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Crauss.

Orte der Transformation

Ein ›kleiner Zweckbau‹ bringt Manfred Poser auf große Gedanken

Manfred Poser, 9. November 2007, 2:20 Uhr

Transformation von Energie: Das erlebt der arbeitende Mensch jeden Tag. Er verzehrt sein Frühstück, streckt sich kurz, und dann will er die Welt einreißen (bis ihm wieder der Chef in den Arm fällt). Wie schön muss es sein, unbehelligt an einem Ort zu sitzen, an dem einst Energie umgewandelt wurde! Da sprühen die Gedanken, da funkt und blitzt es, und man geht als neuer Mensch daraus hervor.

Architekten sind auch Modellbauer (Foto: Manfred Poser)
Architekten sind auch Modellbauer
(Foto: Manfred Poser)

Darum habe ich mich spontan für den Wettbewerb des Thurgauer Heimatschutzes zu seinem 100. Geburtstag begeistert, der schon im Sommer die Unterlagen gesichtet und sieben vorläufige Sieger gekürt hatte. Darauf hingewiesen hatte mich Claus Lillotte, der Architekt unserer Hausrenovierung in der Schweiz. Nun ist die Aktion mit Plänen und Modellen in den Kulturhallen von St. Gallen, Davidstraße, ausgestellt. Nach der Devise „Umgenutzt ist besser als ungenutzt“ sollten Architekten vorschlagen, was man aus alten Trafohäuschen machen könnte. 800 Transformatorenhäuschen mit Walmdach stehen im Kanton gut verteilt herum. Für den armen Bildschirmknecht in Hongkong, der in der Schlafkoje die Nacht verbringt, mag so ein Häuschen eine Villa sein; und auch der in die Säule einer Kathedrale eingemauerte Eremit aus dem Frühmittelalter wäre wohl beschämt über so viel Platz.

Wir nicht: Die Grundfläche des „kleinen Zweckbaus“ (Architektenjargon) beträgt zwei auf zwei Meter. Höhe: vielleicht acht Meter. Innen leer. Man muss also Ebenen einziehen, und hinauf gelangt man mit einer Leiter, das ist klar, eine Treppe würde zu viel Platz schlucken. Jedenfalls erklärte sich die Gemeinde Berg, 30 Kilometer südlich von Konstanz, bereit, ihr Trafohäuschen im Ortsteil Andhausen zur Verfügung zu stellen. Der Hauptpreis: 99 Jahre Nutzung des Häuschens, wenn der Preisträger innerhalb eines Jahres sein Projekt verwirklicht. Ich hätte liebend gern so ein Domizil, stünde es denn auf einer Klippe in Südengland oder an der Küste Apuliens.

Yin (weiß) und Yang (schwarz)
Yin (weiß) und Yang (schwarz). Und jetzt versteht man auch die Punkte: die „Samen der Veränderung“

Warum nach Poetry-Slam Architektur? War immer schon mein Steckenpferd, der Gegenpol zur abstrakten Gedankenwelt. Denn in der Architektur geht es um konkrete Aufgaben: Eine Idee nimmt Form an und ist nur schwer mehr wegzuräumen. Seltsam: Wenn über Architektur geschrieben wird, entkörperlicht man die Baukörper wieder, die dann in die Landschaft „eingebettet“ sind oder im Licht „schweben“. Höchster poetischer Ausdruck ist, finde ich, Feng Shui: das Leben in Harmonie mit sich und dem Universum. Die gute Energie Qi muss fließen. „Aus der schöpferischen (Yang) und der empfangenden (Yin) Energie erwachsen die Zehntausend Dinge“, sagen die Chinesen. Die beiden Kräfte sorgen mit ihrem Zusammen- und Widerspiel für dauernde Veränderung. Übrigens stellen in dem berühmten Yin/Yang-Diagramm der schwarze Punkt im weißen und der weiße Punkt im schwarzen Feld die „Samen der Veränderung“ dar, den Widerspruch inmitten des Ganzen.

Da, genau da ragen unsere „Transformationshäuschen“ (Stromjargon) hoch. Es sind Orte, an denen etwas passiert: die Umwandlung von Energie in nutzbare Einheiten, der zündende Einfall, der überspringende Funke, die Erleuchtung. Darum müssten in meiner Vorstellung die Häuschen Räume der Meditation sein, des Studiums, des Austauschs. Das würde zur Obsession der Architekten passen, stets die ursprüngliche Funktion eines Bauwerks sichtbar zu machen: Transparenz.

Manche Einfälle sind schwer zu realisieren (Foto: Manfred Poser)
Manche Einfälle sind schwer zu realisieren
(Foto: Manfred Poser)

Schauen wir uns die sieben Sieger an. „Room with a view“ will das Häuschen zur kleine Sommerwohnung umgestalten, „Doping“ (doofer Name) macht aus ihm eine Herberge für Radfahrer (für vier, man schläft da also wie im Liegewagenabteil; muss das sein? Ich bin immer solo unterwegs), „Open doors“ plant ein offenes Kulturhaus für die Gemeinde, das Projekt „Biene summt“ träumt von einer Honigfabrik, „Rauchwurst“ von einer Räucherkammer für Thurgauer Schinken, „Volt“ will ein Atelier und/oder Hotelzimmer, „Most wanted“ einen Ausschank für Most mit einem Klangraum oberhalb (das Thurgau heißt scherzhaft auch „Mostindien“).

Mir hat natürlich besonders das Türmchen für den „Eremiten von Berg“ gefallen, als der sich Gideon Hartmann aus Ostermundigen gern sähe. Witzig war auch der Einfall zu einem Kino: Der Besucher liegt auf einem Sofa und blickt nach oben, und an die Decke werden Filme projiziert. Ein Architekt will das Häuschen verkehrt herum in die Erde rammen, ein anderer darin ein Fotoarchiv unterbringen.

In Deutschland müssen auch viele dieser Häuschen stehen. Hat man bis hierher gelesen, dann wird man sie sehen. Viele Häuser für viele Kunst erzeugende, Erfahrungen in Kunst umwandelnde Eremiten! Ein Netzwerk von kulturell Tätigen könnte entstehen (die „Transformatoren“; der „Klub der Transformatoren“), die sich reihum, durch Mails verständigt, vor einem Trafohäuschen zum Grillen und zum Feiern treffen. Man dürfte die Häuschen bunt anmalen, ihnen einen Namen geben und sie mit Sinnsprüchen versehen. (Einige könnten auch als Eros-Energiezentralen fungieren, aufgemaltes Herz, und Rapunzel ließe vom Fenster ihr Haar herunter.) Vielleicht hat da der Thurgauer Heimatschutz eine Lawine ausgelöst.

(9. November 2007)

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3 Kommentare »

Kommentar von Gerhard Zirkel
am 10. November 2007 um 10:37 Uhr

Das Projekt gefällt mir. In Deutschland stehen schon auch eine Menge Trafohäuschen, hier zieht man es aber vor, die Dinger abzureissen. Wir Deutschen haben vermutlich zu wenig Fanatsie und zu viele Bauvorschriften um solch ein Objekt einfach mal sinnvoll zu gestalten.

Das Bauen für Menschen ist hierzulande ohnehin etwas aus der Mode gekommen – langsam findet aber eine Besserung statt – langsam.

Gerhard Zirkel

 
Kommentar von Gideon Hartmann
am 11. November 2007 um 21:11 Uhr

Vielen Dank für die Blumen, Herr Poser! Ich freue mich sehr, dass sie anscheinend das Herzblut gespürt haben, das in besprochenes Projekt geflossen ist! Für alle Klein- und Kleinsthausinteressierten, für alle zukünftigen Eremiten vom Berg und alle sonstigen Säulenheiligen und deren Anhang (in Form vom Buch der Bücher oder einem Chihuahua – oder eines Rades) hab ich natürlich stets ein offenes Ohr! Braucht der Mensch mehr Raum als Ameisen, als die Bienen in ihrer Wabe? Möchten sie nicht doch ein kleines Zimmer, doch das dann ganz von Gold? Bescheidens Budget trotz unermesslicher Wünsche? Build small but heavenly!

 
Kommentar von Manfred Poser
am 17. Dezember 2007 um 19:01 Uhr

Also … keine Räucherkammer, kein Kulturhaus, keine Honigfabrik und auch keine Radlerherberge: Die Jury hat, wie ich heute von Claus Lillotte erfuhr, sich für Mostausschank plus Klangraum entschieden. Das soll binnen eines Jahres verwirklicht werden. Das ist natürlich enttäuschend, denn saufen kann ich auch in der Kneipe nebenan, und Musik läuft da meistens auch. Was soll’s, der Kanton Thurgau bleibt eben Mostindien, und sein Atman muss man sich woanders suchen. Grüsse Manfred Poser.

 
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