Entsetzen statt Euphorie
Möllhausens Anti-Kriegserzählung
Andreas Graf
Krieg in seiner brutalen Tatsächlichkeit ist uns medial nah, emotional jedoch äußerst fern. Als zentraleuropäische Nachrichtenleser, -zuschauer und -hörer (und per Fotohandy und YouTube & Co. mittlerweile auch: -ersteller) haben wir uns eingerichtet in einem allgegenwärtigen weltweiten Schrecken, der unausweichlich und unabänderlich scheint. Selbstmordattentate in Pakistan und im Iran, Völkermord in Ruanda, zivile Opfer in Kurdistan, Afghanistan und Georgien gehen uns, internetgewieft und historisch belehrt wie wir sind, beinahe nur noch als Medienereignis etwas an: als Bild, Konstrukt, als Vermitteltes, dem eben jene Unmittelbarkeit fehlt, die uns erst wirklich beträfe. Wir erschrecken und vergessen. Um unsere Gefühlswelt zu schützen, wählen wir aus, drängen wir weg, ignorieren wir. Die mediale Distanz hilft uns dabei, inneren Abstand vom Schrecken zu nehmen.
Unsere innere Distanz nimmt noch zu beim Blick in die Vergangenheit, zumal die des 19. Jahrhunderts, das uns mit seinen National- und Rechtsideen, der rasanten Industrialisierung und der kulturellen und wissenschaftlichen Modernisierung doch angeblich so nah, mit seinen schwer durchschaubaren Ehrbegriffen, seiner besonders in Deutschland so lächerlichen Unterschätzung der Frauen etwa und seinem Beharren auf sozialer und gesellschaftlicher Exklusivität zugleich so fern scheint. Und auf die Kriege des 19. Jahrhunderts schauen wir durch die Völkerkatastrophen des 20. und fühlen uns der weiteren Vergangenheit gegenüber auf der sicheren Seite: das könne so schrecklich wohl nicht gewesen sein.
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(15. April 2008)



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