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Crauss.

Mit Novalis durchs Jahr

Manfred Poser bewundert Friedrich von Hardenberg

Manfred Poser, 28. September 2007, 2:16 Uhr

Seit zehn Jahren steht das Novalis-Projekt von Frank Fischer aus Leipzig im Netz, und wenn man das am Lebensalter des Internet misst und dann noch an der Lebensdauer des Heroen Friedrich von Hardenberg alias Novalis, der nur 29 Jahre alt wurde, ist das schon beachtlich. Glückwunsch, Frank! Novalis hat vielen großen Literaten Wahlsprüche geliefert, er ist einer der beliebtesten Mottolieferanten. Er hatte die Gabe, Gedanken sinnreich zu verdichten (Dichtung!) und ihnen noch einen paradoxen Dreh zu geben, was zu mysteriösem und magischem Beiklang führt.

Gerade habe ich im „Allgemeinen Brouillon“ gelesen (Aufzeichnungen Novalis’ aus den Jahren 1797/98), das im Novalis-Projekt ganz abgedruckt ist, etwa Nr. 295: „Ohne Trennung ist keine Verbindung. Berührung ist Trennung und Verbindung zugleich.“ Oder: „Das Äußre ist ein in Geheimnißzustand erhobnes Innre – / (Vielleicht auch umgekehrt.)“ Das sind Gedanken, wie sie Hegel erst ein paar Jahre später in der „Phänomenologie des Geistes“ aufpoliert und ausgeführt hat. Novalis war ein Universalgelehrter. Die Novalis-Seiten firmieren unter dem Namen „Aquarium“ – auch schön, wir schauen ja durch Glas immer auf die Lettern des Bildschirms.

Zerlesenes Reclam-Heftchen von Novalis (Foto: Manfred Poser)
Mein zerlesenes Reclam-Heftchen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Bücherfreunde werden schaudern; aber sollte es zuhause in einer Vitrine verstauben?

Es ist eine Seite, die gepflegt wird und auch gepflegt aussieht. Würde Novalis gefallen. Friedrich von Hardenberg kam am 2. Mai 1772 in Wiedestedt zur Welt. Man muss ihn zusammen mit den Frühvollendeten Schubert, Pergolesi, Mozart, Kleist und Büchner nennen. Der „Heinrich von Ofterdingen“ ist ein wunderbares Werk: Da geht es um die Suche nach der „blauen Blume“, mit der Novalis auch gleich das Motto für die ganze Romantik geliefert hat. Bekannt sind noch die „Hymnen an die Nacht“ und „Die Christenheit oder Europa“. Ich nenne ein schrecklich zerlesenes Reclam-Heftchen mein eigen, das original „25 Pf.“ kostete, hundertzehn Jahre alt ist und mich in der Bauchtasche meist begleitet, wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin: „Die Gedichte des Novalis“ (Leipzig!!). Vorwort und Herausgeberschaft: Franz Blei. Novalis-Gedichte sind schlicht, charmant, innig, verträumt, in sich versponnen, anmutig; hoher Ausdruck mit sich bescheidendem Vokabular, volksliedhafter Rhythmus mit manchmal dennoch komplizierter Binnenstruktur.

Nehmen wir die „Verheißung“: „Nicht lange wird der schöne Fremde säumen“ (was hat er vor? Er will handeln), „die Wärme naht, die Ewigkeit beginnt“ (wir sind gespannt), „die Königin erwacht aus langen Träumen“ (Erwachen, oft bei Novalis; ist der Fremde bei der Königin?), „wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt“ (ja!!), „Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen“ (Ernüchterung, aber keine Ekstase hat Bestand), „wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt“ (vielleicht: wenn das klare Denken wieder regiert), „In Freyas Schoß wird sich die Welt entzünden“ (Freya, die nordgermanische Fruchtbarkeitsgöttin, auch Göttin des Glücks und der Liebe), „und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden“ (man würde erwarten: und jede Sehnsucht die Erfüllung finden; aber nein, typisch Novalis, er lässt uns verwirrt zurück, Erfüllung führt zu immer neuer Sehnsucht. Es wäre wohl zu lesen als die Geschichte jedes Schaffens, als die Begegnung von Geist und Welt, von Ich und dem Anderen).

Novalis-Porträt von Franz Gareis (um 1799)
Porträt von Novalis, gemalt um 1799 von dem Lausitzer Franz Gareis (geb. 1775), der 1803 in Rom gestorben ist. Das Original befindet sich im Schloss Oberwiederstedt. Näheres dazu im/bei „Aquarium“.

Und immer neue Werke zu Novalis, wie „Aquarium“ zu entnehmen ist. Shih Yen Huang und Yihong Huo haben dieses Jahr ihre Dissertationen veröffentlichen können („Literatur und Performanz im deutschen Roman um 1800“; „Unterwegs zum Roman. Novalis’ Werdegang als Übergang von der Philosophie zur Poesie“). Anfang Mai hat man den 235. Geburtstag des Dichters und den 15. der Internationalen Novalis-Gesellschaft gefeiert, die 430 Mitglieder in 22 Ländern hat.

1797 war Novalis’ Geliebte Sophie gestorben, mit 15 Jahren. Da wollte er am liebsten selber gleich sterben. Zwei Jahre später eine kleine Notiz – Goethe an Schiller, 29. Juli 1799: „Tieck hat mit Hardenberg und Schlegel bei mir gegessen.“ Damals kannte Hardenberg schon Julie („An Julien: Dass ich mit namenloser Freude / Gefährte deines Lebens bin“) und „rüstete sich zum Leben, da er sterben sollte“, schreibt Franz Blei, bleischwer und pathetisch:

„Die Phthisis [=Tuberkulose], die in seiner Familie daheim war, kam auch über ihn; langsam schleichend zuerst, bis sie ihn aufs Sterbelager warf. Die großen Pläne und Hoffnungen des Schwindsüchtigen machten ihm seine Leiden leichter. Es war der 25. März 1801. Er bittet seinen Bruder ihm etwas auf dem Klavier vorzuspielen; darüber schläft er ein. Als Friedrich Schlegel später ins Zimmer tritt, schläft Novalis schon den Schlaf, aus dem es kein Erwachen giebt. Sein Gesicht war ruhig und heiter, wie es im Leben war. Er hatte seinen Freunden nie einen Schmerz angetan, nur diesen einen: daß er starb. Novalis war neunundzwanzig Jahre alt geworden.“

Doch wir glauben es nicht – Novalis lebt!

(28. September 2007)

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