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Crauss.

Der visuelle Historiker

Ara Güler – »Das Auge des Jahrhunderts«

Maja Tworek

Biennale Bonn 2008 (Logo)Ara Güler, aus einer armenischen Apothekerfamilie stammend, wurde durch seine Faszination zum Kino zu einem weltweit bekannten und bedeutenden Repräsentanten der künstlerischen Fotografie und ein wichtiger Chronist. Nach vielen Arbeiten für internationale Zeitschriften wie »Time-Life« oder »Der Stern« und verschiedenen Nahost-Reportagen wurde er für sein bisheriges Lebenswerk geehrt und erhielt 1999 die türkische Auszeichnung als Fotograf des Jahrhunderts. Somit sind die Erwartungen an die Fotoausstellung »Das Auge des Jahrhunderts«, die im Rahmen der Biennale Bonn :Bosporus 2008 im Rheinischen Landesmuseum zu sehen ist, groß. Was hat Ara Güler, was andere nicht haben? Was wird an seinen dargestellten Menschen, ihrem Alltag in den 50er, 60er und 70er Jahren in der Türkei besonders sein? Inwiefern überzeugt er durch seine Schwarz-Weiß-Fotografien, die vorrangig Hafenlandschaften und Straßen Istanbuls zeigen?

Hafenszene vor dem Hintergrund Istanbuls (Foto: Ara Güler)
Hafenszene vor dem Hintergrund Istanbuls
(Foto © Ara Güler)

Wie jedes Land besitzt die Türkei ihre heiteren Seiten mit Badegesellschaften und fröhlichen Abenden mit Musik und Gesang, aber auch ihre Schattenseiten mit in Werften arbeitenden Kindern, Kindern, die mit Waffen spielen oder betrunkenen alten Männern. Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien vermitteln allesamt eine Dunkelheit und Melancholie, die das Mystische berühren, aber nie traurig wirken. Man kann die Bilder von Ara Güler als »schön« bezeichnen. Denn wie die Sonne den schiefen Baum in einer Gasse Istanbuls anstrahlt, oder wie aufgeschreckte Möwen von einem Schiff davonfliegen, ist einfach malerisch. Die Bilder wirken wie gemalt. Was allerdings am meisten begeistert, ist die in jeder Fotografie enthaltene unendliche Monumentalität des Augenblicks. Die Fotos zeigen Augenblicke, wie es sie millionenfach in nur einer Sekunde gibt, durch die Wahl der Perspektive, durch Nahaufnahmen oder einen Nebelschleier werden diese Momente jedoch einzigartig und exotisch. Dieser großartige, aufragende Schiffsbug mit klassischem, hängenden Anker, auf dem ein Mensch steht, wirkt derart alltäglich und natürlich und doch kann man sich nicht satt sehen, aus Angst, der Moment könnte verfliegen.

Straßenszene in Istanbul (Foto: Ara Güler)
Straßenszene in Istanbul
(Foto © Ara Güler)

»Monumental« bedeutet wichtig – und genau das sind die vielen Menschen auf den Fotografien Ara Gülers. Sie wurden wahllos fotografiert, sind demnach nicht wichtig als Individuen, sondern als Menschen an sich, als Lebewesen, die sich in ihr Umfeld einfügen, darin funktionieren und ihr Heimatland mit ihrem Leben bereichern. Die Bilderreihe vermittelt den Eindruck, die Türken seien ein hart arbeitendes Volk, das sich den Gegebenheiten der Natur und der Zivilisation anpasste.

Ara Gülers Technik und Motivwahl zur Darstellung dieser Monumentalität beweist seine Meisterklasse, die vielschichtige Auswahl der Fotografien, die ein Gesamtbild der Türkei erschließt, beweist seine Liebe zu seinem Heimatland und Volk und ermöglicht dem Museumsbesucher einen Blick in eine völlig neue Welt.

Das Auge des Jahrhunderts. Ara Gülers Türkei. Sonderausstellung im Rahmen der Biennale Bonn :Bosporus 2008. Rheinisches Landesmuseum Bonn, 5. bis 22. Juni 2008.

Fotos: © Ara Güler

(14. Juni 2008)

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