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Großes Finale

Manfred Poser über die Schwierigkeit, für einen Roman, einen Song oder ein Leben einen guten Schluss zu komponieren

Auf Giovannas Rat hin las ich den italienischen Roman »La solitudine dei numeri primi« von Paolo Giordano, deutsch: »Die Einsamkeit der Primzahlen« (erscheint im August dieses Jahres). Der Autor dieses Bestsellers ist 30 Jahre alt. Die ersten beiden Kapitel sind großartig. Ich blieb dran, war dem Buch über zwei Drittel gewogen, doch dann schlichen sich weniger überzeugende Motive ein, und das Ende schien mir nach Holzfällerart: nicht schlecht, aber nach dem Vorangegangenen psychologisch nicht schlüssig. Bücher sind heute streng aufgebaut (wie Mathematik), und manch ein Autor fällt dann seinen Prämissen zum Opfer und kann sich nicht mehr vom vorher konzipierten Schluss lösen ...


Methodenzwänge

Manfred Poser ärgert sich wieder einmal über schlampige und selbstherrliche Wissenschaftler – aber er weiß: Der Wahnsinn hat Methode

Man kommt auf die Welt und wird in ihr erst einmal tüchtig herumgeschubst. Vieles wird einem zugemutet, und das meiste muss man akzeptieren, weil es so übermächtig ist und man selbst so klein. Manche begehren schon früh auf; andere schleppen sich duckmäuserisch dahin und bleiben so, wieder andere erleben spät ihr »Outing«, wenn die Eltern weit weg sind und die Bahnen frei. Vielleicht ist es einem in die Wiege gelegt, ob man »Revoluzzer« wird, wie das vor 30 Jahren hieß, oder ein Konservativer bleibt. Oder man wird konservativer Revolutionär ...


Erlöse uns

Manfred Poser gibt zum Karfreitag den Ketzer – und meint, Erlöser könne es gar nicht genug geben

Die Leiden der Erlöser. Heiligenfiguren in Gleisdorf (Steiermark). (Foto: © Manfred Poser) Wieder einmal entfällt der Ausreißversuch auf einen Karfreitag. Das Leiden des Herrn! Die Dreifaltigkeit entspricht dem Dreiklang Körper, Geist und Seele, und Jesus Christus wäre der Körper, denn Gott ist Fleisch geworden. Christus nahm für die Sünden der Menschen den Tod auf sich und erlebte die Auferstehung am dritten Tage. Für meine Recherchen hatte mir The Psychic Stream von Arthur James Findlay (1939) ausgeliehen und musste einen Koloss von 1.160 Seiten nach Hause tragen. Dicker als Der Turm! Aber viel spannender. Ich bin immerhin bis Seite 310 vorgedrungen, während Freund Helmut gestand, beim Turm nur bis Seite 40 gekommen zu sein. Findlay (1883–1964) war Spiritualist, und auf den britischen Inseln ist der Spiritualismus als Kirche anerkannt. Er, der ein Hineinwirken des Jenseits in unserer Welt und den Kontakt zu Geistern zum Fundament hat, betrachtet sich als Konkurrent des Katholizismus.


Anna Maier sagt nein

Manfred Poser tritt 40 Jahre nach Woodstock für Love und Peace ein

Anna Maier hat Courage. Die »attraktive Fernsehlady« (so die Gratispostille »20 Minuten«) hielt die Sendung »Die 10« über die erotischsten Frauen der Schweiz für schlecht. Inhaltliche Änderungen kamen für den Sender 3+ nicht in Frage, also lehnte sie es wegen »Unzumutbarkeit« ab, die Sendung zu präsentieren. Die 10 erotischen Frauen würden »auf primitive Weise ins Lächerliche gezogen«. Sie sei »eine Moderatorin und keine Sprechpuppe« und müsse hinter dem Inhalt einer Sendung stehen können. Es wird sich wohl eine Sprechpuppe finden. Bravo, Anna!


Andere Welten

Manfred Poser nähert sich lange nach »Raumschiff Orion« der Science Fiction. Alarmstufe Rot!

Ein Elektroboot, 1893 auf einem See im Jenseits dahingleitend, brachte mich auf die Science Fiction. Es gibt eingefleischte SF-Fans wie (im Netz) den US-Philosophen Steve Shaviro und meinen Freund Marco Pierfranceschi – und die anderen, die partout nichts damit anfangen können. Ich gehörte immer zu letzteren, doch Giovanna meint, SF unterscheide sich kaum von Werken über alte Griechen und Ägypter, es gehe nur ums Jetzt. Ihr zuliebe und mit ihr habe ich alle einschlägigen Filme der vergangenen Jahre gesehen: die Folgen von »Matrix« und »X-Men«, »Das fünfte Element«, alle »Alien«-Filme, aber auch viel Zweitklassiges ...


Diamantleben

Manfred Poser liebt den Pop der achtziger Jahre und die ersten Sekunden mancher Songs

Coast to coast, L. A. to Chicago ... Vor 25 Jahren wurde das Album Diamond Life von Sade veröffentlicht, viele Leser der K.A. waren da womöglich noch gar nicht auf der Welt. Aber die achtziger Jahre sind nicht vergessen und vorerst das letzte Jahrzehnt, dessen populäre Musik man annähernd beschreiben kann; die Adjektive wären: ästhetisch, atmosphärisch, durchgestylt, überproduziert, zurückgenommen, retro, überfeinert, manieriert ...


Aschenputtel auf Jenseitstrip

Manfred Poser liest Grimms Märchen neu und erkennt, dass es überall nur um Liebe und Tod geht

Es war einmal eine Stadt, wie es seither mächtiger keine mehr gegeben hat. Dort, im Rom der Antike, begann regelmäßig just am 13. Februar aus Anlass des Festes Lupercalia eine eigenartige Zeremonie: Zwei Gruppen junger Männer liefen um den Palatin und schlugen dabei mit Peitschenriemen, die aus Ziegenhäuten gefertigt waren, auf Matronen ein, um sie fruchtbar zu machen. Das wiederholte sich täglich bis zum 21. Februar. Der italienische Ethnologe Carlo Ginzburg findet in seinem Buch »Hexensabbat« (1990) daran bedeutsam, dass genau an jenen Tagen dem römischen Kalender zufolge angeblich die Toten umgingen ...


Die Zauberer

Manfred Poser schwingt den Zauberstab und beschwört Paracelsus und Harry Potter herauf

So vieles geschieht. So vieles ist geschehen. »Und alles geschah«, sagte weltweise, fasziniert und entsetzt zugleich Anfang Januar die SZ-Reporterin, »im Zeichen des neoliberalen Glaubens an die problemlösende Macht des Marktes ...« Und Peter Sloterdijk packte seinen Zauberstab aus: »In Wahrheit im Namen eines magischen Weltbilds. Der eigentliche Held des Neoliberalismus ist Harry Potter.« Die Interviewerin mimte Verblüffung: »Wie bitte das?« Sloterdijk: »Weil die Potter-Romane die Fibel einer Welt ohne Realitätsgrenze darstellen. Sie überredeten eine ganze Generation, den Zauberer in sich zu entdecken.«


Alea iacta est oder Mal schauen, was passiert

Manfred Poser zollt dem Einfall Beifall, bei einem kreativen Anfall den Zufall zuzulassen

Vergangenen November brachte ich Fritz Schütte in Berlin zum Geburtstag das Buch »Blow up« von Tom Kummer mit. Dieser Berner Journalist wurde im Jahr 2000 bekannt, berühmt und berüchtigt, weil herauskam, dass er Interviews mit US-Stars getürkt und damit das »SZ-Magazin« an der Nase herumgeführt hatte. Tom erzählt in seinem Buch, wenn er nicht gewusst habe, was seine (fiktiven, wenngleich lebenden) Interviewpartner (etwa Bruce Willis und Donatella Trump) ihm sagen wollten, habe er aufs Geratewohl ein Buch aus dem Regal gezogen, es an die Wand geknallt und sich dann Material aus den Seiten geholt, die sich beim Niederfallen geöffnet hätten ...


Lichtblick

Passend zur Jahreszeit gibt sich Manfred Poser heute spirituell inspiriert

An Weihnachten muss es funkeln. Freitag ist für mich immer ein besonderer Tag. Nicht nur wegen des »Ausreißversuchs«, sondern auch wegen des »Mystery«-Abends auf Kabel eins (der heute aber ausfällt). »Ghost Whisperer« (20.15) und »Medium« (21.15) sind Serien-Episoden, zerhackt in sechs oder sieben Teile, die dann in regelmäßigen Abständen in das stupide Werbe-Repetierfeuer des Senders platzen ...


 

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