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Crauss.

Charles Manson und ich

Das 22. Türchen: Hilmar Bender über sein Buch des Jahres

Hilmar Bender

 

Wasserwand: Ein herrliches »Es rauscht wie Freiheit« (Ringelnatz) könnte ziemlich unpoetisch nass sein, wenn gutes »Ölzeug« und das robuste Schiff uns nicht schützen würden.

(Foto: Matthias Berg | © Arved Fuchs | www.arved-fuchs.de)

Nähere Informationen zum diesjährigen »AdventsKAlender« und seiner Bebilderung hier.

 

Charles Manson und ich

Der glückliche Umstand einer Remigration hat Charles Manson und mich zusammengeführt. Wir kannten uns vorher nur vom Hörensagen. Alles, was ich von ihm wusste, war, dass sich eine Hardcore-Band nach ihm genannt hat, bevor sie sich zu meiner Lieblingsband Jingo de Lunch umbenannte. Nämlich Manson Youth. Das war erst einmal nichts Aussergewöhnliches, gab es doch damals viele Bands mit ähnlicher Namensgebung: Reagan Youth, Sonic Youth, Hitler Youth. Vor meinem Auge gab es nur ein einziges, guevaraeskes Abbild von Charles Manson: strenger Blick aus einem üppigen Gesichtspullover, drumherum reichlich Haare. Auf T-Shirts, die in Modeketten verkauft werden, hat es Manson nicht geschafft. Dieser Karrieresprung blieb Ikonen-Kollege Ernesto »Che« Guevara vorbehalten.

Name und Bild waren alles, was wir voneinander kannten, bis eben mein Schwiegervater nach 30 Jahren seine Gastarbeit in Deutschland beendete, um nach Italien zurückzugehen. Er hatte genug geschuftet und wollte mit möglichst kleinem Gepäck los, ließ also alle Bücher zurück, die er in Deutschland angeschafft hatte. Darunter war eines, das ich erblickt und sofort ins Herz geschlossen habe: Ed SandersThe Family. Das Buchcover fand ich einfach nur sexy und ich judge immer ein book by its cover. Aussenrum ein rosa Rowohlt-Rahmen. Da drin eine grafisch albern arrangierte Bilderfolge von Charlie ohne Bart und mit ungewöhnlich wenig Haaren. Dann der deutsche Untertitel: »Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy Streitmacht«. Wow! Was für grossartige Worte. So sollte man seine Band nennen: Strand-Buggy Streitmacht. Ich hatte es noch nicht mal aufgeschlagen, und schon jetzt war Sanders mein Buch des Jahres.

Der schlechte Leser, der ich bin, brauchte wie immer sehr lange, um sich durch die Seiten zu kämpfen: Da waren die Fahndungen, die Festnahmen, die ständigen Frauds mit geklauten Kreditkarten. Immer wieder war die Family aufgeflogen, festgehalten, laufen gelassen worden. Da war das Aufnehmen obdachloser Mädchen, der Bus, die zig gefahrenen Kilometer, das Benzin, die Betrügereien für Geld, die Mülltonnen, die die Nahrung bereithielten, aber auch die Beachboy Episode. Dann die permanente Fickerei immer und überall. Die Babies und die okkulte Szene, schwarze Messen und Satanisten-Sekten, die offensichtlich an jeder Ecke Californiens existierten. Die Nacktheit der Family, die eigentlich immer erst dadurch anrüchig wird, weil sie grundsätzlich in einem Atemzug mit schmutzig, also ungewaschen genannt wird. Verdreckte, schmutzige, nackte Menschen also. Kein californischer Körperkult als Preview des kommenden Porno-Business. Dann die Drogen und endlich die Strand-Buggys, die genialen Strand-Buggys, allesamt geklaut und in getarnten Werkstätten getuned. Mit denen die Family durch die unwegsame Gegend fuhr.

Unwegsam, was heißt das denn? Goler Wash, Ballarat, Barker Farm, die Spahn Movie Ranch, Topanga Canyon, Devils Canyon – all diese faszinierenden Ortsnamen, die mehr Abenteuer verheissen als jeder Cowboy-Film. Es ist eines der unzugänglichsten Gebiete von ganz Californien, wie Hilfssheriff Jerry Hildreth sagt, nur ein paar Kilometer entfernt vom Millionen-Moloch Los Angeles. Dann gibt es noch das »Ende der Welt Loch«, der unmögliche Weg dahin, mit versteckten Flucht-Buggies, alles steht bereit für etwas Unausgesprochenes. Bis der Atem der Cops schon spürbar wird, da ballert die Family einfach auf die Cops, und die verpissen sich, ziehen unverrichteter Dinge wieder ab, um erst Tage oder Wochen später einen zweiten Anlauf zu wagen.

Das Ed Sanders Buch war der beste Einstieg, um Charlie kennenzulernen. Am Anfang ist es unsäglich zäh. Die Auswertung langweiliger Dokumente halt. Ich erwische mich, wie ich auf den ersten 200 Seiten anfange, Richtung Charlie zu nölen: Wann fließt denn jetzt endlich Blut, verdammt? Dann folgen die beiden Mordnächte ganz kurz hintereinander, und schon ist alles vorbei. 35 Jahre später noch gibt es so viele Randaspekte zu entdecken und zu verfolgen, und genau diese lebendige Faszination macht Sanders zu meinem Buch des Jahres. Faktisch sind sie alle geistesgestört, resümiert Sanders in seinem Vorwort und zählt dabei die Namen der Hauptbeschuldigten auf. Genau da haben wir die Frage an den Eiern: Wer ist gesund innerhalb der Norm? Aller Hass, alle Verachtung, alle Vorurteile, jeder nur denkbare Ekel entlädt sich auf die verlotterten Menschen und ihren Anführer, jenen Manson, der eventuell vermutlich niemanden umgebracht hat.

»In a closed society where everybody's guilty, the only crime is getting caught. In a world of thieves, the only final sin is stupidity.« Schreibt Hunter S. Thompson im gleichen Jahr (1971, Fear and Loathing in Las Vegas).

 

Hilmar Bender Hilmar Bender, 38, lebt in Bremen und hat das Tomte Tourtagebuch »Die Schönheit der Chance« veröffentlicht. Er ist außerdem Drahtzieher hinter dem Weblog der Band und kommt gerade zurück von einer Lesetour mit Thees Uhlmann. Näheres über den Autor und Tomte unter http://www.hilmar.be und http://croc.antville.org .

(22. Dezember 2006)

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1 Kommentar »

Kommentar von supatyp
am 22. Dezember 2006 um 9:48 Uhr

Manson Family? Ich kenn nur die Kelly Family. Aber Danke für den Tipp!

 
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