Wohin soll das nur führen?

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Es dauerte einige Jahre, bis Europa einsah, dass der Nabel der Filmwelt nicht unbedingt im amerikanischen Westen zu suchen ist. Mag es den ehemaligen Kolonialherren auch bis in die späten 90er Jahre verborgen geblieben sein, die restliche Bevölkerung unseres Globus wusste es schon immer: Indiens Filmindustrie führt seit Jahrzehnten mit 700-900 jährlichen Produktionen die Weltspitze an. Bietet der Subkontinent tatsächlich so einen großen Markt an? Ja und nein. Zwar stellt die Struktur Indiens mit seinen rund 500.000 Dörfern und Siedlungen, seinen Megametropolen und einer schier unfassbaren Dichte an Kinosälen einen idealen Nährboden für die Kunst der Cinematographie dar, doch vor allem der internationale Markt scheint sich in den letzten Jahrzehnten zu einem lukrativen Geschäft zu entwickeln. So öffneten sich seit Gründung der ersten großen Produktionsfirmen in den 1930er Jahren der gesamte asiatische sowie orientalische Raum der scheinbar anachronistisch wirkenden Film-Ästhetik Indiens. Und dank des Commonwealth erwiesen sich auch Kanada, Australien und Großbritannien als gewinnbringende Zweitmärkte. Doch wo soll diese Weltöffnung hinführen? Stirbt der klassische Bollywoodfilm aus? Verändert er gar mit den sich seit 2003 ausbreitenden Multiplexkinos sein Gesicht? Wahrlich große Fragen!

Elefant bei Udaipir © Jörg EineckeIm Rahmen der Biennale Bonn lud der deutschsprachige Auslandsfunk, die Deutsche Welle, am gestrigen Montag zu einer Podiumsdiskussion ein, die sich unter dem Titel »India goes Bollywood – Medien und Kultur im Unterhaltungsrausch« mit nichts weniger als der momentanen Positionierung des indischen Kinos auseinandersetzte. Der Titel mag in seiner Generalisierung ungenau wirken, schließlich schüttet das ehemalige Bombay, heute Mumbai, nicht allein sämtliche Produktionen des Landes aus; in seiner Verallgemeinerung trifft er jedoch den Nagel auf dem Kopf. Neben den klassischen Produktionen aus Bombay rund um Familie, Liebe und Tanz setzten sich in den vergangenen Jahren immer mehr Arbeiten durch, die vom üblichen Schema und von der konservativen Prägung des Kinos abweichen.

Indien öffnet sich der Welt – und droht dabei sein Gesicht zu verlieren? Auf den ersten Blick scheint das zu stimmen, in Anbetracht der komplizierten Struktur der indischen Kulturlandschaft sollte man vor derartigen Generalisierungen jedoch zurückschrecken. Tatsächlich veröffentlichten die Studios in der letzten Zeit immer mehr Produktionen, die erstaunlich weltoffen und experimentell daherkommen, weiß Dorothee Wenner, Filmemacherin, Autorin und Kuratorin aus Berlin, zu berichten. Verschwiegen wird dabei jedoch, dass Filme wie »RANG DE BASANTI«, die Geschichte einer jungen, westlichen Filmemacherin, ausschließlich in den urbanen Multiplexkinos gezeigt werden, die ländliche konservative Bevölkerung jedoch gar nicht erreicht wird. Bildet sich etwa parallel zum abgeschafften Kastenwesen eine Zweiklassen-Filmgesellschaft?

Indiens Kulturpolitik sieht nicht vor, Kino und Film in einen engeren Kulturbegriff zu fassen. Erst mit den letzten Jahren setzte sich eine Grundvorstellung vom cineastischen Kunstwerk durch, das jedoch keineswegs Eingang in die zahlreichen Kinos des Landes findet. Divja Bhatia, Schauspieler, Theaterproduzent und Festivaldirektor, sieht einen klaren Zusammenhang zwischen dem Unvermögen der Filmindustrie, künstlerische Produktionen auf dem indischen Markt zu platzieren, und den traditionellen Erzählstrukturen des Bollywoodkinos. Der indische Zuschauer sei zunächst nicht daran gewöhnt, sich innerhalb eines Zelluloidkunstwerks mit gesellschaftspolitischen und sozialen Momenten auseinanderzusetzen. Gleichzeitig werde er von der Filmwirtschaft mit realitätsverfremdenden Arbeiten überschüttet, die »social issues« aus der Kunst schlichtweg ausschließen. Rashmee Roshan Lall, Redakteurin der Times of India, sieht darin ein generelles Problem der indischen Medienlandschaft. Durch die immer stärker wachsenden Infotainment-Ambitionen des schier unüberschaubaren Medienmarktes des Subkontinentes sei es an der Zeit, sich seiner Verpflichtungen bewusst zu werden. Ob derartige Umstrukturierungen vom Verbraucher indes aufgenommen und akzeptiert werden, sei noch ungewiss. Es liege in den Händen der Medien- bzw. Kulturschaffenden, zu bewerten, wie viel Raum der sozialen Information gegeben wird, ohne dadurch die Konsumenten zu verschrecken. Gerade in kleineren Unternehmen setze sich in den letzten Jahren ein gewisser Mut zum Neuen durch. Tendenzen zur Öffnung seien jedoch auf dem indischen Markt nur in Ansätzen zu bemerken.

Ob sich Indiens Medienlandschaft im Umbruch befindet, kann nur sehr schwer beurteilt werden. Die Zensur verhält sich zwar in letzter Zeit erstaunlich ruhig, doch international wahrgenommene Projekte wie »My Brother Nikhil« werden im eigenen Land noch immer klein gehalten bzw. nicht für die Öffentlichkeit zugelassen. Ungewiss ist auch, ob dieser ambitionierte Film über einen homosexuellen, an HIV erkrankten jungen Mann überhaupt auf ein breiteres Interesse stoßen würde.

Fest steht allerdings, dass sich Indien im Zuge des wirtschaftlichen Booms der letzten Jahre verändert. Eine breite Mittelschicht von rund 300 Millionen gut bezahlten Konsumenten wird darüber entscheiden, in welche Richtung sich der indische Film und die indische Medienlandschaft entwickeln werden. Wohin die Reise gehen wird, ist gleichwohl unbekannt.

 

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