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Crauss.

Die zehnte Muse

Manfred Poser erinnert an die Wurzeln und stellt die altgriechische Lyrikerin Sappho vor

Manfred Poser, 19. Juni 2009, 1:40 Uhr

Hesiod nannte als erster die Namen der neun Musen, allesamt Töchter des Zeus: Euterpe, Erato, Kalliope, Clio, Melpomene, Polyhymnia, Terpsichore, Thalia und Urania. Der Philosoph Platon ergänzte die Gruppe um einen Namen. Die zehnte Muse, das sei die »schöne Sappho«, die 200 Jahre vor ihm Lyrik verfasst hatte. Viel später lässt der römische Dichter Horaz (65–8 v. Chr.) die Toten in der Unterwelt in andächtigem Schweigen den Liedern Sapphos lauschen. Die »geradezu erschütternde Schlichtheit« (Max Treu) ihrer Gedichte wurde von allen bewundert.

Zurück also zu den Wurzeln, zurück zur Poesie, der »Muttersprache des Menschengeschlechts« (Herder), und zu den Dichtern, den »Geschichtsschreibern des menschlichen Herzens« (Hamann an Kant). Luciano Anceschi nannte die frühgriechische Lyrik mit den Hauptvertretern Alceo (»O von Veilchen gekrönte, göttliche, süß lächelnde Saffo!«), Alkmane, Archilochus, Sappho und Anakreon einmal das »Eden der Poesie«.

 

Griechische Insel mit Dichterin ... (Foto: Manfred Poser)
Griechische Insel mit Dichterin (auch wenn es, in Wahrheit, Procida bei Neapel ist, mit Giovanna B.).
(Foto: Manfred Poser)

 

Sappho wurde um 630 vor Christus in Mitilene auf Lesbos geboren und starb um 570. Sie selber nannte sich »Psappho«, in Italien heißt sie »Saffo«, was leichter auszusprechen ist. Sie soll nicht schön gewesen sein, und – wie Horaz – klein und von dunkler Hautfarbe. Sie war verheiratet und hatte eine von ihr verehrte Tochter. Sappho selber wusste, dass man ihrer gedenken würde; was sie aber nicht wissen konnte, war, dass man sie schon 100 Jahre nach Horaz verteufeln (Martial war es) und diese Einschätzung bis ins 19. Jahrhundert fortdauern würde. Denn von Sappho, die, wie gesagt, auf Lesbos lebte und viel über ihre Liebe zu Mädchen schrieb, rührt der Begriff »lesbisch« her. In der griechischen Polis galt gleichgeschlechtliche Liebe als würdig und erhebend, darunter verstand man allerdings, wie Hermann Fränkel erklärt, »Anblick, leibliche Nähe und geistige Gegenwart«: Sie diente der Erziehung und der Reife.

Sappho stand einer der damals üblichen weiblichen Gemeinschaften (»Thiasoi«) vor, in denen junge Mädchen Lebenskunst und Stil lernen sollten, um auf die Heirat vorbereitet zu sein. Natürlich herrschten unter ihnen Eifersucht und Konkurrenz, und es werden sich wohl Mädchen in die verehrte Lehrerin verliebt haben, der es ähnlich ging: »Meinen Geist hat Eros erschüttert, wie der Sturm im Gebirg, der in Laubwald fällt.« Wenn dann eine geliebte Schülerin heiratete und gehen musste, war das für Sappho zum Verzweifeln: »Eine Sehnsucht habe ich, zu sterben und / die tauigen Lotosufer am Acheron zu sehen.«

Man weiß von sieben Büchern der Dichterin. Zur Gänze erhalten ist nur ein Lied, eine Ode an Aphrodite. Alles andere sind Fragmente, manchmal nicht mehr als eine Zeile. So lautet, nach der Klassifizierung von Diehl, Fragment 87 D.: »Zá (τ’) έλεξαμαν οναρ, Κυπρογενηα.« Kyprogenea ist ein Name für die Liebesgöttin Aphrodite, und wir haben zwei Übersetzungsversionen: »Einen Traum hab ich erzählt dir, Aphrodite« (Max Treu), oder: »Ich habe im Traum mit dir gesprochen, Aphrodite« (»Ho parlato in sogno con te, Afrodite«). Die zweite stammt von dem Sizilianer Salvatore Quasimodo (1901–1968). Sein Buch »Lirici greci« (1940) bewirkte eine Wiederentdeckung der frühen griechischen Lyrik. 1959 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Die Arbeit der deutschen Altphilologie ist nicht hoch genug einzuschätzen. Die Standardwerke zur Technik stammen von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf (»Griechische Verskunst«, 1921), Paul Maas und Bruno Snell. Sie analysierten die Metrik und mithin auch Sapphos Gedichte, die streng schrieb, ohne eine Grammatik dafür benötigt zu haben; erst die Sophisten im 5. Jahrhundert vor Christus legten eine solche für die griechische Sprache vor.

Hier noch ein Vers der Sappho, in der Übersetzung von Max Treu:

Nun ist schon der Mond versunken
und auch die Pleiaden, Mitte
der Nacht, und die Zeit des Wartens
vorüber. Alleine schlaf ich.

Im klangvollen Griechisch klingt das so: »Dedüke men a selanna, / kai Pleiades, mesai de noktes, para d’ erchet ora, / ego de mona kateudo.« Und diese Sprache, begleitet von Klängen unendlicher Melancholie, lässt sich in den Konzerten der Sängerin Haris Alexiou (Χάρις Αλεξίου – »Haris« heißt »Anmut«) gut hören, die am 22. Juni in Kavala und am 24. in Saloniki auftritt. »To tango tis nefelis« war ihr großer Hit, ein Ausdruck griechischer Tragik.

 

Hermann Fränkel (»Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums«) beschreibt diese Lyrik: »In den Erscheinungen wird die Sache selbst gefunden.« Es regiere der »flächenhafte Charakter der archaischen Sehweise«, seelische und körperliche Vorgänge fielen zusammen, und: »Es gibt nur eine Sicht auf den Vorgang, die alles erschließt.« Das wirkt fast japanisch, skizzenhaft, eben »erschütternd schlicht«, auch wenn Sappho selber schrieb: »Ich aber liebe die Fülle.«

 

Für die Heutigen

In seinem Vorwort zu »Lirici greci« bringt Luca Anceschi zwei Gedanken, die immer noch (oder wieder) aktuell sind. Die poetische Schönheit sei ein Geschenk, das nichts koste, ein »dono gratuito«. Weil ihr Entstehen von vielen Faktoren abhängig ist, kann sie schwer auf Kommando produziert werden und steht der Warengesellschaft nicht schrankenlos zur Verfügung. Des weiteren habe die griechische Lyrik die Nachfolge der Epik angetreten, in der die Motive verstreut auftraten. Nun ging es also um eine Reinigung des Werks, um die Isolierung der Motive und die Kürze der Darstellung. Das Gedicht musste sich laut Anceschi präsentieren als ein »alles was« (»tutto è«).

Poesie war für Wilamowitz-Moellendorf »rhythmische Rede, wir dürfen auch sagen, gesungene Rede«. Dann begann in Ionien die Prosa, Gorgias bediente sich des Attischen und stieß auf Begeisterung, und »was Isokrates wollte, hat sich erfüllt: die Kunstprosa hat die Poesie abgelöst«. Heute, in Zeiten des Internets, sollen die Texte kurz sein. Wieder geht es um Isolierung der Motive, um Kürze der Darstellung.

Ich etwa muss bei meinen kleinen Texten für »futura9« streng mit mir sein und darf nicht allen Assoziationen nachgehen wie bei den »Ausreißversuchen«; ein Motiv will ausgespielt werden, lange Erörterungen stören, und so liegt Gewicht auf fast jedem Wort; und dann drängen sich auch plötzlich Splitter in den Text, die seltsam wirken und wie geschaffen »im Rausche eines göttlichen Wahnsinns« (W.-M.), aber so retten wir Elemente der Poesie hinüber in unsere Zeit, wenn wir schon nicht, was wir jedoch tun sollten, Lyrik lesen von heute oder gar selbst Gedichte schreiben.

(19. Juni 2009)

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2 Kommentare »

Kommentar von Rolf Hannes
am 19. Juni 2009 um 8:59 Uhr

Lieber Manfred Poser, prima Artikel über Sappho, nur eins möchte ich anmerken: pfeif auf die Zeiten des Internets! Texte sollten nicht kurz sein noch lang, nur gut. Vielleicht sogar sehr gut, dann kommts nicht auf die Wortmenge an. Schönen Gruß Rolf

 
am 22. Juni 2009 um 15:03 Uhr

[...] Kritische Ausgabe » Die zehnte Muse Manfred Poser erinnert an die Wurzeln und stellt die altgriechische Lyrikerin Sappho vor [...]

 
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