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Auf der Grenze

Die »Neue Rundschau« erkundet den Comic in theoretischer Reflexion und poetischer Praxis

Themenhefte zum »Comic« gibt es inzwischen von fast jeder größeren Literatur- bzw. Kulturzeitschrift. Bereits 1998 widmete sich die 51., von Jens Balzer und Martin tom Dieck herausgegebene, Ausgabe der Zeitschrift »Schreibheft« ganz der graphischen Literatur; Ende 2012 zog auch die im Fischer Verlag erscheinende »Neue Rundschau« nach: Das dritte Heft im 123. Jahrgang nähert sich dem Medium Comic aus unterschiedlichen Perspektiven.


Uwe Timm – Fluchtpunkt Insel

Im neuen Roman von Uwe Timm betrachten wir die Insel aus einer neuen Perspektive. Weniger aus der eines Urlaubers, mehr aus der eines Suchenden. Vogelweide ist eine statische Erzählung früherer Bewegung. »Eine Innenaufnahme aus dem Gefühlskosmos der arrivierten deutschen Mittelschicht, wie sie selbst noch im Scheitern auf sich stolz ist.« (Die Zeit)


Ein Stück europäischer Geschichte

Zülfü Livanelis Roman Serenade für Nadja ist ein gelungener Rechercheroman zurück bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs

Spätestens seit den Gezi-Park-Protesten in der Türkei und deren Präsenz in den Medien dürfte den meisten Deutschen klargeworden sein, daß die Beziehungen der beiden Länder besondere sind. Die Türkei ist eines der beliebtesten Reiseländer der Deutschen und viele türkischstämmige Mitbürger bereichern unser Leben nicht nur durch die Dönerbude an der Ecke. Die deutschen Medien berichteten ausführlich und die türkischsprachigen Sonderseiten in der letzten Juni-Ausgabe des Spiegel waren sicherlich nicht bloß eine PR-Kampagne des Hamburger Magazins. Auch wenn das politische Verhältnis einst besser war, ist das kulturelle, persönliche wahrscheinlich besser denn je, und es sind gerade die seitens der Regierung in Ankara auf verschiedenste Weise verunglimpften Demonstranten, die deutlich machen, wie sehr einige Bevölkerungsgruppen der Türkei längst ihr Wertesystem mit uns teilen. Man möchte fast sagen, daß sie uns zeigen, daß eher wir die träge, konsumfreudige Masse sind, die bis vor kurzem in den jungen türkischen Menschen im eigenen Land, aber auch in Deutschland gesehen wurden.


Wo Erzählen und Erzählung zusammen fallen, gehen wir durch die Zeit

David Grossmans Aus der Zeit fallen

Über David Grossmans aktuelles Buch wurde schon viel  gesagt: Eine bewegende Momentaufnahme aus der persönlichen Trauer über den Verlust seines Sohnes sei es (so Deutschlandradio Kultur), eine rührende Aufarbeitung traumatischen Verlustes (Radio Bremen), literarische Studie über ein universelles Gefühl (F.A.Z.), eine Kollage aus Poesie und Prosa, aus Hohelied und Totenklage (NDR Kultur). Es ist tatsächlich tragisch, dass Uri in dem Moment von einer Panzerabwehrrakete getroffen wird, in dem sein Vater ein Buch darüber schreibt, wie eine Mutter vor der vermeintlichen Todesnachricht ihres Sohnes entflieht. Eine Frau flieht vor einer Nachricht wurde 2009 mit dem Friedenpreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Ironie außerdem, dass Grossman sich kurz zuvor gegen den Krieg im Libanon ausgesprochen hatte. Aus der Zeit fallen ist trotzdem weder autobiographisches Titbit noch ästhetisch aufgearbeitete Anthropologie der Trauer, sondern ein zuweilen anstrengendes Thematisieren der erzählten Zeitlichkeit.


Absturzgefährdet

Jörg-Uwe Albigs Ueberdog zelebriert die Frage nach der Nahbarkeit von Stars

  Stella ist Gesellschaftsphotographin. Ihre Passion ist es, ständig die Nähe zu Gestalten der Hochglanzmagazine zu suchen. »Engel«, wie sie sagen würde. Sie abzulichten, aber auch sich in gewisser Weise mit ihnen zu messen ist ihr einziger Lebensinhalt. Greifbarster Maßstab ihres Strebens ist Nina Löwitsch, die geschafft hat, was sie selber nicht erreicht hat. Die ehemalige Kommilitonin ist in ihrem Beruf, und vor allem in dieser angestrebten Gesellschaftsschicht, oben angekommen. Während Stella versuchen muß, ihre Bilder einzeln an Regionalblätter zu verkaufen und hauptsächlich vom Gehalt ihres Freundes Patrick lebt, taucht Nina, selbst schon ein Sternchen, mit eigenem Gefolge auf. Wenn ihr etwas zu banal scheint, verläßt es mit ihr auf einen Wink hin die Veranstaltung.


Rollenspiel

Daniela Dröschers Roman Pola

»Sie sind die Frau. Es ist Ihre Rolle. Sagen Sie es mir«, entgegnet der Regisseur Willi Forst seiner Hauptdarstellerin Pola Negri, als diese im Jahr 1934 bei den Dreharbeiten zur Ciné-Allianz-Produktion Mazurka die Gefühle der von ihr verkörperten Figur nicht versteht und es nicht schafft, überzeugende Tränen fließen zu lassen. Negri, polnische Stummfilmdiva mit glanzvoller Vergangenheit und ungewisser Zukunft, ist die Hauptfigur in Daniela Dröschers jüngstem Roman Pola. Sie hat an diesem Punkt ihrer Karriere bereits »dreiundfünfzig Filme, zwei Ehemänner und einen Weltkrieg überlebt«, eine wenig schmeichelhafte Abschiebung aus Hollywood hinter sich und so häufig die eigene Geschichte umgeschrieben, dass die Worte, die die Autorin dem Regisseur in den Mund legt, für Pola Negris Leben wie für den Roman Dröschers programmatisch scheinen.


Konkurrenz im eigenen Haus?

Zu Franziska Schößlers Einführung in die Dramenanalyse

Ja, der Metzler-Verlag. In grauer Vorzeit war er außer für Überblickswerke auch als Ort wichtiger literaturwissenschaftlicher Monographien bekannt. Doch seit einigen Jahren hat man sich – offenbar recht erfolgreich – ganz darauf verlegt [!], mittels Handbüchern und Einführungen wissenschaftliche Grund- und Erstversorgung zu liefern. Als eine der neuesten Einführungen ist kürzlich eine von Franziska Schößler verfasste Einführung in die Dramenanalyse erschienen.


Keine erzählenswerte Biographie

Der Reiher – eine Kritik des Debütromans von René Sydow

Leben und Tod; das sind Themen, über die schon alles gesagt wurde, zu denen aber eigentlich auch noch alles gesagt werden kann. Als zentrale Aspekte des Menschseins vermögen sie noch immer viel herzugeben. Auch René Sydow wagt sich in seinem Debütroman Der Reiher an keinen geringeren Stoff und übernimmt sich damit.


Shakespeare gegen Schiller

Volker Harry Altwasser erweckt den Pommernherzog Bogislaw XIV. zu neuem Leben

»Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.« So heißt es bei Friedrich Schiller, genauer gesagt in dem Stück Wallensteins Lager. Unzweifelhaft ernst war das Leben von Bogislaw XIV., dem letzten Herzog von Pommern, dem Volker Harry Altwasser nun ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Was den »Theaterroman« denn auch letztlich heiter macht, ist eben – die Kunst. Denn Ich, dann eine Weile nichts ist große Kunst.


Mord und Gerechtigkeit – Wer trägt die Schuld?

Sebastian Fitzek und Michael Tsokos präsentieren in Abgeschnitten einen atemberaubenden Thriller, der in die Tiefen der menschlichen Psyche führt

Ein Rechtsmediziner, der im Kopf einer Leiche die Telefonnummer seiner Tochter findet. Eine Comiczeichnerin, die sich auf einer Insel vor ihrem Ex-Freund versteckt und am Strand eine Leiche entdeckt. Zwei Menschen, zwei Geschichten. Doch ihre Wege werden sich schneiden – weil Er es so geplant hat! Fitzek und Tsokos – beide Experten auf ihrem Gebiet – brillieren gemeinsam in ihrem Roman Abgeschnitten. Fitzek, der sich bereits mit Bestsellern wie Das Kind oder Der Augensammler einen Namen gemacht hat, verbündet sich mit Tsokos, dem wohl bekanntesten deutschen Rechtsmediziner, der schon mit Der Totenleser Unglaubliches aus seinem Beruf erzählte und dessen Spezialgebiet sich unübersehbar in diesem Thriller spiegelt.


 

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