Da fährt einer mit dem Fahrrad umher und schlägt anderen auf den Hinterkopf. Ein anderer schleicht nachts hinter Menschen her, um ihre Reaktionen zu beobachten. Kurz darauf wird er selbst verfolgt. Ein kleiner Junge, der wegen seiner Körperfülle von Mitschülern gehänselt wird, steckt ganz nebenbei ein Fleischermesser ein. Ein Mann hängt einen Hund an der Wand auf und quält ihn langsam zu Tode, während er die Laute des sterbenden Tieres auf Tonband aufnimmt. Ein Vater tötet sich und seinen Sohn in einem absichtlich herbeigeführten Unfall, um nicht mit einer ehemaligen Freundin zusammentreffen zu müssen. Ein Mann geht Zigaretten holen und findet seine Wohnung nicht wieder. Eine Schauspielerin erzählt einem Bekannten am Telefon von einer Familie, die sie seit Jahren verfolgt, und hört plötzlich ein Geräusch im Flur. Zwei Männer warten darauf, dass ein ‚Paket’ abgeholt wird: eine Asiatin, die zur Prostitution gezwungen werden soll.
Achtzehn Erzählungen von Gewalt und Wahnsinn, von subtiler Bedrohung und offener Aggression, von Unfällen, Morden und Selbstmorden, angekündigten und tatsächlichen, sind in Guy Helmingers neuem Erzählband unter dem Titel Etwas fehlt immer versammelt. Helminger lotet darin die Spannbreite von Gewalt hinter der Fassade des Alltags aus, von der niemand verschont bleibt: Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen, Menschen und Tiere, als Opfer genauso wie als Täter. Die Gewalt kommt auf leisen Sohlen daher, lauert unter der Oberfläche und schlägt urplötzlich zu. Wie in der Erzählung Bachmall, wo sich ein ganzes Dorf in aberwitzige Vermutungen über einen Zugezogenen verstrickt. Von Benzinklau über Waffenschieberei bis hin zu der Befürchtung, er streue Nervengift auf die Wiesen und benutze das Viertel als Versuchsanordnung, gehen die Vermutungen, und in einer Art kollektivem Wahn wird das Unglück schließlich selbst provoziert. Oft sind es Kleinigkeiten, die das Gleichgewicht der Protagonisten durcheinanderbringen, genügt eine Winzigkeit, um eine offenbar völlig unangemessene Reaktion herauszufordern.
Schon die Konstellationen der einzelnen Geschichten bergen also ein Kaleidoskop subtiler Bedrohlichkeiten inmitten scheinbarer Normalität. Der Clou dieses Erzählbandes ist jedoch die Verbindung der einzelnen Geschichten untereinander durch ein dichtes Netz von Anspielungen und Parallelen: Personen aus der einen Geschichte tauchen in einer anderen als Randfiguren wieder auf, in der einen wird ein Handy weggeworfen und in einer anderen wiedergefunden, Imbiss und Park werden in verschiedenen Geschichten von unterschiedlichen Personen aufgesucht und türkische Musik weht gleich mehreren Figuren ins Zimmer. Auf diese Weise entsteht das Panorama einer Stadt und ihrer Einwohner, das zugleich eine Topographie ihrer Verstrickungen und Gewalttätigkeiten darstellt und den Leser hineinzieht in eine Atmosphäre aus Verstörung und Wahn, scheinbarer Harmlosigkeit und unheimlichen Andeutungen. Die Vernetzungen weiten die Erzählungen beinahe zu einer Art Roman, nur dass sich keine Hauptperson findet, keine menschliche jedenfalls.
Denn die heimliche Hauptfigur dieses Buches ist das Licht. Das Licht, das die verschiedenen Szenerien beleuchtet, mal schwach und undeutlich, mal grell und unbarmherzig: Es legt bloß oder zieht sich zurück, es ist aufdringlich oder zurückhaltend, es macht sichtbar. Das bleibt nicht ohne Einfluss auf die Figuren: Es wird viel geschwitzt in diesen Geschichten, wie unter massiver Scheinwerferbeleuchtung breitet sich die Hitze über den Szenen aus, und etwas von dieser schwülen, überhitzten Atmosphäre überträgt sich auch auf den Leser.
Wie im Fieber beginnt er, hinter jeder noch so kleinen Beschreibung eine Andeutung zu sehen, und wer nicht aufpasst, kann vom Wahn der Geschichten in eine Art Verfolgungswahn beim Lesen geraten. Ist das entfernte Rascheln von Metall im Gebüsch in Geklärt eine Anspielung auf den Mörder in Beobachtungen? Stand nicht der rote Ball, den Flammer in Irland in seinem Auto findet, in Verbindung mit dem Verschwinden von Else Wertkamp in Mittelmeer?
Bei der Beschreibung des Lichtes und seiner abertausend Facetten lässt Helminger seiner überbordenden sprachlichen Kreativität freien Lauf – es gibt scheinbar nichts, womit sich das Licht nicht vergleichen ließe. Manchmal stürzt es sich „wie ein Wasserfall über die Stadt, schlierte über die Dachziegel herab, sickerte durch jede noch so kleine Öffnung, bestrich Nischen und Hauseingänge“. Ein anderes Mal schiebt sich die Sonne „wie eine Kugel Flüssigeisen aus dem Hochofen [...] über die Häuser, tropfte auf die Dachziegel und stand dann stundenlang zum Abkühlen in einer Ecke des Himmels“. Und wieder ein anderes Mal erscheinen die Sonnenstrahlen als lange, gleißende Röhren „wie auf der Sonnenbank“. Der dicke Rupert stellt sich Sonnenstrahlen als Seile vor, an denen sein abwesender Vater Wäsche aufhängt. Das Licht kann sich aber auch „aufdringlich zwischen die Falten ihres Kleides“ wühlen und damit die Vermutung einer Figur unterstreichen, ihre Widersacherin habe „immer alles mit der Möse gemacht“. Und schließlich kann es sogar eine Lüge transportieren:
Wie ein kleines weißes Papierschiffchen schwamm die Lüge auf den Lichtwellen durch das Zimmer, drehte sich ein-, zweimal zwischen den Möbeln und verschwand, ohne zu kentern durch das geschlossene Fenster.
Diese Bilder sind so überraschend wie gelungen, dass vereinzelte Fehlgriffe (etwa: „Von der Decke seesternte das Licht…“) nicht weiter ins Gewicht fallen.
Thematisch knüpft Guy Helminger mit diesem Erzählband an seine Kurzgeschichtensammlung Rost an, jedoch kommen die neuen Erzählungen subtiler daher. Es gibt weniger tatsächlich beschriebene Gewalt- oder Tötungsakte, dafür mehr Andeutungen. Bedrohliche Entwicklungen werden in Aussicht gestellt, der Ausgang wird jedoch häufiger offen gelassen.
So endet die Erzählung Pelargonien mit der Überlegung des abgewiesenen Perl, dass es ja eine Leiter zur Wohnung der Widerspenstigen gibt und dass er ihr noch nicht die Haare geschnitten hat. Wohin das führen mag, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen…
Verstörend und nicht leicht zu ertragen wirken dagegen die Erzählungen, in denen Tötungsvorgänge explizit beschrieben werden. Wenn etwa der Ermittler Marc am Tatort seinen Finger in die mit dem Blut des Opfers vermischte Pastasauce taucht und ableckt, werden die Grenzen des Geschmacks im buchstäblichen Sinne weit überschritten. Doch natürlich hat auch dies System: Die Verstörung des Lesers auf allen Ebenen, gepaart mit einer Portion Ekel, heizt der Phantasie kräftig ein und steigert so die Vorstellungen über den schlimmstmöglichen Ausgang gerade auch bei denjenigen Geschichten, deren Ende im Ungewissen verbleibt.
Als wäre das noch nicht genug, treibt Helminger zudem die Verunsicherung der Wahrnehmung des Lesers voran, indem er in einige Erzählungen bizarr-surreale Elemente einbaut. So muss Wampach erst seine Zigarettenpackung bei einem seltsamen Mann im Park umtauschen, damit sich die Wirklichkeit wieder einrenkt und er in seine Wohnung zurückkehren kann. Ganz entgegen der Überschrift Geklärt bleibt das Geschehen völlig rätselhaft: Hatte sich Wampach zuvor in der Tür geirrt, gab es einen Zeitsprung oder handelt es sich doch eher um einen Fall von Wahn und Einbildung? Das konsequente Fehlen von Erklärungen zieht den Leser hinein in die Welt der verzerrten Wahrnehmungen, in der sich einige der Figuren befinden, und bringt ihn an die Grenze des verstandesmäßig Erfassbaren.
Der Titel des Bandes Etwas fehlt immer verweist auf die bereits erwähnte Erzählung Pelargonien, für die Guy Helminger im vergangenen Jahr mit dem 3sat-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt ausgezeichnet wurde (der Text kann übrigens auf den Seiten des ORF nachgelesen werden). Etwas fehlt immer ist die lakonische Antwort des Protagonisten Perl auf alles Mögliche, sei es die Nachfrage am Unfallort, ob er den Krankenwagen gerufen hat, oder die Forderung des Taxifahrers nach seiner Entlohnung. Auch sonst fehlt in diesen Erzählungen so einiges: etwa eine Verbindung zwischen Perls obsessiver Liebe zu Blumen und seiner geradezu psychopathischen Kälte und Missachtung der Ablehnung durch seine ‚Auserwählte’. Oder zwischen dem Fund der toten Marie und Flamms erstem Gedanken, was nun mit all den Salzstangen geschehen soll, die er für sie gekauft hat. Viele der Personen wirken auf seltsame Weise emotional unbeteiligt und unempfänglich für die Wünsche und Empfindungen anderer. Dies sichtbar zu machen durch mikroskopisch-genaue Beschreibungen scheinbar zusammenhangloser Details, die ungerührt neben Auswüchse von Grausamkeit und Fühllosigkeit gestellt werden, ist eine der großen Leistungen dieses Erzählbandes.
Und am stärksten sind die Erzählungen genau dann, wenn Helminger einfach nur beschreibt. Diese Selbstbeschränkung hat er in weiten Teilen in bewundernswerter Weise durchgehalten. Einige wenige Male ist es ihm nicht gelungen, etwa wenn die Bäckereiverkäuferin ein Blech mit Brötchen aus dem Ofen zieht und Rino darauf die ganze Welt zu sehen vermeint. Soviel überhöhende Eigendeutung haben die Geschichten überhaupt nicht nötig, und zum Glück kommt sie auch nur sehr selten vor. Denn gerade in ihrer unkommentierenden Beschreibung sprechen die Erzählungen für sich und weisen durch ihre Vernetztheit gleichzeitig über sich hinaus.
Aber die Vernetzungen weiten nicht nur die einzelnen Erzählungen zu einer zusammengehörigen Welt, sondern umgekehrt gewinnt dadurch auch jede einzelne Geschichte an Weite. Mal klären die Vernetzungen etwas auf, mal deuten sie nur etwas an. Und manchmal hat der Leser den Figuren durch die Verbindungen etwas voraus: So ahnt man beim Lesen der Geschichte der dritten Person recht schnell, dass die junge Frau wohl vergebens auf ihren Bruder warten wird, da die Umstände und schließlich auch der Name darauf hindeuten, dass es sich um den Toten aus Pasta Roter Platz handeln muss. Letztlich sicher kann man sich allerdings auch hierbei nicht sein.
Die raffinierte Komposition des Erzählbandes als Ganzes spiegelt sich auch in den rhythmisch wiederkehrenden Motiven der einzelnen Geschichten. So hinterlässt etwa der Bestatter Leo Flamm überall ein Häufchen Erde, so als trage er den Friedhof auf geheimnisvolle Weise mit sich herum, Flaumer spürt in regelmäßigen Abständen seinem entzündeten Zeh nach, und der Kinderreim, mit dem sich Erwin und Milena über den dicken Rupert lustig machen, taucht als wiederkehrende Erinnerung an die Hänseleien auf: „Rupert ist zwar nett, aber furchtbar fett.“ Diese Verdichtung der Absonderlichkeiten lässt dem Leser keine Chance, sich dem Wahn zu entziehen. Aus der Welt des Guy Helminger gibt es kein Entrinnen, weder für die Figuren noch für den Leser.
Insgesamt besticht dieser Erzählband nicht nur durch seine innovative Struktur und die extrem dichte Vernetzung, sondern auch durch seine brillante Sprache und seine Fähigkeit, das Lauern von Gewalt und Aggression unter dem oftmals nur hauchdünnen Anstrich der Zivilisation erfahrbar zu machen, Verfolgungswahn und Alpträume nicht ausgeschlossen. Ein aufwühlendes, ein unheimliches und ein spannendes Buch, und mit Sicherheit eine der interessantesten Neuerscheinungen in diesem Herbst!
Bibliographie und weitere Links
- Guy Helminger: Etwas fehlt immer. Erzählungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2005. 270 Seiten. ISBN: 3-518-41708-8. 19,80 Euro.
- Guy Helminger: Rost. Kurzgeschichten. Echternach (Luxemburg): Éditions Phi, 2001. (vergriffen)
- Der Autor im Internet: www.guyhelminger.de
Diese Rezension entstand im Rahmen der Literarischen Übung "Kritische Genres", die von der Redaktion der Kritischen Ausgabe zusammen mit Dr. Ursula Geitner im Sommersemester 2005 am Germanistischen Seminar der Uni Bonn angeboten wurde. Näheres dazu z.B. auf www.stern.de.
(13. August 2005)



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