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Siebzigtausend Schleier

Manfred Poser nähert sich allmählich dem Gral, doch zuerst müssen noch einige Schleier durchschritten werden

(Foto: Manfred Poser)Verborgen vor der Welt beten die frommen Frauen für sie. Wie Emissärinnen wirken sie, wie eine inkarnierte Aussage der Behauptung: Es gibt ein anderes Leben und eine andere Welt! (Das gilt auch für die Mönche.) – In einigen Lehren der spätantiken Gnosis, der stärksten Gegenspielerin der christlichen Kirche in der Geschichte, wird von sieben Kleidern oder Schleiern gesprochen, die der Mensch trägt. Unter Führung des Erlösers muss der Mensch bei seinem Abschied und Aufstieg sieben Reiche durchqueren und dabei die bösen Archonten – die Wächter – überlisten oder überreden; jedes Mal wirft der Verstorbene einen Schleier ab, und nackt tritt er vor den wirklichen guten Gott.


Oskars Angst

Ein Blick auf Günter Grass‘ Die Blechtrommel

(Foto: Andy Scholz)Am Ende des Romans Die Blechtrommel gibt der Ich-Erzähler Oskar Matzerath an, keine Worte mehr zu haben. Oskar wählt damit nicht nur eine elegante Art einen umfangreichen Roman abzuschließen, dessen Diskurs er mit Reflexionen über die Techniken des Romanschreibens begonnen hatte. Der Erzählsituation ist das Ausgehen der Worte inhärent.


Fromme Frauen im Frühmittelalter

Manfred Poser blickt ins frühe Mittelalter und findet Asketinnen in Arabien ... und in St. Gallen

Die heilige Wiborada vor der Klause der Cilia in KonstanzDer Schleier, das Schweigen, die Unterwürfigkeit der Frauen – das war in arabischen Ländern nicht immer so. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922–2003) schrieb, dass sich »die Lage der Frau im Laufe der Zeit verschlechterte, dass die einst flexiblen Regelungen sich verhärteten und Negativvorstellungen sich ausbreiteten. Die koranische Feststellung (Sura 2:228), dass ›die Männer über den Frauen sind‹, wurde zunehmend im Sinne einer Erniedrigung der Frauen ausgelegt, wodurch viele ihrer verbrieften Rechte beschnitten wurden [...] Denn je länger desto mehr setzte sich der Gedanke durch, Frauen sollten nicht lesen und schreiben lernen, obgleich bekannt ist, dass zumindest eine der Frauen des Propheten des Lesens und Schreibens kundig war.«


Das Obszöne Werk von Georges Bataille

Ästhetisierte Angst(Lust) als Kommunikationsmodell

(Foto: Andy Scholz)Angst ist bei Georges Bataille nicht Gegenstand seiner Literatur, sondern ihr Antrieb zu einer grenzüberschreitenden Ästhetik. Der Angstbegriff bei Bataille leitet sich von Sören Kierkegaard ab. Die Angst entsteht durch die Überschreitung des Verbots, das die Erbsünde mit sich bringt. Sie ist für Kierkegaard »die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit […]«. Doch die Möglichkeit nimmt keine konkrete Form an, sie bleibt für Kierkegaard ein Nichts – »Aber welche Wirkung hat Nichts? Es gebiert Angst«. Genau an diesem Punkt setzt Bataille seine Ästhetik an: Er konkretisiert die »Wirklichkeit der Freiheit« in der Form von Grenzüberschreitungen jeglicher Art. 


Der Ursprung der Freiheit: Leichtsinn und Schwermut

Ein Essay über die Sinnhaftigkeit von Angst in Christa Wolfs Medea. Stimmen

Mosche ben Maimon (1138-1204) spricht in seinem philosophischen Werk Moreh Nevuchim (Führer der Verirrten) dem Menschen die Möglichkeit zur Vernunfterkenntnis ab. Der Mensch leidet, so Maimon, an einer Art Wahrnehmungsverschiebung, fort von einer analogia entis hin zu einer analogia relationis. Der Mensch ist ausschließlich zur einfachen Erkenntnis befähigt, erkennt im moral-ethischen Sinne, was gut und nicht gut bedeutet, doch Vernunft hat er nicht.


Das Schweigen (und das Schreien) der Sirenen

Manfred Poser wagt sich weiter vor ins Unbekannte – in das Algerien von Assia Djebar und in ein andalusisches Bergdorf

Die algerische Autorin Assia Djebar, geboren 1936, ist eine herausragende Stimme. Im Jahr 2000 erhielt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Ihr 1985 erschienenes Buch L’Amour, la fantasia (deutsch: Fantasia, 1993, Unionsverlag) ist eine Collage aus Kindheitserinnerungen, Episoden aus französischen Feldzügen in ihrem Heimatland und Geschichten um Frauen. Das zweite Kapitel heißt Die Schreie der Fantasia, das dritte Die begrabenen Stimmen, andere Überschriften einfach Stimmen.

 


»Nur bloß keine Negativgedanken!«

Kathrin Röggla liest am 25. Januar an der Uni Bonn aus ihrem neuen Erzählband die alarmbereiten

»der ständige alarm habe zur folge, dass mir niemand mehr zuhören wolle.« Kathrin Röggla zeichnet in ihrem neuen Erzählband die alarmbereiten ein Szenario, in dem wir alle Protagonisten in einem bombastischen Katastrophenfilm sind. Menschen werden zu »Recherchegespenstern«, zu zur Passivität verurteilten Monstern, die nur noch zusehen, nicht mehr handeln können 


Simone de Beauvoir und die Angst

Eine Untersuchung zur Literatur als Heilmittel

Literatur und Angst – zwei Aspekte, die in Leben und Werk von Simone de Beauvoir untrennbar miteinander verbunden sind: Als Theoretikerin des Existentialismus ist für sie Angst ein Zentralbegriff von Ontologie und Ethik, im Privatbereich ist die Erkenntnis der irdischen Sinnlosigkeit und die daraus resultierende Todesangst Antrieb zur schriftstellerischen Arbeit. In ihren fiktionalen und autobiographischen Schriften ist sie eines der Hauptthemen.


Mahlers Angst

Daniel Kehlmanns Mathematik-Genie im Banne der Psychoanalyse

Es geht weiter mit dem Online-Schwerpunkt zu unserem aktuellen Themenheft »Angst«. Christoph H.P. Bartsch untersucht die Angst des Physikgenies David Mahler in Daniel Kehlmanns Roman Mahlers Zeit: »Ich fand Literatur immer am faszinierendsten, wenn sie nicht die Regeln der Syntax bricht, sondern die der Wirklichkeit. Das habe ich auch immer versucht […].« Diese oft zitierte Äußerung des Gegenwartsautors Daniel Kehlmann rekurriert auf die nahezu unerschöpflichen Möglichkeiten des postmodernen Autors, in die scheinbaren Naturgesetze seiner erzählten Welt manipulierend eingreifen zu können.


Stimmen aus dem Verborgenen

Manfred Poser beginnt das neue Jahr mit Literatur aus dem Orient, den manche für eine Erfindung halten – aber das Wort ist zu schön ...

Ein neues Jahr fängt an, in dem man viele neue Dinge ... und Artikel anfangen muss. Der schwere erste Satz! Nun steht er schon da. So schnell geht das. Und was gleich folgt, wird schon der sechste Satz sein. Das läuft ja besser als gedacht! Da gibt es ein Thema, das mich umworben und schließlich überredet hat. So klar sind seine Konturen noch nicht. Ich möchte vorwiegend am Beispiel arabischer Frauen zeigen, wie wichtig es ist, aus dem Schweigen herauszutreten, seine Stimme zu finden, um damit zu Selbsterkenntnis und einer Identität zu finden, was der erste Schritt zur Befreiung ist. Und die innerliche Befreiung muss zur äußerlichen führen.


 

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