Zwischen Klischee und Realität »sehen« lernen

Auslandserfahrungen unserer Korrespondentin aus Paris

Paris – eine Stadt voller Mythen und Klischees – kann an Frankophilie leidende Abenteurer schnell desillusionieren. Marion Acker berichtet, wie sie dort das richtige »Sehen« erst lernen musste und welche Strategien sie entwickelte, um der Reizüberflutung zwischen Eiffelturm und Sacré-Cœur Herr zu werden.

»Après nous le déluge - Und nach mir die Sintflut«, sagte ich und ging. Die Sucht nach Abenteuern spült uns immer wieder an neue, unbekannte Ufer. In der Konfrontation mit dem Fremden fordern wir uns selbst heraus, testen unsere eigenen Grenzen aus und erfinden uns neu. Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist ein Chamäleon! Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sind nicht nur entscheidende »Soft-Skills«, wenn es darum geht, sich beruflich zu profilieren – nein, es handelt sich vielmehr um Kunstgriffe, die das postmoderne Individuum gekonnt und virtuos zur Lebensbestreitung einsetzt. Längst haben wir uns von Konzepten verabschiedet, die Vorstellungen von Integrität, Einheit und Kohärenz unter dem Stichwort »Identität« versammeln. Ich bin viele. Die eigene Identität fällt nicht vom Himmel, sondern muss aktiv hergestellt werden. Ich wollte meiner Identität mit Paris also etwas Gutes tun, »Identitätsarbeit« leisten, wie die Soziologen sagen würden. Und mal ehrlich – ein bisschen Glamour für den Lebenslauf schadet ja schließlich auch nie.

Momente der Desillusionierung

(Foto: © Marion Acker)Gut, ich mag den Film Noir. Ich gebe auch ehrlich zu, dass ich französische Chansons liebe, Françoise Hardy zum Beispiel. Ich esse gerne Artischocken und trinke dazu Rotwein. Prévert ist einer meiner Lieblingsdichter. Ich beneide die Französinnen um ihre Stilsicherheit und Eleganz. In keiner anderen als der französischen Sprache klingen Flüche und Schimpfworte wie zarte verbale Liebkosungen. Frankophilie ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Paris wirkt dagegen heilend. In einem rapide voranschreitenden Desillusionierungsprozess realisiert man, dass Balzac gelogen hat: Paris ist nicht »das Haupt der Welt«. Zuallererst wird man der Baguettes überdrüssig und wünscht sich wieder deutsches Vollkornbrot. Man wird auch relativ schnell mit der paradoxen Tatsache konfrontiert, dass es in Paris zwar über 8000 Cafés gibt, aber keinen guten Kaffee. Kaffee wird bei mir nur noch Zuhause gekocht. Und Achtung! Bestellt man in Frankreich einen »café«, wird ein Espresso gebracht. Wer einen einfachen Kaffee möchte, muss einen »café allongé« oder einen »café crème« bestellen. Im »Café les deux Magots« wird man vergeblich nach einem Sartre oder einer Beauvoir Ausschau halten. Man wird sagen: »Das war einmal«. Paris – lange Zeit Zentrum für Intellektuelle, Querdenker und Künstler – scheint heute verstaubt. Der Schatten der Vergangenheit lastet schwer auf der Stadt, die heute vom Glanz von damals zehrt. Montmartre: Auf der Place du Tertre tummeln sich zwei Maler pro Quadratmeter. Man kann den Zauber vergangener Zeiten nur erahnen: Hier wirkten Kubisten, Impressionisten und Surrealisten. Die märchenhaft anmutende Basilika Sacré-Cœur – von den Touristen heiß geliebt, den Parisern zutiefst verhasst – lässt unweigerlich an den Film Die zauberhafte Welt der Amélie denken. Man wünscht sich manchmal, frei von Bildern und Assoziationen zu sein, um sich den Eindrücken schuldlos, vorbehaltslos hingeben zu können. In Rilkes Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge spricht der Protagonist davon, dass er »sehen« lerne. Die Eindrücke der Großstadt wirken auf ihn inspirierend:

Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wußte. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht. Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen. Daß es mir zum Beispiel niemals zum Bewußtsein gekommen ist, wieviel Gesichter es giebt. Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere.

Aber kann man etwas neu sehen, was man schon tausendmal gesehen hat? Es fällt mir schwer, den Eiffelturm im Sinne Rilkes zu »sehen«. Ich nehme verschiedene Perspektiven ein, um anders zu sehen, um durch Verfremdung das Wohlbekannte neu aufleben zu lassen – vergeblich! Immer bleibt er der Postkartenturm, der Urlaubsfototurm, das ewige Klischee einer Stadt!

Das große ABER...

(Foto: © Marion Acker)Paris ist teuer, anstrengend, laut und aufreibend wie jede Großstadt. Und dennoch lohnt es sich, dort Lebenszeit zu verschwenden. Der Käsemann um die Ecke verführt mit allerhand Leckereien zum Kauf. Inzwischen habe ich sogar eine Kundenkarte und sammle fleißig Bonuspunkte. Unbedingt zum Ausprobieren empfohlen: der würzige »Tête de Moine«! Wer sich kulinarisch austoben will, ist in Paris genau richtig! Man muss nur wissen, wo man was zu erschwinglichen Preisen kaufen kann. Einen großen Vorteil gegenüber Deutschland hat Frankreich insofern zu bieten, als es EU-Bürgern unter 25 Jahren kostenlosen Eintritt in alle staatlichen Museen gewährt. Das breite kulturelle Spektrum der Großmetropole lässt einen schnell über den schlechten Kaffee hinwegsehen. Theatervorstellungen sind billiger als Kino und auf den Emporen des prunkvollen Odéon-Theaters fühlt man sich wahrlich erhabener als in einem zerknautschten Kinosessel. Wer sich Zeit nimmt, die Stadt zu erkunden, der kann sich nur verlieben: Abseits der großen Boulevards gibt es viel zu entdecken. Man steigt in die Pariser Métro, streift ziellos durch die Straßen und landet irgendwo ganz unverhofft – zum Beispiel auf einer Vernissage. Oder man stößt auf ein gemütliches Restaurant oder eine Second-Hand-Boutique. Wem der Louvre, das Musée d'Orsay und das Centre Pompidou über den Kopf wachsen, der kann sich kleine, kuscheligere Museen vornehmen: zum Beispiel das Musée Gustave Moreau im siebten Arrondissement. Oder das Musée Picasso im Marais. Oder das Rodin-Museum. Ich habe eine eigene Strategie entwickelt, der Stadt Herr zu werden: Spaziergänge mit thematischen Schwerpunkten. Beispielsweise ein Stadtrundgang mit dem Schwerpunkt Pariser Passagen durch die Viertel auf dem rechten Seine-Ufer. Durch die Blick-Fokussierung nimmt man mehr und intensiver wahr. Weil die Stadt einem immer wieder aufs Neue die Grenzen der eigenen Aufnahmefähigkeit aufzeigt, wird »Sehen« im Sinne Rilkes erst durch Verfahren der Selektion und Ausblendung störender Reizmomente möglich: Um »sehen« zu können, muss man – besonders in Paris – die Augen manchmal verschließen.

 

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