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tokyo – superdichte stadtbeschleunigung

es gibt nicht viele bücher, die japan, insbesondere tokyo zu beschreiben vermögen, ohne in gegensatzpaaren zu verharren. der architekt Wolfgang Koelbl befand sich 1996/97 im rahmen eines projektstipendiums in tokyo, ein phänomen zu umreissen, das er als »superdichte« bezeichnet: die grösstmögliche konzentration urbaner situationen. in seinem lustvoll geschriebenen, halbtheoretischen buch tokyo superdichte erklärt er die stadt als nicht abgrenzbar und streicht den begriff des innen und aussen (in einer stadt / im zentrum oder davor; vor oder in einem gebäude) zugunsten angemessenerer kategorien, nämlich des glatten raums versus der räumlichen insel. nach und nach löst er die europäische vorstellung davon, was eine stadt ist, auf. dabei gelingt es ihm, dem thema des glatten raums angemessen, eine zwischen wissenschaft und essay changierende, geglättete schrift vorzulegen: Wolfgang Koelbl: Tokyo Superdichtetext- wie thematische zitate ähneln fossilen abdrücken nicht mehr anwesender mitspieler. vorgestellt wird – gleichsam eine art negativtext – die negativform eines klassischen architekturverständnisses, das unter dem eindruck der gesteigerten dichte eine strukturumwandlung erfahren hat. eine shopping-werdung der architektur. superdichte (= tokyo) ist in erster linie ein massenphänomen, und diese masse muss entsprechend bedient werden, vor allem räumlich. nur ein raumkonzept, das sich dem täglichen sturmlauf nicht entgegenstellt, ihn ganz im gegenteil stimuliert, ist ihm gewachsen. würde man die gleiche masse an menschen, objekten, ereignissen abbremsen, portionieren und in eine herkömmliche raumstruktur verpacken, würde die masse an sich selbst ersticken. die einzige möglichkeit, einem derartigen kollaps zu entgehen besteht darin, die masse unablässig umzurühren und aus der bewegung heraus zu modellieren. tokyo ist eine agglomeration, die aus ihrem umfeld kontinuierlich herauswächst und nur übergänge anbietet, aber keine grenzen. man ist immer in der stadt. an den bahnsteigen der zentralstation shinjuku steigen täglich mehr als 1.700.000 passagiere aus den permanent anrollenden zügen aus. die gleiche anzahl steigt wieder ein. in summe über 3.400.000 bewegungen pro tag im jahresdurchschnitt. eine enorme bewegungsleistung und ein stadtgefüge kollidieren an einem punkt. hier versagen die bekannten denkmodelle des urbanen und architektonischen raumes inklusive seiner subkonzepte: orientierung, wahrnehmung. schockwellen, chaos, verformungen. der unmittelbare einflussbereich der kollision wird zum trümmerfeld des stadt- und architekturbegriffes, eine gesamtstatistische bevölkerungszahl als qualifizierung versagt, sehr viel aufschlussreicher sind die täglichen potentialschwankungen bzw. die vitalstruktur innerhalb der metropole. schlafstadt, bürokomplex, konsumbereich. förderband statt bus. die urbanen sonderzonen basieren auf einem konsequenten zusammenschluss von shopping, öffentlichkeit und schaltstellen der transportsysteme; die übergänge sind fliessend, es verschwinden annäherung, einstimmung, orts- und distanzverständnis, meist geht auch jegliches zeitverständnis verloren. trotzdem kann man an zentralen knotenpunkten eine fläche von (nur!) etwa einem halben quadratkilometer als ›superdicht‹ oder von superdichte entscheidend beeinflusst ausmachen. was zuerst als extremvariante einer stadt anmutet, entpuppt sich sukzessive als das gegenteil, als nicht-stadt, die nur funktionieren kann, wenn sie alles vermeintlich städtische abwirft und zu einem reinen zustand der intensität wird. die stadt entledigt sich ihrer selbst, ganz ähnlich der entindividualisierung, wie sie in Michal Hvoreckys roman city vorgestellt wird. in der neuen hauptstadt supereuropas bestimmt der globale kapitalismus das leben der menschen, neugeborene werden Nivea oder Gucci genannt, da grosse konzerne für die namensgebung bezahlen. der erzähler versucht sich von den fesseln der virtualität, von der übermacht der bilder zu befreien, was ihm wie seinem autor nur bedingt gelingt. der erzählfaden reisst zugunsten atmosphärischer ebenen ab – und entspricht damit wiederum ganz den voraussetzungen supereuropas. das städtische abzuwerfen bedeutet, keinen unterschied mehr zu machen zwischen innen und aussen. durch eine relative übergangslosigkeit, das gleiten von einem stadtzustand in einen anderen, entfallen architektonische oder räumliche bewertungskategorien. die uneindeutigkeit eines departmentstores etwa entwickelt so eine im grundsätzlichen raumverständnis der japanischen mentalität bereits verankerte art androgynie. ›gross‹ meint in superdichte daher zuallererst breit und nicht hoch, raum in japan ist eine horizontale kategorie, keine vertikale. selbst die hochgeschossigen gebäude tokyos versuchen, einen bewussten etagenwechel zu vermeiden. laufbänder, rolltreppen, schiebetüren. bereits einfache wohnhäuser funktionieren seit jeher auf diese weise: they were not built to impress from the outside, and inside permanently installed dividing walls were minimal, with most of the space partitioned with sliding, removable panels. this gave the interior space a singularly fluid quality and profoundly affected japanese lifestyles and ways of thinking. der glatte raum führt stadt von einer formal-ästhetisch verkrusteten vielfachbesetzung auf einen simplen, ursprünglichen zustand zurück. die einströmende energie wird nicht passiv weitergeleitet, sondern umgewandelt von der bewegung von menschen, fahrzeugen, objekten in eine massive bewegung von informationen, konsumgütern, dienstleistungen, cash, erregung, erotik. Michal Hvorecky: City oder der unwahrscheinlichste aller Ortedie idee des übergangs ist dabei unmittelbar präsent, auch im sinne von vergänglichkeit. ein ewigkeitsanspruch wie in der europäischen architekturtradition, etwa wie in istanbul, wo nach traditionsrecht ein einmal errichtetes gebäude (und sei es noch so verfallen) nicht wieder abgerissen werden darf, kann sich in derartigen szenerien nicht festsetzen. entweder wird der horizont durch diffundieranschlüsse ins endlose verlängert oder dort, wo er in form einer kante auftreten wollte, durch ausstattung, dekoration kaschiert. ein vertikales raumorientierungsdenken scheint in der glatten raumlandschaft nicht zu existieren, lediglich ein horizontales optionendenken, das sich beispielsweise auch im reiseverhalten der japaner spiegelt: (ganz) europa in fünf tagen. der effekt dieser quantitativen anstrengung ist das zusammenwirken der zahlreichen attraktionen zu einer unterhaltungsmaschine, deren gesamtwirkung die blosse summe der einzelattraktionen nicht nur übertrifft, sondern kategorisch überholt: superdichte ist ein aggregatzustand des shopping, den man betreten, durchstreifen, angreifen kann, der gestaltwandlerisch architekturimages nachahmt, ohne aber die originale zuzulassen. so ist es von europa in fünf tagen zu europapark an einem tag nicht einmal mehr ein ganzer schritt, sondern höchstens eine körperdrehung. es verschwinden annäherung, einstimmung, orts- und distanzverständnis. das führt u. a. auch zu einem verlust des privaten. mit dem auslagern von relax- und wohnfunktionen in den öffentlichen raum wird gleichzeitig das bedürfnis nach privatheit ausgelagert. man nimmt einen teil der wohnung als anspruch nach superdichte mit. die simple (europäische) zuordnung wohnung = privat und departmentstore = öffentlich muss um diese auslagerungsbewegung verfeinert werden. superdichte bedeutet einen grundzustand des öffentlichen, in den eingestreut nischen bzw. inseln der privatheit platziert sind, die bezeichnenderweise nicht per gleitband oder rolltreppe, sondern nur durch einen abgeschlossenen, nach aussen sich aber in den glatten raum unauffällig einfügenden lift erreicht werden können. dabei wird für eine zone der entspannung und des nicht-konsums gleichwohl eintritt verlangt, was einerseits beweist, dass shopping mindestaktivität in superdichte ist und jegliche abweichung von diesem ausgangslevel, egal ob mehr oder weniger shopping, zusätzlich verrechnet werden muss. tokyo verursacht verwirrung. es gibt weder hausnummern noch strassenbezeichnungen. nur brücken und wenige hauptadern tragen einen namen. abgesehen von einem rechtschreib-lektorat, dessen das buch dringend bedurft hätte, gelingt Wolfgang Koelbl die nachahmung des superdichten zustands nahezu authentisch: nur wenige überschriften, der text gleitet von teilbereich zu teilbereich, wiederholt sich auch. argumente ermüden durch streckenweise zu wenig konzentration, der autor verpasst es, metaphern wie die des fliessenden übergangs auszureizen, wenn er bald software/hardware-vergleiche führt, bald wieder manga-assoziationen darlegt. genau das jedoch entspricht dem beschriebenen gegenstand; wiederholungen gehören angekündigtermaszen zum konzept des umherdriftens, fliessens. hier, bereits in der beschreibung, beginnt die substanzlose, scheinbare, flüchtige stadt: die letzten kapitel diffundieren mehr und mehr ins unkonkrete, die mehrzahl der zugänge sowohl zur stadt als auch zum buch bleibt unbeschildert, ebenfalls folgen viele der direkten abgänge in die stationsbereiche der öffentlichen verkehrsmittel dieser schweigsamkeit. sie sind oft nicht einmal aus nächster nähe als solche zu erkennen. wer aber diese dichte eintrittsperspektive erreicht hat, ist längst in den ereignisraum eingestiegen. dann ist superdichte nicht mehr revidierbar.

 

mit zitaten aus: Wolfgang Koelbl: tokyo superdichte. hg. von Christine Bärnthaler. ritter theorie. klagenfurt: ritter verlag, 2000. 243 seiten. isbn 978-3-85415-281-1. 15,90 euro. Michal Hvorecky: city oder der unwahrscheinlichste aller orte. aus dem slowakischen übersetzt von Mirko Kraetsch. stuttgart: tropen/klett-cotta, 2006. 288 seiten. isbn 978-3-608-50081-3. 19,80 euro.

Hallo crauss! Super

Hallo crauss! Super interessant. Ich verstehe gar nicht, warum mich Tokio immer so elektrisiert. Natürlich Barthes gelesen, das Reich der Zeichen, und Lost in Translation bewundert, mit dem luxuriösen Getto da oben und unten die Stadt, die ... breit ist, nicht hoch; bei uns ist vieles hoch, was eindeutig konnotiert ist: Hierarchie, hinunterschauen auf andere, Macht demonstrieren. So eine Stadt (Ob das Wort stimmt?) organisiert sich vielleicht selbst, und alle bewussten Reformen haben vielleicht einen ungeahnten Ausgang: Mal schauen, wie's wird. Und dann unser Blick; unsere Hoffnung auf individuelle Erlösung. Der Japaner denkt gewiss nicht daran, er strömt mit den anderen dahin und gehört dazu, und das ist sicher okay. Letzte Woche war ich in Mailand, draußen saßen Leute in den Cafés, und es war ein unerhörtes Glücksgefühl, nur vorbeizugehen und zu schauen und dazusein. Viele Grüße Manfred. Poser.

 

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