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Stillgestellter Orient

Zum 100. Todestag von Isabelle Eberhardt (1877-1904)

Steffi Rentsch / Rochus Wolff, 17. September 2005, 13:16 Uhr

Anmerkung der Redaktion: Der nachfolgende Artikel wurde ursprünglich für Kritische Ausgabe Nr. 2/2004 verfasst, musste aber aus Platzgründen leider wegfallen. Zwar ist der Anlass für das Portrait, der 100. Todestag Isabelle Eberhardts im vergangenen Oktober, längst verstrichen, doch gibt es sehrwohl einen aktuellen Bezug, auch wenn dieser eher privater Natur ist: Steffi Rentsch und Rochus Wolff, die beiden Autoren des Beitrages, sind nämlich vor kurzem Eltern geworden! Herzlichen Glückwunsch! ;)

Im Herbst 1977 kaufte ich [...] in San Francisco ein Buch von Isabelle Eberhardt in englischer Sprache, The Oblivion Seekers (Die Vergessenssucher) [...]. Es war eine eher zufällige Entdeckung: den Namen Isabelle Eberhardt [...] hörte ich zum ersten Mal. Was mich zum Kauf des Buches bewogen hatte, war vor allem das Foto der Autorin auf dem Frontispiz: eine knabenhaft aussehende junge Frau von höchstens zwanzig Jahren, in tunesischer Tracht mit Fez und Djellaba, einen Rosenkranz in der Hand und einen türkischen Dolch im Gürtel.

Isabelle Eberhardt © Gerstenberg VerlagHans Christoph Buchs Erinnerung an seine erste Begegnung mit dem literarischen Werk Isabelle Eberhardts ist symptomatisch, denn das Interesse, das ihre ungewöhnliche Erscheinung, ihr tragisches und aufregendes Leben auslösen, ist spätestens seit ihrer Wiederentdeckung im Zuge der zweiten Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre ungebrochen.

Die gesicherten Informationen über das Leben Isabelle Eberhardts sind allerdings recht überschaubar. Sie wird am 18. November 1877 in Genf geboren; ihre Mutter Nathalie de Moërder, die aus einer preußischen Adelsfamilie stammt, war einige Jahre zuvor mit ihren vier Kindern aus Rußland, wo ihre Familie ansässig geworden war, nach Genf gekommen. Ihr Ehemann, Pawel de Moërder, ein russischer General und Senator im Dienst des Zaren, war bereits 1873 verstorben, und so wird das Mädchen als unehelich geführt: die Geburtsurkunde gibt keinen Namen für den Vater an, und die kleine Isabelle trägt fortan den Geburtsnamen ihrer Mutter, Eberhardt.

Alexander Trofimowski, der Hauslehrer der Familie de Moërder, hatte Isabelle Eberhardts Mutter schon auf dem Weg nach Genf begleitet, und alles deutet darauf hin, daß er ihr Geliebter und Isabelle Eberhardts Vater war. Trofimowski ist eine schillernde Gestalt: der Armenier war ursprünglich russisch-orthodoxer Geistlicher, begann sich aber dann für anarchistisches Gedankengut zu interessieren und war wohl mit Michail Bakunin befreundet.

Isabelle Eberhardt wird, wie ihre Geschwister, von Trofimowski zuhause unterrichtet; eine öffentliche Schule besucht sie nicht. Schon mit zwölf Jahren spricht sie angeblich mehrere Sprachen: Russisch, Französisch, Deutsch und Italienisch. Außerdem liest sie Texte in Latein und Griechisch und beginnt, Arabisch zu lernen.


Gemeinsam mit ihrer Mutter reist sie Anfang 1897 nach Algerien, wo beide, wenn man Isabelle Eberhardts Schilderungen glauben mag, zum Islam übertreten. Nathalie de Moërder stirbt kurz darauf, und ihre Tochter beginnt mit ihren Reisen durch die Wüste Algeriens. Sie reist häufig zu Pferd, allein und in Männerkleidung – schon in Genf hatte sie sich öfter als Mann verkleidet – unter dem Namen Si Mahmoud oder Mahmoud Saadi.

Im Jahr 1899 pflegt sie gemeinsam mit ihrem Halbbruder in Genf ihren todkranken Vater und besucht auch Paris, wo sie Kontakte zur Pariser Literaturszene knüpft. Im darauffolgenden Jahr beginnt sie, nach Nordafrika zurückgekehrt, Reisebeschreibungen und Kurzgeschichten zu veröffentlichen. In der algerischen Stadt El-Oued verliebt sie sich in den Leutnant Slimène Ehnni; sie wird in eine muslimische Bruderschaft aufgenommen, die eigentlich nur Männer in ihre Reihen einläßt, und entgeht nur knapp einem Anschlag auf ihr Leben. Die Hintergründe dieses Attentats werden nie ganz aufgeklärt, doch war Isabelle Eberhardt mit ihrem Auftreten und Verhalten der Kolonialverwaltung immer suspekt gewesen; da sie begonnen hatte, sich in politische Intrigen zu verspinnen (zuweilen ist auch die Rede davon, sie habe als Spionin gearbeitet), wird sie des Landes verwiesen.

Nachdem sie jedoch Ende des Jahres 1901 Slimène Ehnni geheiratet hatte, erhält sie die französische Staatsbürgerschaft und kann ungehindert wieder nach Algerien einreisen, wo sie dank der Unterstützung eines ranghohen Militärs als Kriegsreporterin zu arbeiten beginnt. Nach einem Krankenhausaufenthalt bezieht Isabelle Eberhardt, noch geschwächt, mit ihrem Ehemann eine Lehmhütte in einem Slumviertel der Stadt Aïn-Sefra an einem ausgetrockneten Flußbett.

Am 21. Oktober 1904 bricht ein Sturm über die Wüstenstadt herein. In der nachfolgenden Flutwelle ertrinkt Isabelle Eberhardt; erst Tage später kann sie aus den Trümmern ihres Hauses geborgen werden.

Isabelle Eberhardt wurde – wenig verwunderlich bei einem derart abenteuerlichen Leben – schon bald nach ihrem Tod Hauptfigur von Romanen und Theaterstücken; inzwischen wurde ihr Leben (mit Mathilda May in der Hauptrolle) auch verfilmt.

Auch die Frauenbewegung entdeckte sie für sich. Isabelle Eberhardt war nicht nur eine schon Ende des 19. Jahrhunderts unabhängige und reiselustige Frau, die allen gesellschaftlichen Hindernissen trotzte, um ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ihre Freude am Verkleiden und Wechseln von Identitäten bietet zudem eine ideale Projektionsfläche: ein selbstbestimmtes Leben auch in einer anderen Geschlechterrolle schien, wenn man Isabelle Eberhardts Leben als exemplarisch betrachtete, möglich zu sein. Sie wurde zu einem Vorbild, das natürlich nicht nur Frauen ansprach. [...]

Weiter geht's hier (PDF, 260 kb).


Bildquelle: Catherine Sauvat, Jean-Luc Manaud: Isabelle Eberhardt. Abenteuer in der Wüste. Hildesheim: Gerstenberg, 2004.

Der oben zitierte Text von Hans Christoph Buch stammt aus seinem Vorwort zu Isabelle Eberhardt: Sandmeere 1. Tagwerke, Im heißen Schatten des Islam. Reinbek: Rowohlt, 1983 (Neuauflage 2004). S. 7.

(17. September 2005)

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