»Ach«
Zum Tode Robert Gernhardts
Nadja Wick, 3. Juli 2006, 11:48 Uhr
Doch beim Darmkrebs kann gelingen,
wonach alles Leben strebt,
nämlich: Daß es weiterlebt
Es ist nicht gelungen. Robert Gernhardt (68) starb am Freitag nach langer Krankheit. Sein Tod, so könnte man sagen, wäre aufgrund der Krankheit absehbar gewesen. Dennoch kam er unerwartet, denn bis zuletzt war der Frankfurter Dichter, Maler und Zeichner von einem unbändigen Lebenswillen erfüllt. Bei unserem letzten Treffen Mitte Mai war er noch voller Tatendrang, obwohl die Krankheit ihn schon schwer gezeichnet hatte. Dass die Ärzte der Frankfurter Klinik ihn dazu anhielten, seine geplante Abreise in die Toskana hinauszuzögern, stimmte ihn missmutig. Wie jedes Jahr wollte er den Sommer mit seiner Frau Almut, Hündin Bella und den beiden Katzen in seinem Landhaus in Montaio bei Florenz verbringen, diesmal, um einen Prosaband und eine Gedichtsammlung zu beenden. Seine Planung wirkte langfristig, hoffnungsvoll: »Ich werde in eineinhalb Jahren siebzig, da brauchen die Feuilletons wieder Stoff. Mit den zwei kleinen Büchlein werden ich sie wohl einigermaßen zufrieden stellen können.«
Die Feuilletons, natürlich. Bis zuletzt war Gernhardts Verhältnis zum Kulturbetrieb zwiespältig. Wenngleich er heute als einer der bedeutensten Lyriker der Gegenwart gehandelt und vom Publikum seit Jahrzehnten verehrt wird, wurde er von den Kritikern lange nicht ernst genommen. Als Grenzgänger der Disziplinen – Satiriker, Dichter, Maler, Karikaturist, Essayist und Romancier – hat er sich selbst jeglicher Zuordnung entzogen.
Das war kein Kalkül. Vielmehr fiel es Gernhardt schwer, seine vielseitigen Talente zu sortieren. Als junger Mann hatte der 1937 im estnischen Reval (dem heutigen Tallinn) geborene Dichter jedenfalls keine Ambitionen, in der Literatur groß rauszukommen – er wollte malen. Wie ein Bildungsreisender des 19. Jahrhunderts pilgerte er mit Pinsel und Staffelei nach Italien, Frankreich und Griechenland, um sein Talent unter der südlichen Sonne zu schulen. Um nicht alles auf die Karte des freien Künstlers zu setzen, studierte er mit dem Berufsziel Kunsterzieher an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart und an der Hochschule für Bildende Künste Berlin (heute: Hochschule der Künste Berlin, HdK). Sein Nebenfach, die Germanistik, war ihm, wie er einmal gestand, anfangs nicht so wichtig.
Doch das sollte sich ändern: Als Satiriker – er war Mitbegründer der Zeitschriften Pardon und Titanic sowie der Gruppe »Neue Frankfurter Schule« – zeichnete er bitterböse, aber ebenso komische Portraits der Gesellschaft, die er zunehmend auch in lyrische Formen goss. Das dichterische Handwerk wurde mehr und mehr zum Schlüssel für seine Komik: Gernhardt perfektionierte das Spiel mit den Regeln der Dichtkunst, um mit der Tradition zu brechen. Seine Themen waren die kleinen Dinge des Alltags, die er in alt-ehrwürdige Formen fasste. Aus dieser Disparität von Form und Inhalt und der dadurch erzielten Fallhöhe ergab sich der humoristische Effekt vieler seiner Texte. Gernhardt machte den Stilbruch zum Prinzip seiner komischen Dichtung und ebnete dadurch der Vermittlung zwischen E- und U-Literatur den Weg. Seine Lyrik, besonders die der beiden späten Bände Im Glück und anderswo und Die K-Gedichte wurde zwar tiefsinniger, büßte aber trotz ernster Themen – Krankheit, Tod und Krieg – nicht an Komik ein. Der Witz allerdings hatte den Nonsens-Charakter verloren – und das Lachen blieb dem Leser deshalb nicht selten im Halse stecken.
Einige Leser verziehen ihm diese Wende zum »Ernst des Lebens« nicht. Aber die Literaturkritik – und mit etwas Verspätung auch die Literaturwissenschaft – horchte auf. Kategorisierbar war der Dichter zwar immer noch nicht, aber Ringelnatz, Morgenstern, Tucholsky wurden als Paten bemüht. Erst in den 80er Jahren erhielt Gernhardt seinen ersten Literaturpreis. Damit schien das Eis gebrochen, es folgten etliche Auszeichnungen, 2004 sogar die Ehrung mit dem Heinrich-Heine-Preis. Doch trotz seines Erfolgs blieb Gernhardt am Boden. Er schrieb über Kunst, Künstler und den Kulturbetrieb, er bedichtete die Ereignisse der Weltpolitik, ohne dabei die kleinen Dingen des Lebens aus dem Blick zu verlieren: Katzen und Spatzen bekamen von ihm ebenso eine Stimme wie Tretboote auf dem Main oder Wein.
Robert Gernhardt war sich nicht zu schade dafür, auch vor kleinem Publikum zu lesen. Er war warm, großherzig, fortwährend an seiner Umwelt interessiert und vor allem: lebensfroh. Für ein Glas Rotwein war immer Zeit. Und dabei schien er es zu genießen, seine Bekanntheit als Dichter vergessen zu machen und sich als großväterlicher Geschichtenerzähler darzustellen.
»Wer schreibt, der bleibt«, das war sein Motto – daher gebührt ihm auch hier das letzte Wort.
ACH
Ach, noch in der letzten Stunde
werde ich verbindlich sein,
Klopft der Tod an meine Türe,
rufe ich geschwind: Herein!Woran soll es gehn? Ans Sterben?
Hab ich zwar noch nie gemacht,
doch wir werd’n das Kind schon schaukeln –
na, das wäre ja gelacht!Interessant so eine Sanduhr!
Ja, die halt ich gern mal fest.
Ach – und das ist Ihre Sense?
Und die gibt mir dann den Rest?Wohin soll ich mich jetzt wenden?
Links? Von Ihnen aus gesehn?
Ach, von mir aus! Bis zur Grube?
Und wie soll es weitergehn?Ja, die Uhr ist abgelaufen.
Wollen Sie die jetzt zurück?
Gibt’s die irgendwo zu kaufen?
Ein so ausgefall’nes StückFindet man nicht alle Tage,
womit ich nur sagen will
– ach! Ich soll hier nichts mehr sagen?
Geht in Ordnung! Bin schon
Gedicht aus: Robert Gernhardt: Lichte Gedichte. Zürich: Haffmanns, 1997. – Die eingangs zitierten Verse stammen aus: Die K-Gedichte. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2004. – Eine Gesamtausgabe seines lyrischen Werks von 1954 bis 2004 ist im vergangenen Jahr ebenfalls im Fischer-Verlag erschienen.
(3. Juli 2006)



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