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	<title>Kritische Ausgabe</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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		<title>Schweine im Weltall</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Feb 2010 23:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/pinkfloyd_animals_kl.jpg" class="right" alt="Detail aus dem Cover der Pink-Floyd-Platte »Animals« (1977)" />Vergangenen Oktober trafen sich in einer Münchner Gaststätte ein paar Leute, die vor langer Zeit die dortige Journalistenschule absolviert hatten. 10 der 15 Anwesenden aus meiner ehemaligen Klasse waren noch im Journalismus tätig. Ein paar hatten auch Bücher geschrieben, darunter Ulla Hildebrandt, deren Roman »Ein freier Fall« einen schonungslosen Einblick in das Metier gibt. Sie war einmal Chefredakteurin, und auch Wolfgang Zdral hat einmal weit oben in einer Wirtschaftszeitschrift gearbeitet. Ich gab ihm meinen Roman und bekam dafür per Post seinen Krimi ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vergangenen Oktober trafen sich in einer Münchner Gaststätte ein paar Leute, die vor langer Zeit die dortige Journalistenschule absolviert hatten. 10 der 15 Anwesenden aus meiner ehemaligen Klasse waren noch im Journalismus tätig. Ein paar hatten auch Bücher geschrieben, darunter Ulla Hildebrandt, deren Roman »<a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=267082&#038;frm=false">Ein freier Fall</a>« einen schonungslosen Einblick in das Metier gibt. Sie war einmal Chefredakteurin, und auch Wolfgang Zdral hat einmal weit oben in einer Wirtschaftszeitschrift gearbeitet. Ich gab ihm meinen Roman und bekam dafür per Post seinen Krimi.</p>
<p>»<a href="http://www.piper-verlag.de/pendo/buch.php?id=15535&#038;page=suche&#038;auswahl=a&#038;pagenum=1&#038;page=buchaz">Tartufo mortale</a>« hieß er, war kurz zuvor als Taschenbuch erschienen und die Fortsetzung von »<a href="http://www.piper-verlag.de/pendo/buch.php?id=14798&#038;page=buchaz&#038;sort=autor&#038;auswahl=a&#038;pagenum=1">Tartufo</a>«. »Leonardos neuer Fall« lautet der Untertitel, und eine nette Widmung für mich stand drin. Das Buch spielt in Umbrien und war die perfekte Lektüre für meine Rom-Reise im Dezember (wo ich auch Gutzkows »<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2260/">Zauberer</a>« las).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/poser_schweine.jpg" width="100%" alt="Ferkel bei St. Gallen (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">»So säuisch wohl &#8230;« – Ferkel bei St. Gallen. (Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Da diese Kolumne vor mehr als vier Jahren mit <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/537/">Invektiven gegen den Krimi</a> begann, muss es wenigstens einmal im Jahr um den Kriminalroman gehen. Nun las ich auf Seite 4 von »Tartufo mortale« die Sätze: »Das war die Höhe. Schließlich bin ich, Leonardo, kein Kammerjäger. Sondern ein Schwein. Und mitnichten ein gewöhnliches.« Ich glaubte es einfach nicht. Ich las weiter. Doch es bestätigte sich.  Ein umbrisches Trüffelschwein, besagter Leonardo, ist tatsächlich Erzähler der Geschichte. Alles in mir und außer mir (sogar das Nackenhaar) sträubte sich dagegen. Leonardo indessen erzählte ungerührt weiter.</p>
<p>Das Buch schien mir mit 350 Seiten zwar etwas lang, doch ich fand mich hinein. Am Ende musste ich zugeben: Wolfgang hat das recht gut gemacht. Es funktioniert! Umbrien, das ich auch ein wenig kenne, ersteht vor dem geistigen Auge, die Geschichte ist kurzweilig, verknäult sich ordentlich und wird geschickt aufgelöst. Sie spielt in einem Konvent, und natürlich steht unsichtbar und gewaltig am Horizont  Umberto Ecos »Der Name der Rose«. Man folgt dem Plot gern und fühlt sich ausgezeichnet unterhalten. Bei Eleonora, der Wissenschaftlerin, musste ich unweigerlich an Giovanna denken, die 1999 eine Stelle an der Universität Perugia, Abteilung Altphilologie, erhalten hatte. Damals war ich das Schwein: ihr Begleiter. Im Buch hat Leonardo keinen Konkurrenten, denn Fabris, Eleonoras Partner, musste den umbrischen Bauernhof hüten. Der hätte sonst nur gestört.</p>
<p>»Tartufo mortale« ist ein perfekter Krimi. Er hat alle Ingredienzien, die nötig sind, als da wären:</p>
<p>– ein mysteriöser Todesfall, dem ein weiterer folgt und noch einer;<br />
– reichlich Verdachtsmomente, Indizien und Hinweise;<br />
– Action im richtigen Maß, Angriffe und Attentate;<br />
– ein wenig Liebe und Sex (unter Schweinen);<br />
– ein okkulter Hintergrund, auf alten Dokumenten fußend;<br />
– Beschleunigung aufs Ende hin und ein schöner Showdown.</p>
<p>Alles, was vorher tüchtig genug verwirrt worden war, wird gelöst.</p>
<p>Lesen und lösen. (Das ergänzt die schon erwähnten Formeln <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1746/">lesen und leben</a></em> sowie <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1746/">vivere e scrivere</a></em>.) Die Welt als Text, der gelesen werden will. Diese Krimis sind Ratespiele und Kreuzworträtsel, mathematische Scharaden; die transzendenten Zutaten sind Zierde. »Das Tao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Tao.« Die Lösung ist immer das, was zuvor hineingetan wurde; man ahnt den Bauplan, da bleibt kein Rest übrig, und dass kein Rätsel übrig bleibt, verbannt den Krimi auch, um wieder einmal Adorno heranzuziehen, aus dem Reich der Kunst.</p>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/pinkfloyd_animals.jpg" alt="Detail aus dem Cover der Pink-Floyd-Platte »Animals« (1977)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Detail aus dem Cover der Pink-Floyd-Platte »Animals« (1977)</dd>
</dl>
<p>Nun die Kardinalfrage: Warum das Schwein? Wolfgang Zdral hatte auch den Einfall, in sein Buch Passagen einzustreuen, aus denen hervorgeht, dass ja eigentlich alle unsere Hervorbringungen dem Schwein zu verdanken seien: Es ist ein Buch, das die Welt vom Schweinekosmos aus betrachtet. Im August 2005 erschien von Leonie Swann der Krimi »<a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=220165">Glennkill</a>«, geschrieben aus der Warte von Schafen, der großen Erfolg hatte. Es gibt sogar »<a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteintb/buch.php?id=13374&#038;page=suche&#038;auswahl=a&#038;pagenum=1&#038;page=buchaz">Tod &#038; Trüffel</a>«, einen »Hundekrimi aus dem Piemont«. Dogs, Pigs und Sheep kommen auf der Pink-Floyd-Platte »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Animals_%28Album%29">Animals</a>« (1977) vor; auf der ersten Seite grunzt gleich mehrmals ein Schwein, und Roger Waters singt: »Big man, pig man, ha, ha, charade, you are &#8230; nearly a good laugh. Almost a joker.«</p>
<p>Die Katze gibt’s bei Pink Floyd nicht. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Akif_Pirin%C3%A7ci">Akif Pirinçci</a> hat schon vier Katzenkrimis geschrieben, und der erste bekannteste hieß »Felidae«, nach dem Namen der ermittelnden Katze. Die »Lebens-Ansichten des Katers Murr« von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/E._T._A._Hoffmann">E. T. A. Hoffmann</a> (1776-1822), um 1820 erschienen, leisteten da große Vorarbeit. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_de_La_Fontaine">Jean de La Fontaine</a> (1621-1695) veröffentlichte 1668 seine berühmten Tierfabeln, von denen er während 26 Jahren 243 verfasste. Doch das große Vorbild war natürlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sop">Äsop</a>, der um 600 vor Christus lebte und zahlreiche Fabeln schrieb, etwa <em>Der Fuchs und der Rabe</em>, <em>Der Fuchs und der Hahn</em>, <em>Der Wolf und das Lamm</em>, <em>Der Adler und die Schildkröte</em>.</p>
<p>Die Projektion von menschlichen Schwächen auf das Tier war immer schon eine beliebte Taktik, die Wahrheit aussprechen zu können. Wir sehen unsere Verblendung durch die Augen der Tiere; die »Farm der Tiere« zeigt uns, wo wir stehen. Die Tiere halten uns einen Spiegel vor. Doch Zdrals Schweine-Kosmos, den er parallel zum Menschen-Kosmos errichtet, unterscheidet sich kaum von diesem. Hier haben wir wieder das »Affirmative«, das Anti-Utopische des Kriminalromans heutiger Machart: Auch Schweine sind nur Menschen, es ist alles eben so, nehmen wir es hin.</p>
<dl style="width:200px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/zdral_tartufomortale.jpg" alt="Der Umschlag von Wolfgang Zdrals Buch" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Der Umschlag von Wolfgang Zdrals Buch</dd>
</dl>
<p>Das Schwein schießt somit das Geschehen in eine äußere Umlaufbahn, möglichst weit weg von der Realität; die Schweineperspektive gibt dem Buch etwas Irreales, einen Drall, macht es zu irrealer Realität. Es ist ja offensichtlich, dass der deutsche Krimi möglichst wenig mit der Realität hier unten zu schaffen haben will. Der Deutsche ist laut Heinrich Heine »der Meister im Luftreich des Traums unbestritten«, und er will unterhalten werden, ohne danach Alpträume haben zu müssen. Besser ein Schwein erzählt aus dem Weltall als ein Hartz-IV-Empfänger aus Berlin-Marzahn.</p>
<p>Bei Zdral kommt ein anderes Moment hinzu, ein praktisches: Das Trüffelschwein kann überall ungestört herumschnüffeln, da keiner glaubt, dass es menschliches Bewusstsein besitzt. Es bekommt alle Verästelungen der Geschichte mit und kann es dem Leser verbal und Eleonora (schöne namentliche Verwandtschaft zu Leonardo; der <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2135/">Parallelismus</a>!) nonverbal mitteilen. Das Schwein also als Seismograph, als lebendes Gerät, das objektive Beweise sammelt: Das ist exquisit absurd.</p>
<p>Und noch einmal ist auf die formale Experimentierlust der Krimiautoren hinzuweisen, als wollten sie durch eigenartige Perspektiven und Erzählweisen aus dem vorgeschriebenen Korsett des Genres ausbrechen. Thomas Wörtche, der lange eine Krimireihe im Zürcher Ammann-Verlag betreute, hatte ja die Hoffnung, der Krimi würde soziale Probleme unterhaltsam aufgreifen können, aber vielleicht lässt sich das nur in Ländern realisieren, in denen es gravierende soziale Probleme gibt. Bei uns ist der Krimi eine unterschwellige Form der Unterhaltung.</p>
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		<item>
		<title>Pssst! – Gedenkminute an einen großen Schriftsteller</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 07:00:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lena Sundheimer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/Federman.jpg" width=150 height=103 class= right alt="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" title="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" />Raymond Federman wurde am 15. Mai des Jahres 1928 im beschaulichen Montrouge geboren. Die ersten Jahre seines Lebens jedoch spielten sich weitgehend in der französischen Metropole schlechthin ab. Schon als Kind lebte er mit seinen Eltern in Paris, von wo er aufgrund eines furchtbaren Kriegserlebnisses jedoch bald fliehen sollte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/Federman.jpg" width=300 height=205 alt="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" title="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Raymond Federman<br />
(Foto: © Weidle Verlag)</dd>
</dl>
<p>Raymond Federman wurde am 15. Mai des Jahres 1928 im beschaulichen Montrouge geboren. Die ersten Jahre seines Lebens jedoch spielten sich weitgehend in der französischen Metropole schlechthin ab. Schon als Kind lebte er mit seinen Eltern in Paris, von wo er aufgrund eines furchtbaren Kriegserlebnisses jedoch bald fliehen sollte. Im Jahre 1942 nämlich wurden zahlreiche Razzien durch die französischen Kollaborateure in der Hauptstadt durchgeführt, die zum Ziel hatten, sämtliche Pariser Juden zu erfassen und in Konzentrationslager zu deportieren. Eine dieser Razzien traf auch die Familie Federman. Mithilfe seiner Mutter gelang es Raymond allerdings, sich in einer Abstellkammer versteckt zu halten, während sein Vater, seine Mutter und seine beiden Schwestern von den Polizisten abgeführt wurden um nach Ausschwitz deportiert und später vergast zu werden. Diese traumatische Erfahrung bestimmt das gesamte Werk Federmans. Sein œuvre ist geprägt von der Erfahrung des Holocausts und dem Gefühl der Einsamkeit, aber auch der Auserwähltheit, da einzig er der Deportation und dem sicheren Tode entkommen konnte. Schuld und Verlassenheit sind daher die zentralen Themen in den Romanen des jüdischen Schriftstellers. Trotz des tiefsitzenden Traumas und der stets im Raum stehenden Frage »Warum?« zeugen seine Texte aber auch von Lebensfreude, die er der Nazimacht und seinen Erfahrungen mit derselben gegenüberzustellen vermag. Seine Liebe zum Leben und seine stets bewahrte Kindlichkeit fungieren geradezu als Antwort und als Antithese auf die Greuel des Faschismus, die er am eigenen Leibe erfahren musste.</p>
<h5>Aufbruch in die Neue Welt </h5>
<p>Bald schon zieht es Federman jedoch ins Ausland. Wie viele andere europäische Juden emigriert er im Jahre 1947 in die USA, wo er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs, etwa als Jazz-Saxophonist, verdingt. Später arbeitet er in Tokio als Übersetzer für die US Army, da er sich dadurch ein Stipendium für ein Universitätsstudium erhofft. Nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft im Jahre 1953, beginnt er das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften an der University of Columbia. Im Anschluss an den erworbenen Master of Arts, übernimmt er eine Dozentenstelle an der University of Santa Barbara. Seine Doktorarbeit über den ihm freundschaftlich verbundenen Samuel Beckett folgt fünf Jahre darauf, im Jahre 1963. Auch nach seiner Promotion bleibt Federmann der akademischen Laufbahn zugetan und lehrt zukünftig an der University of New York in Buffalo. Neben seiner Lehrtätigkeit steht für Federman aber vor allem eins im Vordergrund: das Schreiben. Federman sieht sich dabei nicht bloß als Erzähler, sondern auch als Begründer einer neuen Literaturbewegung. In <em>Double or Nothing</em> etwa, gelingt es ihm, Prosa mit konkreter Poesie zu verbinden. In den 70er Jahren kreiert er zudem den Begriff der <em>Surfiction</em>, worunter er Literatur versteht, die die Fragen von konstruierter, bzw. imaginierter Wirklichkeit thematisiert. Sie versucht nicht etwa, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie tatsächlich ist, sondern nähert sich den Ideen der Postmoderne und verschreibt sich vornehmlich der Metafiktion, also der Thematisierung des Schreibprozesses selber. Dies wird vor allem dort deutlich, wo der Autor den Leser mit einbezieht und seine eigene, parallel entstehende Erzählung kommentiert:</p>
<blockquote><p>
Federman, hör auf, uns zu erzählen, daß du uns deine Kindheit erzählen wirst, und erzähle. Du wirst uns nicht wieder Bocksprungprosa machen voller Abschweifungen in den Abschweifungen.</p>
<p>Was glaubt ihr denn? Daß ich meine Kindheit chronologisch erzähle? Schön wär's. Ich habe es schon soundso oft gesagt, die Chronologie hält mich auf, und von Logik verstehe ich 	nichts.</p>
<p>Außerdem, was von meiner Kindheit in meinem Kopf übrig ist, das sind nur Bruchstücke, Erinnerungsreste, für die eine Form improvisiert werden muß.</p>
<p>Gut, ich versuche trotzdem weiterzumachen.</p></blockquote>
<p>Auch wenn Federman erst im Alter von 20 Jahren des Englischen mächtig wird, begreift er seine aus der Emigration resultierende Zweisprachigkeit als enormen Zugewinn für sein literarisches Werk. Einige seiner Romane verfasst er auf französisch, andere auf englisch. Gelegentlich versucht er sich selber an den Übersetzungen und bewacht diese aufs strengste. Ähnlich wie sein Freund Samuel Beckett, vermag Federman mit der Sprache und ihren Möglichkeiten zu spielen wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor. So auch in seinem letzten Roman <em>Pssst – Geschichte einer Kindheit</em>. </p>
<h5>Krönender Abschluss eines Lebenswerkes</h5>
<p>Der Roman bedient sich einer an Laurence Sterne erinnernden Erzählweise, da Federman bewusst auf eine chronologische Darstellung seiner Kindheitserlebnisse verzichtet, um stattdessen rein assoziativ oder in Form von Anekdoten zu berichten. Der Autor erzählt in seinem autobiografischen Roman davon, wie seine Mutter ihn in einer Abstellkammer versteckte, wie er erleben musste, dass seine gesamte Familie von den französischen Kollaborateuren der Gestapo abgeführt wurde, wie er nach einem dunklen und angsterfüllten Tag aus seinem Versteck gekrochen kam, um das Elend und die Verwüstung der Deportation mit anzusehen. Federman erinnert sich in <em>Pssst!</em> aber vornehmlich an die Zeit vor diesem grauenhaften Erlebnis, an das abenteuerliche Leben seines spielsüchtigen Vaters, der zahlreiche Liebschaften pflegte, an die Fürsorge und Liebe seiner Mutter, die ihm zum Geburtstag trotz ihrer Armut einen Schokoladen-Éclair kaufte, an seine beiden Schwestern, die gemeinsam auf dem Küchenboden schlafen mussten. </p>
<p>Bemerkenswert ist, wie Federmann es vermag, diesen eigentlich sehr tristen und tragischen Stoff dem Leser verdaulich zu machen, indem er ihn durch zahlreiche Anekdoten komisch zu durchsetzen versteht. Dies tut er mit einer geradezu kindlichen, typisch französischen Leichtigkeit, die man auch  bei Autoren wie etwa Eric-Emmanuel Schmitt, Francois Lelord oder Antoine de Saint-Exupéry bewundern kann, da sie schwierige und tiefgreifende Themen mit einer erfrischenden Einfachheit behandelten. Auch Federman bedient sich dieser Légèreté, etwa wenn er von dem ekelerregenden Kackeimer berichtet, der nachts über von der Familie benutzt wird, da sich die Toilette auf dem Hof befindet, und den er allmorgendlich ausleeren muss:</p>
<blockquote><p>Ach ja, ich werde von diesem Eimer erzählen, er hat so sehr zu meiner Kindheit gehört. Was habe ich nicht jeden Morgen geschimpft, bevor ich diesen ekelhaften Eimer voller Kacke und Pisse hinunterbrachte, und gemault, es sei nicht gerecht, immer ich müsse diese Dreckarbeit machen. [...] Jeden Morgen bin ich also mit diesem Emailleeimer in der Hand die drei Stockwerke hinuntergegangen, um ihn im Abort hinten im Hof auszuleeren. Ich mußte aufpassen, daß ich mich nicht vollspritzte, wenn ich den Eimer ausleerte, sonst hatte ich die Schuhe und die Beine voller Scheiße.</p></blockquote>
<p>Dieser und ähnlichen Episoden mangelt es an jeglichem Schamgefühl, was aber wiederum die Kindlichkeit und Naivität des Erzählers zum Ausdruck bringt und angenehm authentisch wirkt.  Auch die Behandlung eben trivialer Tätigkeiten und Vorkommnisse tragen zu dieser Authentizität des Romans bei und vermittelt die Geschichte der Pariser Okkupation durch die Nazis greifbarer als jedes Geschichtsbuch dies tun könnte. Ähnlich wie in dem <em>Roman eines Schicksallosen </em>von Imre Kertész oder dem Film <em>Das Leben ist</em> schön von Roberto Benigni wird die Naziherrschaft mit den gutgläubigen und beschönigenden Augen eines Kindes gesehen, welche die Schrecken des Régimes zwar naiv betrachten, ohne jedoch die Greuel des Holocausts zu verharmlosen. Die Löffel-Episode etwa, während derer Raymond feststellen muss, dass die Familie eines Schulkameraden nach der Deportation seiner Familie, das der Mutter so teure Tafelsilber entwendet hat, lässt den Erzähler verstummen und schockiert ihn zutiefst: </p>
<blockquote><p>MF. Das sind die Initialen, die ich auf dem Löffel sehe. Und plötzlich wird mir klar, daß ich einen Löffel in der Hand halte, der meiner Mutter gehörte. [...] Die Nachbarn und die Leute aus dem Viertel aber, die hatten vor nichts Achtung. Sie haben alles zu sich transportiert, sobald man uns abtransportiert hatte. Und so geriet der silberne Löffel meiner Mutter auf den Eßtisch von Monsieur und Madame Laurent. Ich bin noch einen Augenblick mit erhobener Hand sitzen geblieben und habe auf den Löffel gestarrt. Dann habe ich ihn langsam auf den Tisch zurückgelegt. Ich bin aufgestanden. Ich habe nichts gesagt. Sie waren alle über ihre Suppe gebeugt. Ich stand einen Moment da, dann bin ich gegangen, ohne die Tür zuzuschlagen. Ich habe das beklemmende Schweigen hinter mir gespürt, als ich sie zugemacht habe.</p></blockquote>
<p>In dieser Episode wird zudem deutlich, dass Federman sich nicht an die gültigen Klischees hält und davon Abstand nimmt, die Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Die Nazis etwa werden nicht nur negativ porträtiert, teils sogar, wie etwa auf dem französischen Land, werden sie als durchaus umgängliche Menschen dargestellt, welche die Familie Federmann mit Kohle und Lebensmitteln versorgen, da der Vater Raymonds mehrere Sprachen beherrscht und sich schnell mit ihnen anfreundet. So beschreibt das Kind Federman die Zeit in Argentan als die »wenigste unglückliche Zeit meiner Kindheit« und betont, dass die Familie besser dort geblieben wäre, anstatt nach Paris zurückzukehren.</p>
<p>Neben dieser gnädigen und milden Zeichnung einiger deutscher Besatzer, scheint die Darstellung des jüdischen Onkels recht hart und kritisch auszufallen und den typisch antisemitischen Klischees zu entsprechen. Onkel Léon nämlich ist ein Schneider mit äußerst betuchten Kunden. Er ist ein Snob und Geizhals, der die Familie Raymonds zwar in seinem Haus wohnen lässt, sie aber nie zum Essen einlädt oder sie an seinem Reichtum teilhaben lässt. Er zwingt Raymond sogar ab und zu für ihn zu arbeiten, da ein »Dussel« wie er das lernen müsse.</p>
<h5>Die Welt in all ihren Schattierungen</h5>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/federman-cover.jpg" alt="Raymond Federman: »Pssst! Geschichte einer Kindheit«" title="Raymond Federman: »Pssst! Geschichte einer Kindheit«" class=right />Auf diese Weise evoziert Raymond Federman in seinem letzten Roman ein äußerst ehrliches und authentisches Bild, welches sich ganz auf seine Erinnerungen und persönliche Erfahrungen stützt, nicht aber auf die vorgefertigten und gängigen Bilder, die jeder von uns über den zweiten Weltkrieg und seine Ursachen im Kopf hat. Er zeigt auf, dass Gutes und Böses jedem Menschen, jeder Nation, jedem Volk innewohnen und warnt somit vor Pauschalierungen, die versuchen, alles über einen Kamm zu scheren. <em>Pssst!</em> ist ein bemerkenswertes Buch voller Anekdoten, aber auch Traurigkeiten, welches ein facettenreiches Spektrum der 30er und 40er Jahre dieses Jahrhunderts aufbietet und eine völlig neue Sicht auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges ermöglicht, eine Sicht in der nicht bloß eine böse Seite und eine gute existieren, sondern in der sich die Kategorien in jeder Figur aufs Neue vermischen. Sein letzter Roman, ebenso wie das Gesamtwerk Raymond Federmans gemahnt an die grausame europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts, an die Fehlbarkeit jedes Einzelnen, aber auch an die Kindlichkeit und Freude, die jedem Menschenleben innewohnen. Daher wird dieses wundervolle Lebenswerk auch nach Federmans Tod im Oktober letzten Jahres nichts von seiner maßgeblichen Bedeutung verlieren.</p>
<p><em>Federman, Raymond: Pssst! Geschichte einer Kindheit. Bonn: Weidle Verlag, 2008. 200 Seiten. ISBN: 978-3-938803-10-3. 23,– Euro.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>»Lieber in einer anderen Zeitung«</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2373/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2373/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 28 Jan 2010 16:45:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Andres</dc:creator>
				<category><![CDATA[Portraits]]></category>

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		<description><![CDATA[75 Jahre alt wird der Hamburger Schriftsteller Hermann Peter Piwitt heute. Grund zum Feiern, und hier eine Aufforderung zum Tanz: »Die lesende Welt bekommt noch einmal die Chance, einen Autor zu entdecken, den bislang nicht entdeckt zu haben ihr zum eigenen Schaden gereicht: einen der größten Stilisten, einen der berückendsten Erzähler der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>75 Jahre alt wird der Hamburger Schriftsteller Hermann Peter Piwitt heute. Grund zum Feiern, und hier eine Aufforderung zum Tanz: »Die lesende Welt bekommt noch einmal die Chance, einen Autor zu entdecken, den bislang nicht entdeckt zu haben ihr zum eigenen Schaden gereicht: einen der größten Stilisten, einen der berückendsten Erzähler der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.«</p>
<p>So schreibt Matthias Altenburg in der <em>ZEIT</em> über Piwitt &#8211; freilich bereits Ende der 90er Jahre. Heute, mehr als zehn Jahre später, gilt Piwitt – immer noch oder schon wieder &#8211; als der »Geheimtipp«, als der er bereits 1965 mit seinem literarischen Debüt <em>Herdenreiche Landschaften</em>" gehandelt wurde.</p>
<dl style="width:212px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/hppiwitt.jpg" alt="Hermann Peter Piwitt (Foto: © Wallstein Verlag)" title="Hermann Peter Piwitt (Foto: © Wallstein Verlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Warm angezogen im »Totenhaus« Hamburg: der Schriftsteller<br />
Hermann Peter Piwitt<br />
(Foto: © Wallstein Verlag)</dd>
</dl>
<p>Das war zwischenzeitlich freilich anders. Mitglied der späten Gruppe 47, gehörte Piwitt zu den Autoren, die den literarischen Sound zu den 68ern lieferten: Mit Romanen wie <em>Rothschilds</em> oder <em>Die Gärten im März</em>, mit zahlreichen Essays. Sein erst kürzlich veröffentlichter, intensiver Briefwechsel mit Nicolas Born zeugt von dieser Zeit, in Rolf Dieter Brinkmanns Collageroman <em>Rom. Blicke</em> fliegen die Fetzen zwischen den beiden Autoren. Piwitt ist im literarischen und im politischen Diskurs präsent, im <em>SPIEGEL</em> ebenso wie in linksliberalen Feuilletons. Aber der Geist der Zeit wählt eine andere Richtung, Piwitt gerät ins Abseits. Während er sich zurückgezogen habe, so beschrieb er die Zeit um die deutsch-deutsche Wende einmal selbst, habe man »von außen, ohne, dass ich es bemerkte, den Schlüssel herumgedreht«. Bei seinem Verlag Rowohlt fällt er bald aus dem Raster. Piwitt-Bücher stehen nicht oft auf den »Topseller«-Listen.</p>
<p>Seit wenigen Jahren verlegt der Göttinger Wallstein-Verlag seine Bücher, hier erschien unter anderem 2006 sein jüngster und übrigens viel gelobter Roman <em>Jahre unter ihnen</em>. Und nun, zu seinem Jubiläum, veröffentlicht Wallstein mit <em>Heimat, schöne Fremde. Geschichten und Skizzen</em> ein »Bilanzbuch«. Während seine Erzählerfiguren zunehmend nach allen Regeln literarischer Kunst den Boykott üben, zeigt Piwitt sich hier unvermindert gallig.</p>
<p>»Schöne Werkstücke machen«, darum sei es ihm stets gegangen, schreibt Piwitt in dem neuen Essayband. Doch die Bewertung der literarischen Qualität muss hintenanstehen bei der Einordnung Piwitts: Das Angebot eines Kritikers an einen Chefredakteur, über einen Roman Piwitts eine Besprechung zu schreiben, erfährt Piwitt, beantwortet der Angeschriebene so: »Ihren alten Kampfgenossen Piwitt sähe ich lieber in einer anderen Zeitung.«</p>
<p>Als kommunistischer Kampfgenosse gilt er den einen, als »linksbourgeoiser Flaneur« den anderen. Da sitzt jemand, wenn vielleicht nicht völlig unverschuldet, so doch unbefleckt von Parteizugehörigkeiten jedweder Art, zwischen den Stühlen. Und in das schicke, nachgerade mondäne Literaturhaus der »Seestadt«, wo auf der Getränkekarte ein simpler Korn nicht vorgesehen ist, will Piwitt auch nicht recht passen. Das ist beklagenswert. Aber Piwitt tröstet sich mit Nossack, der schon eine Hassliebe zu dem »Totenhaus« Hamburg pflegte.</p>
<p>Erfreulich ist: Jubiläen setzen derlei Inkompatibilitäten, zumindest vorübergehend, erfolgreich außer Kraft: Einen »Geburtstagsabend« widmet das Literaturhaus Hamburg dem Schriftsteller, und mit Piwitt feiern dort am kommenden Donnerstag (4. Februar, 20 Uhr) Weggefährten wie Matthias Altenburg, Gerd Fuchs, Sabine Peters, Marie-Luise Scherer, Bruno Schrep, Verleger Thedel von Wallmoden, Lektor Thorsten Ahrend und Joachim Kersten.</p>
<p>Zum Jubiläum finden wir im Netz Beiträge über Piwitt im <a href="http://www.titel-magazin.de/artikel/19/6860.html"><em>Titel-Magazin</em></a>, bei <a href="http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-01/hermann-peter-piwitt"><em>ZEIT Online</em></a>, in der <em><a href="http://www.jungewelt.de/2010/01-28/006.php">Jungen Welt</a></em>, im <em><a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/art772,3013908">Tagesspiegel</a></em> sowie beim <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/1113890/"><em>Deutschlandfunk</em></a>. Zudem ist ein umfangreicher Band mit <em>K.A.</em>-Interviews in Planung, in dem auch ein neues, ausführliches Interview mit Hermann Peter Piwitt erscheinen wird.</p>
<p><em><a href="http://www.hermannpeterpiwitt.de">Hermann Peter Piwitt</a>: <a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835306219.html">Heimat, schöne Fremde. Geschichten und Skizzen.</a> Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 246 Seiten. ISBN 978-3-8353-0621-9. 19,90 Euro.</em></p>
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		<title>Von Tieren, Champignons und Tieren</title>
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		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 09:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Caroline Fuchs</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/LaimaM.jpg" width=106 height=150 class="right" alt="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" title="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" />In <em>Das Champignonvermächtnis</em> erzählt Autorin Laima Muktupavela uns vom Leben und Leiden der lettischen Gastarbeiterin Iva. Man kann dieses Werk als Rezeptbuch für das Leben sehen, zu jeder Situation gibt es ein Rezept, zu jedem Problem einen Lösungsvorschlag. Doch man braucht viel Durchhaltevermögen, um sich all diese Vorschläge bis zum Schluss durchzulesen …
<br />&#160;
<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei dem Problem »Wie gestalte ich meinen nächsten Roman?« könnte der lettischen Autorin Laima Muktupavela folgendes Rezept vorgeschwebt haben: Man nehme eine aufgeweckte lettische Gastarbeiterin, die grüne Insel Irland, lettische Traditionen, Tiermetaphern, Gemüse und einige Champignons. Wenn man alles in eine Schüssel gibt, gut vermengt und es bei 180 °C in den Ofen schiebt, erhält man als Resultat <em>Das Champignonvermächtnis</em><strong>. </strong>Im Zentrum stehen Iva und ihr Lebenshunger. Der Roman beginnt mit einer Rückblende. Iva fliegt zurück nach Lettland, nachdem sie in Irland mit Schwarzarbeit auf zwei Champignonfarmen Geld verdient hat. Sie betrachtet sich im Spiegel der Flughafen Toilette und denkt an ihr zurückliegendes Jahr.</p>
<p>Dieses vergangene Jahr war sie in Irland um dort ihrer Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Armut zu entfliehen. Im Laufe der Erzählung erfährt der Leser, dass Iva in Lettland oft gegen die Arbeitslosigkeit kämpfen musste und dabei schon ungefähr jeden Job gemacht hat, von der Putzfrau bis zur Prostituierten. Doch obwohl man ihre Lebenssituation eher als »Über«-leben bezeichnen könnte, ist ihre Einstellung meist von Grund auf positiv. Sie jammert nicht, sondern versucht Missstände zu ändern. Iva wird von einem Lebenshunger getrieben, der es ihr verbietet aufzugeben oder ihr Leben allzu schwarz zu sehen. Die Lösung ist für sie die Reise nach Irland, obwohl sie Angst hat und kein Wort Englisch spricht. Es ist ihre letzte Möglichkeit auf ein Einkommen, denn in Lettland kann sie kein Geld verdienen.</p>
<dl style="width:211px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/LaimaM.jpg" width=211 height=300 alt="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" title="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Laima Muktupavela<br />
(Foto: © Weidle Verlag)</dd>
</dl>
<p>Leider muss Iva schnell feststellen, dass Irland nicht unbedingt besser ist als Lettland. Mit der neuen Arbeit auf einer Champignonfarm beginnt für Iva der Weg in die Sklaverei. Sie muss ununterbrochen arbeiten, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag Champignons ernten. Ihr Lohn ist gering &#8211; wenn der Bauer seine Angestellten überhaupt bezahlt. Zeitweise muss sie zwei Wochen ohne Essen auskommen. Doch auch wenn alles ungerecht ist, Iva macht das Beste aus ihrer Situation und bewahrt ihre moralischen Grundsätze. Sie packt ihre Sachen und geht einfach los, weg vom Hof, auf dem sie die Zustände nicht mehr ertragen kann, weg von ihrem Chef. Durch Zufall landet sie auf einer neuen Farm und findet wieder Arbeit. Doch auch hier ist der Farmer nur an seinem eigenen Profit interessiert und so kehrt Iva nach weniger als einem Jahr zurück nach Lettland. Mit weniger Geld im Gepäck als gedacht, aber dafür noch mit ihrer Würde.</p>
<p>Durch die Ich-Perspektive der Protagonistin bekommt der Leser Einblicke in die Gedanken einer Person, die versucht in einem unmenschlichen Umfeld, menschliche Werte beizubehalten. Die Distanz des Lesers zu Iva ist sehr gering, dennoch versteht man ihre Handlungen nur schwer. Man fragt sich zum Beispiel, wieso sie nach dem Jahr der harten Arbeit ihr Geld einer Freundin gibt. Auch ihr Humor springt nur schwer über. In einer Szene sitzt sie mit ihren Mitbewohnern zusammen, die ein Lamm von einer benachbarten Weide gestohlen haben, weil sie solch großen Hunger leiden mussten. Iva hat sich der Gruppe nicht angeschlossen, weil die Tat für sie nicht vertretbar ist. Als es dann an der Tür ihres gemeinsamen Heims klopft, denkt sie: »Oho! Wir haben einen Gast! Wer mag das sein? Vielleicht irgendein vorbeiziehender Bettler, dem man sein einziges Lamm gestohlen hat? Hahaha!« &#8211; kein Humor, der leicht nachvollziehbar ist. Zu diesem Humor gehört auch, sich einen Spaß daraus zu machen ihre Mitmenschen, in ihren Gedanken, mit Tieren oder sagenhaften Gestalten zu vergleichen. Durch diese Einblicke in ihre Gedankenwelt, offenbaren sich dem Leser Hinweise auf ihre lettischen Wurzeln. Sie vergleicht etwa zwei Männer mit lettischen Märchenfiguren und diese Namensgebung scheint ihr auch zu helfen, sich in dieser fremden Welt zu orientieren und ihr Halt zu geben.</p>
<blockquote><p>Ich muss sofort an <em>Lipsts </em>und <em>Bierns </em>denken, die beiden <em>schlauen</em> Brüder aus dem Märchen des lettischen Klassikers Rainis. Und da ich mir ihre eilig dahingemurmelten Namen nicht merken kann, drängen sich die Spitznamen fast wie von selbst auf.</p></blockquote>
<p>Der Grund für Iva, diese fantasievollen Vergleiche zu wählen, liegt wohl darin, dass ihre eigene Situation gerade so unreal ist und sich die Menschen um sie herum eher wie Tiere benehmen und nicht wie Menschen. Sie werden in kleinen Hütten zusammengepfercht, bekommen kaum zu Essen und verrohen auch im Umgang miteinander. Die Männer fordern zum Beispiel Geschlechtsverkehr von den Frauen und wollen bekocht werden. Daher gibt Iva Tipps: »Wie schreckt man als Weibchen ein aufdringliches Männchen ab?« Das Buch strotzt nicht nur bei Beschreibungen der Personen vor Tier-Metaphern, auch Eigenschaften oder Verhaltensweisen werden oft Tieren zugewiesen: »Ich muss klug wie eine Ratte sein und rechtzeitig das sinkende Schiff verlassen«, denkt sich Iva etwa, als sie abwägt, ob sie bei ihrem ersten Arbeitgeber Mr. Kenneth bleiben soll.</p>
<p>Ein weiterer Anker für Iva ist das Essen, vor allem weil sie in der ersten Zeit in Irland so oft drauf verzichten muss. Durch den Hunger kreisen ihre Gedanken oft um nichts anderes. Trotzdem behält sie in diesen Zeiten ihre Würde und zelebriert auch die kleinste Mahlzeit wie ein Festessen und beteiligt sich nicht am Mundraub ihrer Mitbewohner, die ein Lamm stehlen und schlachten. Der Roman nimmt diese besondere Bedeutung des Essens auf, indem er jedes der vierzig Kapitel mit einem Rezept beendet. Diese sind in der dritten oder zweiten Person geschrieben und wirken wie persönliche Fazits von Iva, man kann sie als Rezepte interpretieren oder als Weisheiten:</p>
<blockquote><p>Beim Essen des Auflaufs stelle man sich vor, daß Winter ist. Der Boden ist gefroren und mit einer Eisschicht bedeckt, die durch den Käse symbolisiert wird. Aber du fühlst dich geborgen, weil du weißt, daß darunter etwas steckt, das schwer zu zerstören ist: weiße Pilze und keimende Bohnen. Du bist hundertprozentig sicher, daß der Frühling kommen wird, was immer auch geschehen möge, und die verdammt trotzige Bohne wird zur Sonne emporkeimen! So wirst auch du gen Himmel fahren.</p></blockquote>
<p>Das Buch ist voll von diesen Skurrilitäten. Man liest die ersten Seiten des Romans noch mit Interesse an Ivas Lebenshunger und ihren Abenteuern. Doch irgendwann wirkt alles nur noch wie eine Wiederholung. Als Leser wartet man während der Lektüre auf mehr, auf Abwechslung, auf einen Höhepunkt. Doch all das bleibt aus. Je länger man liest, desto störender werden die Skurrilitäten und desto verwirrender die vielen Tiernamen. – Welcher Mann war nochmal welcher Vogel? – Nach der Hälfte hat man den Überblick verloren und immer kommen neue Spitznamen hinzu.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/muktupavela-cover.jpg" alt="Laima Muktupavela: »Das Champignonvermächtnis«" title="Laima Muktupavela: »Das Champignonvermächtnis«" width="191" height="300" class=right />Für Iva scheint die Erfahrung in Irland nicht viel verändert zu haben. Ihr Geld gibt sie einer Freundin, somit ist sie zurück in Lettland wieder in der gleichen Situation wie vor ihrer Reise. Im letzten Satz des Buches stellt sie treffend fest: »Und noch immer riecht es nach Schweiß, Irish coffee und Lebenshunger.«</p>
<p>Das Buch hat viel Potenzial. Der Handel mit Gastarbeitern scheint ein großes Geschäft zu sein, an dem jeder verdient, außer die Gastarbeiter selbst. Doch diese Ausbeutung, der die Protagonistin sich ausgesetzt sieht und die in Europa scheinbar ohne Aufregung vor den Augen von Bevölkerung und Regierung betrieben werden kann, verschwindet hinter Tiermethaphern und Ivas Humor. Das Thema und die Hauptdarstellerin der Geschichte sind ungewöhnlich und ziehen den neugierigen Leser in ihren Bann, doch sie lassen ihn auch schnell wieder los, denn die Abwechslung und Entwicklung fehlen. Um beim Thema »Essen« zu bleiben: Die Zutaten stimmen, aber damit das Gericht schmeckt, hätte das Rezept noch einige Verbesserungen benötigt.</p>
<p><em>Muktupavela, Laima: Das Champignonvermächtnis. Aus dem lettischen übersetzt von Berthold Forssman. Bonn: Weidle Verlag, 2008. ISBN 978-3-938803-07-3. 23,– Euro.</em></p>
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		<title>Die Kunst der Melancholie</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jan 2010 18:23:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tine Buecken</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Gestern vor 90 Jahren starb einer der bedeutendsten Künstler der Moderne und des 20. Jahrhunderts: Amedeo Modigliani. Seine Porträts mit den überlangen Gesichtern sind zu seinem Markenzeichen geworden und begeistern bis heute. Doch wer war dieser Mann, der in einem einzigen Werk die Seele seines Gegenübers zu erfassen vermochte? ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern vor 90 Jahren starb einer der bedeutendsten Künstler der Moderne und des 20. Jahrhunderts: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Amedeo_Modigliani">Amedeo Modigliani</a>. Seine Porträts mit den überlangen Gesichtern sind zu seinem Markenzeichen geworden und begeistern bis heute. Doch wer war dieser Mann, der in einem einzigen Werk die Seele seines Gegenübers zu erfassen vermochte? </p>
<p>Amedeo Modigliani war vor allem ein Individualist. In Zeiten, in denen Künstler Stilrichtungen wie dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kubismus">Kubismus</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus">Expressionismus </a>und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Futurismus">Futurismus </a>folgen, ordnet sich Modigliani nicht unter. Er entwickelt eine eigene Malweise und etabliert sich vor allem als Porträtmaler. Seine Kunstwerke wirken beinahe klassisch. Im Gegensatz dazu steht sein exzessives Leben. Dieses beginnt am 12. Juli 1884 in Livorno/Italien. Im Alter von 14 Jahren unternimmt er seine ersten Malversuche. In den Jugendbildnissen zeichnet er Fotografien mit Bleistift nach. Modigliani beginnt das Studium der Malerei in seiner Heimatstadt. Hier nimmt sein Künstlertum seinen Anfang. Modigliani erfährt schon früh den Verlust von geliebten Menschen und erleidet selbst schwere Krankheiten. Er ist sich seiner Sterblichkeit von Kindesbeinen an bewusst – Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Werke. </p>
<p>Bei zahlreichen Erholungsaufenthalten in Neapel, Rom, Venedig und auf Capri, die seine Tuberkuloseerkrankung heilen sollen, besichtigt er die barocken Kirchen und Museen. Er nimmt an Ausgrabungen teil und vertieft sich in die Betrachtung von Statuen und Fresken aus römischer Zeit. In seinen späteren Werken sind Parallelen zur frühen Formsprache und der spätbarocken Kunst des 18. Jahrhunderts erkennbar.<br />
Nachdem Modigliani in Florenz die Scuola Libera del Nudo besucht hat, geht er 1903 nach Venedig und setzt sein Studium fort. Dort entwickelt er einen neuen Begriff und eine neue Sehweise von Porträtmalerei. In seinen feingliedrigen Arbeiten nähert er sich dem Modell, wobei er nicht die menschliche Natur nachahmt, sondern diese psychologisch deutet. </p>
<p>Drei Jahre später führt ihn der Weg nach Paris, wo er bis zu seinem Tod am 24. Januar 1920 leben wird. Modigliani nimmt Aktzeichenunterricht. In Paris baut er sich ein großes Umfeld auf, das aus Künstlern wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pablo_Picasso">Pablo Picasso</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Duchamp">Marcel Duchamp</a> sowie Literaten besteht. Hier etabliert er sich, wenngleich zunächst erfolglos, allmählich als Künstler. Er wird Mitglied der<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Soci%C3%A9t%C3%A9_des_Artistes_Ind%C3%A9pendants"> Societé des Artistes Indépendants</a>. 1907 lernt er den Arzt Paul Alexandre kennen, der sein erster Förderer und Mäzen wird. Daraufhin stellt er zum ersten Mal im Salon des Indépendants aus. Die Bekanntschaft mit dem Bildhauer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Constantin_Brancusi">Constantin Brancusi</a> führt zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit Stein, die Modigliani beeindruckt. Er hegt selbst den Wunsch, Bildhauer zu werden. Seine bildhauerische Schaffensphase erstreckt sich jedoch nur von 1909 bis 1913, in der der Künstler 25 Skulpturen anfertigt. </p>
<p>Modigliani führt ein ausschweifendes Leben, das vom Drogen- und Alkoholkonsum beherrscht wird. Oft empfindet er Schwermut und Zweifel, seine Kräfte schwinden zunehmend. Diese Lebensumstände bilden einen starken Gegensatz zu seinen Werken, besonders zu seiner Malerei ab 1913. Der rastlose Künstler fertigt fast klassische Gemälde an. Er malt hauptsächlich Porträts von Frauen und nur relativ wenige Bildnisse von Männern. Sein Idealbild zeigt die reine, schöne Frau. Die Begegnung mit der englischen Dichterin und Journalistin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Beatrice_Hastings">Beatrice Hastings</a>, die Modigliani 1914 kennen und lieben lernt, verleitet den Künstler dazu, sich bis zu seinem Lebensende fast ausschließlich der Porträtmalerei zu widmen, die er als seine Lebensaufgabe ansieht. Modigliani entwickelt den für ihn typischen Porträtstil, der sich durch verlängerte Gesichter mit meist leeren Augenhöhlen, dünnen Augenbrauen, kleinen Mündern und langen Nasen und Hälsen auszeichnet. Trotz ihrer scheinbaren Gleichheit und Einfachheit haben die Porträts nichts Gewöhnliches und Banales an sich, sondern zeigen intensive Gesichtsausdrücke. Modigliani arbeitet die Individualität der Dargestellten, meist in ihrer Trauer, Benommenheit und schwermütigen Zärtlichkeit, heraus und behauptet gleichzeitig seine künstlerische Eigenart. Sein Ziel ist dabei, die Gegenwart des Dargestellten hervorzurufen. Er malt mit ruhiger Klarheit und folgt dabei dem klassischen und Renaissance-Ideal einer Gestaltung, die aus der aufmerksamen Wiedergabe der Wirklichkeit resultiert. Die oft melancholisch stimmenden Porträts sind sein wichtigstes Sujet.</p>
<p>Nach der Trennung von Beatrice Hastings lernt Modigliani 1917 die Kunststudentin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jeanne_H%C3%A9buterne">Jeanne Hébuterne</a> kennen, die ihn bis zu seinem Tod begleiten wird. In diesem Jahr ermöglicht ihm <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Zborowski">Léopold Zborowski</a> seine erste Einzelausstellung, bei der 32 Werke gezeigt werden. Zu dieser Zeit fertigt Modigliani eine Serie von Aktdarstellungen an. 1918 ist er am Ende seiner physischen Kräfte. Jeanne und er verreisen an die Côte d’Azur, wo er seine wenigen Landschaftsbilder anfertigt. In Nizza wird die gemeinsame Tochter Jeanne geboren. Ein Jahr später ist Hébuterne wieder schwanger. Modigliani unterzeichnet ein Eheversprechen, das er nie einlösen wird. 1919 erkrankt er erneut an Tuberkulose. Am 24. Januar 1920 stirbt er in Paris. Einen Tag später begeht die schwangere Jeanne Selbstmord. </p>
<p>Amedeo Modiglianis Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts liegt darin begründet, dass er sich keiner Kunstströmung zuordnen lässt. Das, was andere Künstler zur Abstraktion und in die Auflösung der Gegenständlichkeit treibt, nimmt er in das Porträt auf. Dazu gehört die Darstellung des Gesichts. Der Einzelgänger verfolgt persönliche Ziele – ein Porträtmaler abseits aller Moden. </p>
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		<title>Der Latin Lover und das schöne Tier</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jan 2010 23:00:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_ava.jpg" height="100" align="left" title="Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (© Ava Gardner Museum)" />Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?«</p>
<p>Der Film »Die barfüßige Gräfin« (1954) beginnt mit einem Begräbnis. Groß im Bild die Marmorstatue einer schönen Frau. Humphrey Bogart steht abseits im regenfeuchten braunen Trenchcoat. Seine Stimme aus dem Off – dann ein Rückblick. Vier Leute aus Hollywood begutachten in einem Madrider Vorort eine junge Tänzerin, die sie engagieren wollen. Regisseur Joseph L. Mankiewicz (1909–1993) zeigt uns zu den Klängen des Flamenco nur die rasenden Zuschauer. Die Tänzerin bleibt verborgen.</p>
<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_ava.jpg" alt="Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (© Ava Gardner Museum)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (mit freundlicher Genehmigung des <a href="http://www.avagardner.org/">Ava Gardner Museums</a>, Smithfield, North Carolina)</dd>
</dl>
<p>Sie tritt aber dann doch auf. Maria Vargas wird gespielt von <em><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Ava_Gardner">Ava Gardner</a></em>. Als ich bemerkte, dass sie, die von mir vergötterte amerikanische Schauspielerin, am 25. Januar vor 20 Jahren gestorben ist, mit 68 Jahren in London, wollte ich unbedingt über sie schreiben. Dann drängte sich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Pawlowitsch_Tschechow">Anton Tschechow</a> hinein, dessen 150. Geburtstag am 29. Januar begangen wird. Ava hätte wunderbar die Nina gespielt, die Hauptfigur des Dramas »Die Möwe«. Nina meint, das Wichtigste beim Schauspielern sei »weder Ruhm, noch Glanz, das nicht, und nicht das, wovon wir träumten, aber: leiden können« (»не слава, не ьлеск, не то, о чём я мечтала, а уменње терпетъ«).</p>
<p>Dann schaute ich mir auf Video »Mi ricordo, sì, io mi ricordo« von Anna Maria Tatò (1996) an, in dem der große Mime <em><a href="http://it.wikipedia.org/wiki/Marcello_Mastroianni">Marcello Mastroianni</a></em> auf sein Leben zurückblickt, schon krank wirkend; er starb bald danach, am 19. Dezember 1996 in Paris, 72 Jahre alt. Da sitzt er im weißen Anzug und mit einem weißen Hut auf dem Kopf in einem Garten in Portugal, spricht einen Monolog aus Tschechows »Onkel Wanja« und sagt: »Vielleicht liebe ich Tschechow so besonders, weil seine Personen, seine Erzählungen, dem Leben ähneln &#8230; diese kleine Welt mit Menschen, die Verlierer sind, voller Enthusiasmus und Illusionen – ›nach Moskau, nach Moskau!‹; doch dahin schaffen sie es nie &#8230; all ihre Bösartigkeiten, ihre Eifersucht, ihre Lächerlichkeit! Tschechow hat seinen Schauspielern immer eingeschärft: ›Vergesst nicht, es sind Komödien!‹«</p>
<p>Marcello Mastroianni und Ava Gardner passen perfekt zusammen, auch wenn sie sich vermutlich nie getroffen haben. Ava Lavinia Gardner kam aus kleinen Verhältnissen (wie Marcello auch), dann wurde sie entdeckt, und mit 24 Jahren war sie ein kleiner Star und hatte schon zwei Ehen hinter sich. Unsterblich wurde sie von 1952 bis 1954 durch drei Filme: »Schnee am Kilimandscharo« mit Gregory Peck als Partner, »Mogambo« mit Clark Gable und »Die barfüßige Gräfin« mit Bogart. Mastroianni ging von der Universität ans Theater und spielte zehn Jahre Tschechow und Shakespeare, bis ihn Federico Fellini 1960 für den Film »La dolce vita« haben wollte.</p>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_marcello.jpg" alt="Marcello Mastroianni, Anfang der 1970er Jahre" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Marcello Mastroianni, Anfang der 1970er Jahre</dd>
</dl>
<p>Mastroianni erinnerte sich: Er habe vor Fellini den Profi mimen wollen. Ob er, Signor Fellini, ihm nicht das Drehbuch zeigen wolle? »Zeigt ihm das Drehbuch!« sagt Fellini. Mastroianni bekommt eine Kladde in die Hand, in der ein Bild steckt: eine obszöne Zeichnung. Ein Mann schwimmt im Meer, und sein Schwanz reicht hinunter bis an den Meeresgrund. Das war Fellini: kein Drehbuch. Marcello kam morgens ans Set, war überraschter Zuschauer: Was soll ich denn sagen? Ach, sag einfach dies und das, und dann gehst du da hinüber, lass dir was einfallen. Fünf große Filme (darunter »Achteinhalb« und »Amarcord«) haben die beiden gedreht, und es war eine Beziehung, schildert Mastroianni, »geprägt von totalem beiderseitigem Misstrauen«.</p>
<p>Ava Gardner hatte als Regisseure Joseph Mankiewicz, bei »Mogambo« John Ford und bei »Bhowani Junction« George Cukor, der über sie einmal sagte (was ihr sehr gefiel): »Ava ist eigentlich ein Herr.« Regisseure und Schauspieler, eine enge Beziehung. Im Film »Die Ballade von Tan Lin« (1972) sollte Ava ein Dutzend Musiker (die sie gern mochte) aus ihrem Haus werfen, und sie sagte: »Ich kann das nicht.« Regisseur Roddy McDowall flehte: »Ava, stell dir einfach vor, es ist fünf Uhr morgens in Madrid, und du willst sie einfach raushaben.« McDowall: »Ava kam – und super! Sie machte es. Sie wollte gut geführt werden. So fand sie den Kontakt, und so gab sie sich.«</p>
<p>Marcello sollte für Fellini Signor Mastorna verkörpern. Man sieht einen Ausschnitt der Dreharbeiten. Der Schauspieler sägt genervt auf einem Cello herum. »Marcello spürte mein Unbehagen«, hört man Fellini sagen, »aber Mastorna war nicht da. Er versteckte sich beharrlich.« Mastroianni macht Pause. Sagt: »Senti un pò, Federì« (»Hör mal, Federì«), und dann, in die Kamera: »Ich spüre dein Vertrauen nicht. Es ist, als hättest du Angst. Wenn du dich überzeugen ließest, dass ich Mastorna bin, hättest du keine Zweifel mehr: Und ich werde Mastorna.« Der Film wurde nie gedreht.</p>
<p>Wie Marcello Mastroianni hatte auch Ava keinerlei Allüren; sie war, wie sie war. Ihre Schönheit verwirrte die Männer und schüchterte auch Frauen ein, ihre Präsenz war unglaublich, aber sie bildete sich nichts darauf ein. Man muss nur sehen, wie provozierend sie auftritt, wie sie sich hinstellt, etwa in »Mogambo« vor die schüchterne Grace Kelly! Die französische Presse nannte Ava »la belle bête«, das schöne Tier, aber ihr bedeutete es nichts. Marcello Mastroianni lachte auch über das Etikett »Latin Lover«, das er nie loswurde. Er hielt nichts von Nachtklubs, hatte wenig Affären und liebte die Städte Paris und Rom (wo seine Wurzeln lagen).</p>
<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_stanislawski.jpg" alt="Tschechows »Die Möwe«, 1898 im Moskauer Künstlertheater" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Tschechows »Die Möwe«, 1898 im Moskauer Künstlertheater. Den Dramatiker Trigorin spielt der große Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863–1938)</dd>
</dl>
<p>Mastroianni fuhr mit der blauen Trambahn vom Bahnhof Roma Termini nach Cinecittà und ging seiner Arbeit nach. Ava Gardner war ins Imperium von Metro Goldwyn Mayer eingebunden, wo Louis B. Mayer wie ein Potentat herrschte. Die Stars wurden mit der Limousine sogar zur Toilette gefahren, aber es war, wie Ava bemerkte, eigentlich ein Gefängnis, eine Galeere. Ava Lavinia Gardner war eine unabhängige und freie Frau, die es sogar verabscheute, Schuhe zu tragen. Sie lebte nach ihren ersten Erfolgen länger in Madrid, umworben von einem Stierkämpfer.</p>
<p>Marcello erinnert sich wie einer, der Abschied nimmt, sitzt in Autos und am Hafen, spricht mit leiser Melancholie und Wärme in der Stimme. Man könnte ihm stundenlang zuhören! Rauchend steht er in einem Boot und sagt: »Fünfzig Zigaretten fünfzig Jahre lang, das macht eine Million Zigaretten! Ungesund.« Nimmt einen tiefen Zug. »Sehr ungesund!« Lacht. Auch Ava rauchte viel und trank ordentlich, gerne Martinis und Gin. 1964, als Marcello auch schon berühmt war, drehte sie »Die Nacht des Leguans« mit Richard Burton unter der Regie von John Huston.</p>
<p>Nach ihren ersten beiden Ehen kamen noch: Artie Shaw, Mickey Rooney und Frank Sinatra, die Liebe ihres Lebens. Doch beide waren höllisch aufeinander eifersüchtig, es war eine explosive und unmögliche Beziehung. Ava suchte einen Mann, der ihre »inneren Werte« lieben würde, auch eher eine Vaterfigur, aber ganz glücklich wurde sie nie. Theodor W. Adorno hat einmal geschrieben: »Frauen von besonderer Schönheit sind zum Unglück verurteilt.« Ava war das Unglück nicht anzumerken. Sie drehte, bis sie 60 Jahre alt war, und dann zog sie nach London, wo sie mit ihren Perserkatzen und ihrer Schwester lebte.</p>
<p>Ava Gardner und Marcello Mastroianni wirkten in mehr als 50 Filmen mit, und beide wussten, dass ein großer Teil davon Schrott war. Marcello bekämpfte das Latin-Lover-Etikett: Spielte etwa einen impotenten Ehemann (den »Bel’Antonio«), einen Homosexuellen und oft Rollen, in denen er älter wirken musste. Er bekräftigte: »Ich mag die Menschen, ich liebe das Leben!« (»Mi piace la gente, io amo la vita!«) Und Ava Gardner schließt ihre Memoiren mit den Worten: »Denn die Wahrheit ist, dass ich ein glückliches Leben geführt habe. Und dass ich mich recht gut amüsiert habe.«</p>
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		<title>Von der erträglichen Schwere, geliebt zu werden, aber nicht selbst zu lieben</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 11:13:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Robert Neiser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/peter-stamm.JPG" width=150 height=100 class=right alt="Peter Stamm (© Stefan Kubli)" title="Peter Stamm (© Stefan Kubli)" />Die »große« Literatur kennt mehrere Konstanten. Eine davon lautet: »Große« Literatur erzählt stets davon, wie (un)glücklich Liebende ihr Leben ihrer Liebe und der Hoffnung auf die Erfüllung dieser Liebe widmen. Mit dieser Konstante bricht Peter Stamm. Alexander, Protagonist und Ich-Erzähler von <em>Sieben Jahre</em>, fühlt sich von zwei gänzlich unterschiedlichen Frauen angezogen, die er beide nicht liebt. Sein Leben als Architekt, Vater, Ehemann, Geliebter wird dabei zur Parabel auf die Konstruktion von Liebe in Zeiten sich auflösender Familien.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die »große« Literatur kennt mehrere Konstanten. Eine davon lautet: »Große« Literatur erzählt stets davon, wie (un)glücklich Liebende ihr Leben ihrer Liebe und der Hoffnung auf die Erfüllung dieser Liebe widmen. Mit dieser Konstante bricht Peter Stamm. Alexander, Protagonist und Ich-Erzähler von <em>Sieben Jahre</em>, fühlt sich von zwei gänzlich unterschiedlichen Frauen angezogen, die er beide nicht liebt. Sein Leben als Architekt, Vater, Ehemann, Geliebter wird dabei zur Parabel auf die Konstruktion von Liebe in Zeiten sich auflösender Familien.</p>
<dl style="width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/peter-stamm.JPG" width=300 height=200 alt="Peter Stamm (Foto: © Stefan Kubli)" title="Peter Stamm (Foto: © Stefan Kubli)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Peter Stamm<br />
(Foto: © Stefan Kubli)</dd>
</dl>
<p>Zu Beginn blickt Alexander durch das Schaufenster einer Kunstgalerie. Was er sieht, ist sein eigenes Leben. Er hat es geschafft: Ein großes Haus, eine gut aussehende Frau, eine wohlerzogene Tochter, die ihre Eltern liebt, und das Architekturbüro steht nach einer bedrückenden Insolvenz auch wieder hervorragend dar. Doch das Glück ist modrig. Die Geschichte vom Zerfall dieses Glücks ist die Erzählung selbst. Nach der erfolgreichen Ausstellungseröffnung bleibt Alexander mit Antje im Wagen sitzen. Er erzählt der besten Freundin seiner Frau, von seinem Leben. Von seinem Leben vor und mit Sonja – und von Iwona, seiner Geliebten.</p>
<p>Alexanders Erzählung setzt im Jahr des Mauerfalls ein. Dieser aber scheint von München aus weit weg. Er gehört, wie auch die übrigen Großereignisse der Folgejahre, zum Alltag aller, ohne je ganz in deren Bewusstsein vorzudringen. Doch gerade der Umstand, dass Politik und Zeitgeschehen stets nur Hintergrund bilden, trägt viel zur Aktualität des Romans bei. Zeitgeschichte heute erscheint als Zeitungsnachricht, es ist Nichts, was Menschen noch auf die Straße treibt. Obgleich Teilhaber dieser Geschichte, spricht der Erzähler vielmehr im Tonfall eines beifälligen Filmkommentars. Als Sonja tatsächlich einmal für das Gedenken an die während des Tian’anmen-Massakers ermordeten Studenten demonstriert, reagiert Alexander schlicht mit Sarkasmus. Als Sonja ihm erzählt, dass sich nach buddhistischem Glauben die Seelen der Getöteten einen neuen Körper suchen, erwidert Alexander bübisch: »Ich hoffe nur, dass deine Seele sich keinen neuen Körper sucht.«</p>
<p>Leidenschaftslos sind auch seine Beziehungen. Sonja ist weniger geliebte Ehefrau als Geschäftspartnerin. Überdies wird Alexander von ihr »erwählt«, er ist vielmehr Dulder. Ähnlich passiv beginnt auch seine Beziehung zu Iwona. Alles andere als attraktiv sitzt sie lesend und trotz der sommerlichen Temperaturen leicht verschnupft im selben Biergarten wie Alexander und seine Studienfreunde. Um sich von den Vorbereitungen auf die Diplomprüfung abzulenken, soll Alexander als Mutprobe mit Iwona flirten. Er tut es mehr widerwillig als charmant, doch wird Iwona von da an fester Bestandteil seines Lebens.</p>
<p>Obwohl inzwischen scheinbar glücklich mit Sonja verheiratet, trifft er Iwona über Jahre hinweg immer wieder. Auch wenn die streng-gläubige Katholikin keinen Sex zulässt, fühlt er sich bei ihr frei von den Zwängen der Gesellschaft. Die Unterwürfigkeit und liebende Ergebenheit Iwonas wirken auf ihn zugleich abstoßend und anziehend. Nur: ein einziges Mal kommt es dann doch zum Geschlechtsverkehr. Iwona wird schwanger und bekommt das Kind, welches sich Sonja seit langem gewünscht hat. Alexander gesteht. Sonja zeigt Verständnis und handelt pragmatisch. Sie adoptiert Sophie, und trotz kleiner Kratzer ist das Familienglück perfekt.</p>
<p>Dass das Alles ein wenig konstruiert erscheint, lässt sich wohlwollend durch den Beruf des Erzählers erklären. Aber man muss es nicht gut finden. Das Leben des Ehepaares ist allzu sehr geplant, auch und gerade im Scheitern. Sonja ist mit einem Übermaß an Vernüftigkeit versehen. Darüber hinaus gewährt der Roman den übrigen Figuren nur wenig Raum für Brüche und Abweichungen in ihren Lebensläufen. Der erfolgreiche Studienfreund Ferdi wird zum erfolgreichen Kollegenfreund und der Individualist Rüdiger weicht bloß noch ein wenig mehr vom Durchschnitt ab. Aber man merkt auch: Peter Stamm hat mehr zu erzählen als die Geschichte vom Scheitern einer bürgerlichen Kleinfamilie aus dem Münchner Architektenmilieu.</p>
<p>Das Neue und Überzeugende an <em>Sieben Jahre</em> hat zu tun mit einem Perspektivwechsel. Nicht der Liebende steht im Zentrum der Erzählung, sondern die Gewalt, die von Iwonas unerfüllter Liebe ausgeht. Wenn Gabriel Garcia-Marquez aus der Sicht Florentino Arizas erzählt, so wählt Peter Stamm Ferminas Perspektive. Alexander wird nicht zermartert von der heroischen Liebe, die allen Hindernisse trotzt und entgegen aller Vergänglichkeit unvergänglich bleibt. Was ihn zerreibt, ist das Sich-nicht-entziehen-können gegenüber Iwonas Liebe.</p>
<p>Auch eine andere große Referenz verheimlicht Peter Stamm nicht. Schon der Titel ist biblisch. Alexander ist Jakob, der für Lea und Rahel je sieben Jahre arbeitet und fortan zwischen zwei Frauen steht. Auch in der Bibel geht es nicht eigentlich um Liebe, sondern um die Gründung einer Familie, eines Stammes, gar eines Volks. Doch die Rollen haben sich verändert: Jakob verlangt es nach Rahel, Alexander sind Leidenschaften völlig fremd. Iwona wartet auf Alexander wie Jakob auf Rahel. Rahel und Sonja sind schön, Lea und Iwona gebärfreudig.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/stamm-cover.jpg" class=right width=184 height=300 alt="Peter Stamm: »Sieben Jahre« (Cover)" title="Peter Stamm: »Sieben Jahre« (Cover)"/>In der Genesis stehen am Ende zwölf Kinder. So fruchtbar geht es bei Stamm nicht zu. Statt eines Volks mit zwölf Stämmen bleibt ein Kind mit zwei Müttern und einem Vater. Es bleibt die moderne Familie – die es am Romanende auch schon nicht mehr geben wird. Zum Schluss steht Alexander auf der Aussichtsplattform des Münchner Flughafens, umgeben von unvollständigen Familien: entweder die Väter oder die Mütter fehlen. Und gerade dort fühlt er sich erlöst: </p>
<blockquote><p>Ich war nicht fröhlich, aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich sehr leicht und wach, als sei ich nach einer langen Bewusstlosigkeit endlich zu mir gekommen.</p></blockquote>
<p>Das Alles wird mit Distanz und Lakonie ganz wunderbar erzählt. Dass sich dabei Erfolg und Scheitern, Zufall und Absichten wie von Zauberhand fügen, irritiert ein wenig, passt aber ins Programm. Die »große« Literatur mag Leidenschaft und Liebe kennen, das Leben trifft viel häufiger auf Alexander, Sonja und Iwona. Dabei erzählt Peter Stamm allem Scheitern zum Trotz eine fesselnde Liebesgeschichte. Und als wäre der Kommentar dazu gleich mitgeliefert, äußert der Erzähler recht früh bereits einen Halbsatz, der auf den gesamten Roman passen könnte: »&#8230; und wenn es nicht so schön gewesen wäre, wäre es mir lächerlich vorgekommen.«</p>
<p><em>Peter Stamm: Sieben Jahre. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 2009. 304 Seiten. ISBN: 978-3-10-075126-3. 18,95 Euro.</em></p>
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		<title>Kerner, Körner – oder Keiner?</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Jan 2010 15:49:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_jkerner.jpg" height="100" align="left" title="Justinus Kerner" />Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Die Scole Group</h5>
<p>Ab März 2008 bereitete ich für das Museum für Kommunikation in Bern die Ausstellung »<a href="http://www.mfk.ch/index.php?id=997&#038;L=0">Goodbye &amp; Hello</a>« über Jenseitskontakte vor. Also las ich Dutzende Bücher und stieß dabei auch auf die »Scole Group«. Robin und Sandra Foy hielten mit Diana und Alan Bennett als Medien in Scole in Norfolk im Keller ab 1993 Séancen ab. Bald kam es zu frappierenden Phänomenen: Objekte tauchten im Raum auf (Apporte), Handschriften zeichneten sich auf Papier ab, Stimmen instruierten und informierten. Die Experimentatoren und ihr Jenseitsteam stellten viele einfallsreiche Versuche an, um greifbare Beweise für das Überleben des Todes zu liefern. »Wenn Geistwesen in solider Form mit uns im Raum waren – oft befanden sie sich nur 10 oder 20 Zentimeter vor uns –, dann musste man nicht medial begabt sein, um die Liebe zu fühlen, die sie mit sich brachten«, schrieb Robin Foy einmal enthusiastisch.</p>
<p>1999 brach der Kontakt nach drüben leider abrupt ab. Gut dargestellt haben das Wirken der Gruppe Grant und Jane Solomon in ihrem Buch »The Scole Experiment« (1999). Foy selbst hat 2008 ein 560-seitiges Buch über die fünf Jahre verfasst.</p>
<p>Unter anderem sollten Filme belichtet werden. Wenn man wirklich einen Beweis haben will, muss dabei jeder Schritt des Experiments protokolliert und kontrolliert werden. Am 26. Juli 1996 brachte ein Teilnehmer, Walter Schnittger, einen selbst gekauften Film mit, ließ ihn nicht aus den Augen – und als er dann entwickelt wurde, zeigte sich in alter Handschrift ein achtzeiliges deutsches Gedicht, dessen Verfasser niemand kannte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_bennett.jpg" width="100%" alt="Das Gedicht" /><br /><font size="-1">Quelle: <a href="http://web.archive.org/web/20041209190759/www.psisci.force9.co.uk/frames/mainfrm.htm">Website von Alan Bennett</a><br />
(inzwischen leider nur noch fragmentarisch im »Internet Archive« zu finden)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Das Gedicht </h5>
<p>Ich habe später Walter und Karin Schnittger im Taunus besucht, und er wiederholte, er habe den Film stets unter Kontrolle gehabt. Eine Manipulation scheine ihm unmöglich. Walter Schnittger war früher Ingenieur und ist ein sehr exakter Mensch. Bei dem Gedicht dachte man zunächst an Friedrich Rückert, verwarf den Gedanken aber wieder. Es wurden auch Professoren konsultiert, doch es braucht nicht viel Phantasie, sich deren Reaktion vorzustellen, wenn man schilderte, wie man zu dem Gedicht gekommen war. Die Zeilen lauten:</p>
<blockquote><p>Ein alter Stamm mit tausend Aesten,<br />
Die Wurzeln in der Ewigkeit,<br />
Neigt sich von Osten hin nach Westen<br />
In mancher Bildung weit und breit.<br />
Kein Baum kann blüthenreicher werden,<br />
Und keine Frucht kann edler sein,<br />
Doch auch das »Dunkelste« auf Erden<br />
Es reift auf seinem Zweig allein.</p></blockquote>
<p>Das ist nicht genial, aber gut. Nun saß ich im Frühsommer 2008 am Computer, gab aus Spaß die Zeile mit dem Wort »blüthenreicher« ein – und, kaum zu glauben, es kam ein Ergebnis! Das war 1998 noch nicht möglich gewesen, denn erst danach waren viele Bücher digitalisiert worden. Plötzlich war das Gedicht da, genau die acht Zeilen, und sie standen in dem Buch »The History of the Supernatural« von William Howitt, erschienen 1863. Darunter war ein Wort vermerkt: Kerner. Ich war überglücklich! Ich hatte den Fall gelöst! Ich war unsterblich! In Teil zwei des Buches gab es noch einen Verweis, diesmal ohne Kerner. Komisch. Jedenfalls schrieb ich das Robin Foy, mit dem ich in Kontakt stand, und auch er meinte: Das war’s.</p>
<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_jkerner.jpg" alt="Justinus Kerner (Quelle: Wikipedia)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Justinus Kerner<br />
(Quelle: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner">Wikipedia</a>)
</dd>
</dl>
<p>Walter und Karin Schnittger machten sich an die Überprüfung, und Zweifel kamen auf. Zwar war William Howitt (1792–1879) in Deutschland gewesen und auch vor 1830 im Weinsberger Pfarrhaus bei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner">Justinus Kerner</a> (1786-1862). Doch Kerner-Experten blieben skeptisch, und unter seinen Gedichten fand es sich nicht. Schade! Der württembergische Arzt Justinus Kerner hatte in Weinsberg praktiziert, dabei Friederike Hauffe kennengelernt, eine hellsichtige Frau, die leider früh starb. Kerners Buch »Die Seherin von Prevorst« wurde 1830 zum Bestseller. Seine Zeitschrift »Magikon« (1840–1853) war die erste parapsychologische Zeitschrift überhaupt.</p>
<p>Vielleicht war es einer aus dem Kerner-Umkreis? Die schwäbische Dichterschule oder »schwäbische Romantik«! Womöglich Eduard Mörike, Fürchtegott Gellert, Wilhelm Hauff, Ludwig Uhland &#8230; oder etwa Christian Friedrich Körner? Es wäre zu schön gewesen, wenn sich Howitt verschrieben hätte: Körner statt Kerner. Karin Schnittger erinnerte sich noch, das Jenseitsteam hätte etwas gesagt, das wie »Keiner« geklungen hätte. Wer denkt da nicht an Homer und die Odyssee, wo der Held den einäugigen Riesen Polyphem blendet und sagt, es sei »Niemand« gewesen; und als die anderen Polyphem fragen, wer ihm das angetan habe, erwidert er: niemand! Humor gibt es auch auf der anderen Seite. Ich ackerte an der Kantonsbibliothek St. Gallen ein Dutzend Bände von Gedichtsammlungen möglicher Autoren durch: nichts.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der »geschätzte vaterländische Dichter«</h5>
<p>Dann fand Walter Schnittger durch beharrliches Suchen etwas Neues. Das Gedicht war abgedruckt in der berühmten sechsbändigen »<a href="http://books.google.de/books?id=HsA5AAAAcAAJ&amp;pg=PA40&amp;dq=%22ein+alter+stamm+mit+taussend%22&amp;lr=&amp;cd=2#v=onepage&amp;q=%22ein%20alter%20stamm%20mit%20taussend%22&amp;f=false">Zauber-Bibliothek</a>« von Georg Conrad Horst (1821).</p>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0 6px 6px; margin:2px 0 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_zauberbib.gif" alt="Titelseite des ersten Bandes der »Zauber-Bibliothek«" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Titelseite des zweiten Teils der »Zauber-Bibliothek« (Quelle: <a href="http://books.google.de/books?id=HsA5AAAAcAAJ&#038;lr=&#038;source=gbs_navlinks_s">Google Books</a>)
</dd>
</dl>
<p>Der Autor schreibt dazu, es sei das, was »ein geschätzter vaterländischer Dichter von der Cultur überhaupt sagt«. Wer galt damals als geschätzter vaterländischer Dichter? Das waren wohl die nationalistischen, freisinnigen Dichter, Hölderlin etwa, doch die Zeilen klingen nicht nach ihm. Wir wussten also, dass das Gedicht vor 1821 entstanden sein musste.</p>
<p>Es geht im Inhalt um die alte Kultur, die gerne mit einem Baum verglichen wurde – das erinnert an alte indische Mythologie und an Romantiker wie Schelling, die Sanskrit lernten und Mythen verglichen. In den Jahren von 1770 bis 1800 widmeten sich Autoren der dunklen Seite des Menschen. Franz Anton Mesmer (1734–1815) praktizierte von 1778 bis 1793 in Paris und wurde mit seinem »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Animalischer_Magnetismus">animalischen Magnetismus</a>« zum Vorläufer der Hypnose und der Parapsychologie überhaupt; Karl Philipp Moritz (1756–1793) gab ab 1783 das »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde« heraus, die erste psychologische Zeitschrift; und Friedrich Schiller hatte mit seinem (unvollendeten) Fortsetzungsroman »Der Geisterseher«, zwischen 1787 und 1789 in der Zeitschrift »Thalia« erschienen, den größten Publikumserfolg seiner Laufbahn.</p>
<p>In dieser Epoche also müssen die acht Zeilen entstanden sein, doch damit sei es genug: <strong>Das Rennen ist eröffnet!</strong></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Das 24. Türchen</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Dec 2009 23:00:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
				<category><![CDATA[AdventsKAlender]]></category>

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		<description><![CDATA[Stephan Schneidewind, zurzeit arbeitslos, über persönliche Leseerlebnisse, Australien und die Kunst zu überleben …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>
<div align=center>»Aber im Grunde genommen, ja, gibt es heutzutage keine vernünftige Kultur mehr«</div>
</h5>
<p>&nbsp;</p>
<div align=center>[Der Audioclip kann auf der Website angehört werden]</div>
<p>&nbsp;</p>
<div align=center>Mehr über den <strong>großen AdventsKAlender 2009</strong> erfahren Sie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2043/">hier …</a></div>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Das 23. Türchen</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Dec 2009 23:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
				<category><![CDATA[AdventsKAlender]]></category>

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		<description><![CDATA[Journalistin Karin Leukefeld über die Studentenproteste, Alexander von Humboldt und die Perspektive der Interkulturalität …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div align=center>[Der Audioclip kann auf der Website angehört werden]</div>
<p>&nbsp;</p>
<div align=center>Mehr über den <strong>großen AdventsKAlender 2009</strong> erfahren Sie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2043/">hier …</a></div>
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		<title>»Ein fucking Event«</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Dec 2009 08:00:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Populärpsychologie spricht man von einer Quarterlife Crisis, wenn junge Menschen zwischen Zwanzig und Dreißig in eine Identitätskrise fallen. Vermutlich lässt sich darüber streiten, ob es sich hierbei um eine ernsthafte oder medial herbei geredete Krise handelt. Allein die Präsenz des Begriffs der Zwanziger-Krise offenbart, dass junge Erwachsene sich heute viel stärker in einem Zustand der Unsicherheit befinden. Der Leistungsdruck ist gestiegen, die Wirtschaftslage unsicher und gleichzeitig wird der Generation »Zwanzig plus« fehlende soziale Intelligenz, mangelnde Aufmerksamkeit und ein zu schnelles Konsumverhalten vorgeworfen. Unsicher und vor allem schnell ist auch Karo Herrmann, die Protagonistin in Sarah Kuttners Debütroman <em>Mängelexemplar</em>. Karo ist 27 Jahre alt und sitzt beim Psychiater. Dieser ist sehr modern, nicht nur auf äußerlicher, sondern auch auf sprachlicher Ebene und begrüßt Karo und den Leser mit dem Spruch »Eine Depression ist ein fucking Event!« ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der Populärpsychologie spricht man von einer Quarterlife Crisis, wenn junge Menschen zwischen Zwanzig und Dreißig in eine Identitätskrise fallen. Vermutlich lässt sich darüber streiten, ob es sich hierbei um eine ernsthafte oder medial herbei geredete Krise handelt. Allein die Präsenz des Begriffs der Zwanziger-Krise offenbart, dass junge Erwachsene sich heute viel stärker in einem Zustand der Unsicherheit befinden. Der Leistungsdruck ist gestiegen, die Wirtschaftslage unsicher und gleichzeitig wird der Generation »Zwanzig plus« fehlende soziale Intelligenz, mangelnde Aufmerksamkeit und ein zu schnelles Konsumverhalten vorgeworfen.</p>
<p>Unsicher und vor allem schnell ist auch Karo Herrmann, die Protagonistin in Sarah Kuttners Debütroman <em>Mängelexemplar</em>. Karo ist 27 Jahre alt und sitzt beim Psychiater. Dieser ist sehr modern, nicht nur auf äußerlicher, sondern auch auf sprachlicher Ebene und begrüßt Karo und den Leser mit dem Spruch »Eine Depression ist ein fucking Event!« Bereits mit diesem Satz ist man in Karos Leben.</p>
<p>Im Schnelldurchgang erzählt Karo, wie es überhaupt dazu kam, dass sie beim Psychiater sitzt. Sie ist eine junge Frau, die sich – obgleich Ende Zwanzig – selber als »Großstadtmädchen« beschreibt. Sie befindet sich in der Sinnkrise, sofern man das mit 27 sein kann. Sie hat ihren Job bei einer Event-Management-Agentur verloren, ihre Beziehung mit dem Studenten Philipp läuft in keine erkennbare Richtung und in ihrer Vergangenheit gibt es einige unverarbeitete Dinge.</p>
<p>Mehr aufgrund der, wegen ihrer Arbeitslosigkeit plötzlich vorhandenen Zeit, als aus gravierender Notwendigkeit, beschließt Karo eine Psychologin aufzusuchen. Der Besuch bei der hippiehaft angehauchten Anette bringt zunächst einige neue Impulse in ihr Leben. So trennt sie sich von Philipp und beginnt sich intensiver mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist der Beginn ihrer Therapie auch der Beginn einer tiefen Traurigkeit, die schließlich in eine Depression mündet.</p>
<p>Den Weg aus ihrer Traurigkeit und ihren Ängsten beschreibt Karo mit viel Charme, Witz, Geschwindigkeit und vor allem Zeitgeist. »Ich bin anstrengend«, sagt sie zu Beginn des Buches gleich mehrere Male und als Leser kann man ihr da nur zustimmen. Karos Sprache ist sehr zeitgemäß, das kann manchmal lustig sein, manchmal geht es aber einfach daneben:</p>
<blockquote><p>You can get it if you really want. Ich wante vermutlich nicht genug. Auf der anderen Seite wante ich zumindest genug um ordentlich unzufrieden zu sein und nicht zu getten.</p></blockquote>
<p>Und einiges liest sich grammatikalisch so unkorrekt, dass man sich fragt, ob dies tatsächlich die Sprache einer Generation ist (»Vor allem Verdrängung hat total ihre Berechtigung«). Dennoch muss man Sarah Kuttner zugestehen, dass sie ihre Hauptperson ernst nimmt. Bei vielen jungen Autoren ist es modern, ihre Figuren an einem Überdruss an der Welt, gepaart mit Nihilismus, leiden zu lassen. Thomas Klupp lässt in seinem Debütroman <em>Paradiso</em> den Protagonisten seitenlange Hasstiraden auf seine Mitmenschen entfalten und auch Benjamin von Stuckrad- Barres Erzähler in <em>Soloalbum</em> nahm vor über zehn Jahren seine Umwelt mit viel Ironie und Bosheit auseinander.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund liest es sich sehr angenehm und als eine wohltuende Abwechslung, wenn sich Sarah Kuttners Erzählerin als »Fanclubleiterin des kategorischen Imperativs« bezeichnet. Karo Herrmann hasst relativ wenig, am ehesten noch ihre Ängste und die Ursachen sucht sie nicht in ihrer Umwelt, sondern in sich selbst. Sie mag eine Drama- Queen sein, die Tiefe ihrer Angst wird dennoch nachvollziehbar geschildert. Und auch wenn Karos Charakter an einigen Stellen überzeichnet wirken mag, so ist er doch glaubwürdig. Gerade durch das schnelle Erzähltempo des Buches ist es möglich, dicht an Karo dranzubleiben und sich mit ihr zu identifizieren. Schwieriger ist es mit den Nebenfiguren, die gegenüber der Hauptfigur blass bleiben.</p>
<p>Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass in einer Ich-Erzählung der Fokus auf der erzählenden Person ruht, dennoch kommen einem Zweifel, wenn geschildert wird, dass die Ehefrau von Karos bestem Freund Nelson die beiden in einem Bett schlafen lässt, während sie selbst im Gästezimmer nächtigt. Auch die Tatsache, dass, von den Ärzten und Therapeuten einmal abgesehen, jede Figur einem der viel zitierten »irgendwas mit Medien«-Berufe nachgeht, ist zwar realistisch, lässt Karos Kosmos aber sehr klein erscheinen. Hin und wieder drängt sich bei der Beschreibung der Gespräche, der Partys und der Berufsbilder der Verdacht auf, dass es in dieser oberflächlichen Welt nicht so fern liegt, wenn sich irgendwann die Sinnsuche einstellt.</p>
<p>Karo verfügt über Intelligenz und auch Tiefsinn, schade ist nur, dass sie aufgrund ihrer Ungeduld, Flexibilität und Schnelligkeit dennoch immer auf der Oberfläche zu verharren scheint. Schade ist auch, dass die Lösungen, die Sarah Kuttner zunächst für ihre Figur bereithält zum Großteil oberflächlicher Natur sind: Karo bekommt Antidepressiva verschrieben, sie erhält einen neuen Job in ihrer alten Agentur und auch eine neue Liebe mit einem alten Kollegen hält das Leben für sie bereit.</p>
<p>Gerade diese Liebesbeziehung beschreibt Sarah Kuttner durchaus anrührend und auch wenn sie manchmal haarscharf am Poesiealbum- Kitsch vorbeischrappt, überschreitet sie nie die Grenze zur Peinlichkeit. Nur erscheint dies als Schlüssel reichlich einfach und leider auch nicht sehr emanzipiert.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/12/kuttner_maengelexemplar.jpg" alt="Sarah Kuttner: »Mängelexemplar« (Cover)" title="Sarah Kuttner: »Mängelexemplar« (Cover)" width="183" height="300" class=right />Dass diese Lösungen dann letztendlich doch keine endgültigen sind, ist eine der Stärken des Buches. Nachdem Karo ihre Medikamente abgesetzt hat, kommen in ihre Ängste zurück. Dies führt sie in die Praxis des Psychiaters und damit an den Anfang des Buches. Dieser Bogen wurde von der Autorin geschickt gespannt. Auch ist es ironischerweise tröstend, dass hier nicht so getan wird, als ließen sich starke Depressionen lediglich mit ein paar Küssen und albernen Medienprojekten beheben. Allerdings ist der Ratschlag des Psychiaters, dass Karo »mit Denken« aufhören sollte wieder ein oberflächlicher, der hier aber zu dem gewünschten Erfolg führt. Der Text zeigt die Generation von Karo Herrmann sehr gut: jung, gebildet, gut aussehend, witzig, ungeduldig und eben auch ein wenig oberflächlich oder zumindest an schnellen Lösungen interessiert.</p>
<p>Möglich, dass für diese Generation auch die angebotenen Lösungen vorteilhaft sind. Möglich auch, dass von einer so hektischen jungen Frau wie Karo gar nicht verlangt werden kann, dass sie für sich selbst eine andere Lösung findet. Dennoch wirkt Karo am Ende des Buches nicht, als sei sie großartig weiter gekommen. In den meisten Bereichen scheint sie auf dem Niveau zu sein, auf dem sie sich befand, bevor der Roman begonnen hat. Vielleicht ist sie beruflich in einer weniger sicheren Position, vielleicht ist sie privat ein wenig glücklicher. Dennoch hätte man gewünscht, dass Karo ihr geistiges Reservoir mehr ausschöpfen würde, dass sie nicht nur um sich selbst kreisen, sondern vielleicht auch einmal darüber nachdenken würde, dass die Ursache für ihre Krise auch in ihrer Umwelt zu finden sein kann.</p>
<p><em><strong>Sarah Kuttner: <a href="http://www.fischerverlage.de/buch/9783100422057">Mängelexemplar</a>.</strong> Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2009. 272 Seiten. ISBN: 978-3-10-042205-7. 14,95 Euro.</em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Rahmen einer Übung des Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn. Mehr erfahren sie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2152/">hier &#8230;</a></font></p>
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		<title>Das 22. Türchen</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Dec 2009 23:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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		<pubDate>Sun, 20 Dec 2009 23:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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		<title>Das 20. Türchen</title>
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		<pubDate>Sat, 19 Dec 2009 23:00:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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		<title>Das 19. Türchen</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Dec 2009 23:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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