Zwischen Gestern und Heute

Eine Schau auf die Entwicklung innerhalb der Alben des Black Rebel Motorcycle Clubs
»We were close but we never made it home. We could see what we had and we let it go. Now it’s miles away and cast in stone.«
(aus »Half-State«, Beat the Devils tattoo)

Die Geschichte vieler Bands liest sich an der Oberfläche oft wie ein mittelmäßig gut konzipierter Roman: Erfolge, Misserfolge, der Woge der Begeisterung folgt die Monotonie des Alltäglichen und wie bei jeder Kunst wird alles angetrieben durch die Leidenschaft, ohne die der Schriftsteller nie zum Stift und der Musiker nie zum Instrument gegriffen hätte. Wie bei jeder Erfolgsgeschichte beginnt alles mit unreflektierter Euphorie der Adressaten, grenzenloser, überstilisierter Liebe zum scheinbar Neuen, das da so unverhofft daherkommt und dem tristen Leben eine Abwechslung gibt.

Das Neue im Alten
(Foto: © Ines Böckelmann)
Foto: © Ines Böckelmann

Zu einer Zeit, als Rock’n’Roll zu einem abgedroschenen Fachterminus einer längst überholten Musikweise verkommen war und dennoch jeder an ihm festhielt, traten Black Rebel Motorcycle Club auf die Bühne und fragten, ohne übertrieben philosophisch zu werden, vielmehr mit einer fast provozierenden Einfachheit »Whatever happened to my Rock’n’Roll« und waren damit eben jenem näher gekommen als die meisten dieser Tage. Dafür gab es Applaus, tosenden Beifall nicht nur im Heimatland, den USA, sondern auch in Europa von Musikkritikern und Moderatoren diverser Musiksender. Dem bejubelten Erstlingswerk B.R.M.C (2002) folgte mit Take them on, on your own (2003) ein nicht weniger beachteter Nachfolger, und weil das nicht unbedingt Usus ist, dachten viele, dass Black Rebel Motorcycle Club vielleicht für Jahre in ihrem Bereich die Erfolgsliste anführen würden.

Ein anderer Weg, oder »there is no excuse for a wasted life«

Doch dann folgte das dritte Album mit dem für sich selbstsprechenden Titel Howl (2005), welches völlig anders als erwartet. Der rote Faden, der sich durch die ersten beiden Alben gezogen hatte, verlor sich bis zur Unkenntlichkeit in einem Meer aus, für den BRMC-Hörer, bis dahin unbekannten Klängen. Psychodelic Rock wurde eingetauscht in American Folk Rock. Beeinflusst durch Gedichte Allan Ginsbergs komponierten sie mit Howl ein Album, das fast vollkommen akustisch gehalten war und vergraulten damit das Gros ihrer Anhängerschaft, die sich einem Black Rebel Motorcycle Club nicht öffnen wollte, der keine verschrammelten, dreckigen E-Gitarren zum Einsatz brachte. Es ist symptomatisch, dass Robert Levon Been in dem Song »Weight of the world« beinahe resigniert feststellt: »there is no excuse for a wasted life«. Zu eben jener beschriebenen charakteristischen Mischung aus Rock’n’Roll und psychodelischen Klängen der ersten beiden Alben kam nun also auch diese manchmal leise, manchmal fordernde Interpretation des American Folk Rock dazu. Das vierte Album Baby 81 (2007) ließ Folk und Psychodelic weitestgehend hinter sich und konzentrierte sich wieder auf originären Rock’n’Roll – etwas kurzweilig, aber seine Spuren im musischen Gedächtnis hinterlassend. Nur ein Jahr später veröffentliche die Band ein weiteres Album mit dem Titel The Effects of 333, das allerdings nur als digitaler Download erhältlich war und auch deshalb weniger in den Fokus der Aufmerksamkeit geriet. Effects of 333 ist das größte Experiment des Black Rebel Motorcycle Club – teilweise gelungen, an manchen Stellen vielleicht aber etwas überambitioniert. In zehn Liedern versuchen sie ohne Gesang das eigentlich Unerzählbare musikalisch erzählbar zu machen und dies die meiste Zeit über ohne wirklich erkennbare Instrumente und Klangmuster. Es wird verzerrt und viel mit Effekten gearbeitet, so dass quasi ein vertontes Stöhnen und Ächzen entstanden ist. Der Reiz dieses Ziehens und Zehrens an allen Soundmaschinen dieser Welt bildet den Grundton, der geschickt zwischen albtraumhafter Düsterheit und melancholischer Schwerelosigkeit zu balancieren weiß.

Der Kompromiss
(Foto: © Elias Bauer)
Foto: © Elias Bauer

Doch nun zu Beat the Devils Tattoo (2010), das zuallererst einen personellen Wechsel markiert – der alte Drummer Nick Jago verabschiedete sich und seitdem sitzt Leah Shapiro hinter dem Schlagzeug. Vielleicht ist dieses Album das am besten Durchdachte – sicherlich ist die Zusammenstellung der Lieder gut gelungen, aber oder gerade deswegen fehlt ihm jener Geist der ersten Alben. BRMC versuchen das ihnen Spezifische fast rabiat geglättet an den Hörer zu bringen, so dass letztlich nur ein verkümmertes Etwas vom Damals übrig geblieben ist. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn man genug Vertrauen in die verbliebene Hörerschaft gehabt hätte. Es scheint, als seien nun auch Peter Hayes und Robert Levon Been in den Konflikt geraten für immer in der Semibekanntheit herumzuwabern, die dem Erfolg der ersten Alben folgte, oder den Schritt ins ewig strahlende Licht zu schaffen. Dass dies allein kein Grund zur Verteufelung ist, versteht sich von selbst, aber es enttäuscht, dass eine Mittelmäßigkeit als Konsens gewählt wird, die vielleicht neuen Hörern nicht auffallen wird, den alten aber schon beim ersten Lied als lästiges Hintergrundrauschen im Ohr haftet. Der Grundgedanke hinter diesem Album ist nicht schwer zu erraten, es soll für jeden etwas dabei sein, gleichsam die Quintessenz ihres bisherigen Schaffens darstellen. Dass dies klanglich möglich ist, weiß man durch die Konzerte, in denen die Band stets bemüht ist nicht nur das jeweils aktuelle Album vorzustellen.

Ein Blick auf einige Betitelungen der Lieder des Albums wirkt zuerst einmal abschreckend. »Bad Blood«, »War Machine« und »Conscience Killer« sind zu gewollt aggressiv formuliert und erhalten zudem in Kombination mit weiteren Liedern wie »River Styxs« und »Mama tought me better« eine unfreiwillige Komik. Zufall oder nicht, die genannten Songs klingen so mittelmäßig wie ihre Benennung. Sie wollen besonders sein, sind es aber nicht. Das liegt daran, dass BRMC sich selbst zitieren, es wirkt fast so, als hätten sie sich zwischen dem letzten und dem jetzigen Album ein stückweit verloren und versuchten dies zu verbergen. Beat the Devils Tattoo klingt streckenweise nach einer Band, die wie BRMC klingen möchte, es sich aber nicht ganz traut.

(Foto: © Antje Ritter)
Foto: © Antje Ritter

Es sind gerade die Lieder, die an Howl erinnern sollen (»The Toll«, »Sweet Feeling«, »Beat the Devils Tattoo«), die enttäuschen, weil ihnen jene charakteristische spätsommerliche Melancholie abhanden gekommen ist, die sie ausmachte. Howl ist metaphorisch, fast sphärisch und klingt nach einem Heufeld im Wind, nach einsam herumstreunenden, heulenden Coyoten. Die Lieder auf Beat the Devils Tattoo sind so gewöhnlich, dass sie gar keine Assoziation hervorrufen. Auch textlich eröffnet sich keine neue Ebene. So singt Peter Hayes in der Pianoballade »Sweet Feeling«: »The sweet feeling’s gone, the sweet feeling’s gone. So they say with a pause it’ s just moving on. But I can’t see no I can’t see. No I can’t see it at all.« Würde sich parallel zur Wiederholung dieser Satzsequenz eine aufkommende Verzweiflung in seiner Stimme bemerkbar machen, wäre eben jene verzeihbar. Stattdessen einstimmige vokale und lyrische Monotonie. Auch die Ergänzung am Ende des Liedes »the sweet feeling’s gone , the sweet feeling’s gone with you« erscheint eher fade.

Wo sind die Textzeilen, die einen beim Hören inspirierten, weiter zu denken, ohne dabei abgehoben daherzukommen? Man denke nur an die Zeile »all the wrong I’ve done I am sure I’ll live quite long, all the wrong I’ve done will be undone in song« (aus »Done all wrong«) oder »does it feel too real when everything you’ve learnt to love seems to change? Does it feel too real when everything you love to fear seems the same?« (aus »Too Real«, B.R.M.C.).

Aussichten

Beat the devils Tattoo ist sicherlich ein Rückschritt. Es kommt weder an die fordernden Versatzstücke des ersten Albums heran, noch erreicht es die Mystik des dritten Albums, auch Hymnen, wie man sie auf Baby 81, dem vierten Album findet, sind selten. Dennoch gibt es auch auf dieser Platte Momente, die sich einordnen lassen in jenes Spezifikum, das die Band früher ausmachte. Dazu gehören die Stücke »Aya«, »Evol«, »Half-State«, »1:51« und »Matyr« (letzere nur auf der Limited Digital-Version zu finden). Während sich »Aya« als ein erotisierender, unverzierter Rock’n’Roll- Song präsentiert, bei dem man sich nicht ganz sicher sein kann, ob Peter Hayes die stilisierte Liebe, die personifizierte Liebe oder doch die amouröse Beziehung zum Tod besingt: »She’s the broken shadows on the fallen walls. With no master there’s no call. She’s the faithful silence that visits all. With no mercy, no remorse«, findet mit den vier anderen Songs eine Rückwendung zu den ausgeprägten psychodelischen Klängen des ersten Albums statt.

(Foto: © Elias Bauer)
Foto: © Elias Bauer

»Half-State« ist ein zehnminütiger Ausflug in die Zeit von Black Sabbaths »Planet Caravan« und lebt von seinen langen ausschweifenden Gitarrenparts, die dem einem oder anderen wieder zu lang sein mögen, aber in einer kurzen Variante hätte das Lied sicher nicht gewirkt. Auch »Half-State« besteht aus minimalistischer Lyrik, anders als bei der Ballade »The sweet Feeling« funktionieren hier aber die Wiederholungen. Text und Instrumentarium ergänzen sich, die Einfachheit hier wird durch die Komplexität dort ausgeglichen. »Evol« und »1:51« sind alte Bekannte – schon lange existieren diese Lieder und geistern auf Konzerten oder auf alten Tonaufnahmen herum. Über die Jahre wurden diese Songs geschliffen, bis sie es jetzt auf ein Album geschafft haben. So ist es selbsterklärend, dass sie viel Bezug zu den alten Stücken der ersten beiden Platten aufweisen.

Ein Gesamtkunstwerk ist Beat the Devils Tattoo sicherlich nicht – viele Stücke kann man ohne schlechtes Gewissen in Vergessenheit geraten lassen. Einige wenige Stücke wird man dagegen nicht so schnell vergessen können und dürfen. Musik hat es in dieser Hinsicht vielleicht leichter als Literatur – sie muss nicht immer als Gesamtkunstwerk daherkommen, um gewürdigt zu werden.

 

Diskographie:

B.R.M.C. Virgin/Abstract Dragon, 2002. Take them on, on your own. Virgin/Abstract Dragon, 2003. Howl. RCA/Abstract Dragon, 2005. Baby 81. RCA/Abstract Dragon, 2007. Effects of 333. Abstract Dragon/Independent, 2008. Beat the devils Tattoo. Abstract Dragon/Vagrant, 2010.

 

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