Nr. 20 (2011): Gedächtniskunst

Inhalt
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Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,

unsere Welt ist voll von Erinnerungsorten. Denkmäler sind dabei die offensichtlichsten Versuche, unserem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen oder auch, es zu beeinflussen. Auch nach Personen oder historischen Ereignissen benannte Straßen, Plätze oder Häuser erinnern an Vergangenes. Daneben sind viele Orte für uns mit je sehr persönlichen Erinnerungen verbunden. Daß sich öffentliche und privat-persönliche Erinnerung aber auch auf eine ganz eigene Weise vermischen kann, zumal im Medium Literatur, zeigt sich zum Beispiel in der Beschäftigung mit Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert. mehr

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Inhaltsverzeichnis
 
 
Ausblick auf die Kritische Ausgabe Nr. 21 (2011) – Thema: »Zeit«
Thema
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Christine Ruppert
Walter Benjamins Berliner Kindheit um neunzehnhundert: Die Siegessäule als Ort der Inszenierung von kollektivem Gedächtnis
Walter Benjamins autobiographische Erinnerungen Berliner Kindheit um neunzehnhundert entstanden zwischen 1932 und 1938, vornehmlich im Pariser Exil. Für Benjamin ist das Hervorrufen der Erinnerungen an die Kindheit und die Heimatstadt Berlin ein »Verfahren der Impfung«Benjamin, Walter: Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Fassung letzter Hand. In: Ders.: Gesammelte Schriften. VII,1. Hrsg. v. Rolf Tiedemann/ Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt a. M. 1989 (1938). S. 385–433; hier: S. 385. Im Folgenden abgekürzt durch GS VII. gegen das Heimweh in einer Erinnerungsgegenwart, die durch nationalsozialistische Repression und Verfolgung geprägt ist. Dabei räumt Benjamin der kollektiven Dimension des Erinnerns einen wichtigen Stellenwert in der autobiographischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein. Im Vorwort der Berliner Kindheit artikuliert er den Wunsch, der »Bilder habhaft zu werden, in denen die Erfahrung der Großstadt in einem Kinde der Bürgerklasse sich niederschlägt« (GS VII, 385). mehr
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Ruth Neubauer-Petzoldt
»Meine kleine deutsche Revolution«. Der Erinnerungsort 1968 im Spiegel biographischer Literatur
Das Porträt Che Guevaras gilt als eines der bekanntesten der Welt; die Fotografie der nackt an der Wand stehenden Mitglieder der Kommune 1 ist sehr populär; Slogans wie »Phantasie an die Macht« bleiben zeitlos gültig. Kennzeichnend für die Wirkmächtigkeit dieser mythenbildenden, ganz unterschiedlichen Ikonen ist, dass sie als imaginäre Erinnerungsorte, als Kristallisationspunkte des kollektiven Gedächtnisses, mit der Generation von 1968 fest verbunden sind. Autobiographische Texte von Angehörigen der 68er-Generation wie die essayistischen Reflexionen Uwe Timms und die tagebuchartigen Aufzeichnungen Inga Buhmanns, die diese Bewegung sowohl in ihrem individuellen wie im kollektiven Gedächtnis Deutschlands etablieren, aber auch kritisch hinterfragen, demonstrieren, wie der individuelle Umgang mit Erinnerungen zugleich mythisch überhöht bzw. dekonstruiert wird. mehr
17
Anita-Mathilde Schrumpf
Erinnern in poetologischer Funktion. Rhythmische Verfahren in Hölderlins Elegien
Zwischen 1799 und 1804 entstanden, zum Teil mit tiefgreifenden Umarbeitungen, Friedrich Hölderlins Elegien Menons Klagen um Diotima, Der Wanderer, Der Gang aufs Land (Fragment), Stutgard, Brod und Wein sowie Heimkunft.Vgl. die bisher aufgefundenen Hölderlin-Textquellen (nach der Nummerierung der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe) 16, 404, 291, 287, 6, 28, 14, 10, 9, 5, 443 und 307. Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. Frankfurter Ausgabe. Historisch-Kritische Ausgabe. Bd. 6: Elegien und Epigramme. Hrsg. v. D. E. Sattler/Wolfram Groddek. Frankfurt a. M. 1976. S. 137, 11, 265, 181, 203, 291. Hölderlins Werke werden nachfolgend als FHA 6 zitiert. Eine Gemeinsamkeit, die diese Texte zu einer Gedichtgruppe verbindet, liegt neben thematischen und lexikalischen Ähnlichkeiten in ihrer prosodisch-metrischen Gestaltung. mehr
23
Richard Millington
Durch Dichtung zur Wahrheit. Gedächtniskrisen als Erzählimpuls in Max Frischs Zürcher Trilogie
 
28
Angela Gencarelli
»Aus einem Altpapierlager erworben«. Ein Interview mit Hanneliese Palm, der Archivarin und Leiterin des »Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt«
 
31
Andre Kagelmann
Der Krieg als Vorschule des Lebens. Erinnerungsdiskurse in der Kriegsliteratur der Weimarer Republik
 
37
Marcel Egbers
Gefälschte Erinnerungen. Gedächtnismanipulation in modernen Dystopien
 
42
Ute Friederich
Erinnerungen zum Verstummen gebracht. Pat Barkers Regeneration Trilogie und die Dialektik von Erinnern und Verdrängen
 
49
Florian Gassner
Zwischen Erinnern und Vergessen. Zur Rezeption von Friedrich Schillers Wilhelm Tell und Walter Scotts Waverley
 
Rezensionen
55
Grischka Grauert
Goethe und das Geheimnis des jüdischen Goldschmieds. Robert Löhrs Roman Das Hamlet-Komplott
 
58
Miriam Dovermann
Der Popkultur Versöhnung mit dem Leben? Dirk Bernemanns Vogelstimmen schlagen hoffnungsvolle Töne an
 
60
Benedikt Viertelhaus
Ausschnitte aus dem Leben eines Verunsicherten. Sebastian Brocks Roman Kurze Visite
 
Portraits
63
Giuliano Lozzi
Margarete Susman (1872–1966). Ein Porträt ihres weiblichen Denkens und Schreibens
 
Forschung
69
Wilko Steffens
Der ›Irrlauf im Kopf‹. Angst und Opposition in Herta Müllers Herztier
 
75
Alexander Klaehr
Sprache und Nation. Zur Problematik der sprachlichen und nationalen Zugehörigkeit Südtirols
 
81
Philipp Hubmann
Die Entdeckung des Nicht-Orts. Ikonizität, Identität und Transit in amerikanischen Flughafen-Komödien der Gegenwart
 
88
Katharina Rein
Keine Kultur ohne Mord. Der Sammelband Killer/Culture widmet sich dem Serienmord in Artefakten der populären Kultur
 
90
Benedikt Viertelhaus
Die »besten Bissen« von Raabes Kuchen? Ein Einblick in die jüngere Forschungsliteratur anläßlich des 100. Todestages Wilhelm Raabes (1831–1910)
 
In der Tag: Linguistik
97
Sonja Pasligh
Was ist und zu welchem Ende betreibt der Sprachwissenschaftler Dialektologie? Wie der Dialektsprecher im Wandel der Zeit zur unterschiedlich motivierten Betrachtung der Dialekte animierte
 
Vergessene Autoren
102
Tim Kangro
Die Welt, vom Steuerrad gesehen. Heinrich Hauser – Fiktion, Autobiografie und Reportage zwischen Neuer Sachlichkeit und Seefahrtsromantik
 
Literatur
107
Martin C. Stoffel
Anamnese
 
108
Jan Kuhlbrodt
Zassi | Kosmonauten
 
112
Markus Hallinger
Erste Photos | Erste Helden | Erster Pullover
Erste Helden
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