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Reine Geschmackssache

Ein Jahresrückblick unserer Redakteurin Ines Böckelmann

»Bon voyage das Leben ist ne Reise. Spring einfach auf und es zieht seine Kreise. [...] Wie verrückt das Ziel ist die Suche und wenn man was findet ist es das Glück.«
(Freakatronic, »Bon Voyage«, aus dem Album »Error«, 2010)

Ich habe dieses Jahr nicht bewusst nach neuen künstlerischen Einflüssen gesucht, sondern mich berieseln lassen und dadurch ganz ungezwungen zu Dingen gefunden, die ich vielleicht gar nicht vorhatte zu finden. Man hat ja immer Vorstellungen von dem was zu einem passt, da macht man bei der Kunst keine Ausnahme. Sie kleidet einen ebenso wie die Kleidung, die man tagtäglich am Körper trägt.


Leben im Ausnahmezustand

Giorgio Agamben zeigt, dass es Zeit ist vom »Weltbürgerkrieg« zu sprechen

Dass die Themen Bürgerkrieg und Terrorismus nicht zu trennen sind, legte der italienische Philosoph Giorgio Agamben bereits kurz nach dem 11. September 2001 in zwei Vorträgen an der Universität von Princeton nahe. Nun sind seine Ausführungen in deutscher Übersetzung im Band Stasis. Der Bürgerkrieg als politisches Paradigma erschienen. Sie zeigen den italienischen Philosophen nicht nur als brillanten Essayisten, sondern auch als wichtigen Denker der Gegenwart.


»Das Wort Krise ist nicht Ausdruck eines scheiternden Europas«

Bonner Nachwuchswissenschaftler wollen zeigen, wie sich Europa auch anders erzählen lässt

Europa steht nicht nur für Krieg und Krise, sondern auch für die versöhnliche Lösung von Konflikten in schwierigen Zeiten. Dass das nicht immer einfach ist, zeigt sich gerade dann, wenn über Grenzen – auch in den Köpfen – diskutiert wird. In einer Tagung an der Universität Bonn im Juni soll dies anhand von emotionalen Narrativen, die das Verhältnis von Freund- und Feindschaft exemplarisch verhandeln, und mit Blick auf die europäische Kulturgeschichte diskutiert werden. Im Interview erläutern die fünf Organisatoren nicht nur, weshalb diese Herangehensweise aktuell besonders interessant ist, sondern geben auch einen Eindruck davon, was sie dazu motiviert hat sich Europa auf diese Weise zu nähern.


»Freundschaft, Künstlerfreundschaft! dachte ich, mein Gott, was für ein Wahnsinn!«

(Geistes-)Freundschaft unter Männern in Thomas Bernhards Der Untergeher

Der erste Satz – nach dem auf den Freitod eines der Protagonisten Bezug nehmenden Motto – in Thomas Bernhards Künstlerroman Der Untergeher lautet: »Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur einundfünfzig geworden […]« (U, 7). Die zentralen Themen des Romans – wie auch dieses Beitrags – sind darin bereits angesprochen: Freundschaft, Künstlertum und (früher) Tod. Die Spezifik der »Dreiecksgeschichte zwischen dem genialen Klaviervirtuosen Glenn Gould, dem gescheiterten Untergeher Wertheimer und dem sich selbstbehauptenden Ich-Erzähler« liegt zum einen im (erreichten/angestrebten/aufgegebenen) Künstler- bzw. Virtuosentum der Freunde, zum anderen in der von klassischen, dyadisch strukturierten Freundschaftskonzepten abweichenden triadischen bzw. triangularen Konstellation. Dieser diskursiven Konstellation möchte der Beitrag nachgehen und die in den frühen 1980er Jahren beobachtbare Konjunktur von Männerfreundschaften als Gegenständen der Literatur und der Philosophie genauer beleuchten sowie das konzeptionelle Spezifikum dieser Freundschaften, ihre Situierung in Selbstsorgeprogrammen, herausarbeiten.


Wie wir wurden, was wir sind

Mit Spurensuche eines Kriegskindes reist Hartmut Radebold nicht nur in seine eigene Vergangenheit

Wie verändert die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs die Psyche eines Kindes und welche Folgen hat das Erleben von Krieg und Flucht im hohen Alter? Fragen wie diese scheinen ferner denn je, wenn man die aktuelle Weltlage betrachtet. Losgelöst von den Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird aber deutlich, dass ihre Aktualität nicht von der Hand zu weisen ist. Auch deshalb ist Hartmut Radebold mit seiner Biographie ein lesenswertes Buch gelungen.


Auf der Nachtseite der Wissenschaft

Ernst Peter Fischer erkundet die Dunkelheit und verirrt sich

Ernst Peter Fischer, mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftshistoriker und -publizist, schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie den Focus und ist darüber hinaus Autor zahlreicher Bücher wie Die andere Bildung (2001) und Die Verzauberung der Welt (2014). In seinem neuesten Werk Durch die Nacht. Eine Naturgeschichte der Dunkelheit behandelt er in gewohnt populärwissenschaftlicher Manier die seit jeher faszinierende düstere Seite des Lebens – streckenweise informativ und unterhaltsam, insgesamt aber leider nicht überzeugend.


Mehr als Familienkonflikte

In dem Film Die Fremde beleuchtet Feodora Aladag Probleme der Deutsch-Türken

Junge Deutsch-Türken, in der 3. oder 4. Generation haben es nicht leicht. Es scheint fast so, als ob sich die innere Zerrissenheit der Betroffenen immer weiterzuspitzt. Aber warum? Die Familien leben meist in ihren eigenen (patriarchalisch-orientalischen) Universen. Draußen vor der Tür beginnt für die Kinder der Gastarbeiterkinder der Krieg um Almanya - Deutschland.


Der türkische Antichrist

Wenn Männer Männer und Frauen Frauen lieben – und dabei Türken sind

»Alter, seh‘ ich aus wie ‘ne Schwuchtel oder was?!« Nein, natürlich nicht. Eine Schwuchtel hat eine bestimmte Körperhaltung, einen charakteristischen Haarschnitt und eine einprägende Stimmlage. Du hingegen hast volles, dunkles Haar, einen männlichen Körper und ständig umherwandernde Augen, die zu deiner aggressiven Körpersprache passen – du bist definitiv keine Schwuchtel.

Man will es vielleicht nicht glauben, aber gerade in türkischen Kulturkreisen ist das Thema Homosexualität mit einem gesellschaftlichen Tabu verbunden. Das liegt nicht zuletzt an der fehlenden Aufklärung; deshalb wird aus einem aus der Luft gegriffenen Stereotypen schnell eine Beleidigung kreiert. Fragen Sie doch mal einen Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund, was genau eigentlich eine Schwuchtel ist. Sie werden erstaunt sein über die Definition, die man Ihnen liefert.

Doch eine wichtige Frage, die mit dem Feststellen dieses Faktums einhergeht, ist folgende: Wie sieht es eigentlich mit dem Anteil an türkischen Homosexuellen in Deutschland aus?


Eine Suche nach dem Fundament des Umweltgedankens

Die Entdeckung der Nachhaltigkeit von Ulrich Grober

In der Antrittsrede des US-Präsidenten Barack Obama ist »nachhaltig« ein wichtiges Wort – doch es steht ebenso in verschiedenen Werbetexten. Gegen die drohende Beliebigkeit zeigt Ulrich Grober mit sehr umfangreichem und tiefgründigem Überblick vielschichtige Hintergründe und Wurzeln des Begriffes, der für ihn zum »Weltkulturerbe« gehört.


Gewinne, Verluste und Hoffnungen

Ein Jahresrückblick des K.A.-Chefredakteurs Benedikt Viertelhaus

Reunions sind seit spätestens den 90-er Jahren an der Tagesordnung und bei vielen Bands wäre es wohl ehrlicher gewesen zu sagen, wir machen dann halt mal ne Pause und schauen, ob wir später mal wieder etwas zusammenmachen. Endgültig dagegen klang die Trennung der britischen Band DODGY. Die Band mit dem oft fröhlich druckvollen Britpop, mal mit melancholisch bedächtigen Liedern, die zu einer Zeit begannen zu musizieren, als der Begriff bestenfalls schwammig vorformuliert war, kam nie recht auf dem Kontinent an. Kein Wunder also, daß dieses Comeback hier als keines wahrgenommen wurde. 1993 erschien mit The Dodgy Album das Debut, 1996, als die damalige Britpopwelle gerade nur abebbten konnte, mit Free Peace Sweet das letzte Album in Urbesetzung. Die Trennung von Sänger Nigel Clark, der eine Solokariere startete, führte zu einer Umbesetzung, die eine logische musikalische Umorientierung brachte, mehr Blues, weniger Melodie. Daß sie in der Urbesetzung noch einmal spielen würden, war daher unwahrscheinlicher als bei all den sonstigen Reunions.


 

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