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Das Handwerk des Schreibens

Manfred Poser rezensiert heute nicht Romane, sondern seziert Sätze aus solchen

Der italienische Lyriker Cesare Pavese (1908–1950) führte ein Tagebuch, und seine Aufzeichnungen erschienen 1952 unter dem Titel »Il mestiere di vivere«, »Das Handwerk des Lebens«. Ich war sicher, es hätte »Il mestiere di scrivere« geheißen, denn es ist zu schön, dass im Italienischen leben und schreiben so eng zusammengehören. Giovanna sagte mir schon vor zehn Jahren, ich dürfe Paveses Werke erst nach der Lektüre des Tagebuchs lesen; ich wollte mich daran halten, aber dann war ich doch zu neugierig. Paveses letzte Eintragung datiert auf Ende August 1950, kurz vor seinem Selbstmord; sie lautet: »Ich werde nicht mehr schreiben.« Damit behielt er Recht ...


Wollust der Sprache

Manfred Poser findet, dass die erotische Komponente in der Literaturkritik zu kurz kommt, und plädiert für die Entkleidung von Texten

Hotelzimmer in Temeschwar, Herbst 2008 (Foto: Manfred Poser)Zwischendurch und vier Wochen vor der Frankfurter Buchmesse darf wieder einmal daran erinnert werden, dass Literatur aus Sprache besteht. Der Linguist Paul de Man hat 1979 in seinem Buch »Allegories of Reading« geschrieben, es sei verwunderlich, dass Rezensenten stets historische und psychologische Argumente bemühten und sich davor drückten, auf die Sprache eines Textes einzugehen. In den meisten Rezensionen ist zu lesen, worin es in einem Buch geht und was es über den Autor zu sagen gibt. Doch das Einzige, was man gesichert behaupten kann, ist, dass ein literarischer Text ein Sprachwerk ist und aus Worten und sie verbindenden Konstruktionen besteht ...


Im Garten der Finzi-Contini

Manfred Poser stellt anlässlich eines Gedenktags einen der schönsten italienischen Romane vor

Der mir liebste italienische Roman des vergangenen Jahrhunderts ist »Il giardino dei Finzi-Contini« (»Der Garten der Finzi-Contini«) von Giorgio Bassani. Über dieses Buch nun zu sprechen, passt zu einem Jahrestag, der vor der Tür steht: dem Ausbruch (oder der Anzettelung) des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren.

Statue vor einer Palladio-Villa bei Vicenza. (Foto: Manfred Poser)
Statue vor einer Palladio-Villa bei Vicenza. (Foto: Manfred Poser)

Zehn Jahre davor, im Juni 1929, trifft der Ich-Erzähler, der gerade ein gescheitertes Schulexamen betrauert, am Stadtwall von Ferrara die junge Micòl Finzi-Contini ...


Weltenreisende

Manfred Poser verschlägt es wieder einmal in ungeahnte Dimensionen – und fast die Sprache

Zeppelin über St. Gallen. (Foto: Manfred Poser)

»Das Daimonji-Fest am 16. August ist das heilige Bon-Feuer für die abgeschiedenen Seelen. Dass man auf den umliegenden Bergen Feuer entzündet, soll auf die Sitte zurückgehen, nachts brennende Fackeln emporzuwerfen, um die durch die Luft in das Totenreich zurückkehrenden Seelen zu verabschieden. Das Feuer auf dem Nyoi-Gipfel des Higashiyama bildet das Schriftzeichen für das Wort ›groß‹ nach und wird deshalb ›Schriftzeichen groß‹ genannt. Doch werden die heiligen Feuer auf fünf Bergen entfacht.«

Diese Zeilen schrieb Yasunari Kawabata, 1968 erster japanischer Nobelpreisträger für Literatur, in seiner Erzählung »Kyoto oder die Liebenden in der Kaiserstadt« ...


Nachdenken über die Schweiz

Manfred Poser dankt seinem – nach Italien – zweiten Asylland, dem kleinen gebirgigen Nachbarn, und gratuliert zum Jubiläum

Die Schweizer begehen am 1. August ihren Nationalfeiertag. Im Jahr 1291 sollen an jenem Tag Abgeordnete der Regionen Uri, Schwyz und Unterwalden (die späteren »Urkantone«) auf dem Berg Rütli den gleichnamigen Schwur getan haben, sich gegen ihre habsburgischen Unterdrücker zur Wehr zu setzen und ein »einig Volk von Brüdern« zu sein. Die Initialzündung hierzu war der Mord am Vogt Gessler durch Wilhelm Tell (die Namen aus Schillers Stück). Der Beamte hiess vermutlich (Max Frisch, »Wilhelm Tell für die Schule«, 1970) Konrad von Tillendorf, sein Attentäter »Tillentöter« oder »Tillen-Willi« ... was an »Kill Bill« denken lässt und Quentin Tarantino ein neues Sujet liefern könnte ...


Kanonen unterwegs

Manfred Poser schreibt über die »Tour der Leiden« und kann als Stars unter anderem wieder Heidegger und Adorno aufbieten

Der Autor als Schweizer Rennfahrer (Foto: François Cauderay)Der Juli ist der Monat der Tour de France. Die Karawane ist in Bewegung, und unterwegs sind, wie man lesen kann, die »Kanonen des Straßenrennsports«. Ein begleitender Kraftfahrer sagt: »Wieder mal ‘n Monat, wo’s wirklich ein Kunststück ist, keinen totzufahren.« Von dem Spitzenfahrer Laboureur behauptet man: »Radsport ist ihm eine Religion.« Er selber bestätigt dies mit einer herben Aussage: »Wenn ich eines Tages nicht mehr radfahren kann, soll man mich ruhig einscharren, es ist Zeit!« So reden Soldaten, und Brecht reimte: »Soldaten wohnen / auf den Kanonen« ...


Sky Blue

Manfred Poser lässt sich zu einer Hymne auf den Sommer hinreißen und entblößt sich sogar (wirklich?)

Pool in Kiskunhalas, Südwestungarn, September 2008 (Foto: Manfred Poser)Wir müssen auch einmal den Sommer preisen, dann bleibt er vielleicht länger. An die Hitze zu denken, macht mich aber immer etwas melancholisch, denn dann sehe ich mich wieder nach 123 Stufen die schwere Haustür mit den sieben Bolzen aufschließen und meine frühere römische Wohnung betreten. Es war die ganze fünfte Etage, unter dem Flachdach und ohne Klimaanlage, und wie in den Tropen stand mir der Schweiß in Tropfen auf der Stirn, wenn ich in meiner Ecke vor dem Computer saß; und er rann langsam hinab, der Schwerkraft folgend, und sammelte sich in den Bauchfalten ...


Die zehnte Muse

Manfred Poser erinnert an die Wurzeln und stellt die altgriechische Lyrikerin Sappho vor

Hesiod nannte als erster die Namen der neun Musen, allesamt Töchter des Zeus: Euterpe, Erato, Kalliope, Clio, Melpomene, Polyhymnia, Terpsichore, Thalia und Urania. Der Philosoph Platon ergänzte die Gruppe um einen Namen. Die zehnte Muse, das sei die »schöne Sappho«, die 200 Jahre vor ihm Lyrik verfasst hatte. Viel später lässt der römische Dichter Horaz (65–8 v. Chr.) die Toten in der Unterwelt in andächtigem Schweigen den Liedern Sapphos lauschen. Die »geradezu erschütternde Schlichtheit« (Max Treu) ihrer Gedichte wurde von allen bewundert ...


Geburt statt Tod

Manfred Poser hat Philosophinnen gelesen und ist heute mal als Feminist unterwegs

Bei einer Veranstaltung von Radfahrern traf ich Natalie aus den Pyrenäen, die mir bei einer Zigarette vor dem Veranstaltungssaal anlässlich meiner Jenseitsforschung sagte, für sie gebe es nur ein »Davor«, nie ein Danach. Das gab mir zu denken, denn kurz davor hatte ich bei der italienischen Philosophin Adriana Cavarero (»Platons Töchter« – »Nonostante Platone«, 1990) gelesen, das Patriarchat habe die Große Mutter gemeuchelt und als sein Thema den Tod ausgerufen, wogegen Frauen die Geburt betonten. Sie schreibt: »Die Männer, die von dem Geheimnis ausgeschlossen sind, Leben hervorzubringen, da dies ausschließlich der weiblichen Erfahrung zugehört, finden im Tod einen Ort, der, da er das Leben nimmt, als mächtiger angesehen wird als dieses selbst.«


Das Goldene Leben

Manfred Poser sucht wie alle den ›unbewussten Kern seines Selbst‹ – aber zu teuer sollte es auch nicht sein

Im Sommer vor 40 Jahren ist Theodor W. Adorno in der Schweiz gestorben, und geboren wurde im selben Jahr der »Frankfurter Ring«, ein »Magazin für Körper, Geist & Seele«. Der Okkultismus war für Adorno die »Metaphysik der dummen Kerle«, und »Okkultisten« war sein Begriff für Astrologen, Spiritisten und Geistergläubige. Diese Leute sähen das Sein mit Geist infiziert, aber – da sei kein Geist. Vielleicht muss man hier wörtlich zitieren: »Indem sie [die ›Okkulten‹] bestimmtes Sein als Geist ausgeben, unterwerfen sie den vergegenständlichten Geist der Daseinsprobe, und sie muss negativ ausfallen. Kein Geist ist da.«


 

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