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Die Kluft zwischen Leben und Werk, zwischen Ethik und Ästhetik

Zerwürfnisse mit Rilke: von Torf-Romantik bis Rodin

Weißer Stoff, grünes Licht, geschwungene Armlehnen und Couchtische – ein bisschen führt der Raum die Ästhetik des Einbandes von Konzert ohne Dichter fort. Auch funktioniert er in seinem Status quo noch als ‚Lesung ohne Romancier‘.


»Lass den Kampf unserer Zeit kurz sein«

Im Handbuch Niemals eine Atempause beschwört Joachim Sartorius die Kraft politischer Lyrik

Anfang des Jahres veröffentlichte die F.A.Z. einen Kommentar, der mit der Überschrift »Sanktionen statt Lyrik« überschrieben war. Angesichts des durch Terror und Kriege geprägten Weltgeschehens geriet so nicht nur die Notwendigkeit politischen Handelns, sondern auch die fehlende Wirkung politischer Sprache in den Mittelpunkt. Doch trifft das zu? Oder sind Worte, zumal die aus der Feder eines Dichters, vielleicht doch die passende Alternative zum gegenwärtigen Aktionismus? Eine neue Anthologie liefert Antworten.


»Können die uns jetzt hören?«

Viktor Martinowitsch erzählt in Paranoia über Liebe und die Mechanismen eines totalitären Staates

Er ist derzeit wohl der interessanteste Autor Weißrusslands und auch der am strengsten überwachte. Viktor Martinowitsch hat stets Aufmerksamkeit erregt; nun soll sein Roman Paranoia der belrussischen Bevölkerung die Angst vor der ›letzten Diktatur Europas‹ nehmen. Dies blieb seitens der Regierung nicht unbemerkt. Sein erster Roman ist zugleich auch das erste literarische Werk, das in der Republik Belarus verboten wurde. Martinowitsch wurde 1977 in Aschmjany geboren und studierte Journalistik in Minsk. 2012 wurde er mit dem Maksim-Bahdanowitsch-Preis ausgezeichnet und seine Erzählung Sphagnum stand auf der Longlist für den Nationalen Bestseller Preis in Russland.


Fluide und mehrfach beschrieben: Die ortlose Stadt

Die Erweiterung der Urbanität in die virtuelle Dimension

Im Transcript-Verlag erschien in diesem Jahr der Band Die ortlose Stadt. Der Titel suggeriert eine neue Theorie des Stadtbegriffes, de facto fallen jedoch verschiedene Blickwinkel und Konzepte des Urbanen auf das unnahbare Wesen des Städtischen zusammen. Eine Analyse der Funktionsweise zeitgenössischer urbaner Räume gestaltet sich in der Publikation ähnlich schwierig wie der Versuch, gesichertes Wissen über vage Beschreibungen zu generieren. Die drei Autoren Alain Bourdin (Professor für Stadtplanung), Frank Eckardt (Stadtsoziologe) und Andrew Wood (Professor für Medienwissenschaft) präsentieren Metaphern und Darstellungsformen des komplexen Phänomens des Städtischen und zeigen zugleich stadtgeographische und medientheoretische Phänomene anhand gegenwärtiger Tendenzen städtischer Perzeption, Konstruktion und Reproduktion auf. Am Ende steht kein Theoriepalast, sondern ein Mosaik verschiedener Ansätze, das die Virtualisierung der Stadt zu reflektieren sucht und – frei von Lösungsansätzen – neue Wechselwirkungen in der Stadtentwicklung offenbaren will.


Zwischen Beißen und Bitten

Michel Houellebecqs Annäherung an den Tod in Gestalt des letzten Ufers

In puncto schonungslos erfasster Hoffnungslosigkeit macht Michel Houellebecq so schnell niemand etwas vor. Bereits die ersten Verse seines dieses Jahr in deutscher Übersetzung erschienenen Gedichtbands Gestalt des letzten Ufers küren den mittlerweile 56-jährigen Franzosen zum Meister in lyrischer Desillusionierung. Der Dichter schöpft hier keineswegs mehr genieästhetisch aus dem Vollen, in den Versen Houellebecqs ist er längst zum Verwalter eines unabwendbaren Mangels geworden. In Anbetracht der Tragik, die dem Leser aus Worten wie »Tod des Reinsten« und »Wie ausgeweidet ist die Brust« im Stil einer unmissverständlichen Programmansage entgegenspringt, wird eines jedoch leicht übersehen: In hervorstechenden Glanzmomenten ist das Manifest der Hoffnungslosigkeit auch vom Komischen und Absurden bestimmt.


Ausbruch aus dem Märchenpark

Im Roman Bilder deiner großen Liebe beleuchtet Wolfgang Herrndorf die Schattenseiten der Natur

Erinnern Sie sich noch an Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick? Das im Jahr 2010 erschienene und mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Buch war auf Anhieb ein Kassenschlager, der sich inzwischen in der ganzen Welt verkauft. Während der Roman derzeit auch als viel gespielte Theaterbearbeitung große Erfolge feiert und für 2015 bereits an einer Adaption für das Kino gearbeitet wird, ist nun – ein Jahr nach dem Suizid Wolfgang Herrndorfs – mit dem Roman Bilder deiner großen Liebe eine wunderbare Fortsetzung erschienen.


Eine Reise zum Mittelpunkt des Zynismus

Thomas Bernhard lebt!

Alexander Schimmelbusch hatte einen Bedarf im Kopf. Die Murau Identität, ein Buch über Thomas Bernhards vorgespielten Tod und sein sich nahtlos anschließendes Aussteigerleben auf Mallorca sollte eine Marktlücke füllen. Denn seit Bernhards Tod und dem zugleich einsetzenden, Österreich weiten Aufführungsverbot gab es Bedarf an einem Nestbeschmutzer. Doch hat Schimmelbusch dabei Chancen verspielt, meint die Wiener Zeitung. Dort hätte man sich Hasstiraden gegen Koch- und Ratgeberbücher aus dem Mund eines fiktiven Thomas Bernhard gewünscht. Es sei doch auch eher eine Parodie auf den frühen Christian Kracht und keineswegs »bernhardesk«, so die ZEIT. Schön und gut, wieder ein hippes und kurzweiliges Popbuch. Doch ist das alles?


Kampf dem Dualismus!

Warum ein spannender Körperbegriff keine albernen Feinbilder braucht

Arno Böhler, Krassimira Kruschkova und Susanne Valerie haben sich mit dem Sammelband Wissen wir, was ein Körper vermag? Einiges vorgenommen. Man will dieser Hauptfrage von Spinozas Philosophie nachgehen: »Wissen wir, was ein Körper vermag?«, konkreter: Es soll die »nachtwandlerische« Kraft des Körpers besprochen werden, also die Wissens- und Handlungspotentiale, die ein Körper besitzt, ohne dass ein Geist, das Mentale oder eine Seele auf ihn einwirken – je nachdem, welchen Ausdruck man bevorzugt.


Leichen an der Oberfläche

Dalia Grinkevičiūtės Aufzeichnungen aus dem Gulag erhellen ein dunkles Kapitel der litauischen Geschichte – auch meiner eigenen

Diese Rezension ist zugleich ein Ausflug in meine persönliche Familiengeschichte. Als mein Vater als Korrespondent in Moskau Ende der 80er tätig war, unternahm er einen Ausflug nach Magadan. Die Gegend am Ochtokischen Meer, im Fernen Osten von Russland, ist für die reichlich vorhandenen Metalle – vor allem Gold – bekannt und deswegen geologisch interessant. Weil mein Vater litauische Wurzeln hat und somit als ›Insider‹ galt, erzählte ein Bodenforscher ihm von der schaurigen Seite dieses Ortes.


Post-Dramatik? Erzähl mir doch nichts!

Nina Tecklenburg entdeckt mit Performing Stories. Erzählen in Theater und Performance die Geschichten in der Performance-Kunst

Beinahe provokant mutet der Titel an, den Nina Tecklenburg ihrer Monographie gegeben hat, denn nach der postdramatischen Abkehr von geschlossenen Geschichten wird Narrativität auf der Bühne nach wie vor mit einer altbackenen und überholten Form dramatischen Theaters assoziiert. Tatsächlich jedoch, so versucht die Autorin anhand zahlreicher Beispiele zu beweisen, hat das Erzählen innerhalb theatraler und gerade auch in explizit als postdramatisch gel-tenden Bühnenformen, wie der Performancekunst, keineswegs aufgehört.


 

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