Zwischen zwei Welten – Russlanddeutsche und ihre Kindheit

„Doch nicht einmal Deutschland, das Land, worin sie den Lauten ihrer Kindheit begegneten, [...] konnte ihre Sehnsucht nach ‚Daheim’ stillen.“ So beschreibt der Autor Waldemar Hermann die Situation der Russlanddeutschen, die in Russland geboren wurden, Vertreibung und Arbeitslager erlebten und schließlich in ihre „Heimat“ Deutschland zurückkehrten. Ein Leben zwischen den Kulturen und voller Kindheitserinnerungen. Den Erinnerungen russlanddeutscher Autoren widmet sich die Anthologie Kindheit in Russland.

Kindheit in RusslandDrei Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren sind unterwegs durch die kasachische Wüste. Ihr Ziel ist die Eisenbahn und mit ihr der Weg in die Freiheit, doch bis dahin sind es noch 250 Kilometer zu Fuß und ohne ausreichend Proviant. In Jacob Ickes Erzählung Die Flucht wirkt die Reise der drei geflohenen Zwangsarbeiter wie ein großes Abenteuer: Übernachten unter freiem Himmel, Wassersuche mit Hilfe von Rebhühnern und der Verzehr von gegrillten Schildkröten. Dennoch wird dem Leser die Härte der Reise bewusst. Die Jungen gehen an ihre körperlichen Grenzen, um der Freiheit Stück für Stück näher zu kommen. Natürlich findet die Reise ein jähes Ende, als die Jungen von KGB-Männern aufgegriffen werden und der Ausflug in die vermeintliche Freiheit wieder im Arbeitslager endet.

Alle Erzählungen der insgesamt 18 Autoren der Anthologie geben einen Einblick in das Leben und Leiden Russlanddeutscher in der damaligen Sowjetunion. Seichte Kindheitsanekdoten wechseln sich ab mit harten Familienschicksalen. Trotz der vielfältigen Geschichten ist der Grundtenor fast immer der gleiche. Die Erinnerungen der Autoren ähneln sich in vielen Punkten, so sind zum Beispiel die Väter der Protagonisten meist in Arbeitslager deportiert worden und kehren von dort nicht mehr zurück. Der Rest der Familie muss sich fortan alleine durchschlagen. Die allgegenwärtige Armut ist ebenfalls in jeder Geschichte präsent und so wird ein Stück Brot oder ein Eimer zu einer überlebenswichtigen Habseligkeit, deren Verlust den Zusammenbruch einer Existenz bedeutet.

Im Fokus der Erzählungen steht immer wieder das Verhältnis zwischen Russen und den von ihnen oft als Faschisten bezeichneten Russlanddeutschen. Dieses Zusammenleben schwankt von Misstrauen und Härte gegenüber den Fremden bis hin zu Freundschaft und Unterstützung.

Kindheit in Russland bietet einen Einblick in eine Thematik, die in der anhaltenden Debatte um Nationalsozialismus und Krieg größtenteils untergegangen ist. Trotz vieler interessanter Einsichten fehlt es dem Buch an Provokation und an einem Hauch von Härte, die dem Leser sicher nicht schaden kann. So fühlt dieser sich eher wie ein Kind, das auf dem Schoß des Großvaters sitzt und dessen Geschichten aus längst vergangenen Zeiten lauscht.

Kindheit in Russland. Eine Anthologie des Verstehens. Erzählungen und Erinnerungen russlanddeutscher Autoren. Hg. vom Literaturkreis der Deutschen aus Russland. Vechta-Langförden: Geest-Verlag, 2005. 316 Seiten. ISBN: 3-937844-58-9. 12,50 Euro.

 

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