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Crauss.

Glanzlichter und Schwächeanfälle

In »Der lange Weg nach Wien« überzeugen die Außenseiter

Stefanie Preuß

Meueler, Schulz, Willmann (Hgg.): Der lange Weg nach WienAlle zwei Jahre, immer pünktlich zur Fußballeuropa- oder -weltmeisterschaft, wird der Buchmarkt überschwemmt von einer Fülle an Büchern über die schönste Nebensache der Welt. Diese tragen so illustre Titel wie »Fußball Unser«, »Sprechen Sie Fußball?« oder »Ersatzbankknigge – Der Fußball-Survivalführer für Frauen«. Nach dem jeweiligen Turnier erscheinen dann jene Bücher, in denen man jede Schwalbe von Cristiano Ronaldo, jedes Foul von Zinedine Zidane und jeden gelaufenen Kilometer von Michael Ballack genau nachlesen kann. Wer jedoch abseits von Statistiken und konventioneller Sportberichterstattung die Europameisterschaft 2008 noch einmal Revue passieren lassen möchte, für den ist »Der lange Weg nach Wien« aus dem kleinen ambitionierten Dresdner Verlag Voland & Quist eine positive Alternative. Nicht umsonst nennt sich das von Christof Meueler, Torsten Schulz und Frank Willmann herausgegebene Werk das »definitive und endgültige Autorenfußballeuropameisterschaftsbuch 2008«. Für diese literarische Nachlese der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz haben 16 junge Autorinnen und Autoren, von dem Surfpoeten Ahne über die Musikerin Bernadette La Hengst bis hin zu Jan Böttcher, dem Kapitän der deutschen Autorennationalmannschaft, oder dem Kulturjournalisten Norbert Kron, je eine Nationalmannschaft durch das Turnier begleitet, um ihr fußballerisch und literarisch zum Durchbruch zu verhelfen. Da wird gejubelt und getrauert, analysiert und philosophiert und gelegentlich auch eine verbale Blutgrätsche gemacht. Die Ergebnisse sind – wie immer beim Fußball – mal überraschend, mal langweilig und manchmal richtig zum Feiern. Und wie im richtigen Leben sind es die Außenseiter, die am meisten Spaß bereiten.

Der Band beginnt mit einer kleinen Landeskunde über jede der teilnehmenden Nationen. Hier wird entweder polemisch oder sympathisierend der jeweilige Fußball sowie die landestypischen Eigenheiten und Klischees analysiert. Das ist oft ausgesprochen intelligent und witzig, beispielsweise wenn in Norbert Krons Beitrag über Griechenland der Göttervater Zeus über die Sakralisierung des Sports sinniert und die Spieler Gekas, Kyrgiakos und Charisteas T-Shirts mit dem Aufdruck »Zeus loves you« tragen lassen will. Auch seinen unehelichen Sohn, den Trainer und Halbgott »Otto Rehakles« bewundert Zeus, denn niemand habe größere Weisheit in den Fußball getragen als er. Dies belegt Kron dann auch mit zahlreichen Zitaten, die Rehagels »sokratische Weltbetrachtung« aufzeigen sollen: »Leichte Bälle zu halten ist einfach. Schwierige Bälle zu halten ist immer schwierig.«

Torsten Schulz empfindet sein Los mit Schweden zunächst als Strafe: »Was für eine langweilige Mannschaft, dachte ich zunächst.« Doch dann ändert er seine Meinung: Als er sich überlegt, dass der serbische Kriegsverbrecher Mladić höchstwahrscheinlich von den Schweden versteckt wird, kommt ihm die Mannschaft plötzlich ungeheuer spannend vor. Auch dem Weltmeister Italien werden von Annett und Friedrich Gröschner kriminelle Machenschaften unterstellt, weshalb sie sich ebenfalls mit ihrem Losglück nicht so recht anfreunden können. Desillusioniert prognostizieren sie, dass sich Italien in der Gruppe C durchsetzen werde, da Berlusconi »letzte Woche Frankreich, die Niederlande und Rumänien käuflich erworben« habe. Anne Hahn ist dagegen der kroatische Fußball recht egal, sie berichtet lieber von ihrem kroatischen Dealer, von dem sie erfährt, dass die Kroaten neben dem Fallschirm und dem Kuli auch die Taschenlampe erfunden haben. Jochen Schmidt versucht in seinem Beitrag zu ergründen, welchen Sinn das Land Österreich hat, »in dem alles so ist wie in den peinlichsten Teilen Deutschlands«. Er ist der Ansicht, dass die Macher dieses Landes offenbar dachten, sie könnten den weltweiten Erfolg von Bands wie Motörhead und Hüsker Dü kopieren, indem sie den »Heavy-Metal-Umlaut« tragen, der »irgendwie böse« klingt.

Nach dieser Einführung in die teilnehmenden Länder, die nur am Rande etwas mit Fußball zu tun hat, geht das Turnier endlich los. Je zwei Autoren widmen sich einer Partie und präsentieren ihre ganz persönlichen Spielberichte. Diese sind ebenso unterschiedlich wie das Spielniveau der deutschen Mannschaft: Das Eröffnungsspiel beschreiben Jan Böttcher (Schweiz) und Ahne (Tschechien), und zwar ähnlich einfallslos, wie das Spiel der beiden Mannschaften war. Interessanter wird es im zweiten Spiel, in dem Portugal gegen die Türkei antritt. Gabriele Damtew (Portugal) schreibt in einem Brief an Cristiano »Ronny« Ronaldo, wie sehr sie sich freue, dass er ihren Rat beherzigt habe, »die Türken in der ersten Halbzeit durch schön herausgespielte Schwächeeinlagen irrezuführen«. Frank Willmann (Türkei) sieht das Spiel zusammen mit Eralp, der auch mal gekickt hat: »erst gegen den Ball, dann gegen Nasenbeine«.

Neben den Spielen des Titelverteidigers Griechenland begeistert auch die Berichterstattung über Vizeweltmeister Frankreich, was man von der Spielweise beider Mannschaften nicht gerade behaupten konnte. Friederike von Koenigswald hat nämlich festgestellt, dass Asterix und Obelix für Frankreich kämpfen, und zum ersten Mal in der Geschichte werden wir Zeugen, wie die tapferen Gallier von den Römern verprügelt werden. Nach den Vorrundenspielen sind die besten Mannschaften leider ausgeschieden. Die Texte der Endrundenspiele sind bedauerlicherweise zumeist nichts als mehr oder weniger originelle Berichte darüber, wie die jeweiligen Autoren die Partien erlebt haben (könnten). Wir erfahren, dass sich Frank Willmann als Türkeifan in Berlin-Mitte verhältnismäßig einsam vorkommt, dass Uli Hannemann das Spiel der Niederlande wegen eines mütterlichen Anrufes verpasst hat und dass Bernadette La Hengst bei Deutschlands Sieg gegen die Türkei direkt vor Außenminister Steinmeier sitzt. Ohne zu viel vorwegzunehmen, kann hier verraten werden, dass es die deutsche Mannschaft am Ende bis ins Finale schafft, sich dort jedoch gegen die besseren Spanier geschlagen geben muss.

Auch wenn die Qualität der Beiträge sehr unterschiedlich ist und sich neben Glanzlichtern auch einige Schwächeanfälle finden, bietet sich fußballinteressierten Lesern mit diesem Band eine schöne Erinnerung an die Europameisterschaft, die zudem durch ausführliche Statistiken zu jedem Spiel und eine CD, auf der man sich die landeskundlichen Beiträge noch einmal anhören kann, vervollständigt wird. Das Konzept macht jedenfalls Lust auf die nächste Weltmeisterschaft in zwei Jahren und verkürzt bis dahin den »langen Weg nach Johannesburg«. Möglicherweise spielen Deutschlands Nachwuchsautoren dann bereits literarisch um den Titel mit.

 

Christof Meueler, Torsten Schulz, Frank Willmann (Hgg.): Der lange Weg nach Wien. Das definitive und endgültige Autorenfußballeuropameisterschaftsbuch 2008. Verlag Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2008. 160 Seiten. ISBN 978-3-938424-30-8. 14,80 Euro.

(30. September 2008)

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