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Die globalen Folgen eines Brechts

Das Staatstheater Erzurum verortete den Kaukasischen Kreidekreis türkisch ortlos

Biennale Bonn 2008 (Logo)Doppelt exotisch erscheint es, wenn eines der bis heute am meisten gespielten Brecht-Stücke von einem Ensemble des Staatstheaters Erzurum gespielt wird. Verlagerte Brecht noch die Handlung in den das Utopische verstärkenden Exotismus Kaukasus, so rückt die türkische Aufführung diesen in eine geographische Wirklichkeit, der das Exotische als das im Fremden begründete innewohnt. An diesem Kreuzungspunkt überlagern sich die Wege der Zugänglichkeit von Hoffnung und Gegenwart, steht dort wie ein Wegstein die herkunftslose Frage nach dem Unterschied von Recht und Gerechtigkeit.


Die unerträgliche Einsamkeit des Seins

Das Tiyatro Oyunevi lässt in seiner Aufführung von Yalnizliklar (Einsamkeiten) lyrische Verse sprechen

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Mir geht es darum, eine transzendente Erzählebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander übergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gewährt.« Mit diesen Worten versuchte der türkische Autor Hasan Ali Toptaș einmal, den Charakter seiner Werke zu beschreiben. Ob er dabei insbesondere an seine 1990 erschienenen, als Lexikoneinträge angelegten lyrischen Texte mit dem Titel Yalnizliklar (Einsamkeiten) gedacht hat, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall aber kann der Satz als Motto für die Bühnenfassung des Werkes dienen, die das Tiyatro Oyunevi aus Istanbul den Zuschauern auf der Werkstattbühne im Rahmen der Biennale Bonn präsentierte.


Das Spiel mit der Tradition

Das Istanbuler Staatsballett erzählt mit Güldestan (Rosengarten) sensibel die Geschichte der Türkei

Biennale Bonn 2008 (Logo)Regisseurin und Choreographin Beyhan Murphy scheint selbst so etwas wie die fleischgewordene Symbiose aus Tradition und Moderne zu sein, wirft man einen Blick in ihren Lebenslauf. Sie studierte an der London School of Contemporary Dance. Sie bekennt sich, wie ihr Mann (Bauhaus-Sänger Peter Murphy), zum Sufismus. Sie hat zwei Kinder mit ihm und ist, nach erfolgreicher Karriere in Europa und der Türkei, seit einiger Zeit Leiterin des Istanbuler Staatsballetts. Sie schafft selbst den Spagat, in den sich ihr Land, als Gelenk zwischen Orient und Europa, unweigerlich begibt. Mit Güldestan (Rosengarten) erzählt sie die Geschichte ihres Landes – nicht etwa mit Hilfe von Zahlen und Fakten, sondern sie macht die »Idee Türkei« sichtbar.


Sich selbst finden

Das Ensemble Tiyatrolokomotif gastiert mit Yaban Çocuk (Das wilde Kind), einer Bearbeitung von Peter Handkes Kaspar, bei der diesjährigen Biennale

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Das Stück ›Kaspar‹ zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem.« Mit diesem Satz beginnt Peter Handkes Text und dieser Satz ist gleichzeitig programmatisch für die Produktion Yaban Çocuk (Das wilde Kind), die sich in einer Bearbeitung des Handke-Stücks mit dem Problem der Identitätsfindung auseinandersetzt. Die Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif aus Ankara verknüpft dabei den persönlichen Individuationsprozess mit dem sich ständig wandelnden kulturellen Selbstverständnis der Türkei und transformiert so auf eindrucksvolle Weise die längst zum Mythos gewordene Figur Kaspar Hauser zu einer Metapher des ständigen »Sich-selbst-neu-Findens«.


Getürkte Geschichten mitten aus dem Leben

Theater Bonn und fringe ensemble auf Expeditionstour durch das ›türkische‹ Bonn

Biennale Bonn 2008 (Logo)Der Ort des Geschehens an diesem Abend: das Frankenbad. Nirgends sonst in Bonn ist man so nah an der türkischen Kultur wie hier in der Bonner Altstadt. Tragendes Element der abendlichen »Expedition«, auf die Theater Bonn und fringe ensemble ihre Besucher schicken, sind O-Töne der türkischen Mitbürger Bonns. Neun Geschichten, getürkt werden erzählt, die in keiner Weise erfunden sind, sondern mitten aus dem Leben stammen.


Der Alptraum vom Fliegen

Die Kammerspiele Bad Godesberg werden für Yesim Özesoy Gülans Letzte Welt zum Flugsimulator

Biennale Bonn 2008 (Logo)Das Stück Son Dünya (Letzte Welt) beginnt schon am Eingang des Theaters: Wer eintreten will, muss sich erst einmal den örtlichen Sicherheitskontrollen unterziehen. Warum? Weil das Theater nicht länger Theater, sondern ein Flugplatz ist. Die Sicherheitsschleusen sind passiert. Die Gefahr von Terroranschlägen ist gebannt. Als die Zuschauer endlich durch Eingang – Pardon: Gateway A eintreten dürfen, warten auf der Bühne schon die Protagonisten: ein Geschäftsmann, eine Frau und ein weiterer jüngerer Mann. Sie sitzen in Flugzeugsesseln, kurz vor dem Start der Maschine. Sie lesen, schlafen, tun, was man eben so tut, damit die Zeit vergeht. Nichts verbindet sie. Vollkommene Anonymität. Ruhige Sphärenmusik wabert durch den Raum; man wiegt sich in Sicherheit.


Das Leben des Muharrem

Özer Kiziltans Drama Takva– Gottesfurcht eröffnet ungewöhnliche Einblicke in ein Leben mit dem Islam

Biennale Bonn 2008 (Logo)Welche Auswirkung hat unser tägliches Umfeld auf unsere Werte, auf das, was wir glauben? Der Film Takva zeigt fast dokumentarisch den Moslem Muharrem, der noch glaubt, an Werte und Gebote. Seine kleinen Rituale und die Strukturen seines Alltags lenken den Blick auf ein Leben, das sich ganz der Religion und der Arbeit verschrieben hat.


Atemlos

Modern Dance Turkey Ankara begeistern mit rasanter Geschwindigkeit, viel Gefühl und sehnsuchtsvollen Bildern

Biennale Bonn 2008 (Logo)Die große weiße Bühne blendet beinahe. Auf dem Boden drei Quadrate, auf jedem eine Frau. Die Musik setzt ein, die Körper zittern, beben und ein energiegeladener Tanz ohne Atempause beginnt. Sie scheinen verzweifelt, wälzen sich auf dem Boden, schmeißen sich hin, wie einer Ohnmacht nahe, springen wieder auf, ihre Haare wehen. Man ist von dieser Hektik, dieser fordernden Musik mitgerissen. Das erste Stück des Abends Ani Toplayicisi (Der Sammler von Momenten) in der Choreographie von Devrim İleri lässt einem keine Ruhe, man wird von der wahnwitzigen Geschwindigkeit der Tänzer überrollt.


Mitgemacht!

Das Biennale-Tagebuch: Uyarca (Der Mitmacher)

Tagebuch zur Biennale Bonn 2008 (Logo)Was erlebt die Betreuung der Festivalleitung? Welche Aufgaben stellen sich dem Betreuer einer Künstlergruppe und welche Erfahrungen macht man bei der Begleitung von Veranstaltungen? Unser Tagebuch zur Biennale Bonn :Bosporus 2008 ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen des Festivals und zeigt, wie die Teilnehmer eines Projektseminars am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn an der Organisation der Biennale beteiligt sind und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln. Heute berichtet David Prochnow von seinen Erlebnissen bei der Betreuung der Produktion Uyarca (Der Mitmacher) des Staatstheaters Istanbul.


Eine soziologische Versuchsanordnung

Biennale Bonn 2008 (Logo)Man kommt beim Personal von Friedrich Dürrenmatts Der Mitmacher schnell auf die Idee, es handle sich um eine schematische Darstellung der Welt. Da ist der Wissenschaftler, genannt Doc. Der Mafiaboss, genannt Boss. Der Polizeichef Cop. Ach ja, und Ann, die Femme Fatale, Bill, der Millionenerbe. Und Jack und Jim und Sam und Joe. Die hat man aber schnell wieder vergessen. Die Figuren scheinen genauso einsilbig und austauschbar wie ihre Namen. Wer auf diese Finte hereinfällt, der verkennt nicht nur Dürrenmatt, sondern auch das Ensemble des Istanbuler Staatstheaters. Unter der Regie von Sakir Gürzumar wurde das späte Bühnenstück Dürrenmatts (türkisch: Uyarca) seit der Spielzeit 2005/06 produziert und dort seither außerordentlich erfolgreich aufgeführt. Die (vermeintlichen) Stereotypisierungen sind keine Vereinfachungen.


 

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