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Tradition und Transformation in bayrischer Dorfidylle

Josef Bierbichlers düsterer Familienroman Mittelreich

Über drei Generationen einer Bauern- und Wirtsfamilie erstreckt sich die Erzählung in Mittelreich, dem im bayrischen Voralpenland angesiedelten Heimatroman von Josef Bierbichler. Eindringlich wirft er die Frage nach dem Unterschied von Zuhause und (neuer) Heimat auf. Diese stellt ein wichtiges Puzzleteil in diesem komplexen Romandebüt dar, an dessen Ende es erdrückend heißt: »Die Erde ist keine Heimat.« Das Feuilleton reagierte zu Recht angetan auf Mittelreich, dabei ist er nicht der erste vielbeachtete Familienroman des letzten Bücherjahres, wohl aber der des bekanntesten und streitbarsten Autors.


Die Zwei von der Parkbank

Milena Michika Flašars neuer Roman bietet durch sprachliche Raffinesse mehr als nur die Geschichte einer bewegenden Männerfreundschaft.

Eine Parkbank in Japan und zwei einander fremde Männer, deren behutsam entstehende Freundschaft auf der Gemeinsamkeit des Aussteigens aus einer zu schnell und inhuman gewordenen Gesellschaft beruht – diese zwei sind die Protagonisten in Milena Michika Flašars neustem Roman Ich nannte ihn Krawatte. Unweigerlich stellt sich die Frage: Kann die junge Autorin mit dieser nicht gerade neuen Thematik vom einsamen Aussteiger überzeugen?


Von Ölgötzen, Flitterwochen und Kerbhölzern – Redewendungen aus dem Mittelalter

Das geht auf keine Kuhhaut von Gerhard Wagner bietet viel Wissenswertes, trifft aber nicht immer den Nagel auf den Kopf

Bücher über den Ursprung von Wörtern und Redewendungen erfreuen sich seit längerer Zeit großer Beliebtheit. Sie heißen Klappe zu, Affe tot, Es geht um die Wurst oder Perlen vor die Säue und erklären die populärsten oder lustigsten oder schweinischsten Redewendungen. Der Germanist, Historiker und Geschäftsführer der deutschen Burgenvereinigung Gerhard Wagner hat dem eine weitere Facette hinzu-gefügt. Unter dem Titel Das geht auf keine Kuhhaut behandelt er Redewendungen, die ›meist‹ auf das Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurückgehen. Die Einschränkung auf ›meist‹ ist nötig, weil Wagner auch Redewendungen berücksichtigt, die dem Mittelalter zu entstammen scheinen, tatsächlich aber sehr viel jünger sind; ›in Bausch und Bogen‹ gehört etwa dazu oder ›unter aller Kanone‹.


Sandstürme aus der Todeszone

Mit dem Leser durch die Wüste: Wolfgang Herrndorfs anspruchsvoller Roman Sand

In diesem Jahr hat der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf für seinen Roman Sand den Belletristikpreis der Leipziger Buchmess erhalten und wurde zugleich auch mit dem Publikumspreis geehrt. Verfolgte man die Preisverleihung, fielen zwei Dinge ins Auge: zum einen, dass er der Veranstaltung persönlich fernblieb, zum anderen, dass die Jury ein Buch würdigte, das ganz offensichtlich mehr als ein bloßer Text sein will.


Was passiert zwischen den Panels?

Dick Boss versammelt zwölf Comicgeschichten, die alle mit dem gleichen Set aus 16 Zeichnungen arbeiten

Das sogenannte Gutter, die Leerstelle zwischen den einzelnen Panels, die stets vom Leser gefüllt werden muß, ist das wichtigste Prinzip der Narrativität von Comics. Im Band Dick Boss, einer Gemeinschaftsproduktion von Zeichner Nicolas Mahler und verschiedenen Autorinnen und Autoren, wird das Spiel mit den Leerstellen auf raffinierte Weise auf die Spitze getrieben. Das Buch vereint zwölf Versionen einer Kriminalgeschichte, die alle mit dem gleichen Bildmaterial, einem festgesetzten Set von 16 ganzseitigen Panels, arbeiten und diese jeweils neu arrangieren und mit neuem Text in Verbindung bringen.


Identitäten am Fluss

Uwe Radas vielstimmige Analyse der Vielvölkerregion an der Memel

Die Memel ist ein Fluss, der in Weißrussland seinen Ursprung hat und in die Ostsee mündet. Seine 937 Kilometer durchfließen Litauen, das ehemalige Ostpreußen und das Kurische Haff. Er ist der murmelnde, schweigende Fluss und erinnert stumm an seine vergangenen Tage als Teil der Bernsteinstraße von der Ostsee zum Mittelmeer. Uwe Rada verleiht ihm in Die Memel viele Stimmen. Das erinnert den Rezensenten auch an seine ganz persönliche Familiengeschichte.


Narration auf einer einsamen Insel

Dear Esther und die Schnittstelle zwischen Literatur und Videospiel

»Videospiele sind jetzt Kunst«. Diesen und ähnliche umstrittene Sätze liest man dieser Tage in Rezensionen von Dear Esther. Er ist der Minimalkonsens, auf den sich ratlose Spieleredakteure über den ganzen Globus geeinigt haben um das unzugängliche Werk von Dan Pinchback und Robert Briscoe zu beschreiben. Natürlich müsste der Satz korrekt lauten: »Videospiele sind als Medium zur Kunst fähig und Dear Esther ist ein Beispiel dafür«. Aber stimmt das überhaupt? Aus literaturtheoretischer Sicht interessant ist zumindest die Verbindung von vorgelesenen Texten und interaktivem Spieleerlebnis, da es den Kern von Dear Esther ausmacht.


Vampire mit Biss und Cowboystiefeln

Scott Snyder und Stephen Kings Blutsauger-Comic American Vampire

Vampire sind überall. Sie verstecken sich in Videospielen und Fernsehserien, lauern zwischen bedruckten Buchseiten auf ahnungslose Opfer, schauen verführerisch von Postern in Teenagerzimmern und flimmern in überschminkter Nahaufnahme in Kinosälen über Leinwände. Kaum eine andere Mythengestalt kann es derzeit mit der Popularität der Blutsauger aufnehmen. Dass viele moderne Vampire es mit dem Mythos ihrer einstigen Vorväter nicht ganz so genau nehmen, ist zum Teil der wachsenden Vampirindustrie geschuldet. Fleißige Autoren bemühen sich, auch die letzten Winkel des überstrapazierten Trends auszuloten und eine eigene Version des Kinds der Nacht zu Papier zu bringen. »Schreiben Sie doch einfach irgendetwas über Vampire, das verkauft sich«, ist längst zu einem ein geflügelten Wort unter Verlegern geworden. P.C. Cast (House of Night), Stephanie Meyer (Twilight) und viele andere haben dies wörtlich genommen. Dabei wirken einige Vertreter der Spezies ›Vampyr litterarius‹ zahnloser als Graf Zahl aus der Sesamstraße. Doch es gibt auch einen Trend gegen den Trend: Und genau hier kommt American Vampire ins Spiel.


Ein nachhaltiges Gefühl von Gleichgültigkeit

Clemens J. Setz’ Die Frequenzen lässt den Leser irritiert zurück

»Ja, sicher, warum nicht.« – Diese Erwiderung findet sich auf den mehr als 700 Seiten von Clemens J. Setz’ Die Frequenzen immer wieder und sie wird von immer anderen Figuren im Dialog mit ihnen nahe stehenden Personen geäußert. Sie lässt die Gleichgültigkeit erkennen, die sowohl die sozialen Beziehungen der Protagonisten kennzeichnet als auch das Verhältnis des Rezipienten gegenüber dem Text prägt. Zunächst wirkt es auf den Leser, als würde sich dieses Gefühl wie ein Leitmotiv durch den gesamten Roman ziehen und das ist wohl auch ein Grund dafür, dass der erste Leseeindruck nicht viel mehr als Gleichgültigkeit gegenüber den Figuren des Romans hervorbringt.


In der Welt der Wunder und Vokabeln Abel Nemas

Terézia Mora inszeniert in Alle Tage eine polyphone Erzählung um Fremdheit, Migration, Adoleszenz, Identität und Urbanität

Der Übersetzer Abel Nema wurde zum Opfer eines Gewaltverbrechens. In der willkürlichsten Straßenflucht einer beliebigen Großstadt finden Arbeiterinnen am frühen Morgen seinen vielfach misshandelten Körper. Eine Tat, die trotz oder gerade aufgrund ihrer Brutalität in den gegenwärtigen Diskursen einer sich vermeintlich in sozialen Konflikten zuspitzenden Urbanität kaum mehr zu einer nachhaltigen Aufmerksamkeit gereichen würde, schon eher zur Bestätigung medialer Sensations- und Hysteriemechanismen.


 

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