Das 6. Türchen
K.A.-Redakteur und Lektor Marcel Diel auf Streifzug durch sein Lesejahr 2007

(Foto: Matthias Bühler)
Nähere Informationen zum diesjährigen »AdventsKAlender« und seiner Bebilderung hier.
2007 war für mich das Jahr der ungelesenen Bücher. Geradezu deprimierend, wie schnell mein Buchbestand – trotz des Umzugs von Bonn nach Berlin und diversen finanziellen Engpässen – angewachsen ist, während meine Lektürefrequenz so starken Schwankungen unterlag, dass am Ende der Berg der ungelesenen den Hügel der gelesenen Bücher um einiges übertraf. Nicht ganz unschuldig daran war übrigens auch die Redaktion einer gewissen Zeitschrift für Germanistik & Literatur (der Name tut nichts zur Sache), die mir meinen Abgang bzw. Neuanfang mit einigem Lesefutter versüßt hat.
Das erfreulichste Buch meines Lesejahres waren zweifellos die Briefe 1959–1979 des Dichters Nicolas Born, herausgegeben von dessen Tochter Katharina im Wallstein-Verlag. Aus meiner Verehrung für den Autor habe ich ja schon vor drei Jahren anlässlich des Erscheinens der Sämtlichen Gedichte keinen Hehl gemacht, und ich hoffe sehr, dass Wallstein bzw. die Mainzer Akademie der Wissenschaften die Reihe der Wieder- und Neuveröffentlichungen seiner Werke fortsetzen wird. Denn wie kaum ein anderer Schriftsteller der siebziger Jahre hat Born, seinerzeit alles andere als ein Unbekannter, es verdient, wiederentdeckt und neu gelesen zu werden und damit in unserer Wahrnehmung endlich aus dem langen Schatten Brinkmanns herauszutreten, in den er ohnehin nie gehört hat. »Die Poesie, die wichtig ist, wird in den nächsten Jahren über deine Position und die von Brinkmann nicht hinauskommen«, prophezeite Jürgen Theobaldy dem todkranken Dichter im Juni 1979. Er hat Recht behalten, und wenn man einigen Unkenrufern unter den Literaturkritikern glauben möchte, gilt das sogar bis auf den heutigen Tag. Borns Lyrik jedenfalls, so viel lässt sich ohne Übertreibung sagen, gehört zum Besten, was die deutsche Literatur hervorgebracht hat. Denjenigen, die sich für die Hintergründe seines Schaffens und Werdens interessieren, bieten die Briefe von und an ihn reichlich Material, das, wie bereits die Gedichte, hervorragend kommentiert und mit einem ebenso umfang- wie aufschlussreichen Nachwort versehen ist. Wie gesagt: Dieser Band ist eine wahre Freude – und sicher nicht nur etwas für ›Fans‹!
Das Buch, mit dem ich mich in diesem Jahr am intensivsten beschäftigt habe, ist Conrad Ferdinand Meyers Novelle Das Amulett. Ja, ich weiß, nicht gerade die beliebteste Schullektüre – nichtsdestotrotz aber ein spannender, ungemein facettenreicher Text. Schüler, Studenten und Deutschlehrer, die das nicht glauben wollen, mögen sich bitte demnächst von diesem schönen Bändchen überzeugen lassen.
Und wo wir schon bei Schleichwerbung sind: Das Buch, das mir 2007 am meisten Spaß gemacht hat, heißt Natural Born Grillers. Ja, ich gebe zu, wenn ich es nicht selbst lektoriert hätte, wäre ich vermutlich nie darauf aufmerksam geworden, denn als bekennender ALDI-Gourmet interessieren mich Kochbücher eher selten. Wie gut, dass dieses gar keins ist, sondern vielmehr eine äußerst unterhaltsame und kurzweilige Einführung in die Regeln des ›guten Grillens‹, wie sie in Nieheim-Himmighausen gepflegt werden. Dort nämlich, im tiefsten Ostwestfalen, wohnen Frank, Dirk und Bernd, die sich seit zehn Jahren sommers wie winters jede Woche einmal zum Grillen treffen und sich daher völlig zurecht »Natural Born Grillers« nennen. Ihr Buch, das hübsch selbstironisch von den Freuden und Sorgen echter Profigriller berichtet und dabei ebenso ungewöhnliche Rezepte wie spektakuläre Riten präsentiert, eignet sich übrigens auch hervorragend als Weihnachtsge… Is' ja gut, ich hör schon auf!!
Das Buch, auf das ich mich im Vorfeld am meisten gefreut habe, war der neue Roman von Walter Moers. Doch auf die Vorfreude folgte leider die Ernüchterung. Mag sein, dass ich meine Erwartungen nach Die Stadt der Träumenden Bücher zu hoch gesteckt hatte, aber meiner bescheidenen Meinung nach kann es Der Schrecksenmeister in Sachen Ideenreichtum, Originalität, Deutungsvielfalt und Spannung nicht mit seinem schlichtweg genialen Vorgänger aufnehmen – zu unkonzentriert wirkt die Geschichte, zu unausgegoren so manche Figur, und abgesehen von den letzten fünfzig Seiten plätschert die Handlung so dahin, dass ich regelrecht froh war über die Kürze der einzelnen Kapitel, die ziemlich genau die Zeit zwischen Zubettgehen und Einschlafen füllten. Naja.
Der Schrecksenmeister ist allerdings immer noch um Längen besser als das Moers-Buch, das ich direkt im Anschluss daran gelesen habe: Wilde Reise durch die Nacht. Die Geschichte orientiert sich an Grafiken von Gustave Doré, wogegen nichts zu sagen wäre, wenn sie nicht immer wieder in reine Bildbeschreibungsprosa abgleiten und dadurch stellenweise wie ein zwar sehr fantasievoller, aber letztlich doch nur ein Schulaufsatz, gleichsam eine Fingerübung wirken würde. Allerdings: Wenn auch nicht immer vergnüglich wild, so ist diese Reise doch zumindest kurzweilig. Was man übrigens auch von der Geschichte behaupten kann, die wiederum dem Schrecksenmeister als Prätext gedient hat: Spiegel, das Kätzchen aus Gottfried Kellers Seldwyla-Zyklus. Sehr, sehr nett!
»Das Leben, mein Junge, ist nicht nur eine wilde, schöne Reise. Leben, das heißt auch: dem Tod bei der Arbeit zuzusehen«, sagt ausgerechnet die personifizierte (oder besser: schweinifizierte) Zeit zum 12-jährigen Gustave, dem Protagonisten der Wilden Reise. »Das ist das Härteste überhaupt! Das muß man aushalten können.« Nun gibt es ja bekanntlich Leute, für die der Tod nicht nur zum Arbeitsalltag dazugehört, sondern die sogar davon leben: Bestatter zum Beispiel. Einer dieser unheimlichen Gesellen hat mir in diesem Jahr ein ganz besonderes Freizeitvergnügen bereitet – und das ist keineswegs ironisch oder gar zynisch gemeint. Tom, so heißt er, erzählt nämlich in seinem Bestatterweblog Anekdoten und allerlei Wissenswertes aus zwanzig Jahren Berufsleben, und das auf so ansprechende, unterhaltsame Weise, dass er kürzlich sogar mit dem »Best of the Blogs«-Award der Deutschen Welle für das beste deutschsprachige Weblog ausgezeichnet wurde. Hinsurfen lohnt sich also – aber Vorsicht: Suchtgefahr!
Einem Hinweis im Bestatterweblog habe ich übrigens auch meinen persönlichen Lieblingscomic des Jahres zu verdanken: Der Tod und das Mädchen von Nina Ruzicka. Hinreißend! Und bemerkenswert zudem, dass der komplette Comic (dessen erster Teil abgeschlossen und dessen zweiter gerade in Entstehung ist) kostenlos online angeschaut werden kann. Viel Vergnügen!
Zurück ins Leben – und damit zugleich in den äußerst lebendigen Literaturbetrieb unseres Landes. Dort haben sich in diesem Jahr unter anderem zwei Zeitschriften besonders hervorgetan: die BELLA triste, die mit ihrer 17. Ausgabe, einer (wie es im Editorial heißt) »forcierten Anthologie zur deutschsprachigen Gegenwartslyrik«, eine Diskussion angestoßen hat, welche bis in die aktuelle Nummer 19 hineinreicht und in den Feuilletons weidlich rezipiert wurde; und die Zeitschrift sprachgebunden, deren 3. Ausgabe Texte zum Thema »Übersetzen« präsentiert und die ebenfalls große Beachtung fand. Wobei »Beachtung« leider nicht gleich »große Leserschaft« bedeutet. Liebe Studierende der Germanistik, wie wär's denn, wenn ihr euch für das neue Jahr einmal vornehmen würdet, eine Literaturzeitschrift eurer Wahl zu abonnieren? Davon hätten alle etwas: die Zeitschriftenmacher mehr finanziellen Rückhalt und ihr immer wieder aktuelle Einblicke in die unterschiedlichen Literaturszenen unseres Sprachraums. Denn wie der Kritiker Michael Braun anlässlich der Frankfurter Buchmesse zurecht anmerkte: »Als Impulsgeber, Scouts und Probebühnen sind Literaturzeitschriften nach wie vor unverzichtbar.« Und spannend sind sie allemal. – Eine kleine Auswahl empfehlenswerter Zeitschriften findet sich (zugegeben nicht ganz uneigennützig) hier.
Medienwechsel. – Warum ich den Einzug in meine Berliner Wohnung ausgerechnet mit Rain Dogs von Tom Waits begangen habe, weiß ich heute nicht mehr zu sagen,[1] jedenfalls habe ich dieses Album, das ich bis dahin immer etwas zwiespältig beurteilt hatte, dadurch neu schätzen gelernt. Seitdem rotiert es regelmäßig, an manchen Tagen in beinah endloser Wiederholung in meinem CD-Spieler. Psychoanalytiker mögen daraus einiges ableiten können … Rain Dogs jedenfalls ist – wie 2005 die Alben von Johnny Cash und 2006 diejenigen von Bob Dylan – mein musikalischer Klassiker des Jahres. Und tragt ihr mich dereinst zu Grabe, spielt dazu »Anywhere I Lay My Head« – einen schöneren Schlusstrack kann es gar nicht geben!
Übrigens: Was das zu Anfang genannte Missverhältnis von ungelesenen zu gelesenen Büchern angeht, habe ich inzwischen Einsicht bewiesen – und mir ein weiteres Buch, einen Ratgeber sozusagen, zugelegt. Es stammt von dem Pariser Literaturprofessor Pierre Bayard und hört auf den schönen Titel Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Doch davon ein andermal mehr.
P.S.: Ach ja, das Buch des Jahres, das mir am besten gefallen hat, ist übrigens noch gar nicht erschienen. Es handelt sich um einen Roman, den ich lektoriert habe und dessen Autor im vergangenen Jahr auch hier im »AdventsKAlender« mit einem Text (der damit allerdings nichts zu tun hat) vertreten war. Auch darüber vielleicht später einmal mehr.
Anmerkungen
- Doch, gerade fällt's mir wieder ein: Pirates of the Caribbean – At World's End, den ich kurz zuvor gesehen hatte (und der mir übrigens, im Unterschied zu vielen anderen, sehr gefallen hat), ist dran schuld. Die Story erinnerte mich an den ersten Song des Albums:
We sail tonight for Singapore
don't fall asleep while you're ashore
cross your heart and hope to die
when you hear the children cry
let marrow bone and cleaver choose
while making feet for children shoes
through the alley, back from hell
when you hear that steeple bell
you must say goodbye to me …[zurück]
(6. Dezember 2007)



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