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Herr Frantz versteht die Welt nicht mehr

Helmut Kuhns Roman Gehwegschäden

Endlich mal wieder einer, der sich etwas traut! Einer, der einen Roman vorlegt, der exemplarisch für eine Stadt und eine Zeit zu sein beansprucht! Einer, der mehr will als einfach nur eine Geschichte auf schöne Weise zu erzählen, sondern es mit den Erzählverfahren der Klassischen Moderne aufnimmt! Ein solcher ist Helmut Kuhns Roman Gehwegschäden.


Die »Sfäre der Poesie« in der DDR und wie man sie findet

Barbara Honigmanns Erzählung Bilder von A.

»A. Ist jetzt tot.«  – Dieser Satz durchzieht das neueste Buch Barbara Honigmanns, Bilder von A., wie ein immer wiederkehrendes Mantra. Als müsse sich die Erzählerin, eine junge Frau in Ost-Berlin, immer wieder in Erinnerung rufen, dass dieses Stück ihrer Vergangenheit, dass A., wirklich existierte.


Von Sektkorken und ungewollten Kindern

Filmemacher Oskar Roehlers legt sein literarisches Debut vor – und geht dahin, wo es weh tut: Zu den Wurzeln seiner »Herkunft«.

Gisela Elsner – man kennt sie als Fräuleinwunder der Gruppe 47, als Autorin der Satire »Die Riesenzwerge«, mit Kleopatra-Perücke und schwarzen Kajal-Balken einfühlsam porträtiert von Hannelore Elsner in Oskar Roehlers Spielfilm »Die Unberührbare«. Jedoch kennt man sie nicht als unnahbares Monster, als Rabenmutter eines kleinen Jungen, der »wie ein Sektkorken aus ihrem Bauch ploppte« und den sie unmittelbar nach der Geburt als »Bündel« bezeichnete, mit dem sie »nichts zu tun haben« wolle.


Die schöpferische Unvollkommenheit

Hans Magnus Enzensbergers Album

Es ist mittlerweile fast egal, in welche Abteilung einer Buchhandlung man sich begibt – ob bei den Kinderbüchern, dem politischen Sachbuch oder in der kleinen Lyrikecke: Überall finden sich Werke von Hans Magnus Enzensberger, einem Tausendsassa der deutschen Literatur. Kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller probiert sich auf so vielen Gebieten aus. Und obwohl man meinen könnte, En-zensberger habe inzwischen alle Möglichkeiten ausgeschöpft, schafft er es mit seinem Werk Album erneut, Grenzen einzureißen.


Tradition und Transformation in bayrischer Dorfidylle

Josef Bierbichlers düsterer Familienroman Mittelreich

Über drei Generationen einer Bauern- und Wirtsfamilie erstreckt sich die Erzählung in Mittelreich, dem im bayrischen Voralpenland angesiedelten Heimatroman von Josef Bierbichler. Eindringlich wirft er die Frage nach dem Unterschied von Zuhause und (neuer) Heimat auf. Diese stellt ein wichtiges Puzzleteil in diesem komplexen Romandebüt dar, an dessen Ende es erdrückend heißt: »Die Erde ist keine Heimat.« Das Feuilleton reagierte zu Recht angetan auf Mittelreich, dabei ist er nicht der erste vielbeachtete Familienroman des letzten Bücherjahres, wohl aber der des bekanntesten und streitbarsten Autors.


Die Zwei von der Parkbank

Milena Michika Flašars neuer Roman bietet durch sprachliche Raffinesse mehr als nur die Geschichte einer bewegenden Männerfreundschaft.

Eine Parkbank in Japan und zwei einander fremde Männer, deren behutsam entstehende Freundschaft auf der Gemeinsamkeit des Aussteigens aus einer zu schnell und inhuman gewordenen Gesellschaft beruht – diese zwei sind die Protagonisten in Milena Michika Flašars neustem Roman Ich nannte ihn Krawatte. Unweigerlich stellt sich die Frage: Kann die junge Autorin mit dieser nicht gerade neuen Thematik vom einsamen Aussteiger überzeugen?


Von Ölgötzen, Flitterwochen und Kerbhölzern – Redewendungen aus dem Mittelalter

Das geht auf keine Kuhhaut von Gerhard Wagner bietet viel Wissenswertes, trifft aber nicht immer den Nagel auf den Kopf

Bücher über den Ursprung von Wörtern und Redewendungen erfreuen sich seit längerer Zeit großer Beliebtheit. Sie heißen Klappe zu, Affe tot, Es geht um die Wurst oder Perlen vor die Säue und erklären die populärsten oder lustigsten oder schweinischsten Redewendungen. Der Germanist, Historiker und Geschäftsführer der deutschen Burgenvereinigung Gerhard Wagner hat dem eine weitere Facette hinzu-gefügt. Unter dem Titel Das geht auf keine Kuhhaut behandelt er Redewendungen, die ›meist‹ auf das Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurückgehen. Die Einschränkung auf ›meist‹ ist nötig, weil Wagner auch Redewendungen berücksichtigt, die dem Mittelalter zu entstammen scheinen, tatsächlich aber sehr viel jünger sind; ›in Bausch und Bogen‹ gehört etwa dazu oder ›unter aller Kanone‹.


Sandstürme aus der Todeszone

Mit dem Leser durch die Wüste: Wolfgang Herrndorfs anspruchsvoller Roman Sand

In diesem Jahr hat der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf für seinen Roman Sand den Belletristikpreis der Leipziger Buchmess erhalten und wurde zugleich auch mit dem Publikumspreis geehrt. Verfolgte man die Preisverleihung, fielen zwei Dinge ins Auge: zum einen, dass er der Veranstaltung persönlich fernblieb, zum anderen, dass die Jury ein Buch würdigte, das ganz offensichtlich mehr als ein bloßer Text sein will.


Was passiert zwischen den Panels?

Dick Boss versammelt zwölf Comicgeschichten, die alle mit dem gleichen Set aus 16 Zeichnungen arbeiten

Das sogenannte Gutter, die Leerstelle zwischen den einzelnen Panels, die stets vom Leser gefüllt werden muß, ist das wichtigste Prinzip der Narrativität von Comics. Im Band Dick Boss, einer Gemeinschaftsproduktion von Zeichner Nicolas Mahler und verschiedenen Autorinnen und Autoren, wird das Spiel mit den Leerstellen auf raffinierte Weise auf die Spitze getrieben. Das Buch vereint zwölf Versionen einer Kriminalgeschichte, die alle mit dem gleichen Bildmaterial, einem festgesetzten Set von 16 ganzseitigen Panels, arbeiten und diese jeweils neu arrangieren und mit neuem Text in Verbindung bringen.


Identitäten am Fluss

Uwe Radas vielstimmige Analyse der Vielvölkerregion an der Memel

Die Memel ist ein Fluss, der in Weißrussland seinen Ursprung hat und in die Ostsee mündet. Seine 937 Kilometer durchfließen Litauen, das ehemalige Ostpreußen und das Kurische Haff. Er ist der murmelnde, schweigende Fluss und erinnert stumm an seine vergangenen Tage als Teil der Bernsteinstraße von der Ostsee zum Mittelmeer. Uwe Rada verleiht ihm in Die Memel viele Stimmen. Das erinnert den Rezensenten auch an seine ganz persönliche Familiengeschichte.


 

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