Zwischen »Heimat« und »Zuhause«

Jung, gutaussehend, erfolgreich. Seit er das Literaturinstitut in Leipzig verlassen hat, kann er von seinen Theaterstücken leben. 2005 ist sein erster Roman, Zuhause, erschienen. Heute wird Kristof Magnusson 30 Jahre alt.

K.A.-Redakteurin Katrin Uelpenich sprach mit ihm in Bergisch Gladbach über seinen Weg in den Literaturbetrieb, den Begriff „Zuhause“ und die Einsamkeit beim Lesen.

 

Kristof Magnusson (Foto: privat)

K.A.: Vor Ihrem Einstieg in die Literatur haben Sie eine Ausbildung zum Kirchenmusiker absolviert. Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Kristof Magnusson: Ich habe schon immer geschrieben, aber nie gedacht, dass das etwas ist, womit ich professionell was machen kann. Ich hatte aus der Schule und aus Biografien von Komponisten und Autoren zu sehr den Geniegedanken im Hinterkopf. Ich dachte, sofern es einem nicht wirklich physisch schlecht geht, wenn man mal zwei Tage lang nicht schreibt, kann man sowieso nicht Schriftsteller werden. Aber dann habe ich während der Ausbildung zum Kirchenmusiker immer mehr geschrieben, auch die Texte, mit denen ich mich dann aus Witz in Leipzig beworben habe. Einer der großen Vorteile einer Ausbildung wie der in Leipzig ist, dass man sich die Zeit zum Schreiben nicht erst freischaufeln muss. Man muss nicht überlegen, macht man was für die Uni oder schreibt man einen literarischen Text, sondern man schreibt einen literarischen Text für die Uni. Ich hatte dann das Glück, dass am Ende des Studiums schon erste Theatertexte aufgeführt wurden, so dass ich danach davon leben konnte. Mal schauen, wie es in fünf Jahren sein wird, aber bis jetzt habe ich tatsächlich Glück gehabt.

Haben Sie sich in Leipzig einfach nur aus Lust und Laune beworben oder haben Sie sich da Chancen ausgemalt? Wie kam der Gedanke, an diese Schule gehen zu wollen?

Ich hatte mich eigentlich für einen Drehbuchstudiengang an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg beworben. Dort war ich auch beim Aufnahmegespräch, aber die haben mich nicht genommen. Ich habe mich wahnsinnig geärgert und mich für Slavistik eingeschrieben, was ich auch sehr gerne gemacht hätte, weil ich in der Schule Russisch gelernt habe. In Leipzig habe ich mich eher deshalb beworben, weil ich in der Süddeutschen einen Artikel darüber gelesen hab und dachte, das kann man sich doch mal angucken. Ich war dann sehr positiv überrascht von der Schule und wie freundlich das Aufnahmegespräch war, gerade im Vergleich zur Filmhochschule in Babelsberg. Man wurde wirklich nett behandelt, es gab einen Warteraum, wo Wasser und Kaffee standen. In Potsdam war es eher so, dass man gar nicht wusste, wo man hinsollte, und angemacht wurde, wenn man irgendwo klopfte. Insofern bin ich im Nachhinein einfach sehr froh darüber, dass die mich in Potsdam nicht genommen haben. Denn ich weiß nicht, ob ich mir dann wirklich noch die Zeit für literarische Sachen genommen hätte. Sonst wäre ich jetzt vielleicht bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten.

Das wäre ein Verlust.

Ja, das hätte ich auch sehr schade gefunden. Es ist zwar super bezahlt, aber…

Sie haben gesagt, dass Ihre Stücke schon gleich nach dem Studium aufgeführt wurden. Wie haben Sie Ihren Verlag gefunden?

Ein Gastdozent fand meine Stücke gut und hat sie an seinen Bühnenverlag weitergereicht, den Verlag der Autoren, und die haben mich genommen. Man braucht schon einen Verlag, um an die Bühne zu kommen. Man muss sich durch Workshops, kleine Wettbewerbe und Veröffentlichungen in kleinen Literaturzeitschriften so langsam in den Literaturbetrieb reinschreiben.

Was halten Sie denn von Autorenforen im Internet? Ist es förderlich, dort mitzumachen, wenn man eine literarische Karriere anstrebt? Oder ist das eher etwas, das man nicht so ernst nehmen kann?

Ich glaube, dass es insofern sinnvoll ist, weil man dadurch ja Schreibpraxis gewinnt. Am besten ist es natürlich, wenn man sich auch mit den Texten der anderen kritisch auseinandersetzt und selbst Rückmeldungen bekommt. Bei Jetzt.de, dem Forum der Süddeutschen Zeitung, gibt es zum Beispiel auch eine redaktionelle Betreuung. Den meisten Verlagen werden Internetforen vermutlich egal sein, aber die Texte, die dort entstehen, kann man dann auch mal bei Zeitschriften oder Wettbewerben einreichen. Was man aber wirklich nie machen sollte, ist, sich auf Verlage einzulassen, bei denen man was zahlen muss. Das ist, juristisch unkorrekt ausgedrückt, eine legale Form von Betrug. Natürlich ist das rechtlich alles in Ordnung, aber moralisch finde ich es höchst verwerflich, weil diese Verlage den Leuten auch viele Hoffnungen machen. Es gibt Autoren, die denken, sie müssten da jetzt 10.000 Euro für den Druck bezahlen und hätten damit ihren Durchbruch. Diese Verlage aber sind in keiner Weise in der Lage, Bücher irgendwo zu platzieren, weder im Handel noch in den Medien.

Der Verlag, in dem Ihre Theaterstücke erscheinen, verlegt keine Prosa. Haben Sie lange nach einem Verlag für Ihren Roman suchen müssen? Und war das Manuskript schon fertig, bevor Sie ihn gefunden haben?

Glücklicherweise war ich durch die Stücke und auch durch Stipendien, unter anderem vom Deutschen Literaturfonds, in der Lage, den Roman erst fertig zu schreiben und dann einen Verlag zu suchen. Drei Jahre hat es gedauert, das Buch zu schreiben. Ich bin danach indirekt auf die Suche gegangen: Ich hatte eine Literaturagentin. Die hatte mal eine meiner Erzählungen in einer Anthologie von KiWi gelesen und dann gefragt, ob ich nicht was Längeres hätte. Als sie dann mein Buch hatte, ging alles relativ schnell. Es gab drei Angebote, unter denen ich mich für Kunstmann entschied.

Weil die die besten Konditionen oder die besten Aussichten für die Vermarktung Ihres Buches geboten haben?

Also, die haben nicht am meisten gezahlt. Aber es kam mir darauf an, dass der Verlag hinter mir steht. Wenn ein Verlag schon diverse andere große Titel hat, mit denen er wuchert, und man auf Platz fünf in der Verlagsvorschau steht, dann guckt sich das keiner an. Kunstmann ist ein sehr engagierter und mit neun Mitarbeitern auch kein kleiner Verlag. Aber doch ist es bei denen so, dass man alle kennt und alle auch wissen, wer man ist. Außerdem ist es sympathisch, weil er noch Antje Kunstmann selbst gehört und man sich mit ihr auch auseinandersetzen kann. Von Kollegen aus anderen Verlagen höre ich immer wieder, dass, wenn sie ihren Lektor oder ihren Verleger irgendetwas fragen, sie nie eine richtige Antwort erhalten, weil es immer heißt: „Da muss noch mal bei der Konzernzentrale nachgefragt werden.“ Bei Kunstmann weiß ich immer, wer die Entscheidungen trifft. Mal ganz abgesehen davon, dass es dort den besten Kaffee gibt.

Drei Jahre haben Sie für Zuhause gebraucht. Schreiben Sie täglich oder machen Sie auch mal ’ne Woche Pause zwischendurch? Kommt es vor, dass Sie die Hälfte wieder verwerfen, wenn Sie unzufrieden sind?

Kristof Magnusson: ZuhauseJa, das kommt oft vor. Ich glaube, ich habe an dem Buch ein halbes Jahr geschrieben, dann war es einmal fertig und dann habe ich es zweieinhalb Jahre lang überarbeitet und zusammengestrichen. Ich streiche wahnsinnig viel. Zwischendurch mache ich schon mal einen Monat Pause und übersetze etwas. Manchmal ist es ganz gut, einen Text mal liegen zu lassen und was völlig anderes zu machen. Ich bin niemand, der so Thomas-Mann-mäßig jeden Abend 1-2 Seiten vorlesen kann, die er an dem Tag geschrieben hat.

Sind Sie denn mit Ihrem Roman hundertprozentig zufrieden?

Ja.

Oder würden Sie gerne auch jetzt noch was daran ändern?

Zufriedenheit ist ja nicht, dass man denkt, man hätte das ideale Buch geschrieben – das denke ich natürlich nicht. Zufriedenheit bedeutet eher, dass das Buch den Stand repräsentiert, auf dem ich zu dem Zeitpunkt seiner Fertigstellung war. Daran jetzt noch etwas ändern zu wollen, wäre Quatsch, es sei denn, dass man sich grob missverstanden fühlt. Worauf es aber ankommt, ist, dass man sagen kann: Ich möchte nichts daran ändern, wie ich damals war. Und deshalb will ich auch an dem Buch nichts ändern.

Wie ist das, wenn man nach drei Jahren Arbeit an den Punkt kommt, an dem man weiß: „Jetzt ist es fertig, so kann es bleiben“?

Auf den Zeitpunkt habe ich mich vorher wahnsinnig gefreut, aber er hat sich nie richtig eingestellt. Oft habe ich gedacht: „Jetzt ist es ist fertig!“ – und dann war es das doch noch nicht. Dann lässt man es einen Monat liegen und macht doch noch was dran. Dann kommt das Lektorat und man muss wieder was dran machen. Und dann erst geht es in den Druck. Bei mir war es so, dass zum Zeitpunkt der Drucklegung meine Teilnahme am Bachmannwettbewerb in Klagenfurt bevorstand, und danach war die Premiere von Männerhort in Berlin. Das heißt, so ein Punkt, an dem ich wirklich dachte: „Die Früchte von drei Jahren Arbeit liegen jetzt vor mir und ich kann sie, so erntedankmäßig, angucken und mich erfreuen“, den gab es nicht. Das liegt aber auch daran, dass immer wieder Kritiken kommen und Lesungen stattfinden. Solange was passiert, kann man keinen Abstand nehmen. Wenn mich niemand hätte einladen wollen, dann hätte ich jetzt vielleicht eher das Gefühl, das alles abhaken zu müssen.

Haben Sie, während Sie Zuhause geschrieben haben, nicht nur an Übersetzungen, sondern auch an anderen Texten gearbeitet?

Ich habe den Schluss von Männerhort noch mal überarbeitet und ab und zu eine Reportage geschrieben. Aber literarisch habe ich in dieser Zeit nichts Neues begonnen.

Wie sind Sie auf den Titel „Zuhause“ gekommen?

Ich habe beobachtet, dass es entweder so ist, dass ich den Titel sofort habe oder dass ich ihn nie richtig finde. Hier war er sofort da. Als ich einmal in Berlin mit der U-Bahn an dem neuen Bürogebäude von Universal vorbeigefahren bin – damals waren die mit ihrer Zentrale gerade von Hamburg nach Berlin gezogen –, hing dort ein Banner: „ZUHAUSE“. Da hab ich dann über diesen Begriff nachgedacht und dass es doch interessant ist, wie in Deutschland unterschieden wird zwischen „Zuhause“ und „Heimat“. „Zuhause“ ist offensichtlich etwas, was man postulieren kann und wo viele Leute hinwollen, während Heimat dann doch eher was ist, von wo man wegwill. „Zuhause“ ist ein Begriff, mit dem man spielen kann. Man kann ihn mit Gemütlichkeit konnotieren oder ironisch brechen. Hinzu kam für mich die Idee, etwas über „Familie“ zu schreiben, und es sollte zur Weihnachtszeit spielen – also beides Dinge, bei denen „Zuhause“ eine große Rolle spielt. Weihnachten ist ja so eine Art Ernstfall von Familie und Zuhause.

Ist „Zuhause“ nicht auch ein Gefühl von Zugehörigkeit?

Auf jeden Fall. Und ebenso eins, was man sich herstellen kann. Man ist ausgeliefert, aber nicht zwingend hineingeboren, es ist immer eine Mischung. Es ist zwar auch von äußeren Einflüssen abhängig, aber letztendlich ist da ein großer Gestaltungsspielraum. Deswegen lassen sich dann an einem Begriff wie „Zuhause“ unterschiedliche Lebensentwürfe von unterschiedlichen Menschen darstellen.

Ihr Protagonist Lárus hat Island im Alter von neun Jahren nach dem Tod seiner Mutter verlassen und ist mit seinem Vater nach Hamburg gezogen. Trotzdem fühlt er sich sehr mit Island verbunden. Ist das nun sein Zuhause oder seine Heimat?

Es war seine Heimat und jetzt ist er auf der Suche nach einem Zuhause.

Aber die Stadt, in der er sich sicher fühlt, ist Hamburg. Ist „Zuhause“ nicht auch ein Gefühl von Geborgenheit unter Menschen, die man meint zu kennen, von Hingehören?

Ja, das ist interessant. Lárus fühlt sich auf jeden Fall in Hamburg sicherer, aber trotzdem verlässt er es, um in der Ferne nach seinem Zuhause oder nach der Verbindung, die zu dieser Heimat noch da ist, zu suchen.

Aber er findet nichts mehr. Sogar seine Sandkastenfreundin Matilda, die er wirklich zu kennen meint, ist nicht mehr so, wie er sie sich vorgestellt hat.

Er kann sich nicht mehr an andere Menschen wenden und nicht an irgendwelche Kontexte oder Strukturen. Also begibt sich Lárus in seine eigene Biografie, in der er nach irgendwelchen Bruchstücken sucht, die ihm noch Halt geben können. Letztendlich ist das auch die Bewegung des Romans, dass er immer tiefer in die Trümmer seiner eigenen Biografie steigt und letztendlich gestärkt daraus hervorgeht. Das finden nicht alle Leser, gerade über dieses Ende gibt es viele Diskussionen, die ich auch sehr interessant finde, weil es manche für ein offenes Ende halten.

Für Sie ist es nicht offen?

Für mich bedeutet „offenes Ende“, dass am Schluss wirklich offen bleibt, wie sich der Protagonist entscheidet. Hier hat sich der Protagonist eindeutig entschieden, was er will und was er nicht will. Aber wie gesagt, darüber kann man diskutieren. Es gibt auch Argumente für einen offenen Schluss. Gerade für ein von der Handlung getriebenes Buch ist es gut, wenn das Ende nicht zu eindeutig ist, es darf aber auch nicht die ganze Handlung, die vorher war, dadurch ad absurdum führen, dass es völlig ausfranst und gar nichts mehr auflöst. Es war beim Schreiben schwierig, dazwischen die Balance zu halten.

Interessant erscheint mir auch, dass Lárus Stärkung in der Vergangenheit findet. Er hat bis dahin doch immer versucht, alles Unangenehme zu verdrängen…

Das war auch eine der wichtigen Grundideen für mich, genau diese Spannung: Je mehr er versucht, vor seiner Vergangenheit wegzulaufen, desto mehr und umso schneller holt sie ihn ein. Das zeigen auch die beiden unterschiedlichen Familienkonzepte: Auf der einen Seite die Industriellenfamilie, fast schon ins Groteske übersteigerte Erinnerer. Sie erinnern sich an Verwandte, die schon Hunderte von Jahren tot sind. Auf der anderen Seite steht das urbane Singleleben, dass Lárus und Matilda am Anfang führen und das ja geradezu davon lebt, dass man sich nicht erinnert. Um neu anfangen zu können, muss man alte Dinge bis zu einem gewissen Maß ad acta legen können. Diese beiden Extremfälle waren mir wichtig, weil es heute für viele Leute ein Thema ist, wie man sich zwischen diesen beiden Extremen verorten kann.

Matilda will ganz bewusst nicht mehr dieses Singleleben führen, sie zieht aus ihrer Wohnung in eine WG und kündigt ihren Job. Dabei distanziert sie sich von Lárus. Kann man sich nur ändern, wenn man dabei einsam ist, ohne das bisher Vertraute?

Das würde ich nicht sagen. Wenn die Figuren nur allein gewesen wären, glaube ich nicht, dass sie sich geändert hätten. Sowohl Lárus als auch Matilda ändern sich ja dadurch, dass sie sich aneinander reiben, dass sie sich nicht in ihren Neurosen immer weiter verfestigen. Ich glaube, das ist im wirklichen Leben auch so: Es ist immer das Neue, das einen verändert.

Aber trotzdem können die beiden nach der Veränderung nicht mehr so richtig miteinander. Lárus sagt: Du bist kein WG-Mensch, du bist nicht kommunikativ, in meinen Vorstellungen bist du so und nicht anders. Wogegen sie sich wehrt, indem sie sagt: Du siehst nur die eine Seite von mir.

Ich weiß nicht, ob das im Buch richtig rüberkommt, aber ich bin eigentlich optimistisch, dass die beiden wieder zusammenfinden. Vielleicht mussten diese Gegensätze einmal aufbrechen, und die beiden können sich schon durch ihre gemeinsamen Erlebnisse dabei wieder aneinander annähern. Vielleicht haben sie dadurch eine Methode gefunden, wie sie sich mit den Unterschieden in ihrem Charakter auseinandersetzen können. Vielleicht ist das auch nur meine Hoffnung, dass sie sich wiederfinden.

Die FAZ hat Ihr Buch sinngemäß als „günstigen Trostspender für Einsame“ bezeichnet. Empfinden Sie Ihren Roman als tröstlich?

Als der Herr Kämmerlings das geschrieben hat, hab ich mich zumindest gefreut. – Ich überlege jetzt gerade, ob nicht alle Bücher Trostspender für Einsame sind, einfach weil Lesen ja für viele Leute eine Kulturtechnik ist, die die Einsamkeit veredelt. Man ist ja in dem Moment allein – nicht unbedingt einsam, aber allein.

Wobei gute Geschichten den Leser doch auch mitnehmen und aus dem Alleinsein erlösen, weil man sie mit ihren Charakteren zusammen erleben kann, auch wenn das natürlich keine realen Personen sind.

Und vielleicht ist gerade das der Trost, dass man zwar von der Außenwelt abgeschottet, letztendlich aber eben doch nur allein und nicht einsam ist. Aber auch auf einer etwas praktischeren Ebene denke ich, dass so ein Buch wie meins für manche Leute als Trostspender besonders gut geeignet ist, weil es eben versucht, sich mit den Mitteln des Humors und den Mitteln der Leichtigkeit einem Thema wie dem Liebeskummer zu nähern.

Zur Zeit sind Sie ja auf Lesereise. Ihr Tourplan ist wirklich beachtlich, außerdem haben Sie ein Stipendium in Langenthal, die Kritische Ausgabe haben wir Ihnen nach Hamburg geschickt, im Klappentext Ihres Buches steht, dass Sie in Berlin leben… Wo ist denn nun Ihr Zuhause? Und wo fühlen Sie sich heimisch?

Meine Heimat ist Hamburg, weil ich dort aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Zuhause fühle ich mich sehr auf Island, weil ich daran durch die Besuche mit meinem Vater schon seit der frühesten Kindheit Erinnerungen habe. Zur Zeit geht es bei dem Sich-zuhause-Fühlen eher darum, dass gute Freunde in der Nähe wohnen. Deshalb fühle ich mich nicht in Berlin zuhause, aber in meinem Stadtteil Kreuzberg-Neuköln.

Man findet nur sehr wenige persönliche Informationen über Sie, ja, noch nicht mal den genauen Geburtstag. Ist das Absicht oder hat Sie einfach noch nie jemand danach gefragt?

4. März 1976. Nein, das ist wirklich keine Absicht. Ich glaube, danach hat wirklich noch nie jemand gefragt. Die meisten möchten eher so technische Sachenwissen.

O.k., dann frag ich eben: Haben Sie Familie?

Sehen Sie, das zum Beispiel hat auch noch nie jemand gefragt. Mein familiärer Hintergrund ist relativ normal. Ich habe keine Kinder, also keine eigene Familie. Mein Vater ist lange vor meiner Geburt wegen meiner Mutter nach Deutschland gezogen. Sie sind beide Lehrer und wohnen seit fast 50 Jahren zusammen in Hamburg. Das ist also recht unglamourös und hat wenig mit der kaputten Familiensituation zu tun, aus der Lárus kommt.

Also sieht es mit autobiografischen Parallelen zum Roman eher schlecht aus.

Die kann man auf anderen Ebenen sicherlich ziehen. Es gibt Geschehnisse in dem Buch, die ich vielleicht so erlebt habe, die ich aus meinem Leben ausgebaut und in andere Kontexte gesetzt habe. Aber die Makrostruktur lässt sich nicht übertragen. Deshalb wird darüber wahrscheinlich auch wenig geschrieben.

Werden Sie Ihren Roman selbst ins Isländische übersetzen?

Das könnte ich nicht. Ich kann ganz gut aus dem Isländischen ins Deutsche übersetzen, aber umgekehrt würde mir der letzte Schliff fehlen. Das müsste jemand machen, der dort zur Schule gegangen ist und nicht hier. Es gibt allerdings schon ein paar Verlage, die Interesse angemeldet haben. Hoffentlich entscheidet sich bald einer dafür.

Glauben Sie, Ihr Buch kommt in Island gut an?

Bei den Leuten, die ich dort kenne, ist es bislang ganz gut angekommen. Es gab auch schon im Radio und in der größten isländischen Zeitung sehr ausführliche Besprechungen, obwohl es dort noch gar nicht erschienen ist. Ich hatte schon Sorgen, weil das Buch natürlich auf Island nicht diesen Exotenbonus hat, von dem es hier auch profitiert. Wenn man mal betriebswirtschaftlich denkt, dann funktioniert dieses Buch als Nischenprodukt ganz gut, weil es durch Island ein klares Profil bekommt. Dafür wird es auf Island im Hinblick auf diese große, mächtige Familie und die wirtschaftliche Situation sehr viel mehr als Schlüsselroman gelesen. Das finden die Leute interessant. Island ist relativ klein, knapp 300.000 Einwohner, und dadurch, dass es halt ’ne Insel ist, entstehen solche Monopolstrukturen ganz schnell. Es gibt im Wesentlichen nur drei Reedereien und eine Fluggesellschaft – wenn man davon die Hälfte kontrolliert, hat man eigentlich schon gewonnen. Deswegen kann man wirtschaftliche Konzentrationsprozesse, die sich auch hier auf dem europäischen Festland abspielen, dort ganz gut im Modell beobachten.

Wird es eine Fortsetzung geben?

Das hab ich mir vorgenommen, in zehn Jahren soll sie fertig sein, ich denk dabei so ein bisschen an John Updike, der auch immer wieder die Leute in einem neuen Lebensabschnitt beobachtet. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich mit 39 noch einmal gucke, wie geht’s mir grad, und dann mit 49, 59, … Das ist jetzt so meine große Vorstellung, wer weiß, was daraus wird. Auf jeden Fall kommt die Fortsetzung nicht als nächstes, ich möchte nicht der Island-Onkel werden. Im nächsten Buch wird es um ganz andere Dinge gehen und es wird nicht auf Island spielen.

Und woran arbeiten Sie im Moment?

Ich habe ganz viele Ideen. Die sind zwar noch nicht so weit, das ich darüber schon was sagen könnte, aber es geht jetzt so langsam los!

 

Hinweise

Mehr Informationen über Kristof Magnusson, seine Theaterstücke und seinen Roman Zuhause, der jüngst mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde und mit dem er zur Zeit auf Lesereise ist, finden sich auf der Homepage des Autors sowie auf den Internetseiten des Verlags der Autoren und des Antje-Kunstmann-Verlags.

Über eine Lesung von Kristof Magnusson berichtete kürzlich Tine Bücken in der K.A. plus.

Im vergangenen Dezember hat Kristof Magnusson im Rahmen unseres „AdventsKAlenders“ seine zehn Lieblingsbücher des Jahres 2005 vorgestellt.

 

Anfang 2010 erscheint Kristof

Anfang 2010 erscheint Kristof Magnussons neuer Roman “Das war ich nicht”

Der Roman erzählt von drei Menschen, deren Leben durch Zufall in eine abenteuerliche Abhängigkeit gerät.

 

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