marschieren im Stechschritt, laufen verirrt umher, hampeln arhythmisch, springen mit Hüten auf den Köpfen und angeleitet von Schwester Violetta manisch um einen Tisch herum. Die Musik wird schneller, das Tanzen unkontrollierter, die Formation löst sich auf, und ehe sich der Zuschauer versieht, fällt der Sexualneurotiker Mirko über die Krankenschwester her, vergewaltigt sie, während die anderen sie, als handle es sich um ein harmloses Spiel, festhalten. Danach bricht Mirko, eindrücklich gespielt von Matthias Weiland, weinend zusammen, unfähig, die unbedingte Schuldhaftigkeit seiner Tat und seine kaum kontrollierbare Aggression richtig wahrzunehmen, geschweige denn reflektiert und verantwortungsvoll zu verarbeiten.

Cremer beweist erneut seinen Sinn für brillante Inszenierungseinfälle mit minimalistischen Mitteln, wenn Mama Zara ihre Schützlinge wie Kinder zur Konfrontationstherapie anleitet, in der Worte für das Kriegsgrauen gefunden werden sollen. Die Patienten sollen die durch Verletzungen entstellten Gesichter ihrer Kameraden nachahmen. Wie spielende Kinder verzerren die Kreuzzügler ihre Gesichter mit Hilfe von Gummiringen, die sie darüber ziehen, beschreiben granatenverletzte Münder, verbrannte Augen und gespaltene Schädel – nur Sascha Bauer als Serge verliert erschreckend authentisch den letzten verbleibenden Schutzschild vor dem Wahnsinn, er weint und zittert.

Mit naiven, stumpf-enthusiastischen Kirchenliedern reihen sich die Patienten in einer abendmahlgleichen Formation – Mama Zara im Zentrum – an einem Tisch, um über erlebte Kriegsgreuel zu reden. Nur der immer lächelnde Emile kann seine zwanghafte Berührungssucht nicht kontrollieren, wird vom Tisch verwiesen, landet in einer Ecke, immer noch lachend, unfähig, seinen demütigenden Ausschluss emotional als solchen einzuordnen. Umso intensiver erlebt der Zuschauer die Ausgrenzung, zudem vor einer Kulisse, die ebenso ambivalent erscheint wie die dargestellte Szenerie: Fröhliche, musizierende Putten schweben auf einer Leinwand durch den blauen Himmel, darüber ein neonrot aufleuchtendes und blinkendes Kreuz. Diese Verbindung transportiert nicht nur das ständige Gefühl von Diskrepanz und Deplaziertheit, sondern schafft gleichsam einen fast zeitlosen Raum, durch den die Relevanz des Themas eben nicht nur auf frühmittelalterliche Kreuzzüge bezogen, sondern auf Kriege und im weitesten Sinne Verletzungen der Menschenwürde in der Gegenwart ausgebreitet wird. In einer absurden letzten »Kugeltherapie« müssen die Patienten durch das Aufkleben roter Punkte am eigenen Körper finale Schüsse, die eigene Tötung als heilende Erfahrung nachspielen. Nacheinander rafft es die sechs Männer, die Täter und Opfer zugleich sind, durch Bauch-, Lungen- und Kopfschüsse dahin.

Kleine Schwächen der Inszenierung, etwa die arg plakative Projektion von Fernsehaufnahmen bekannter Kriegsbilder von Hiroshima bis zum Irak, können die Eindrücklichkeit des Stückes kaum schmälern. Mit »Die Kreuzritter« schafft Marcel Cremer ein zeitlos relevantes Stück von konzentrierter, berührender Tragik und Komik, das gleichsam ein Plädoyer ist für Mitgefühl und Menschlichkeit.

 

Die Kreuzritter. Theaterstück von Marcel Cremer unter Mitwirkung der Spieler.
Produktion: AGORA-Theater (Sankt Vith/Belgien). Regie: Marcel Cremer.
Bonn, Theater in der Brotfabrik, 28. Mai 2006.
Eröffnungsproduktion des Freien Kinder-Theatertreffens »Spurensuche 8« vom 28. Mai bis 3. Juni 2006 in Bonn.

 

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