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Narration auf einer einsamen Insel

Dear Esther und die Schnittstelle zwischen Literatur und Videospiel

»Videospiele sind jetzt Kunst«. Diesen und ähnliche umstrittene Sätze liest man dieser Tage in Rezensionen von Dear Esther. Er ist der Minimalkonsens, auf den sich ratlose Spieleredakteure über den ganzen Globus geeinigt haben um das unzugängliche Werk von Dan Pinchback und Robert Briscoe zu beschreiben. Natürlich müsste der Satz korrekt lauten: »Videospiele sind als Medium zur Kunst fähig und Dear Esther ist ein Beispiel dafür«. Aber stimmt das überhaupt? Aus literaturtheoretischer Sicht interessant ist zumindest die Verbindung von vorgelesenen Texten und interaktivem Spieleerlebnis, da es den Kern von Dear Esther ausmacht.


Vampire mit Biss und Cowboystiefeln

Scott Snyder und Stephen Kings Blutsauger-Comic American Vampire

Vampire sind überall. Sie verstecken sich in Videospielen und Fernsehserien, lauern zwischen bedruckten Buchseiten auf ahnungslose Opfer, schauen verführerisch von Postern in Teenagerzimmern und flimmern in überschminkter Nahaufnahme in Kinosälen über Leinwände. Kaum eine andere Mythengestalt kann es derzeit mit der Popularität der Blutsauger aufnehmen. Dass viele moderne Vampire es mit dem Mythos ihrer einstigen Vorväter nicht ganz so genau nehmen, ist zum Teil der wachsenden Vampirindustrie geschuldet. Fleißige Autoren bemühen sich, auch die letzten Winkel des überstrapazierten Trends auszuloten und eine eigene Version des Kinds der Nacht zu Papier zu bringen. »Schreiben Sie doch einfach irgendetwas über Vampire, das verkauft sich«, ist längst zu einem ein geflügelten Wort unter Verlegern geworden. P.C. Cast (House of Night), Stephanie Meyer (Twilight) und viele andere haben dies wörtlich genommen. Dabei wirken einige Vertreter der Spezies ›Vampyr litterarius‹ zahnloser als Graf Zahl aus der Sesamstraße. Doch es gibt auch einen Trend gegen den Trend: Und genau hier kommt American Vampire ins Spiel.


Ein nachhaltiges Gefühl von Gleichgültigkeit

Clemens J. Setz’ Die Frequenzen lässt den Leser irritiert zurück

»Ja, sicher, warum nicht.« – Diese Erwiderung findet sich auf den mehr als 700 Seiten von Clemens J. Setz’ Die Frequenzen immer wieder und sie wird von immer anderen Figuren im Dialog mit ihnen nahe stehenden Personen geäußert. Sie lässt die Gleichgültigkeit erkennen, die sowohl die sozialen Beziehungen der Protagonisten kennzeichnet als auch das Verhältnis des Rezipienten gegenüber dem Text prägt. Zunächst wirkt es auf den Leser, als würde sich dieses Gefühl wie ein Leitmotiv durch den gesamten Roman ziehen und das ist wohl auch ein Grund dafür, dass der erste Leseeindruck nicht viel mehr als Gleichgültigkeit gegenüber den Figuren des Romans hervorbringt.


In der Welt der Wunder und Vokabeln Abel Nemas

Terézia Mora inszeniert in Alle Tage eine polyphone Erzählung um Fremdheit, Migration, Adoleszenz, Identität und Urbanität

Der Übersetzer Abel Nema wurde zum Opfer eines Gewaltverbrechens. In der willkürlichsten Straßenflucht einer beliebigen Großstadt finden Arbeiterinnen am frühen Morgen seinen vielfach misshandelten Körper. Eine Tat, die trotz oder gerade aufgrund ihrer Brutalität in den gegenwärtigen Diskursen einer sich vermeintlich in sozialen Konflikten zuspitzenden Urbanität kaum mehr zu einer nachhaltigen Aufmerksamkeit gereichen würde, schon eher zur Bestätigung medialer Sensations- und Hysteriemechanismen.


Über die Einsamkeit in der Vielheit der reizüberfluteten Möglichkeiten

Ernst-Wilhelm Händler schreibt in seinem Roman Wenn wir sterben über das Scheitern des entmenschlichten Menschen

Wenn wir sterben, wogegen tauschen wir unser Leben ein?
»Die Erinnerung betrügt einen gerne«, sagt Stine. »Ich war gehemmt. Ich war unsicher. Ich hatte keinen Mut. Die Leute haben mich gefragt: Christine, haben Sie auch Mut zur Niederlage?« Ich habe geantwortet, »ich kann Versagen nicht verkraften. Dazu tut es zu weh.«


Wenn aus Eisbergen Pfützen werden

Annett Gröschners Roman Moskauer Eis

Als Annja die Wohnung ihres Vaters aufsucht, findet sie ihn eingefroren in der eigenen Kühltruhe liegen. Das Gerät ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und so liegt der Vater mysteriöserweise ohne jegliche Energiezufuhr bei -18° Celsius auf Eis. Annett Gröschner beginnt ihren Roman Moskauer Eis gleich mit dieser Entdeckung und schafft damit zunächst eine weniger frostige, als fast schon phantastische Atmosphäre.


Befindlichkeit und Verlust

Das Scheitern das Glück festzuhalten in Christoph Peters‘ Roman Stadt Land Fluß

In der Einleitung von Stadt Land Fluß versichert ein Autor namens »C.P.«, der Ich-Erzähler seines Romans weise keinerlei biografische Deckung mit ihm selbst auf. Sein Romanwerk, so möchte er den Leser damit glauben machen, sei frei von der schnöden Plünderung des Autobiografischen – keine ›Befindlichkeitsliteratur‹ also, als welche so viele Produktionen der jungen und jüngeren Literatur gebrandmarkt worden ist. Ganz so einfach ist die Lage der Dinge dann aber doch nicht. Ein kurzer Blick in die Autorenbeschreibung des Verlages deckt auf: Christoph Peters stammt sehr wohl selbst aus Kalkar und hat Kunst (wenn auch nicht Kunstgeschichte) studiert. Die erzählerische Instanz »C.P.« bleibt im Dunkeln, das Werk entpuppt sich als Autobiofiktion.


Im Schraubstock von Logik und Libido oder »Wir wollen alles sein«

Thomas Lehrs Roman Nabokovs Katze

Es gibt sie, jene unwirklichen Momente der Lektüre, die für ein Schwindelgefühl beim Leser sorgen, weil weltgeschichtliche Ereignisse der Romanhandlung buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Einen solchen Moment hält Thomas Lehrs im Jahr 1999 erschienener Roman Nabokovs Katze bereit, als Protagonist Georg gegen Ende mit seiner Geliebten Mary in die 107. Etage des World Trade Centers fährt, um von oben auf das Häusermeer New Yorks hinabzublicken:


Die ästhetischste Müllkippe der Welt

Rainald Goetz' Abfall für alle, eine postmoderne Aphorismen-Sammlung

Die Redaktion der Kritischen Ausgabe wühlt sich tiefer in Richard Kämmerlings persönlichen Literaturkanon und fördert Erstaunliches zu Tage: Rainals Goetz Abfall für alle, ein Text, der 14 Jahre zu früh erschien und schon 1998 am Puls der heutigen Zeit war; ein Werk für und aus dem Internet, über Gedankenabfall und an den Grenzen des Sagbaren.


Einfältig? Nein, präzise, nüchtern & sensibel!

Ingo Schulzes Roman Simple Storys

»Die Erde dreht sich, und man kann nur warten, daß sie sich weiterdreht und sich dadurch die Perspektive ändert, so daß man die Dinge eben auch mal wieder anders sieht.« Insgesamt 29 kleinere und größere Perspektivwechsel, verpackt als Simple Storys, bilden beziehungsweise entschlüsseln auf 320 Seiten den Roman aus der ostdeutschen Provinz.


 

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