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Crauss.

Quer einsteigen statt Karriere

Luzia Braun beantwortet den Fragebogen für »Germanisten, die es geschafft haben«

Stefan Andres, 26. Januar 2009, 8:45 Uhr

Mit deutschen Schriftstellern teilt sie die Liebe zu Italien: die Journalistin Luzia Braun hat sich aber auch dem Studium der Deutschen Literatur gewidmet. Bereits seit 15 Jahren moderiert sie eine der prominentesten Fernsehsendungen im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen, das TV-Kulturmagazin aspekte im Zweiten Deutschen Fernsehen – allen Unkenrufen zum Trotz sehr ansprechend und meist sogar noch vor der Geisterstunde. (Übrigens sind, anbei bemerkt, die aspekte auch neben Luzia Braun in allerbesten Händen: Der zweite Moderator, Wolfgang Herles, hat ebenfalls ein Studium der Germanistik absolviert.)

In ihren Antworten zu unserem »Germanisten-Fragebogen« berichtet Braun von den »wichtigen« Dingen während ihres Studiums, von alternativen Lehrveranstaltungen, warum »Karriere« für sie ein Fremdwort war – und was sie sich von angehenden Journalisten wünscht.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Luzia Braun:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach?

    Ich habe sechs Jahre studiert, Germanistik und Geschichte im Hauptfach.

  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren?

    Mir schien es ein Studium, das mir Zeit zum Leben lässt und meiner Freude am Lesen, Schreiben und Diskutieren entgegenkam.

  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht?

    Weiblichkeitsvorstellungen in der Literatur der Jahrhundertwende.

  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt?

    Dass Otto Weininger, Frank Wedekind und Konsorten hartgesottene Frauenverächter waren.

  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus?

    Ich war bei der KLV, den zum bürgerlichen Studienbetrieb alternativ organisierten bzw. koordinierten Lehrveranstaltungen – und da gab es den Kult des einen Professors nicht, es zählte mehr der Geist des Germanisten-Kollektivs.

  6. Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre?

    Robert Musil: Mann ohne Eigenschaften, Ingeborg Bachmann, Leo Perutz, Schwerpunkt: Literatur von Frauen in allen Epochen, Autobiografien.

  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben?

    Während des Studiums habe ich nur als Kellnerin gejobbt, nach dem Studium bin ich erst mal ein halbes Jahr nach Südostasien gereist, habe als Deutschlehrerin Italiener im Knast unterrichtet, in Bologna in einer Metallfabrik übersetzt und dort mein erstes Hörfeature für den Rundfunk geschrieben, keine Praktika, kein Volontariat, Artikel für verschiedene Zeitungen geschrieben aus Italien, dann als DAAD-Lektorin nach Milano gegangen und nebenher als freie Journalistin gearbeitet, erst für Rundfunk und später dann für das Fernsehen, insgesamt 15 Jahre lang.

  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden?

    Ich gehöre noch zu der Generation, die sich nicht gefragt hat, was sie werden, sondern wie sie leben will und in welcher Gesellschaft. Karriere war für uns ein Fremdwort. Ich wusste nur, dass ich nicht Lehrerin werden wollte und ansonsten unendlich viel Zeit habe, nicht verhungern werde, mich mit irgendeinem Job über Wasser halten kann und nur Dinge tun möchte, die mich interessieren und weiterbringen.

  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was?

    Ich habe leider viel zu wenig gelernt auf der Uni, das bereue ich heute. Wir hatten »wichtigere« Dinge zu tun damals: Politik, Liebe, Reisen, Feste.

  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)?

    Heute ist der Druck viel größer und die Konkurrenz auch. Niemand kommt heute noch wie ich als Quereinsteigerin ins Fernsehen. Heute würde ich eher nicht mehr Germanistik studieren, weil es keine gute Voraussetzung ist für den Journalismus, besser ist sicher eine explizite Journalistenschule.

  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht?

    Die meisten in unserer Kulturredaktion kommen aus den Geisteswissenschaften, auch heute noch.

  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen?

    Schwer zu sagen, ich habe keinen Rat, nur einen Wunsch: dass junge Kolleginnen und Kollegen nicht nur Praktika und Auslandserfahrung und fünf Fremdsprachen anhäufen, sondern das haben und entwickeln, was im Journalismus immer mehr fehlt: Haltung.

 

Luzia Braun (Foto: © ZDF)Luzia Braun, geboren am 18. April 1954 in der Heidegger-Stadt Meßkirch, feierte kürzlich ein kleines Jubiläum: Ende November 2008 moderiert sie bereits seit 15 Jahren das ZDF-Kulturmagazin aspekte. Nach dem Germanistik- und Geschichtsstudium in Freiburg von 1974 bis 1980 unterrichtete sie Italiener im Gefängnis, arbeitete für Zeitungen und Rundfunk, ging 1984 nach Mailand und lehrte im Auftrag des DAAD an der Universität deutsche Literatur und Sprache. Sie schrieb, unter anderem über »Frauenmystik im Mittelalter« für die Frauenliteraturgeschichte aus dem Metzler-Verlag, und machte Filme über Italien fürs deutsche Fernsehen, darunter Das Phantom der Mafia. Plati – das verrufenste Dorf Italiens (1992) für den Westdeutschen Rundfunk, Der Pate von Rom – Andreotti und die Mafia (1994 für WDR und SDR) oder First ladies der Mafia: Wie die Frauen der Bosse die Macht ergreifen, 1998 gemeinsam mit Co-Autorin Petra Reski für das ZDF. Von April bis Dezember 2001 moderierte sie die ZDF-Talkshow Dolce Vita. 2002 unterrichtete sie an der Bauhaus-Universität Weimar, 2003 hatte sie an der Universität der Künste (UDK) Berlin einen Lehrauftrag zum Thema Kulturjournalismus. Luzia Braun ist verheiratet und lebt in Berlin und in Mailand.

Foto: © ZDF

 

In unserer Serie Germanisten im Beruf haben seit 2006 bereits über dreißig ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten Auskunft über ihren Werdegang und den Nutzen ihres Studiums gegeben; der Reihe nach: Martin Sonneborn (Titanic-Redakteur) – Jan Sting (freiberuflicher Journalist) – Axel Joerss (Journalist und Fotograf) – Christine Henschel (Wissenschaftslektorin) – Nikola Richter (Schriftstellerin und Journalistin) – Burkhard Spinnen (Schriftsteller) – Kathrin Passig (Autorin und Geschäftsführerin der »Zentralen Intelligenz Agentur«) – Adam Soboczynski (ZEIT-Redakteur) – Cornelia Schu (wiss. Referentin beim Wissenschaftsrat) – David Eisermann (Kulturjournalist und WDR-Radiomoderator) – Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und – seit Frühjahr 2007 – Professorin an der FH Düsseldorf) – Carla Christiany (Deutschlektorin an der Università di Bologna) – Christoph Wenzel (Mitbegründer und -herausgeber der Literaturzeitschrift [SIC]) – Christian Eichner (promovierter Rechtsanwalt und Germanistik-Habilitand) – Olaf Kutzmutz (Programmleiter Literatur der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel) – Andreas Wilink (Mitbegründer, -herausgeber und leitender Redakteur des Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW) – Tilman Krause (Literaturkritiker und leitender Literatur-Redakteur bei der Welt) – Andrea Vetsch (TV-Moderatorin im Schweizer Fernsehen) – Axel von Ernst (Schriftsteller und Verleger) – Bernd Draser (freiberuflicher Dozent) – Yvonne Büdenhölzer (Dramaturgin) – Reiner-Ernst Ohle (Theaterreferent) – Antje Schnadwinkel (Lektorin) – Maxim Hofmann (Kabarettist) – Sandra Heinrici (Organisationsassistentin der Biennale Bonn 2008) – Nicole Maus (PR-Beauftragte des Goethe-Instituts London) – Marius Kursawe (Unternehmensberater) – Barbara Wermann (Lektoratsassistentin) – Volker Oppmann (Verleger) – Jürgen Kaube (FAZ-Redakteur) – Andrea Essers (Freie Buchredakteurin). – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

(26. Januar 2009)

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