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Crauss.

»Ich glaube einfach an die menschenverändernde Wirkung von Rock ‘n’ Roll«

Tomte-Sänger und -Texter Thees Uhlmann über Vorbilder, Erfolge und sein Verhältnis zu Deutschland

Benedikt Viertelhaus

Geboren 1974 in Hemmoor, einer kleinen Stadt bei Cuxhaven, hat es Thees Uhlmann mit seiner Band Tomte zunächst nach Hamburg verschlagen. Hier gründete er mit Kollegen von Kettcar das Plattenlabel Grand Hotel van Cleef. Im Februar erschien das vierte Tomte-Album, »Buchstaben über der Stadt«. Mittlerweile hat es ihn nach Berlin gelockt, wo ihn K.A.-Redakteur Benedikt Viertelhaus in der Tourpause im März für das folgende Gespräch traf.

 

Thees Uhlmann (Foto: privat)K.A.: Deine Liedtexte bestehen zu einem großen Teil aus zusammengesetzten Satzfetzen. Da würde es sich ja anbieten, sich dafür auch in der Literatur zu bedienen.

Thees Uhlmann: Viele Sachen stammen aus dem Alltag und sind gesammelt. Auf jeden Fall scheiße ich auf Grammatik. Zum Lesen komme ich gar nicht. Mein Bruder ist der totale Leser, vom Science-Fiction-Trash bis zum Politischen liest der alles. Ich hab früher nur Schund gelesen, jetzt lese ich die »Zeit« oder die »Weltwoche«, aber halt nie ein Buch. Das ist echt ätzend. Man kann ja auch gut aus Büchern klauen…

K.A.: Wie viel von dir steckt also in deinen Texten?

T.U.: Das ist das, womit ich mich jetzt, da ich in der Öffentlichkeit stehe, immer wieder auseinandersetzen muss. Ich habe letztens von Sven Regener gelesen, er habe nie die Faszination an der Authentizität verstanden. Er meinte, dass es zwischen »Herr Lehmann«, Element of Crime und Sven Regener wenig Verbindung gebe. Aber a) glaube ich ihm das nicht, und b) habe ich das zumindest so gelernt, dass man selber ganz in die ganze Sache eingeht.

K.A.: Du würdest also bei deinen Liedern sagen, dass du als Person komplett dahinter stehst?

T.U.: Ja, auf jeden Fall! Zu 70 % ich, zu 25% mein Umfeld und was einem so passiert, und 5 % sind dann wirklich abstruse Inspiration oder wie man das nennen möchte. Das ist aber alles an meiner Person gebrochen oder gespiegelt, also meine Sicht auf die Dinge, meine Sicht auf die Welt, aber viele Sachen sind persönlich erlebt.

K.A.: Und davon abstrahiert?

T.U.: Nicht wirklich abstrahiert. Entbanalisiert. Ich hab halt keine Lust zu singen: »Ich war in New York im Urlaub und es war ganz toll.« Ich will das dahin biegen, was wirklich war. Egal, ob es Element of Crime, »Delmenhorst« ist oder Thees Uhlmann, »New York«, es geht ja ein bisschen in die gleiche Richtung. Zum Abstrahieren bin ich vielleicht nicht schlau genug, aber ich will etwas singen, das mehr ausdrückt als »Toll war es damals in New York«.

K.A.: Bleiben wir beim Stichwort: In »New York« ist mit den Versen »in der Stadt mit Loch / in einem verwirrten Land / mit gekränktem Herz / über das jeder lacht oder hasst« auch ein politisches Statement eingeflochten, obwohl du immer wieder betonst, dass du eigentlich keine politische Botschaft vermitteln willst.

T.U.: Ja, aber da ist es mir dann auch wichtig, es zu singen. Dass ich einen so großen amerikanischen Konflikt – Außenpolitik, Innenpolitik, Gesellschaftliches, links gegen rechts, Christen gegen Nichtchristen – runterbreche auf zwei Sätze, einfach mal »verwirrtes Land« und »gekränktes Herz« zusammenwerfe, erscheint vielleicht banalisierend. In der Live Music Hall erlebte ich einen schönen Moment, als eine 45-jährige Programmiererin aus Seattle zu mir meinte, dass es sie erstaune, dass ein Deutscher es schafft, einen amerikanischen Konflikt in zwei Zeilen zu besingen. Sowas würde kein Amerikaner bringen, weil er da zu sehr drinnen sei. Das macht dann wirklich stolz.

K.A.: Erzählen in wenigen Sätzen – das ist doch schon fast Dichtung, zumindest »dicht«…

T.U.: Inzwischen empfinde ich das tatsächlich fast als Lyrik. Es ist nicht mehr so popsongmäßig. Ich war früher nie an Gedichten interessiert. In Deutsch war ich immer wahnsinnig schlecht, aber inzwischen hab ich dann doch so eine Leidenschaft dafür entwickelt. Auch als Leser.

K.A.: Also zum Gedichtelesen, zum Musiktexte richtig Hören kommst du schon?

T.U.: Ja, das schon. In der Schule ist da richtig viel versaut worden, aber ich glaube, dass man sich das erarbeitet, je älter man wird. Das ist auch ein lustiges Tourerlebnis: Da meinte neulich eine zu mir: »Du, ich hab ’ne Songzeile von dir in ’nem Theaterstück eingebaut.« Darauf ich: »Wie alt bist du denn?« – »Ich bin 17.« – »Und du schreibst Theaterstücke, so richtig mit Dialogen und Szenen und so?« – »Mhm.« Und das finde ich toll! Es ist komisch, man macht das schon so lange und plötzlich gewinnt es für einen selber Qualität und ist nicht mehr nur ein Tomte-Text, sondern ist halt Lyrik. Ich lass mich ja auch inspirieren beim Schreiben und finde das bei anderen auch toll, wenn die das schaffen, in vier Zeilen ganze Gemälde zu malen. Conor Oberst ist da ganz groß drin: kleine Hollywoodfilme in wenigen Zeilen. Da geht nur keiner drauf ein, und bei mir wird das gerade alles diskutiert. Ist das gut, ist das schlecht, ist das neu ist das alt. Ist das vielleicht ein Tocotronic-Rip-off? Oder ist das die größte Band, die es zur Zeit gibt?

K.A.: Liegt das nicht auch daran, dass deutschsprachige Rockmusik noch immer im Kommen ist und dass da lange ein Defizit herrschte?

T.U.: Weiß ich nicht. Das ist ja jetzt schon die zweite Welle mit deutscher Lyrik, die ich mitbekomme. Es gab ja NDW in den Achtzigern. Ich kann mich noch gut an einen lustigen musikalischen Erweckungsmoment erinnern: Ich war mit meinen Eltern im Auto unterwegs und im Radio lief »Wissenswertes über Erlangen« von Foyer des Arts. Ich war sechs Jahre alt und ich erinnere mich noch daran, dass ich davon total verstört war, wie die gesungen haben. Dann natürlich Tocotronic, Blumfeld, die Sterne… und jetzt wir vielleicht? Keine Ahnung! Natürlich habe ich viel von denen gelernt. Ich schreibe halt so aus reiner Dummheit. Ich habe nicht viel drüber nachgedacht. Natürlich habe ich mir meinen Stil mit der Zeit erkämpft. Aber die Amerikaner und Engländer mit ihrer unverkrampften Einstellung zur Sprache können halt wirklich so etwas erfinden wie die Sex Pistols, The Clash oder Modest Mouse. Etwas, wo so eine Art Generationenhärte drin ist. Und in Deutschland heißt es: »War ’ne geile Zeit«. Das geht mir so auf die Nerven. Ich finde, das hat überhaupt keine Sprengkraft, keine gesunde Härte, keinen gesunden Rock-Aspekt. Ich glaube einfach an die menschenverändernde Wirkung von Rock ‘n’ Roll. Amerika und England haben das nur zu häufig bewiesen und ich möchte halt auch, dass es kein Thema mehr ist, auf Deutsch oder auf Englisch zu singen. Ich möchte aber auch kein Schulterklopfen bekommen: »Oh toll, du singst auf Deutsch, du machst das so cool.«

K.A.: Nils Koppruch zum Beispiel meint, dass diese Frage, ob auf Deutsch oder Englisch gesungen werden soll, gar kein so großes Thema mehr ist.

T.U.: Ich glaube, das ist immer noch so. Ich fand Fink immer geil – aber muss ich mich eigentlich dauernd zu anderen Bands positionieren, zu denen ich keine Verbindung habe? Silbermond – sind die aus dem Osten?

K.A.: Ja.

T.U.: Die sind super, ganz nette Leute. Aber ich habe mit denen nichts zu tun. Die wollen sich auch keine Musik vom alten Sack anhören. Hier wird gerade das ganze Haus entkernt, hier und da wird ’ne Wohnung renoviert, und der Installateur redet natürlich auch mal mit dem Maurer, aber die haben ja auch keine Ahnung von dem, was der andere da so macht, und das wollen sie auch gar nicht. Wahrscheinlich hängt der eine lieber mit seinen Sanitärleuten rum und der andere mit den Maurern. Und genau so empfinde ich das auch bei uns. Deutsche Texte! Oh, wir müssen alle mal dringend über uns reden und wie wir uns gegenseitig finden! Und das beweist mir dann doch, wie unnormal es ist, ganz gute Texte zu schreiben, so wie ich, wenn man dann gleich zum Abgesandten Jesu Christi der deutschen Songwriterszene erklärt wird.

(25. Mai 2006)

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5 Kommentare »

Kommentar von Marko
am 26. Mai 2006 um 14:45 Uhr

Glückwunsch, Benedikt! Wirklich gutes Interview, kann meinen Neid kaum verstecken, wär gern dabei gewesen ;-)

 
am 10. September 2008 um 13:19 Uhr

[...] Zugegeben habe ich mich noch nie wirklich mit Tomte beschäftigt. Seit ich nun aber Durch die Nacht mit Thees Uhlmann und Feridun Zaimoglu gesehen habe (ersterer ist der Sänger von Tomte), bin ich sehr angetan von Ihm. Nun kam bei Benjamin Nickel die zweite Begegnung. Der Song Der letzte große Wal ist einfach großartig, und zeigt mir einmal mehr, warum ich deutsche Texte so mag. Zumindest wenn Sie von solcher Qualität sind, wie dieser. Übrigens gibt es auch ein Blog, und in der Kritischen Ausgabe ein tolles Interview. [...]

 
Kommentar von Claudia
am 14. Oktober 2008 um 5:52 Uhr

Mensch,Thees mag Dich.Was noch mehr sagen?

 
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