Zum Totlachen

Harald Schmidt und andere namhafte Vorleser präsentieren im Kölner Schauspielhaus Auszüge aus David Foster Wallace' Roman Unendlicher Spaß

Helge Malchow ist glücklich, das sieht man. Für den Chef des Kölner Verlages Kiepenheuer und Witsch stellt es keine Selbstverständlichkeit dar, bei einer Lesung von der Bühne aus in einen bis auf den letzten Platz gefüllten Theatersaal zu blicken. Der Stolz auf das Buch, ›sein‹ Buch, lässt ihn am Rednerpult vor Freude strahlen. Nun, möchte man hinzufügen, es geht ja an diesem Abend im Kölner Schauspielhaus auch nicht um ein gewöhnliches Buch: Auf dem Programm steht der Roman Unendlicher Spaß des amerikanischen Autors David Foster Wallace – ganze 1545 Seiten dick, der Übersetzer Ulrich Blumenbach benötigte sechs Jahre für die Übertragung aus dem Englischen. Eine bunte Truppe aus Prominenten und Mitgliedern des Kölner Schauspiel-Ensembles hat sich nun angekündigt, um ihre Lieblingsstellen aus dem Roman vorzutragen. Die ganze Veranstaltung dauert dabei dreieinhalb Stunden, getreu dem Motto: Wenn das Buch den Rahmen sprengt, können wir das auch! Die Neugier der Zuhörer ist den Vorlesern dabei sicher. Schließlich war es dem Verlag mit brillanter Öffentlichkeitsarbeit gelungen, das Buch erscheinen zu lassen wie einen ungehobenen Schatz auf dem Meeresgrund, den noch niemand je zuvor gesehen hat. Selten wurde so viel über ein Buch gesprochen, das nur die wenigsten bisher gekauft und noch weniger zu Ende gelesen haben dürften. Die Zuschauer im Saal des Schauspielhauses versprühen denn auch den Eindruck einer überspannt-erwartungsfrohen Goldgräbermeute. Entsprechend euphorisch werden die Vorleser auf der Bühne empfangen. Sie nehmen Platz auf kargen schwarzen Stühlen im Hintergrund. Der erste Auftritt gebührt dem Schauspieler Manfred Zapatka. Die heikle Aufgabe, dem Publikum die ersten Zeilen aus einem Buch zu präsentieren, vor dessen ausuferndem Wesen viele wohl fast schon Angst entwickelt haben, löst Zapatka dabei denkbar simpel – er bringt das Publikum zum Lachen. Eine Lachsalve nach der anderen schwappt über die Sitzreihen, Zapatka liest sehr akzentuiert und macht den Zuhörern die verschachtelten Wallace-Sätze auf diese Weise leicht zugänglich. Er hat eine Stelle aus dem Roman ausgewählt, in der der Drogensüchtige Don Gateley mit einem Kumpanen in eine Villa einbricht und den Hausbesitzer am Ende auf einem Stuhl festbindet und ersticken lässt, was Wallace detailversessen und penetrant-genau beschreibt. Die Zuschauer lachen deshalb, weil Zapatka jede Pointe betont – sei es die dämliche Clownsmaske von Don Gateley oder die Tatsache, dass der Hausbesitzer erkältet ist, und ihn die Räuber deshalb nicht verstehen. Es gibt wohl kaum ein Buch, bei dessen Vortrag der Leser eine solche Macht hat. Es ist schließlich keine Selbstverständlichkeit, über den Erstickungstod eines Menschen zu lachen. Aus all den wichtigen Sätzen über Wallace' Buch an diesem Abend ragt einer von Helge Malchow heraus, der das wichtigste Merkmal des Romans benennt: die permanente und gleichzeitige Anwesenheit von Komik und Tragik. Ob die Zuhörer lachen oder schweigen, hängt davon ab, wie der jeweilige Leser den Text präsentiert – jede Stelle in diesem Buch bietet genügend Anlässe für beides. Dank der unglaublich feinfühligen Empathie, mit der Wallace in seine Figuren eintaucht, lässt einen der Unendliche Spaß niemals kalt. Die exzellente Konzeption dieser Lesung zeigt sich, als der Übersetzer Ulrich Blumenbach Gelegenheit bekommt, in Form eines Interviews den Roman zu erklären. Er erläutert, zu Beginn augenscheinlich etwas nervös ob des großen Publikums, die einzelnen Handlungsstränge sowie die wichtigsten Figuren. Blumenbach erklärt auch das Paradox, zu dem ihn das Buch gezwungen habe: »Normalerweise werde ich dafür bezahlt, Texte verständlich zu machen. Aber hier ging es darum, den deutschen Text wieder unverständlich zu machen, weil er es im Original ja auch ist.« Dass Wallace in seinem Werk die Phantasie bis an die Grenzen des Verständlichen ausreizt, sollten die Zuschauer noch merken an diesem Abend in Köln. Zunächst jedoch zeigt Joachim Król, was für ein fantastischer Vorleser er ist. Die rechte Hand immerzu in der Luft unterwegs, unentwegt hinter dem Pult herumtrippelnd, liest er die Stelle über die Geburt einer der Figuren des Romans, als habe er das Geschehen eben gerade noch selbst verfolgt. Der Saal ist begeistert und spendet ihm minutenlangen Beifall. Nur einer im Raum verwehrt sich der großen Gaudi – überdimensional riesig prangt hinter der Bühne ein Porträt des Autors, in seinen Augen alle Schwere dieser Welt. So blickt er hinab in den Saal, mahnend: Nein, liebe Leute, dieses Buch ist viel zu komplex, um nur lustig zu sein. Wallace hat sich vor etwa einem Jahr das Leben genommen, war klinisch depressiv. So einer schreibt keine Slapstick-Vorlagen. Es fällt Michael Wittenborn und Simon Eckert, zwei Mitgliedern des Kölner Schauspiel-Ensembles, zu, dem vergnügten Publikum diese Lektion zu erteilen. Bedächtig nehmen sie nebeneinander an einem kargen Tisch Platz und lesen mit leisen Stimmen den Dialog zweier Terroristen, wobei der eine von beiden gedankenverloren die Geschichte seines Vaters erzählt. Wie der einer TV-Sendung verfiel, sich in eine Obsession hineinsteigerte und so die ganze Familie und sich selbst zerstörte. Wittenborn geht vollkommen in diesem Part auf. Seine Stimme ist so leise und belegt, dass man sie teilweise kaum noch versteht. Jetzt lacht keiner mehr, der Unmut bei einigen Zuschauern ist deutlich zu spüren. Aber Wallace kann eben mehr, als nur Lachbomben zu zünden. Es ist diese Fähigkeit, den schleichenden, quälenden Selbstverlust des Vaters an eine Scheinwelt so elendig genau zu beschreiben, als habe er es selbst gefühlt, die den Unendlichen Spass zu einem großen Buch macht. Die unendliche Dualität von Tragik und Komik. Maria Schrader, die im Anschluss liest, steht Wittenborn in nichts nach. Sie betont mit ihrer sanft-rauchigen Mitternachts-Stimme gekonnt die Atmosphäre in einem nächtlichen Tonstudio, die Wallace beschreibt. Die Veranstalter der Lesung lassen die Zuhörer mit dem »Mount Everest der Literatur«, wie ein Kritiker das Buch nannte, nicht allein. Auf der Bühne erscheint nun erneut Malchow, der u.a. dem Literatur-Kritiker Denis Scheck von seiner realen Begegnung mit Wallace in L.A. vor einigen Jahren berichtet: »Ein großer, sanfter Freak.« Harald Schmidt setzt im Anschluss dazu an, diese These zu bestätigen. Mit ›seiner‹ Textstelle zeigt er, wie Wallace in dem Roman die Grenze zwischen Phantasie und blankem Irrsinn austestet. Er lässt die Hörer teilhaben am Zusammenbruch des Drogensüchtigen Poor Tony, der sich eine Woche lang nur von Hustensaft ernährt und auf der Herrentoilette einer Bibliothek verbarrikadiert. Schmidt läuft zu großer Form auf und ruft die Textzeilen so laut und unerbittlich in den Saal, dass einige Zuschauerinnen sich verschreckt hinter ihre Schals zurückziehen. So hätte Wallace es wohl gewollt – gleichsam rufend: Auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt, so grausam kann diese Welt sein! Und ja, man kann in ihr scheitern und elendig auf einem Bibliotheks-Toilette in seinen eigenen Exkrementen versacken. Ohne dass irgendjemand kommt und einem hilft. David Foster Wallace hat ein Buch voller solch abstruser Szenen geschrieben, deren bitterbösen Ernst nur der wahrnimmt, der nach dem Lachen noch einmal den Kopf anschaltet. Für die Lesung aus einem so vielschichtigen Roman war es genau die richtige Entscheidung, so unterschiedliche Charaktere wie Michael Wittenborn und Joachim Król auf der Bühne zu vereinen. So bekamen die Zuschauer alle Facetten des Unendlichen Spaßes zu hören und vor allem Lust auf dieses Buch, bei dessen Lektüre man pro Seite mindestens ein neues Wort kennen lernt. Das dürfte dann wiederum vor allem Helge Malchow glücklich gemacht haben. David Foster Wallace: Unendlicher Spaß. Lesung aus der Übersetzung von Ulrich Blumenbach mit Harald Schmidt, Simon Eckert, Joachim Król u. a. Moderation: lmar Krekeler. 10. Oktober 2009, Schauspiel Köln. Eine Kooperation von Kiepenheuer & Witsch, dem Literaturhaus Köln und dem Schauspiel Köln. Projektblog zum Buch von Kiwi: http://www.unendlicherspass.de

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik & Literatur« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!