Neun notwendige Bücher und ein – ähm, nettes
Die Überschrift übertreibt natürlich mindestens so schamlos wie der ähnlich lautende Titel einer der interessantesten Lyrikanthologien des vergangenen Jahrzehnts.
Außerdem wird der fachkundige Leser sogleich erkennen, dass es sich nur zur Hälfte um Neuerscheinungen handelt, ja dass sogar zwei der nachfolgend unter die "Besten des Jahres" gerechneten Werke längst nicht mehr im Handel erhältlich sind.
Diese Liste ist, unter dem Aspekt der Aktualität betrachtet, also Schmuh – aber sei's drum: Es sind nunmal meine Favoriten des unlängst vergangenen Lektürejahres 2004…
In alphabetischer Reihenfolge:
- Nicolas Born: Sämtliche Gedichte
Bereits die erste Begegnung mit dem lyrischen Werk Nicolas Borns vor vier Jahren war für mich eine geradezu elektrisierende Erfahrung. Für diejenigen, die sich z.B. durch den bis vor kurzem noch erhältlichen, von Peter Handke besorgten Auswahlband in der Bibliothek Suhrkamp ebenfalls in den Bann dieses frühvollendeten Dichters haben schlagen lassen, wird die vorliegende Sammlung sicherlich ein steter Quell, nein: Born der Freude sein. Allen anderen, auch solchen, die lyrischen Begegnungen sonst lieber ausweichen, sei sie hiermit wärmstens ans Herz gelegt.
[P.S.: Mehr als 25 Jahre nach seinem Tod ist Nicolas Born kürzlich mit dem Peter-Huchel-Preis geehrt worden - ein Beschluss, den die Jury, wie man z.B. hier nachlesen kann, "in seltener Einstimmigkeit" gefasst habe.] - Karel Capek: Der Krieg mit den Molchen
Capeks satirische, im Stile eines Dokumentarromans gehaltene moderne Fabel, die Orwells Farm der Tiere mindestens ebenbürtig ist, reflektiert mit viel Weitsicht die politische und gesellschaftliche Entwicklung Europas in den 1930er Jahren. Das Grundthema, "Gewalt erzeugt Gegengewalt", ist zwar nicht neu, doch selten mit solcher Konsequenz bis an sein Ende gedacht worden.
[Dieses 1936 erstmals erschienene Werk existiert (zumindest antiquarisch) in mehreren deutschen Ausgaben. Empfohlen sei entweder die noch im Buchhandel erhältliche bibliophile, doch erschwingliche Edition des Aufbau-Verlags oder die kommentierte Fassung bei Diogenes (beide übersetzt von Eliška Glaserová).] - Crauss.: Alles über Ruth
Gedichte von der (unerfüllten) Liebe präsentiert das zweite in der lyrikedition2000 erschienene Bändchen des Siegener Dichters Crauss., der 2001 mit eher experimentellen Texten (Crausstrophobie. Texte & ReMixes) debütierte. Feinsinnige Beobachtungen und leise Töne, ja teilweise geradezu minimalistisch anmutende Skizzen gesellen sich zu opulenten, oft auch humorvollen Gesängen, selbstreflexive, verspielte Etüden zu großen, pathetischen Gesten. Und wer aus rheinischen Gefilden stammt, wird auch an dem reichlich vorhandenen Lokalkolorit sicherlich seine Freude haben.
Nicht alles, aber viel Interessantes über Crauss. erfährt man übrigens hier. - A.M. Frey: Solneman der Unsichtbare
Ein Phantastischer Roman als gesellschaftskritisches Lehrstück, und das nicht nur vor dem Hintergrund des Wilhelminismus (das Buch stammt von 1914). Den Hinweis auf dieses Werk verdanke ich übrigens dem Autorenkollektiv Hans Mentz, dessen Worten ich mich auch nach der Lektüre nur anschließen kann. - Thomas Theodor Heine: Ich warte auf Wunder
Der autobiographisch motivierte Roman des bekannten Simplicissimus-Zeichners erschien 1945 im norwegischen Exil und wurde auch später hin und wieder aufgelegt. Heine erzählt mit viel hintergründigem Humor die wundersame Geschichte eines begabten (Lebens-)Künstlers, der zum Gründer einer politischen Bewegung wird, die sich der Entpolitisierung des Staates verschreibt. Großes Meteor-Hallo! - Gert Ledig: Vergeltung
Die "Ästhetik des Terrors", ebenso kühn wie stilistisch brillant, findet sich in keinem anderen Werk, das sich des Themas Krieg auf literarische Weise annimmt, eindrucksvoller wiedergegeben als in Gert Ledigs neuerdings vieldiskutiertem Roman von 1956. Der Autor, seinerzeit rasch in Vergessenheit geraten, erlebte seinen späten Ruhm leider nicht mehr: Er starb drei Monate vor der Neuveröffentlichung 1999. [Mehr über ihn hier.]
Erst vor kurzem ist übrigens in der Suhrkamp-Basisbibliothek eine kommentierte Fassung erschienen, die einigen Aufschluss über die Entstehung und Wirkung des Textes sowie einen sehr gelungenen Interpretationsansatz bietet und die ich daher an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen möchte. - Hans-Thies Lehmann, Patrick Primavesi (Hgg.): Heiner Müller Handbuch
Wer auch immer sich in Zukunft mit dem Werk des wohl bedeutendsten deutschen Nachkriegsdramatikers auseinandersetzen will, ist mit diesem Handbuch als Ausgangspunkt für die eigene Recherche bestens beraten. Eine gelungene Ergänzung zu der im Suhrkamp Verlag erscheinenden Werkausgabe nach bewährtem Muster der "Leben – Werk – Wirkung"-Reihe der Metzlerschen Verlagsbuchhandlung. Respekt! - Ernst von Salomon: Der Fragebogen
Was erwartet man von einem autobiographischen Roman eines Ex-Freikorpskämpfers und ultrakonservativen Schriftstellers? Nun, sicherlich keine vergnügliche Lektüre und erst recht kein an Einsichten und Einblicken in das politische und literarische Geschehen der 1920er bis 1940er Jahre reiches, ungemein spannendes und lehrreiches Werk. Salomon ist beides gelungen und hat damit, als Der Fragebogen 1951 erstmals erschien, in allen politischen Lagern für erhebliche Aufregung gesorgt. Ebenso lesenswert wie diskussionswürdig ist das Buch, dessen Auflage längst die Millionenmarke überschritten hat, auch heute noch. - Katharina Schultens: Aufbrüche
Ein bemerkenswertes Lyrikdebüt, nicht nur unter dem von Büchnerpreisträger Arnold Stadler genannten Aspekt, dass die Autorin ihr Handwerk nicht als Talent in die Wiege gelegt bekommen, sondern erst während ihres Studiums am Institut für Kreatives Schreiben der Uni Hildesheim entwickelt, gleichsam erlernt habe. Eine Kostprobe wurde übrigens bereits in K.A. 1/2004 kredenzt. - Klaus Wagenbach: Warum so verlegen
Kleine, durchaus persönliche Geschichte des Wagenbach-Verlags, angereichert mit einer ebenso persönlichen Auswahl an Ausschnitten aus bedeutenden Werken, die dort im Laufe der letzten 40 Jahre erschienen sind. Das liest sich insgesamt so süffig, dass man glatt Lust darauf bekommt, einen eigenen Verlag zu gründen (und nebenbei traurig und dankbar zugleich ist, nicht in den 60er Jahren sozialisiert worden zu sein).
Achja, welche der genannten Bücher nun die "notwendigen" und welches das "nette" ist, ist natürlich, ganz in Politycki-Manier, jedem selbst zu wählen überlassen!
(4. Februar 2005)



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