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Für eine Handvoll Kopeken

Was ist das Leben ohne Alkohol? Was aber ist Alkohol ohne Leben? Absurde Fragen scheinbar, doch beileibe nicht so absurd, wenn es, wie dem Reisenden in Wenedikt Jerofejews prosaischem Poem, darum geht, den leblosen Dingen einen Sinn zu verleihen, damit die Fragwürdigkeit des Daseins lebbar wird. Die »Reise nach Petuschki«, auf die sich der ewig torkelnde Held aufmacht, ist ein Absaufen in einer unstofflichen Welt. Nicht zwischen flüssig und fest, sondern zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits spannt sich die Brücke seiner seelischen Zumutungen ...


Die Liebe zur Menschlichkeit

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Es ist das Jahr 1810. Indien steht unter britischer Besatzung, die allgemeine Lage ist schlecht: Armut und Hunger haben sich ausgebreitet. Auf einem ärmlichen, bunt gemischten Basar eilen Menschen umher und preisen Händler laut ihre Waren an. Ein älterer, in Lumpen gekleideter Herr bietet Gurken feil, jedoch vergeblich, daneben sitzt ein Melonenverkäufer. Ein anderer Händler hat Tontöpfe vor seinem Stand ausgebreitet, nebenan versucht ein Gelehrter, Bücher zu verkaufen. Drei Sänger künden, gleich einer moralischen Instanz, davon, wohin der Hunger und die Gier nach Essen und Geld führt. Die Menschen fühlen sich allein gelassen und hilflos einer Welt ausgesetzt, in der es immer schwieriger wird, die eigene Identität und Kultur zu wahren. Doch langsam wandelt sich die Stimmung auf dem Basar. Es sind die einfachen Lieder und Verse, kleine Gedichte über den ganz normalen Alltag, des verkannten Poeten Nazir, die Lebensfreude wecken und den Menschen das Gefühl geben, verstanden zu werden – eine wahre Stimme des Volkes ...


Den Sprachlosen eine Stimme geben

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Zwei Männer mit zwei außergewöhnlichen Biographien: Der eine, Sir Richard Francis Burton, war britischer Kolonialoffizier und reiste im 19. Jahrhundert um die Welt. Der andere, Ilija Trojanow, ist in Sofia geboren und floh als Sechsjähriger mit seiner Familie zuerst nach Deutschland, dann nach Kenia. Er ist ein Weltenbummler, der unter »kultureller Klaustrophobie« leidet und den Heimat nur im Plural interessiert. Nun hat der andere über den einen einen Roman geschrieben, der zugleich ein überzeugendes Plädoyer für Vielfältigkeit und Toleranz ist ...


Mekka der Kleinkunstwelt

Prix PantheonWas hat Bonn, das es auch in Post-Hauptstadtzeiten noch bedeutend erscheinen lässt? Die Post? Gut, wir haben die Post. Die Telekom? Auch die. Rheinisches Landesmuseum, Bundeskunsthalle, einige Ministerien? Yep. Den Rhein? Jaja, schon gut, Bonn hat wirklich einiges zu bieten, auch wenn das die breite bundesdeutsche Öffentlichkeit nicht mehr so recht wahrnehmen will. Die kleine Stadt am Rhein ist noch immer bedeutend, wenn auch zugegebenermaßen nicht mehr so laut und medienpräsent wie früher. Doch was Post, Telekom und Pantheon hier in der einstigen Metropole zu Füßen des Siebengebirges auf die Beine stellen, ist heute von größerem Belang als je zuvor. Ja, Sie lesen richtig: das Pantheon! Denn zum einen ist und bleibt das Pantheon eine der führenden Kleinkunstbühnen der Republik, zum anderen, richtet es seit 1995 den einzig wahren »German-Spaß-und-Satire-Open-Wettbewerb« aus, den Prix Pantheon!


Theater für die Sinne

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Der Bühnenraum hüllt sich in undurchsichtiges Dunkel. Ein Gong ertönt, schwillt an, wie das Rauschen des Windes; der Raum vibriert. Beinah meditativ beginnt das Stück. In einem Lichtkegel im Zentrum der Bühne wird ein Mensch sichtbar – doch nicht in Gänze, vielmehr spaltet das Licht seinen Körper. Zunächst ist nur die linke Körperhälfte zu erkennen. In sanften, minimalen, zarten Gesten gerät sie in Bewegung – Lichtwechsel, die rechte Körperhälfte wird sichtbar. Männlich und stark produziert sich die Gestalt ...


Der Tod kommt aus dem Äther

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Alle Jahre wieder berichten die hiesigen Nachrichten von der Fahrt eines mit gelben Blumengirlanden seltsam feierlich geschmückten Busses über die indisch-paktistanische Grenze. Zu dieser Zeremonie scheinen notwendigerweise die lächelnden Gesichter und die Beschwörungen der führenden Politiker beider Länder zu gehören, dass diese Zeichen der Entspannung eine jeweils neue Ära der Friedlichkeit bereiten werden. Erst in solchen Momenten wird hier im Schoße der Europa ausschnittartig der Konflikt bloßgelegt, der beide Länder, Indien und Pakistan, seit ihrer Gründung vor nunmehr über fünfzig Jahren trennt oder vielmehr in eigentümlicher Hassliebe verbindet. Der auch symbolische Zankapfel beider Staaten ist jene Provinz Kaschmir, die hier als Wolllieferant bekannt, dort eher als Trennmasse die Sehnsüchte religiöser, nationalistischer und machtpolitischer Kreise befördert ...


Willkommen im System

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006»Ich hatte einen Traum. Es war ein Albtraum. Als ich aufwachte, war alles in Ordnung.« Diese Worte, die der Mann, dargestellt von Harish Khanna, immer und immer wieder ausstößt, sind keine Worte der Erleichterung. Nicht aus einem nervenzerrüttenden, schrecklichen Traum wird er durch Aufwachen erlöst. Die Ordnung, in die der Träumende zurückfindet, beherbergt das eigentlich Grausame ...


Die Süße des Blutes

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Amerika – Land der Freiheit, Land des Erfolgs, der Demokratie, des Fortschritts, vielleicht auch der Kultur. Hier kann jeder eine Heimat finden, gleichgültig, von woher er an die Gestade dieser menschenfreundlichen Insel geschwemmt wurde. So mag auch Mohan (Shah Rukh Khan) gedacht haben, bevor er sich wie viele Tausende vor ihm auf den Weg ins vierte Jerusalem begab, um dort als Angestellter der NASA zu reüssieren. Am Todestag seiner Eltern fällt ihm nun aber doch ein, nicht in Washington D.C. geboren worden zu sein. Was also ist zu tun? Man hole sich, gleichsam als lebenden Sterlingsilber-Bilderrahmen, seine vormalige Kinderfrau aus der auf Hindi »Swades« genannten Heimat in die neue Welt. Damit sich diese aber auch nicht dagegen wehrt, reist man besser selbst hin – denn Tatsachen überzeugen mehr als Worte ...


Begeisternde Experimentierfreude

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Es gibt Konzerte, die lassen ihr Publikum ekstatisch und gelassen, enthusiastisch und melancholisch, meditativ und aufgewühlt zugleich zurück, ohne dass ein Gefühl unangenehmer Diskrepanz aufkommen würde. Dann nämlich, wenn die Musik es schafft, so viel scheinbar Unterschiedliches harmonisch dergestalt zu vereinen, dass sie nicht einmal mehr den Gedanken zulässt, es könne fremd sein. Traditionelle indische Musik, Elemente des Jazz, Rock, Asian Dub und lateinamerikanische Rhythmen, komponiert zu einem Klangteppich – ein so bestechend experimentierfreudiges Konzert ist Markus Stockhausen, Trilok Gurtu, Pandit Hariprasad Chaurasia und Ferenc Snétberger gelungen. Die als Einzelkünstler renommierten Interpreten fanden zur Bonner Biennale das erste Mal als Quartett auf der Bühne des Opernhauses zusammen und ernteten mit ihrem musikalischen East-West-Projekt Standing Ovations ...


Die zerstörerische Macht des Aberglaubens

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006»Chokh Gyalo« gehört wohl zu den leiseren Inszenierungen der »Biennale Bonn :Indien«. Hier kommt man ganz ohne buntes Farbspektakel à la Bollywood aus, ohne pompöse musikalische Untermalungen. Stattdessen zeigt sich Goutam Halders dramatische Umsetzung der Kurzgeschichte des bengalischen Autors Tarashankar Bandyopadhyay sehr reduziert. Eine knittrige Leinwand, auf der die unendliche Weite eines Mangohains, einer Wüstenlandschaft gleich, erscheint – das reicht. Und auf der Bühne ein spärliches Lager unter einem Palmzweig, wie eine kleine Oase im sandigen Nichts ...


 

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