Wo Erzählen und Erzählung zusammen fallen, gehen wir durch die Zeit

David Grossmans Aus der Zeit fallen

Über David Grossmans aktuelles Buch wurde schon viel  gesagt: Eine bewegende Momentaufnahme aus der persönlichen Trauer über den Verlust seines Sohnes sei es (so Deutschlandradio Kultur), eine rührende Aufarbeitung traumatischen Verlustes (Radio Bremen), literarische Studie über ein universelles Gefühl (F.A.Z.), eine Kollage aus Poesie und Prosa, aus Hohelied und Totenklage (NDR Kultur). Es ist tatsächlich tragisch, dass Uri in dem Moment von einer Panzerabwehrrakete getroffen wird, in dem sein Vater ein Buch darüber schreibt, wie eine Mutter vor der vermeintlichen Todesnachricht ihres Sohnes entflieht. Eine Frau flieht vor einer Nachricht wurde 2009 mit dem Friedenpreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Ironie außerdem, dass Grossman sich kurz zuvor gegen den Krieg im Libanon ausgesprochen hatte. Aus der Zeit fallen ist trotzdem weder autobiographisches Titbit noch ästhetisch aufgearbeitete Anthropologie der Trauer, sondern ein zuweilen anstrengendes Thematisieren der erzählten Zeitlichkeit.

Dialog/Polylog

- Ich muss gehen.
- Wohin?
- Zu ihm, nach dort.
- An den Ort, wo es geschah?
- Nein nein. Nach dort.
- Was ist das: dort?
- Ich weiß es nicht.
- Du machst mir Angst.

Der Text ist szenenartig in dialogischen Betrachtungen aufgebaut. Es sprechen jeweils ein Mann und eine Frau, die ein Kind verloren haben. Diese Figuren werden durch den Dialog einander gegenüber gestellt. Mann und Frau, die einmal Eltern waren, sprechen über Ort und Zeit ihres toten Kindes. Zwischen ihnen wechseln karge Sätze, in denen die Unerträglichkeit ihres Zusammenseins deutlich wird. Wenn Anschluss gesucht wird, erreicht er das Gegenüber nicht. Die Spinnweben über dem Kinderspielzeug, das gemeinsame einsame Essen, die Frage nach einer Richtung sind Themen ihrer erfolglosen Kommunikation. Dabei generiert das Sprechen der Trauernden keinen Konsens. Zwischen ihnen herrscht die Leerstelle, die der Verlust hinterlassen hat.

FRAU
Schau mich an.
Nein, nicht mit diesem leeren Blick.
Lass das.
Komm zurück, zu mir, zu uns zurück.
Es ist so leicht, uns zu leugnen.

Das mäandernde Sprechen zwischen den Polen von Mann und Frau erzeugt eine Spannung, die das Verlorengegangene beschwören soll. Ihre Suche nach der Lösung der Todesfrage soll Bewegung in die Erzählung bringen. So entwickeln sich auch die schablonenhaften Figuren, wenn auch die binäre Konstellation aufrecht erhalten wird. Zunächst heißen die beiden »Mann« und »Frau«, dann »Schuster« und »Hebamme«. Die zunächst statischen Charaktere setzen sich im Raum in Bewegung, werden zum »gehenden Mann« und der »Zuhause gebliebenen Frau«, begleitet vom »greisen Rechenlehrer« und der »stummen Frau im Netz«. Je mehr Bewegung dargestellt wird, desto variationsreicher werden auch die Stimmen. Die Hebamme stottert, der Schuster flucht, die Sätze werden insgesamt komplexer und sind durch Einschübe ergänzt. An dem Punkt, an dem jede Stimme ihre maximale Schärfe erreicht hat, schwingt die Gesamtheit der Sprechenden in eine monolithische Masse, den »Gehenden«. Die Pluralität der Stimmen wird zu einer singulären Identität. Durch Trauer werden die Sprechenden verbunden. Dabei ist die Richtungslosigkeit der Trauernden in ihrer stetigen Bewegung überdeutlich:

DIE GEHENDEN
[…] Stund um Stunde vergeht,
die Sonne geht unter, die Sonne geht auf,
Schwäche ergreift unsre Glieder,
das Dunkel verschluckt unsre Schatten,
wir stampfen, wir stampfen, wir gehen nach dort –

So löst sich das Kollektiv wieder auf und zerfällt in seine ursprünglichen Bestandteile. Die räumliche Entwicklung, die der Text suggeriert, bleibt ohne Erfolg. Die stereotypen Männer und Frauen sind umso mehr in sich eingeschlossen, als dass es keinen Fortschritt in der Bewältigung der Ursprungsfragen gibt. So werden Sätze hin- und her geworfen, die sich weder stilistisch, noch thematisch von der Stelle bewegen. Glücklicherweise hilft dieser etwas festgefahrenen Konstellation ein mehrschichtiger Erzähler.

Der polymorphe Erzähler

Der »Chronist« steht zwischen den Welten der Erzählten und Erzählendem. Selbst Sprecher des Trauer-Chores und Vater eines verlorengegangen Kindes, hat auch er seinen weiblichen Dialogpartner in der »Frau des Chronisten«. Wie sein Name suggeriert, ist er die Personifikation der Schriftlichkeit. Durch ihn findet die Erzählung ihren Weg auf das Papier. Als Beobachter ist der Chronist der Einzige, der einem höhergestellten Erzählmoment verpflichtet ist: dem Auftraggeber der Geschichte. Der Herrscher der Diegese wird lediglich namentlich benannt, denn der »Herzog« hat seinen Gehilfen geschickt, den »Zentauren«. Diese Instanz ist ebenso der Erzählung, als dem Erzählen verpflichtet. Er kontrolliert den Chronisten, indem er ihm seinen Status als Akteur abspricht und zum Schreiberling degradiert.

ZENTAUR
[…] du kleiner Beamter, in deinem Befehl steht doch ausdrücklich alle Informationen zu sammeln, die für das Herzogtum wichtig sind, ohne Einzelheiten zu unterschlagen!

Zum Protokollschreiber der Trauer verdammt, verdeutlicht der Chronist die Schicksals-Ergebenheit der Figuren überdeutlich. Trotz seiner facettenreichen Position bleibt er Bürokrat des Erzählens. Seine Stimme hebt sich nicht ab vom deprimierten Singsang der Sprechenden. Die Monotonie wird vom Zentaur nur unzureichend durchbrochen. Der Text suggeriert, dass der Zentaur als Statthalter sprachliche Souveränität besitzt. Doch wird schnell deutlich, dass auch er die Stimmen nur variiert, nicht verändert. Auch der Zentaur ist ein einsamer Vater. Sowohl auf Ebene der Erzählung, als auch auf Ebene des Erzählens ist er also nicht der Antipode, der Aus der Zeit fallen gut getan hätte. Er ist aber in ihr isoliert, da ihm kein ein Vis-á-Vis zugesprochen wird. Das Fehlen der Projektionsfläche in der Frau verstärkt nun erstmals das Thema des Schreiben, das durch die Figur des Chronisten aufgekommen war.

ZENTAUR
[…] Diese verfickte Sache, die meinem Sohn und mir da passiert ist, ja, ich muss sie in eine Geschichte einbauen, anders geht es nicht, in eine Handlung, und Phantasie muss dabei sein, und neue Ideen und Freiheit und Träume! Feuerzungen! Alles muss rein in den brodelnden Kessel!

Raum und Zeit

Das Geschrei ist zunächst eine Auflockerung der Eintönigkeit der Erzählung in Thema und Form. Dennoch fehlt die Anschlusshandlung. Im weiteren Verlauf bildet sich der Zentaur zu einer weiteren unentschlossenen Figur, die ohne Raum und Zeit auf der Suche nach dem Verlorengegangen ist. Diesbezüglich ist Grossman sehr konsequent mit seinem Thema, denn das Aus der Zeit fallen ist auf allen Ebenen der Erzählung durchgespielt. Discours und Histoire kämpfen beide mit dem Problem, spezifische Worte für ein allgemeines Unsagbares zu finden. In letzter Konsequenz thematisiert sich auch die Erzählung in ihrer ambivalenten Beziehung zu diesen Kategorien selbst.

GEHENDER MANN
Ich verstehe die Dinge wohl nur in der Zeit.
Menschen zum Beispiel oder Gedanken
Oder Leid oder Freude, Pferde, Hunde, Wörter, Liebe.
Dinge, die sich verändern, altern, sich erneuern.
Auch meine Sehnsucht nach dir ist in der Zeit gefangen.
Die Trauer hat sich mit den Jahren eingesessen,
doch an manchen Tagen ist sie frisch und neu.
So auch die Wut über all das, was man dir geraubt.
Aber auch du bist nicht mehr, bist nicht mehr du selbst.
Du bist aus der Zeit. Wie soll ich dir das erklären,
ist doch meine Erklärung in der Zeit verhaftet. […]

Hier ist Grossmans Prosa-Poesie ein schlichtes Wiederaufgreifen der Frage, wie sich die Zeitlichkeit der Erzählung zu der Zeitlichkeit ihres Stoffes verhält. Grossman exerziert an dem Beispiel der Trauer die Frage nach dem Verhältnis von Discour und Histoire, von Diegese und Erzählen in apriorischen Kategorien. In einer Mischung aus existenzialistischem Drama und antiker Tragödie, durchsetzt von wohl dosiertem Nihilismus und einer Prise Geschlechtskonformität hat er eine anstrengende, wenn auch vielschichtige Erzählung geschrieben.

David Grossman: Aus der Zeit fallen. Erzählung. München: Hanser, 2013. 128 Seiten. ISBN 978-3-446-24126-8. 16,90 Euro.

 

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