Anzeige

Crauss.

Transportation of Place – Brooklyn Abroad

Eine Doppelaustellung in Köln und Düsseldorf zeigt Werke der Fotokünstler Andrea Robbins und Max Becher

Julia T. Scho, 19. November 2005, 17:17 Uhr

Eine bayrische Idylle offenbart sich dem Betrachter der Werkgruppe „Bavarian by Law“ der beiden Künstler Andrea Robbins und Max Becher, deren Werke in der Doppelausstellung Transportation of Place – Brooklyn Abroad noch bis zum Januar 2006 in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln und im museum kunst palast in Düsseldorf zu sehen sind.

Häuser im typisch bayrischen Stil, Kinder in Trachten und ein Dorffest: Der Beobachter wähnt sich zweifelsohne in Bayern, doch die Fotoserie ist in den Vereinigten Staaten von Amerika entstanden. Genauer gesagt, in Leavenworth im US-Staat Washington. Diese einst verfallene Holzarbeiterstadt wurde in den 1960er Jahren zum bajuwarischen Touristenparadies, um dem drohenden Bankrott zu entkommen.

Die in den Jahren 1995 und 1996 entstandene Fotoserie veranschaulicht gut die kulturelle Translokation eines bestimmten Ortes, in diesem Fall ein Stück Bayern in den USA. Das Künstlerehepaar Robbins und Becher beschäftigen sich in all seinen Fotoserien mit geographischer Transformation bestimmter Orte, ihrer Geschichte und Kultur. Dieses Moment und die Frage nach Identität zieht sich wie ein roter Faden durch die Werksserien der beiden Künstler.

Ob der Einfluss der Deutschen in ihrer einstigen Kolonie Namibia, Spuren der Wallstreet in der Altstadt Havannas oder die Wahrzeichen der Welt in der Wüste von Nevada – die beiden Künstler machen die Spuren der Translokation sichtbar.

Eine andere Serie, „Sosúa“, mit acht Werken, zeigt ein vermeintliches Tropenparadies, in dem 600 jüdische Flüchtlinge 1938 eine neue Heimat fanden. Auf einem Foto sieht man im Vordergrund ein Schild mit der Aufschrift: „Kuchen Büffet – Frühstück 8.30 AM-7:00 PM – Zum Cafe Moser – Sonntags geschlossen“. Überall trifft man Spuren deutscher Herkunft an. Der damalige dominikanische Diktator Rafael Trujillo handelte übrigens keineswegs uneigennützig, sondern erhoffte sich wohl positive Publicity, da der von ihm ein Jahr zuvor befohlene Massenmord an mehr als 25.000 Haitianern internationale Proteste hervorgerufen hatte.

Bei der Betrachtung einer anderen Fotoserie, „Holland, Michigan“, wähnt der Betrachter sich in den Niederlanden. Doch wieder täuscht das stereotype Bild, das wir in unseren Köpfen über einen bestimmten Kulturkreis haben. Hierbei handelt es sich wieder um eine bloße amerikanische Reproduktion mit Windmühlen und Tulpen.

Ebenfalls sehr beeindruckend und zugleich skurril ist die Werkserie „Global Village“. Sie zeigt einen pädagogischen „Themenpark Armut“, in dem Elendsviertel von Lateinamerika, Indien oder Südasien detailgetreu nachempfunden sind, um den Besuchern einen Eindruck davon zu geben, wie die Menschen in der Dritten Welt leben.

Indem sie Sozialgeschichte und Kultur bestimmter Orte dokumentieren, haben die fotografischen Arbeiten nicht nur künstlerischen, sondern auch journalistischen Charakter. Dabei sind die einzelnen Fotografien der 13 Werkgruppen sehr kontrastreich, malerisch und zugleich klar in ihrer Darstellung.

In Europa ist das Künstlerpaar noch wenig bekannt, in den USA allerdings sehr gefragt. Max Becher, der Sohn des berühmten Fotografenehepaares Hilla und Bernd Becher, lebt seit 1976 in den USA und schloss dort sein Studium mit dem Master of Fine Art ab. Trotz der bekannten Eltern sieht er sich nicht als ihr Schüler und hat in der Fotoszene seinen eigenen Platz gefunden. Seine Frau Andrea Robbins lernte der 1964 geborene Künstler in den USA kennen:

„We are a married couple who met in college in 1984. Since then we have worked individually as well as collaboratively using photography, film, video, and digital media.”

Die Ausstellung ist auf zwei Museen verteilt: Transportation of Place findet in Köln statt, Brooklyn Abroad in Düsseldorf. Letztere thematisiert mit zwei umfangreichen Fotoserien die jüdischen Ausprägungen in der Diaspora.

Transportation of Place ist in der SK Stiftung Kultur in Köln noch bis zum 15. Januar, Brooklyn Abroad noch bis zum 8. Januar 2006 im museum kunst palast Düsseldorf zu sehen.

(19. November 2005)

Anzeige


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag
URI für Trackbacks zu diesem Eintrag

Kommentare »

Bislang keine Kommentare.

Name (notwendig)
E-Mail-Adresse (notwendig - wird nicht öffentlich angezeigt)
Homepage-URI
Ihr Kommentar (kleiner | größer)
XHTML: Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Neue Kommentare
  • Dott Manfred: Wenn das keine erfundene Geschichte ist und annähernd mit der...
  • Kevin: Bewusstsein kann man nicht lehren noch erzwingen – im Gegenteil....
  • Tom: Ich halte Frau Gollwitzers Recherche und Veröffentlichung von...
  • Herbert: Sehr gute Arbeit – bin absolut beeindruckt – danke !!
  • Bananenflankengeber: Glaubt man’s, was man hier liest?!? Was versteckt...
Neue Trackbacks
Aktuell

Aktuelle Artikel

»Heute ist sein Werk Gegenstand globaler Diskussion«
Oder: Strategie der Exkulpierung und Apologie in biografischem Gewand – Zu Reinhard Mehrings Carl-Schmitt-Biographie
[Diskussion, Rezensionen]
Unwillkürliche Erinnerung
Christian Kracht, Eva Munz und Lukas Nikol bringen in Die totale Erinnerung die kulturellen Errungenschaften des stolzen koreanischen Volkes auch der westlichen Welt nahe.
[Rezensionen]
»Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat.«
Alina Bronskys Debutroman Scherbenpark liefert brutale Nachrichten aus dem Solitär
[Rezensionen]
Das aktuelle Heft


Aktuell

In der K.A. plus

Ein Sommer mit Kikujiro
Japan-Liebhaber Manfred Poser hat ein Buch von und über Takeshi Kitano entdeckt
»Heute ist sein Werk Gegenstand globaler Diskussion«
Oder: Strategie der Exkulpierung und Apologie in biografischem Gewand – Zu Reinhard Mehrings Carl-Schmitt-Biographie
Objektwelt und Traumwelt
Manfred Poser versucht, zwischen unserer gegenständlichen Welt und der fünften Dimension zu vermitteln. Ob das gutgeht?
David, Jan und Elvis
Manfred Poser war lange auf Radtour – und hat als radelnder Mönch viel Bedenkenswertes erlebt
Das neue Denken
Manfred Poser wütet und trauert über Hoffnungen, die es nicht mehr gibt
Aus der Redaktion

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wenn Sie uns also eine Nachricht schicken wollen, Kritik oder Anregungen für uns haben, benutzen Sie doch einfach das unter dem Link Kontakt bereit gestellte Formular bzw. senden Sie uns eine E-Mail.