Werkschau in drei Akten

John Cale zieht in Circus Live eine umfassende Bilanz seines Schaffens. Heute ist sein 65. Geburtstag

John Cale (Copyright: EMI Music)

»Ich denke allgemein nicht gerne an die Dinge zurück, die ich getan habe, denn sie waren repräsentativ für die Zeit oder was auch immer. Ich sehe noch immer kein geschlossenes Werk. Werde es vielleicht nie sehen. Aber es ist motivierend - es mahnt mich an all die Dinge, die ich noch nicht getan habe. An all die Emotionen, die man aus vielen Medien holen kann, nicht nur aus dem Rock’n’Roll.« Diese Zwischenbilanz, 1998 von John Cale gezogen, drückt auch die Schwierigkeit aus, sein Werk in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Sein umfangreiches Werk hat die BBC neben den wichtigsten Daten seiner Biographie damals in eine einstündige Dokumentation zu packen versucht, die jetzt, parallel zum Erscheinen der Live-Doppel-CD »Circus Live« auch in Deutschland auf DVD veröffentlicht wurde. Warum der in diesem Jahr 65 Jahre alt gewordene Musiker John Cale als einer der vielfältigsten Künstler der Rock-Pop Musik gilt, ist eigentlich kaum in einer Stunde darzustellen. Produzent Richard Trayler-Smith und Director James Marsh gelingt es dennoch, einen Einblick in die Geschichte und das Werk dieses Ausnahmemusikers zu geben. Für ihren Film über den Waliser Künstler holten sie sich nicht nur Hilfe von seinem altem Wegegefährten Lou Reed aus der Zeit von Velvet Underground. Vor allem dank der Gespräche mit dem Co-Autor von Cales Autobiographie (»What's Welsh for Zen«), Victor Bockris, schaffen sie es, ein zusammenhängendes Bild zu präsentieren. Viele Musikbeispiele zeigen die Vielfalt der Musik, und die im Zusammenhang gezeigten Bilder erschaffen einen Rahmen, der die Klammer um dieses vielfältige Werk, das kaum Genregrenzen kennt, zu schließen vermag. John Cales musikalische Anfänge gehen auf Erfahrungen an Klavier und Kirchenorgel zurück, und erste gewichtige Auftritte in New York sind mit John Cage und La Monte Young in Verbindung zu bringen. Da ist es eigentlich wenig verwunderlich, dass er neben seinen Pop- und Rock-Platten auch Ausflüge in die Klassik machte. Oder sollte man eher fragen: Ist es nicht verwunderlich, dass er überhaupt zur Rockmusik fand? Tatsächlich zerfließen die Grenzen zwischen Pop und Klassik bei seiner Musik mitunter sehr deutlich. Hier haben wir es nicht mit orchestrierten Liedern à la Scorpions und Metallica zu tun. Die Musik selbst ist mitunter sehr genau auf die Grenze hin ausgelegt. Der Liederzyklus »Words for The Dying« (1989), basierend auf Gedichten von Dylan Thomas, ist zum Beispiel für Orchester komponiert. Seine dritte Soloplatte »The Academy in Peril« (1973) bezeichnete seine damalige Plattenfirma Warner Music als ihre erste Veröffentlichung in der Sparte Klassische Musik. Filmmusik war in den 90ern ebenfalls ein Gebiet auf dem er sich viel bewegte. Und doch besteht ein großer Teil seines Werkes aus dem, was man als Popplatten bezeichnen würde. Mit The Velvet Underground, deren Entstehung und Zerbrechen ein großer Raum auf der DVD eingeräumt wird, stießen sie zu Andy Warhol, der ihre erste Platte produzierte. Nach seinem Rauswurf bei The Velvet Underground durch Lou Reed 1968 spielten sie 1993 noch einmal zusammen, nachdem John Cale gemeinsam mit Lou Reed mit »Songs for Drella« (1990) eine Platte für den verstorbenen Freund Andy Warhol aufgenommen hatte. John Cales letzte Veröffentlichungen »Hobo Sapiens« und »Black Acetate« zeugen an machen Stellen von der Gradwanderung zwischen den Stilen. Was bei »Hobo Sapiens« in Erinnerung bleibt, ist, was man gerne als experimentell bezeichnet, und hat bei »Black Acetate« trotz vieler Ähnlichkeiten zum Vorgänger doch eher Ähnlichkeiten mit einem klassischen Rockalbum. Beide klingen wie die Vorreiter für das, was mit »Circus Live« jetzt als Live-Album veröffentlicht wurde. Zwischen seinen alten Rock-Nummern wie »Dirty Ass Rock 'n' Roll« und »Helen of Troy« sind Songs der letzten Alben wie »Magritte«, der »Song about« his »Favorite Painter«, und »Outta the Bag« in einem spannenden Umfeld, und reihen sich so in Titel seiner früheren Platten problem- und vor allem auch zeitlos ein. So ist als Opener der von Lou Reed geschriebene Klassiker »Venus in Furs« aus der Velvet-Underground-Konstellation Beginn einer Werkschau, die auch den Presley-Klassiker »Heartbreak Hotel« einschließt, dem Cale schon in den 70-ern spannend neues Leben einhauchte. Dabei brilliert eine Begleitband, der man die Spielfreude ebenso anhört, wie dem Chef selbst, der sich mit seinen 65 Jahren nicht mehr zwischendurch auf das Klavier setzt oder schreiend vor dem Publikum steht, wie es die BBC-Dokumentation offen zeigt. Die Musik ist ebenso besonnen wie deutlich. Hier wird Rockmusik, mit dem Hang zu durchdachtem Ausdruck, als Lebensgefühl zelebriert. Was besonders in dem auf »Circus Live« leider fehlenden »Perfect« von »Black Acetate« als einfachem Liebeslied Ausdruck fand, findet sich auf der gesamten Live-Dokumentation in Form einer energiegeladenen aber verspielten Darbietung der Songs. John Cale (Copyright: EMI Music)Neben der Dokumentation der Live-Tour zum letzten Album enthält das Paket vier Songs des Akustik Konzerts im The Paradiso in Amsterdam. Die Aufnahmen sind vom Rest der Doppel-CD durch den Klangteppich »Drone – Into Amsterdam Suite« getrennt. Mit Hilfe dieser Klangcollage kann Cale auch mit einer Live-Platte den Bogen zwischen den verschiedenen Stilen etwas weiter spannen. Schon der Beginn der Platte geht vom Klangteppich in das träge »Venus in Furs« über. Konsequent schließt »Outro Drone« eine Platte ab, die einen dokumentarischen Charakter nicht verbergen will. Auch mit Hilfe dieser Verspieltheit, hier aus dem Dröhnen heraus zur Rockmusik zu kommen, ist eine der interessantesten Live-Dokumentationen der letzten Jahre entstanden, die in ihrer so möglichen Geschlossenheit deutlich mehr als eine Best-Of-Kompilation bieten kann. Dass die BBC-Dokumentation mehr von seinem Schaffen vereinen kann ist kein Wunder, besteht hier doch auch die Möglichkeit, die klassischen Kompositionen besser neben die Rocksongs zu legen, ohne einen Bruch kitten zu müssen. Zusammen ergänzen sich beide Projekte zu einem Einblick in Cales Schaffen und schreiben die Erfolgsgeschichte hinsichtlich der musikalischen Qualität weiter, statt sie nur darzustellen. Die hier vorliegende Vielschichtigkeit verdeutlicht auch, was die Gründe für mangelnden kommerziellen Erfolg sein mögen. John Cale ist noch weniger berechenbar als ein Neil Young, Lou Reed oder David Bowie. Seine Vielseitigkeit erscheint einmalig, wirkt aber ohne nähere Beschäftigung mit ihr sperrig und irritierend. Nach der Zeit, in der er auf der Welle eines gewissen Erfolges durch Drogen abstürzte, arbeitete er sich vor allem auf dem zwischenklassischen Gebiet wieder zu sich selber durch, wie die Dokumentation erzählt. Die Spielfreude als Rockmusiker hat er erst mit den Alben bei EMI ab 2003 wieder gewonnen. Hier ist die Live CD konsequente Erweiterung. John Cale: Circus Live. EMI Records Ltd., 2007. Ca. Min Spielzeit. Ca. 24 Euro. James Marsh: John Cale. Warner Music Vision. 2007. Ca 59. Min. Spielzeit. Ca. 16 Euro. John Cale im Internet: www.john-cale.com

 

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