Anzeige

Crauss.

»Kein Weg vorbei«

Tilman Krause beantwortet den Fragebogen für »Germanisten, die es geschafft haben«

Stefan Andres, 24. Oktober 2007, 8:44 Uhr

Tilman Krauses früher Werdegang wird auf der Homepage der Welt verblüffend blumig umrissen: »Der gebürtige Kieler des Jahrgangs 1959«, so heißt es dort, »wollte lange immer nur das eine: etwas lernen. So studierte er ausschweifend, betrieb Germanistik und Romanistik, Geschichte, Politologie und Kunstgeschichte in Tübingen, Paris und Berlin. Auf einmal war er 30, war nichts und hatte nichts, bis auf einen Doktortitel und seine unzähmbare Wissbegierde.« Damit ist Krause fraglos ein Fall für unseren Fragebogen, den er uns dankenswerterweise beantwortet hat. Zu Doktortitel und Wissbegierde hinzugesellt hat sich mittlerweile zumindest einiges an Renommee: Heute ist er eine der geachtetsten Stimmen der deutschen Literaturkritik, gilt als »konservativer Freigeist« und ist seit 1998 leitender Redakteur der Literarischen Welt, in der regelmäßig seine Kolumne Krauses Klartext erscheint. Klartext spricht Krause auch in seinen Antworten: etwa zu dem Umstand, dass um das Fach Germanistik für ihn »kein Weg vorbei« führte – oder zu den Unwägbarkeiten bezüglich der Berufsaussichten angehender Geisteswissenschaftler.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Tilman Krause:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach?

    Germanistik habe ich im Hauptfach studiert von 1978 bis 1986 in Tübingen, Paris und Berlin. Erstes Staatsexamen 1986, Promotion zum Dr. phil. 1991.

  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren?

    Das war mein Fach, daran führte kein Weg vorbei.

  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht?

    Staatsexamen: Künstler und Künstlerproblematik im Werk Thomas Manns.
    Dissertation: Mit Frankreich gegen das deutsche Sonderbewußtsein: Friedrich Sieburgs Wege und Wandlungen im 20. Jahrhundert.

  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt?

    Staatsexamen: Alle Künstlerfiguren bei Thomas Mann sind Ego-Abspaltungen und Ego-Phantasien; je abwegiger, desto mehr TM.
    Dissertation: Frankreich und französische Kulturkonzepte sind Erziehungsinstrumente für Sieburgs Arbeit an der deutschen Identitätsstiftung.

  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus?

    Der Professor, bei dem ich am meisten gelernt habe, der mich am stärksten auf seine Herangehensweise an literarische Texte verpflichtet hat, war Jochen Schmidt, seinerzeit Tübingen, später Freiburg, heute emeritiert. Die Mischung aus strengster philologischer Textanalyse und weiträumiger Ideengeschichte war die literaturwissenschaftliche Praxis, die mich überzeugte, die mir zusagte und die ich im Wesentlichen bei meinen eigenen Bemühungen um die Literatur bis auf den heutigen Tag dankbar beherzige.

  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre?

    Habe ich nicht und hatte ich nie. Allenfalls als Schüler liebte ich besonders das literarische Fin de Siècle und die Romantik, zog ich Thomas Mann allen anderen Autoren vor, lag mir der Roman als offenste Form am meisten. Aber je mehr ich kenne, desto weniger mag ich mich festlegen.

  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben?

    Erste berufliche Erfahrungen habe ich als Deutschlehrer am Pariser Gymnasium Henri IV gemacht. Studienbegleitende Praktika waren zu meiner Studienzeit, als man auf dergleichen noch wenig Wert legte, die Unterrichtseinheiten an diversen Schulen. Was ich dabei für Schlüsselqualifikationen erworben haben könnte, ahne ich nicht. Auch wenn ich mir noch so sehr das Hirn zermartere, kann ich mir beim besten Willen unter dem Unwort »Schlüsselqualifikation« nichts vorstellen. Ich kann lesen und schreiben, das hat im Großen und Ganzen bis heute gereicht.

  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden?

    Ich habe einfach immer nur gelesen und geschrieben und das immer mehr auch auf Wunsch und Auftrag anderer. Das führte irgendwann dazu, dass ich mich zwischen drei journalistischen Angeboten entscheiden musste. So wurde ich Journalist und wollte dann auch bald nichts anderes mehr sein, jedenfalls nicht Studienrat, was ich ursprünglich angestrebt hatte, auch nicht Diplomat, was mir eine Weile reizvoll schien (und was unter meinen Kommilitonen diejenigen wurden, bei denen es zum Journalismus nicht reichte) und schon bald auch nicht mehr Professor für Neuere deutsche Literatur.

  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was?

    Es nützt mir bis auf den heutigen Tag, wie einem Grundkenntnisse, die man irgendwann erworben hat, immer nützen, wenn man sie ausbaut und abwandelt gemäß der Aufgaben und Herausforderungen, die sich später ergeben.

  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)?

    Ich glaube, ja – und zwar, weil es immer noch, bei allen anderen Interessen, die im Laufe der Jahre hinzugekommen sind, meine Kernkompetenz darstellt, und weil eine germanistische Kernkompetenz wunderbar anschlussfähig für andere Kompetenzen ist.

  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht?

    Alle guten Feuilletonisten haben ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert. Sie werden aber leider trotzdem nicht mehr gesucht, weil im allgemeinen journalistischen Niedergang bei Leuten, die heute das Sagen haben, der Grips nicht einmal mehr dazu reicht, zu erkennen, was einen guten Feuilletonisten auszeichnet.

  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen?

    Die Frage, die ich angesichts der Massen, die heute Germanistik studieren, hätte, lautet: „Wisst Ihr auch, was Ihr tut?“ Und für den Übergang ins Berufsleben würde ich einfach nur raten, irgendwann (nicht zu früh) loszulassen, sich aufs Leben einzulassen; erst wer die Hochschule hinter sich lässt, erfährt, wie faszinierend und bereichernd das wirkliche Leben ist.

 

Hinweis: In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits mehr als ein Dutzend ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit kurzem – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW). – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Wissenschaftsjahr 2007 Der Fragebogen »Germanisten im Beruf« ist Bestandteil des »Jahres der Geisteswissenschaften 2007«.

 

Tilman Krause (Foto: DIE WELT)Dr. Tilman Krause, geboren 1959 in Kiel, studierte Germanistik, Geschichte und Romanistik in Tübingen. 1980/81 folgte ein erster Frankreich-Aufenthalt, beginnend mit einer Stelle als Deutschlehrer am Pariser Lycée Henri IV. 1981 setzte er das Studium an der Berliner FU fort, wo er 1991 mit einer Arbeit über den Publizisten und »Literaturpapst« Friedrich Sieburg promovierte. Krause hat Lehraufträge an der FU, der Berliner Humboldt-Universität, an der Universität Hildesheim sowie am Leipziger Literaturinstitut angenommen. Sein journalistischer Werdegang führte ihn über die FAZ (1990–1994) und den Tagesspiegel (1994–1998) zu seinem jetzigen Posten als leitender Literatur-Redakteur bei der Welt.

(24. Oktober 2007)

Anzeige


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag
URI für Trackbacks zu diesem Eintrag

1 Kommentar »

am 29. November 2007 um 16:50 Uhr

[...] Viele haben drauf gewartet, letzten Samstag war es soweit: Tilman Krause (KA-Fragebogen) verkündete das Ende seiner Kolumne nach sieben Jahren. [...]

 
Name (notwendig)
E-Mail-Adresse (notwendig - wird nicht öffentlich angezeigt)
Homepage-URI
Ihr Kommentar (kleiner | größer)
XHTML: Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

GermanistInnen im Beruf

Neue Kommentare
  • Dieter Renner: Hallo Manfred, einiges in deiner Rückschau der 70 und 80 ist...
  • Susanne: Nach 200 Seiten war für mich Schluss. Tellkamps Sprache ist...
  • Administrator: Hallo, Florian! Die Musik zum Film stammt von der Band...
  • Florian: hALLO zusammen! fand den film in Ordnung hat mich sehr an meine...
  • Oswald: was an der kritik nervt ist das typische germanistengeha...
Neue Trackbacks
Aktuell

Aktuelle Artikel

Die Fliegerin und der Tod – Wenn Engel abstürzen
Uwe Timms Roman Halbschatten vermittelt, schockiert und verliert trotz sprechender Toter den Bezug zur Realität nicht
[Rezensionen]
Zeitlos in der Fusch
In Der Fliegenpalast zeigt Walter Kappacher den alternden Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, wie er an einem Ort seiner Kindheit der eigenen Genialität nachspürt – und nichts als Fliegen findet
[Rezensionen]
Tagträume von Vorortgestrandeten
Stephan Thomes Roman Grenzgang ist ein Beweis, wie viel Poesie in deutschen Kleinstädten steckt.
[Rezensionen]
Das aktuelle Heft


Aktuell

In der K.A. plus

Das neue Denken
Manfred Poser wütet und trauert über Hoffnungen, die es nicht mehr gibt
Schwarz und Weiß
Manfred Poser sitzt wie viele täglich vor schwarzen Buchstaben auf weißem Papier. Aber da ist mehr ...
Ordnung und Sprache
Manfred Poser wird wieder einmal vom Sortierengel heimgesucht, der Theorie einfordert – und Ordnung
Der Schein trügt
Warum das Leben ohne Tageszeitung ärmer wäre – am Beispiel der Berner Band Schöftland
Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit
Einige Gedanken zur Rolle der Schönheit in Gesellschaft, Globalisierung und Arbeitswelt
Aus der Redaktion

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wenn Sie uns also eine Nachricht schicken wollen, Kritik oder Anregungen für uns haben, benutzen Sie doch einfach das unter dem Link Kontakt bereit gestellte Formular bzw. senden Sie uns eine E-Mail.