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Crauss.

Mit zwölf SWS zu neuen Formen der Kollaboration

Kathrin Passig hackt den Fragebogen für »Germanisten, die es geschafft haben«

Stefan Andres, 13. Januar 2007, 11:21 Uhr

Übersetzerin, Kolumnistin, Web-Entwicklerin, Gründerin der »Zentralen Intelligenz Agentur« – einem »kapitalistisch-sozialistischen Joint Venture mit dem Anspruch, neue Formen der Kollaboration zu etablieren« –, Bloggerin in der preisgekrönten Riesenmaschine und, fast en passant, Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises 2006: In Werdegang und Schreibkompetenz zeigt sich Kathrin Passig als eine echte Vorzeige-Germanistin des 21. Jahrhunderts. Keine Frage, dass sie bei unseren »Germanisten, die es geschafft haben« nicht fehlen darf. Zwar lässt sie in ihren Antworten auch nicht ein gutes Haar an ihrem Studium. Aber sie deutet auf das Geheimnis ihres Erfolgs, das sich irgendwo jenseits der zwölf Semesterwochenstunden verbirgt – und ganz nebenbei verrät sie auch, wie sie mit dem Textsatzprogramm LaTeX bekannt wurde, wo sie ihr Abschlusszeugnis schon überall gebrauchen konnte und warum sie sich ab ihrem 20. Lebensjahr in Bezug auf Kanonliteratur zu nichts mehr verpflichtet fühlte. Lesen Sie, wie Kathrin Passig (mit ihrem zu jeder Tages- und Nachtzeit abrufbereiten Autorenkollektiv?) den K.A.-Germanisten-Fragebogen konsequent unterwandert beantwortet.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Kathrin Passig:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach?

    Ich habe von 1989 bis 2000 insgesamt 22 Semester in Regensburg, Portsmouth und an der FU Berlin studiert. Germanistik war mein Hauptfach, als zweites Hauptfach hatte ich Anglistik, dazu wechselnde Nebenfächer. Meinen Magister habe ich wahrscheinlich nur bekommen, weil man an der FU noch nie einen Germanisten durchfallen lassen hat – meine Gesamtnote war ungefähr 3,9. Genauer weiß ich es nicht, der Umschlag mit dem Abschlusszeugnis ist noch ungeöffnet.

  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren?

    Ich hatte mich eigentlich für Biologie eingeschrieben, um »was Vernünftiges« zu studieren, obwohl mir Germanistik verlockender erschien. Als mir nach zwei Wochen klar wurde, dass Biologen 42 Wochenstunden studieren müssen, Germanisten aber nur zwölf, habe ich mich umschreiben lassen.

  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht?

    Es lautete so ähnlich wie »Die germanistische Forschung an den populären Lesestoffen«. Ich bin stolz auf diese Abschlussarbeit, weil ich sie an einem Freitag begonnen und am darauffolgenden Mittwoch eingereicht habe. Und am Freitag konnte ich noch nicht mal LaTeX.

  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt?

    Puh, vermutlich zu keinen. Es war eher ein schneller und schludriger Verriss des Umgangs der Germanistik mit der »Trivialliteratur«, großzügig gestreckt mit ganzseitigen Bourdieu-Zitaten. Aber viel unwissenschaftlicher als die Germanisten, von denen die Arbeit handelte, bin ich auch nicht vorgegangen.

  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus?

    Ich hatte keine bevorzugten Professoren, ich fand alle gleich langweilig. In den Seminaren bin ich grundsätzlich eingeschlafen (was auch an meiner damals noch undiagnostizierten Narkolepsie lag). Bei meiner Abschlussprüfung gab es Probleme, weil ich die Prüfungsthemen abwechselnd mit zwei Professoren besprochen hatte, die dasselbe Büro bewohnten und die ich für ein und denselben hielt. Wenn ich einen Namen nennen soll, dann Prof. Klaus Laermann, weil er, wie mir mein eigentlicher Prüfer mitteilte, als Zweitgutachter meiner schriftlichen Abschlussprüfungsarbeit bescheinigte, es sei doch »so was wie der Hauch einer Idee darin enthalten«. Mein Erstgutachter fand das – völlig zu Recht – nicht und hätte mich sonst durchfallen lassen.

  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre?

    Kann ich nicht sagen, ich bin ein Allesfresser. Zwischen 10 und 20 habe ich große Mengen Kanonliteratur verschlungen, danach habe ich mich zu nichts mehr verpflichtet gefühlt und erst mal einige Jahre nur Krimis und Westernhefte gelesen. In den letzten zehn Jahren waren es dann überwiegend Sachbücher.

  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben?

    Ich habe keine Praktika absolviert und während des Studiums mein Geld mit Datenbankprogrammierung, Krimibuchhandel und Webseiten verdient.

  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden?

    Das bin ich eigentlich nicht nach dem Studium geworden, sondern währenddessen. Und wenn ich mit 18 gewusst hätte, dass man so leben kann wie ich jetzt – was man damals natürlich noch gar nicht konnte, weil das Internet noch nicht erfunden war (grob vereinfachte Darstellung) –, dann hätte ich genau das werden wollen.

  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was?

    Kann ich nicht sagen, ich habe im Studium eigentlich keinerlei Wissen erworben. Das in der vielen Freizeit erworbene Wissen nützt mir dagegen sehr viel. Seit ich das eingesehen habe, behaupte ich auch nicht mehr, geisteswissenschaftliche Studiengänge seien Verschwendung von Steuergeldern. Ich glaube, wenn man einen jungen Menschen hart durchlangweilt, produziert er aus schierer Verzweiflung oft genug was Nützliches, ein neues Betriebssystem oder ein paar gute Ideen.

  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)?

    Einerseits auf keinen Fall, denn ich habe – zumindest an der FU Berlin –jede Minute gehasst. Mein Fach war ein Auffangbecken für Spinner und Pfeifen, meine Universität eine Einrichtung zur aktiven Arbeitsverhinderung durch Verwirrung, Chaos und Vernachlässigung, die überfüllten Seminare bestanden nur aus öden, kenntnisfreien Studentenreferaten. Allein die Bibliothek war einer der bedrückendsten Orte, die ich kenne; ich bin nur hingegangen, wenn ich unbedingt musste und habe es immer wieder bereut. Wenn man dort ausnahmsweise mal fand, was man suchte, war es entweder ausgeliehen oder gestohlen. Andererseits hat mir das Fach, siehe oben, viel Zeit gelassen, in der ich andere, nützlichere Fähigkeiten und Interessen pflegen konnte.

  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht?

    Ich kannte während meines Studiums gar keine anderen Studenten. Heute kenne ich viele, die studiert haben, aber Germanisten gibt es in meinem engeren Mitarbeiterkreis meines Wissens keine. Wenn ich im Rahmen der ZIA-Arbeit jemanden für eine bestimmte Aufgabe suche, ist mir egal, ob er ein geisteswissenschaftliches Fach oder überhaupt irgendwas studiert hat.

  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen?

    Ich hoffe mal, dass ein Germanistikstudium nicht immer und überall ein solches Debakel sein muss wie in den 90er Jahren an der FU Berlin. Insofern haben meine Erfahrungen vermutlich wenig mit denen heutiger Germanistikstudenten zu tun. Ich weiß nicht, was ich irgendjemandem raten könnte, außer vielleicht, das Studium entweder sehr früh hinzuschmeißen oder einen Abschluss zu machen. Ein langes, unabgeschlossenes Studium ist ein hervorragender Nährboden für Selbstzweifel und Depressionen bis zur Rente*.

    * Rente: hier rein metaphorisch gebraucht.

 

Hinweis: Im ersten Teil unserer Serie Germanisten im Beruf gab Martin Sonneborn Auskunft über seinen Werdegang, im zweiten der Journalist Jan Sting, im dritten der Journalist und Fotograf Axel Joerss. Nach diesen drei Herren kamen mit der Wissenschaftslektorin Christine Henschel und der Schriftstellerin Nikola Richter zwei Damen an die Reihe, bevor Schriftsteller Burkhard Spinnen den K.A.-Fragebogen ausfüllte. Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Wissenschaftsjahr 2007 Der Fragebogen »Germanisten im Beruf« ist Bestandteil des »Jahres der Geisteswissenschaften 2007«.

 

Kathrin Passig (Foto: Johannes Jander)Kathrin Passig, geboren 1970 in Deggendorf in Bayern, lebt und arbeitet als Übersetzerin, Autorin und Web-Entwicklerin in Berlin. 2002 gründete sie ebendort zusammen mit Holm Friebe, Jörn Morisse und anderen die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA), deren Geschäftsführerin sie ist; Zuständigkeitsbereich: »Taktik, Technik und Theorie«. Seit 1996 veröffentlicht sie regelmäßig Kolumnen sowie Gedichte in verschiedenen Zeitungen, so etwa von 2001 bis 2003 gemeinsam mit Ira Strübel die Kolumne strübel & passig für die ›taz‹. Seit 2005 unterhält sie mit der ZIA das Weblog riesenmaschine.de, für das sie mit ihren Kollegen 2006 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Ebenfalls 2006 gewann sie mit dem Text Sie befinden sich hier den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. (Einer der damaligen Juroren ist übrigens auch ein »Germanist, der es geschafft hat«.) – Notabene: Das filmische Autorenporträt für Klagenfurt zu Kathrin Passig (das Juror Spinnen mit dieser Gattung »wieder etwas versöhnt hat«) kann man sich auch bei YouTube ansehen.
Veröffentlichungen (Auswahl): Die Wahl der Qual (mit Ira Strübel, Rowohlt, 2000), Das nächste große Ding (Kolumnen aus der ›Berliner Zeitung‹, mit Holm Friebe, Verbrecher-Verlag, 2006) und demnächst das Lexikon des Unwissens (mit Alexander Scholz, Rowohlt, Sommer 2007).

(Foto: Johannes Jander)

(13. Januar 2007)

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2 Kommentare »

am 13. Januar 2007 um 23:18 Uhr

[...] Kritische Ausgabe » Mit zwölf SWS zu neuen Formen der Kollaboration Kathrin Passig hackt den Fragebogen für GermanistInnen, die es geschafft haben (tags: kathrin-passig zia zentrale-intelligenz-agentur germanistik kritische-ausgabe fragebogen) Verwandte Einträge No Related Posts [...]

 
am 15. Januar 2007 um 15:38 Uhr

[...] Katrin Passig (hier Meer) beantwortet für die Kritische Ausgabe den Germanisten-Fragebogen und zwar ziemlich eindeutig. Beispiel gefällig? Hier: Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf und wenn ja: was? Kann ich nicht sagen, ich habe im Studium eigentlich keinerlei Wissen erworben. Das in der vielen Freizeit erworbene Wissen nützt mir dagegen sehr viel. [...]

 
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