»Ihr spielt für euer Leben«

Das West-Eastern Divan Orchestra setzt auf die Kraft der Verständigung

Das West-Eastern Divan Orchestra ist ein einzigartiges und zugleich gewagtes Vorhaben. 1999 vom Musiker Daniel Barenboim und dem Literaturwissenschaftler Edward Said gegründet, versteht es sich nicht nur als ein Projekt der Völkerverständigung, sondern auch – gerade in einer Zeit, die durch Konflikte wie im Nahen Osten gestört ist – als dringlicher Appell an die Menschlichkeit. In ihrem Buch Die Kraft der Musik berichtet die Cellistin Elena Cheah von diesem Unternehmen, indem sie gerade auch diejenigen zu Wort kommen lässt, die vom dabei entstehenden Geist der Freundschaft erzählen können.

Konfliktfelder und Konfliktpotential gibt es auf der Welt mehr als genug. Der Nahost-Konflikt ist einer unter vielen, seit Generationen affiziert und bestimmt er das Weltgeschehen. Politische Lösungen sind nicht in Sicht. Doch wo die Politik versagt, kann die Kultur eingreifen und mit ihrer dialogischen und performativen Kraft Dinge versuchen, die auf den ersten Blick unmöglich erscheinen. Das West-Eastern Divan Orchestra ist so ein Projekt. Jährlich treffen sich Musiker aus Israel, Palästina, Ägypten, Libanon, Syrien, Iran, dem Libanon, der Türkei, Jordanien und Spanien im spanischen Andalusien zu Proben und konzertanten Aufführungen. Doch das Ziel ist nicht nur, miteinander auf hohem Niveau zu musizieren. Im Mittelpunkt steht auch der Dialog zwischen diesen verfeindeten »MenschenLändern«. Im vierwöchigen intensiven Workshop wird nicht nur bis zur Perfektion geprobt. Es darf und soll ohne Zwang gestritten, mit- und aneinander gerungen, Fragen gestellt und Verständnis, Verständigung gefunden werden. Dabei werden Grenzen überschritten – für und durch die Musik und darüber hinaus.
Das Orchester trägt seine Botschaft in die Welt und befindet sich auf einer langen Reise.  Es gastiert unter anderem auf den bekanntesten Festivals und Konzertsälen wie der New Yorker Carnegie Hall und den Salzburger Festspielen. Ein Höhepunkt und zugleich auch die größte Herausforderung war sicherlich das Konzert in Ramallah 2005. Barenboims Vision ist es, in allen arabischen Herkunftsländern der Musiker zu spielen. Doch wer denkt, dass sich Barenboim und seine jungen Musiker auf einer politischen Mission befinden, irrt.

Selbstverständlich kann das West-Eastern-Divan Orchestra keinen Frieden in den Nahen Osten bringen. Wir sind Musiker, keine Politiker. Mein verstorbener Freund Edward Said und ich haben dieses Orchester 1999 als ein Experiment für Menschen gegründet, die glauben, dass die Politik der Menschheit dienen sollte und nicht umgekehrt. Wir wollten in Ermangelung einer politischen Lösung eine menschliche Lösung schaffen.

Barenboim schreibt dies im Vorwort zu Elena Cheahs Buch Die Kraft der Musik. Das West-Eastern Divan Orchestra, das 2009 erschienen ist und seit dem vergangenen Jahr auch als Taschenbuch vorliegt. Cheah, inzwischen Professorin für Violoncello an der Hochschule für Musik Freiburg und unter anderem Mitglied des renommierten Hegel-Quartetts, war von 2006 bis 2010 Teil des Grenzen überschreitenden Orchesters. Zu ihrem Buch sagt sie selbst: »Das Buch ist eine Momentaufnahme dieses faszinierenden Mikrokosmos.« Die Musik sei zwar das, was alle Orchesterteilnehmer gemeinsam erleben wollen. Doch ein bewegendes Konzert zu spielen, reiche noch lange nicht aus, um eine lebenslange Erziehung zu löschen und den Hass endgültig zu überwinden.

Gegen falsche Töne

Gestützt auf das Prinzip des Kontrapunkts in der Musik geht es Barenboim und dem inzwischen verstorbenen Said nicht darum, Differenzen abzubauen, auszugleichen und vergessen zu machen, sondern diese zu erkennen, offen auszutragen und zu verstehen. Gegensätzliche Stimmen hörbar zu machen, die Logik hinter der gegensätzlichen Position zu verstehen, Feindbilder zu dekonstruieren. Cheah führt die Geschichte des Projekts mit den Porträts von etwa zwanzig Orchestermitgliedern zusammen. In ihrem Buch stehen so nicht nur die Idee des West-Eastern Divan Orchestra, sondern auch die Personen, die es ausmachen, im Zentrum. Geschichten von Musikern, die ohne dieses musikalische und soziale Experiment nicht miteinander in Kontakt getreten wären und sich für den jeweiligen Anderen, Fremden und Feind hätten öffnen können. Cheahs Beobachtungen erzählen von wachsenden Freundschaften und Schwierigkeiten, vom alltäglichen Zusammenleben, von Aufrichtigkeit, Konfrontation, Aussöhnung und der Musik, die sie vereint, auch wenn Glaube, politische Fakten und reale Grenzen zwischen ihnen stehen.
Sie gehörte dem Orchester bereits drei Jahre an, als sie begann, die Musiker ihre Geschichten erzählen zu lassen. Über das biographische Porträtieren der besonderen Persönlichkeiten hinaus lässt Cheah die Welt teilhaben an den emotionalen Begegnungen, den Spannungen und Konflikten, die das miteinander Musizieren der Instrumentalisten zu gefährden drohen. Es ist keine einfache Erfahrung, auf die die Musiker sich einlassen und inwieweit der Einzelne davon partizipieren konnte, hängt von der Offenheit des Musikers ab.  Die Geschichte und Geschichten der Musiker stehen in engem Bezug zum jeweiligen politischen Geschehen. 2006, kurz vor dem geplanten Workshop, brach im Libanon der Krieg zwischen Israel und der Hisbollah aus. Dies hatte zur Folge, dass die libanesischen Musiker ihr Land nicht verlassen konnten und andere arabische Kollegen es angesichts der Situation für unmöglich hielten, am Workshop teilzunehmen. Fremde Berufsmusiker, darunter Cheah, mussten einspringen. Spannungen, ›falsche Töne‹ im Ensemble waren die natürliche Folge. Barenboim entwarf eine Anti-Kriegs-Erklärung, die, sich gegen Israel wie die Hisbollah gleichermaßen richtend, nach langer heftiger Diskussion im Orchester in den Konzertprogrammen abgedruckt wurde. Neben den Portraits erzählen auch diese politischen Abwägungen und Einmischungen vom Ringen um und für die Musik.

Eröffnung neuer Perspektiven

»Ihr spielt nicht für euren Lebensunterhalt, ihr spielt für euer Leben.«, zitiert Cheah Waltraud Meier, die 2008 Solistin im Orchester ist. Das Motiv teilzunehmen ist nicht nur Idealismus, Mut, die Liebe zur Musik, sondern auch die Möglichkeit, unter dem Dirigat von Barenboim zu musizieren. Es gehört aber auch die Bereitschaft dazu, sich auf einen neuen Weg einzulassen. Die Geschichten, die Cheah erzählt zeugen von den inneren und äußeren Konflikten der Musiker, die sich auf dieses Projekt eingelassen haben. Sie erfahren Anfeindungen aus den eigenen Reihen, von Familie und Freunden, an diesem Projekt teilzunehmen. Ihre Lebensgeschichten belegen das historische und politische Gepäck, das sie zu tragen haben und den Schwierigkeiten, sich davon zu befreien. Da ist zum Beispiel Nassib Al Ahmadieh, libanesischer Cellist, der zu Beginn nicht wusste, ob er mit Israelis reden sollte, der es beunruhigend fand, mit ihnen im selben Raum zu sitzen: »Man wird erzogen, sie zu hassen, sie für üble Typen zu halten oder zumindest für Menschen, die sich an einer üblen Sache beteiligen. Sie sind dein Feind.« Aber er musste zwangsläufig mit ihnen sprechen. Die ersten Reaktionen fallen sehr extrem und persönlich aus, aber er lernt die Anderen zu respektieren und findet sehr enge Freunde, darunter auch Israelis. Die Erfahrungen im Orchester haben sein Weltbild geändert, musikalisch wie menschlich neue Perspektiven eröffnet:

Ich bin mit meinem arabischen Nationalerbe aufgewachsen und dem Gefühl, gegen eine Verschwörung zu kämpfen, die die arabischen Länder in Nahost zu entzweien sucht. Aber dann habe ich durch die Freunde, die ich im Divan Orchestra gefunden habe, diese Wandlung durchgemacht, und wenn man mit meinem Hintergrund zu einem nichtreligiösen, moderaten Menschen wird, der versucht, das israelische Leiden zu verstehen, ist das eigentlich völlig schizophren. Und wenn man durch einen israelischen Checkpoint in ein Land geht, das man für Palästina hält, um dort andere Israelis zu treffen, um mit ihnen gemeinsam zu musizieren […]. Das kann man gar nicht alles auf einmal verarbeiten. Ich hätte mir diese emotionalen und intellektuellen Höhen und Tiefen nicht in meinen kühnsten Träumen vorgestellt. Und dann steht man mit Israelis hinter der verbotenen Grenze.

Die Musiker erzählen von ihren tief verwurzelten existentiellen Ängsten, dem daraus hervorgegangenem Überlebensinstinkt und den emotionalen Reaktionen. Das West-Eastern Divan Orchestra bietet ihnen den Raum für die notwendige Kommunikation und friedfertige Lösungen. »Wir hatten manchmal das Gefühl, dass außer uns beiden niemand verstand, worüber wir sprachen.«, beschreibt die Israelin Meirav Kadichevski ihre Freundschaft mit einem ägyptischen Musikerfreund. Mit dem Orchester hat sie ihre besten und schwierigsten Erfahrungen sammeln können. Sie sind Bestandteil ihres Lebens geworden, ohne die sie nicht mehr leben kann. Und dennoch gilt: Mit ihrer Familie und den anderen Freunden darüber zu sprechen, ist immer noch schwer.

Jenseits aller Grenzen

Als Cheah beim West-Eastern Divan Orchestra begann, dachte sie, sie könne objektive Beobachterin sein. Als ›chinesisch-jüdische Amerikanerin‹, in New Jersey aufgewachsen, ist sie auf ein kulturelles ›Heimatland‹ nicht festgelegt. Im Orchester hatte sie jedoch das Gefühl eine musikalische Heimat gefunden zu haben. Doch die musikalische Verwandtschaft mit fremden Menschen, die einander in einer einmaligen Art und Weise zuhörten und einander verstanden, schuf einen Ort, in dem sich unterschiedliche Kulturen bei aller fundamentalen Intensität zuhause fühlen können. Mit Blick auf diese Erfahrung sagt Cheah heute: »Mein Leben ist ein einziges Streben gegen vorgefertigte Ideen der Identität gewesen.« Ihre Gedanken entsprechen denen Saids, der in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises 2002 die besondere Kraft der Kultur betonte und in ihr ein alternatives Modell für die Lösung von Identitätskonflikten sah. Kultur erscheine ihm als Ort für Reflexion und letztendlich Einvernehmen: »Literatur und Musik eröffnen einen derartigen Raum, weil diese Künste im Wesentlichen nicht antagonistisch sind, sondern auf Zusammenarbeit, Empfänglichkeit, Neuschöpfung und kollektiver Interpretation beruhen.«
Mögen die Konflikte im Nahen Osten noch so verfahren und verhärtet scheinen. Die Idee des Orchesters, mit Hilfe von Musik Vorurteile zu überwinden, Feindbilder abzubauen und einander kennenzulernen, geht hier – im Mikrokosmos des Orchestergrabens – bereits auf. Die Lebensgeschichten, die Cheah in ihrem Buch versammelt hat, aber auch ihre eigene Biographie zeigen, dass mit Hilfe von Musik zur Versöhnung zwischen unterschiedlichen Kulturen und Identitäten beigetragen werden kann. Jenseits aller Grenzen werden aus jungen Künstlern Botschafter, die trotz aller Hürden, die bei diesem Projekt gemeistert werden müssen, vom Geist der Freundschaft erzählen können, denn ihre Sprache ist universell.

Elena Cheah: Die Kraft der Musik. Das West-Eastern Divan Orchestra. Mit einem Vorwort von Daniel Barenboim. Ins Deutsche übertragen von Stefanie Karg. München: btb Verlag, 2015. 350 Seiten. ISBN 978-3-442-74970-6. 11,99 Euro.

Dieser Beitrag erscheint im Kontext unseres Hefts #30. In den kommenden Wochen werden wir in unserem Online-Magazin immer wieder ergänzende Texte veröffentlichen, in denen Freundschaft eine Rolle spielt. Weitere Informationen zum Heft #30 gibt es hier.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!